01. März 2013

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Twitter ist zum wichtigsten Instrument einer digitalen Diplomatie geworden

Jede Sekunde werden Zehntausende Nachrichten von weltweit über 500 Millionen Nutzern auf dem Mikroblog veröffentlicht. Twitter ermöglicht eine digitale Diplomatie, ist Mittel zur Organisation von Protesten und wird von streitenden Parteien im Kampf um die öffentlichen Sympathien genutzt. Es ist einer der größten Treiber der Kommunikationsrevolution.

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Es gibt keinen Zweifel mehr: Twitter ist auf dem Vormarsch. Das Start-up-Unternehmen, das erst 2006 gegründet wurde, hat Nutzer wie Beobachter gleichermaßen mit seinem Mikro­blogging-Format in den Bann gezogen. Mit weltweit über 500 Millionen registrierten Nutzern, die Sekunde für Sekunde Zehntausende neuer Meldungen in die Welt schicken, wurde es zu einem wichtigen Spiel- und Schlachtfeld internationaler Politik und globaler Kommunikation.

Die Twitter-Nachrichten von Präsidenten sind besonders auffällige Schlaglichter der politischen Kommunikation. Vier Millionen Tweets wurden allein während der Rede verschickt, die Barack Obama auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im August 2012 hielt. Dabei hatten die Redenschreiber durchaus darauf geachtet, so Adam Sharp, Twitters Senior Manager for Government, News and Social Innovation in Washington, dass sich Obamas Kernaussagen besonders gut als Kurznachricht verschicken ließen.

In vielen Ländern wird von Diplomaten, Regierungsmitgliedern oder außenpolitischen Beratern erwartet, dass sie die Politik ihres Landes auch über dieses Medium kommunizieren und so mit Teilen der Öffentlichkeit in direkte Verbindung treten. Nachdem Hillary Clinton im Januar 2009 das Amt als US-Außen­ministerin angetreten hatte, beauftragte sie eine neu geschaffene Arbeitsgruppe, eine Social Media Strategy auszuarbeiten. Die Nutzung neuer Technologien und der sozialen Medien in Ergänzung zu den traditionellen Mitteln der Diplomatie sollte den Grundstein für eine „Staatskunst des 21. Jahrhunderts“ legen.

Politische Aktivisten oder NGOs wiederum benutzen den Mikroblogging-Dienst häufig, um Filmaufnahmen oder Live-Videos von Demonstrationen wie in Tunis und Kairo oder von Kampfhandlungen in Syrien oder Mali in kürzester Zeit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Für Journalisten, die selbst oft nicht bis zu den Brennpunkten des Konflikts vordringen können, sind dies durchaus brauchbare Informationen, auch wenn die Quelle und deren Verlässlichkeit nicht genau eruiert werden können.

In einem Interview mit dem amerikanischen Sender PBS stellte Adam Sharp fest: „Aus dem 24-StundenRhythmus unserer Nachrichten ist ein 140-Zeichen-Rhythmus geworden.“ Die Hyperglobalisierung der Nachrichtenwelt, die Tatsache, dass aktuelle Ereignisse sofort weiteste Verbreitung finden können, aber auch die Grundstruktur von Twitter, die es ermöglicht, Nachrichten wichtiger Entscheidungsträger als deren „Follower“ direkt zu erhalten, offenbaren die einzigartige Stärke und Schwäche dieses Mediums.

Nach den offensichtlich manipulierten iranischen Präsidentschaftswahlen vom Juni 2009 beispielsweise gingen Hunderttausende auf die Straße und verlangten die Absetzung von Machmud Achmadinedschad. Dies war der Beginn der „Grünen Bewegung“. Das iranischen Regime schlug die Bewegung zwar brutal nieder – doch zuvor war es den Oppositionellen schon gelungen, vor allem per Twitter die Aufmerksamkeit einer globalen Öffentlichkeit auf die Unruhen zu lenken. Eine Twitter-Revolu­tion sei dies gewesen, schrieben Journalisten, und die Washington Times stellte fest: „Einem gut organisierten Netzwerk von Twitter-Aktivisten gelang es, konstant Updates, Fotos und Videos der Proteste und des brutalen Vorgehens iranischer Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten zu verbreiten, die dann weltweit in zahlreichen Medien veröffentlicht wurden. So konnten sie die Kontrolle des Internets durch die iranischen Behörden umgehen.“

Ohne Zweifel war Twitter ein wesentliches Instrument, um den Demonstrationen im Iran Aufmerksamkeit zu verschaffen. Doch als Instrument für eine Organisation der iranischen Opposition erwies es sich als weit weniger tauglich. Die Demonstrationen selbst, so die Journalistin Golnaz Esfandiari, hätten oppositionelle Aktivisten hauptsächlich per SMS, E-Mails und Blogs organisiert. Twitter dagegen ermögliche während einer Demonstration keine kontinuierliche Kommunikation zwischen den Demonstranten; es sei als Plattform und „Informationsquelle aus dem Auge des Sturms“ für internationale Beobachter tauglich, aber nicht als Organisationsmedium.

Ursache oder nur Mittel?

Ob soziale Medien wie Twitter einen politischen Wandel bringen können, darüber wird spätestens seit Beginn des Arabischen Frühlings debattiert. Nach der Selbstverbrennung des Straßenhändlers Mohammed Bouazizi im tunesischen Sidi Bouzid jedenfalls wurden in Windeseile Fotos und ­Videos über Twitter verbreitet. Sie waren durchaus als Aufruf zum Handeln gedacht und tatsächlich entfachten sie Demonstrationen in Tunis, später in Kairo und dann in großen Teilen Tunesiens, Ägyptens und der arabischen Welt. Die alten Regime konnten zwar den Zugang zu den meisten inländischen Providern und damit zu elektronischer Kommunikation einschränken, nicht aber die Dienste von Twitter, das zum Hauptmedium für die Verbreitung von Neuigkeiten wurde.

Twitters Rolle als Organisations-, Koordinations- und Mobilisationswerkzeug während des Arabischen Frühlings ist jedoch nicht so eindeutig zu definieren wie dessen Rolle für die „Grüne Bewegung“ im Iran. Medien wie Twitter, so der Politologe Marc Lynch von der George Washington University, konnten die arabischen Regime herausfordern, „weil es ihnen möglich war, kollektive, vom Regime unerwünschte Handlungen voranzutreiben, die Mechanismen des staatlichen Repressionsapparats zu verstärken oder auch zu umgehen, Einfluss auf die internationale Unterstützung des Regimes zu nehmen und Teile des öffentlichen Raums zu steuern“. Das United States Institute of Peace hingegen stellt in einem Bericht von 2012 fest, dass die „neuen Medien weder im Zusammenhang mit größeren kollektiven Aktionen im Inland noch bei der Verbreitung der Neuigkeiten im Ausland eine signifikante Rolle gespielt zu haben scheinen.“ Es heißt aber auch, dass es „hinreichende Beweise für die Nutzung neuer Medien zur Organisation und Aufrechterhaltung von Protesten gibt“.

Nun mag es höchst verschiedene Erfahrungen mit diesem Medium während des Arabischen Frühlings gegeben haben, die dementsprechend unterschiedlich eingeschätzt werden. Doch sicherlich wäre es falsch, Twitter eine ursächliche Wirkung für die Beseitigung der alten arabischen Regime zuzuschreiben oder gar anzunehmen, über Twitter sei es immer gelungen, die Sicherheits- und Unterdrückungsmaßnahmen solcher autoritären Regime zu überwinden. In Ländern wie Bahrain, Syrien oder Libyen beispielsweise gelang es den jeweiligen Geheimdiensten, Falschinformationen über Twitter zu verbreiten, damit Oppositionelle aus ihren Verstecken zu locken und sie dann zu verhaften.

Dazu kommt: Einflussreiche Twitterer in der arabischen Welt wie Sultan Al-Qassemi, Nora Shalaby und Nasser Weddady gehören einer gewissen Elite an. Und zwei Jahre, nachdem der Arabische Frühling begonnen hatte, bleibt unklar, ob die Aufstände wirklich die autoritäre Herrschaft in Ägypten und Tunesien beendeten und in den langsamen Aufbau einer Demokratie münden, für den weit mehr notwendig ist als der geschickte Umgang mit sozialen Medien. In Bahrain gelang es nicht, der Regierungsmacht etwas entgegenzusetzen, und es ist auch nicht abzusehen, ob eine neue Welle der Proteste in der arabischen Welt stattfinden wird. Zweifellos aber hat Twitter unsere Wahrnehmung internationaler Ereignisse tiefgreifend ­verändert.

Nachrichten mit Folgen

Nicht nur Aktivisten nutzen Twitter zu ihrem Vorteil – auch Staaten verwenden es, um der Regierung ein öffentliches und zugängliches Profil zu verleihen. Die Frage aber, wie weit sich Beamte oder Diplomaten an gewisse Sprachregelungen oder Richtlinien halten sollen, wird immer dringlicher. Das bekannteste Beispiel hierfür sind die Tweets eines Angehörigen der US-Botschaft in Kairo, der offensichtlich seine professionelle Zurückhaltung aufgab und Auszüge eines im State Department kontrovers diskutierten Memorandums über den offiziellen Twitter-Account @USEmbassyCairo veröffentlichte.

Aus diesem Memo, das im Zusammenhang mit einem in den USA ­produzierten antimuslimischen Film verfasst worden war, wurde unter ­anderem die Stelle zitiert: „Es gibt permanente Versuche fehlgeleiteter In­dividuen, die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen.“ Noch am Tag der Veröffentlichung dieses Tweets stürmte eine Gruppe, hauptsächlich Islamisten, die Mauer der US-Botschaft, riss die amerikanische Flagge herab und verbrannte sie. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi war nicht in der Lage, die Demonstrationen zu beenden – was US-Präsident Barack Obama dazu bewog, eine grundsätz­liche Stellungnahme der amerikanischen Beziehungen zu Ägypten unter den Muslimbrüdern abzugeben, in der er Ägypten als „weder Verbündeten, noch Feind“ beschrieb.

Die auslösenden Tweets waren wohl schnell gelöscht – doch brachte der Vorfall eine der wesentlichen Schwächen des Mediums dramatisch zum Vorschein: fehlende Überprüf­barkeit. Die Kurznachricht, die über @USEmbassyCairo geschickt wurde, drückte nur die persönliche Ansicht eines Botschaftsmitarbeiters aus, so die Washington Post. Doch weil sie über den offiziellen Account geschickt wurde, erweckte sie eben den Eindruck einer offiziellen Stellungnahme „und erzeugte damit eine deutliche Diskrepanz in der US-Diplomatie“.

Damit nicht genug, kam es zu erneuten Zwischenfällen, als am 28. November des vergangenen Jahres eine Reihe von Tweets zum ägyptischen Präsidenten Mursi gepostet wurde. Der erste: „Wir wollen den verfassungsmäßigen Prozess in #Ägypten auf eine Art voranschreiten sehen, welche die Macht nicht so übermäßig in einer Hand konzentriert.“ Und gleich danach: „Das ägyptische Volk hat in der Revolution am 25. Januar klar gemacht, dass es genug von Diktaturen hat.“ Dies implizierte, dass Mursis Regierung nach Einschätzung der US-Botschaft dabei sei, sich zu einer Diktatur zu entwickeln. Noch am selben Tag reagierte das State Department mit einer offiziellen Erklärung, in der man Mursi als „weit entfernt von einem Autokraten“ bezeichnete. Seitdem gab es keine Fehltritte mehr. Allerdings hält sich @USEmbassyCairo weiterhin nicht an Richtlinien des Außenministeriums, denn es steigt aktiv in Diskussionen mit Ägyptern ein, die sich per Tweet direkt an diese Adresse wenden. So wird die Adresse @USEmbassyCairo zur Plattform für die Beschwerden ägyptischer Bürger.

Tweet-Krieg in Nahost

Auch die Auswirkungen eines Live-Tweetings während und in Konflikt­situationen waren im vergangenen Jahr Gegenstand hitziger Debatten. Auslöser waren die militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Hamas im Gaza-Streifen und Israel im November 2012, die nach einem intensiven Raketenbeschuss der Hamas auf Israel begonnen hatten. Sowohl die israelischen Streitkräfte  als auch die Al-Kassam-Brigaden der Hamas lieferten sich, was als „erste globale Twitter-Offensive“ bezeichnet wurde. Die israelische Armee versandte unter @IDFSpokesperson regelmäßig und während der gesamten Operation Nachrichten über ­weitere Raketenangriffe der Hamas. Auch das Video der gezielten Tötung des Kommandeurs der Kassam-Brigaden, Achmed Jabari, wurde über Twitter veröffentlicht. Die Kassam-Brigaden wiederum publizierten Fotos von Palästinensern, die bei israelischen Angriffen getötet wurden, um damit internationale Sympathie und Solidarität zu gewinnen.

Dass ein soziales Medium so radikal neu eingesetzt wurde, wurde natürlich sofort Gegenstand neuer Analysen. Tomer Simon von der israelischen Ben-Gurion-Universität folgte den beiden Accounts während des Konflikts und kam zu dem Schluss, dass die Twitter-Aktivität der Hamas während der Operation „Pillar of Defense“ effektiver als die der israelischen Streitkräfte gewesen sei. Er wertete die Anzahl der Hashtags der beiden Seiten aus, die Anzahl der Erwähnungen dieser Hashtags und auch die jeweiligen Reaktionen darauf. Die israelische Armee habe ihre Hashtags, das Ordnungselement für bestimmte Themen, nicht besonders organisiert oder konsequent genutzt, schilderte Simon seine Ergebnisse in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Haaretz vom Januar. Deshalb sei ein Teil der Informationen schlicht „verlorengegangen“, da sie nicht über ein bestimmtes Thema gefunden werden konnten, sondern nur, wenn man @IDFSpokesperson direkt folgte. So fand der Hashtag der Brigaden #GazaUnderAttack bis zu 170 000 Erwähnungen, während #IsraelUnderFire nur 25 000 Erwähnungen fand.

Mit dieser Twitter-Offensive stellten sich aber auch einige ethische Fragen. Viele forderten eine Zensur der israelischen wie der Hamas-Feeds, da sie doch recht grausame Bilder enthielten und nur die Gewalt förderten. Und trotzdem war dieser erste „Tweet-Krieg“ ein Beispiel dafür, wie Regierungen oder Milizen Twitter mehr oder weniger erfolgreich als Mittel der Beeinflussung nutzen können.

Digitale Diplomatie von unten

Ein abschließendes Beispiel, wie Regierungen Twitter als Werkzeug für öffentliche Diplomatie anwenden, ist die Initiative „Curators of Sweden“, die vom Schweden-Institut und der Tourismusagentur der Regierung „Visit Sweden“ entwickelt wurde. Als Teil einer Kampagne, die den auf­geschlossen-fortschrittlichen, demokratischen und kreativen Charakter der „Durchschnittsschweden“ zeigen sollte, machte „Curators of Sweden“ @Sweden buchstäblich zur offiziellen Stimme oder besser – den vielfältigen Stimmen des Landes –, denn jede Woche sollte ein anderer Bürger für Schweden tweeten. Manche verlinkten zu harmlosen Fotos einer weihnachtlichen Elchjagd, andere kritisierten Außenminister Carl Bildt sehr heftig.

Aufruhr aber erregten im Juni 2012 die Nachrichten von Sonja Abrahamsson, einer nach eigenen Angaben „allein erziehenden Mutter aus einer Kleinstadt in Schweden“. Sie twitterte unter anderem: „In Nazideutschland mussten Juden sogar Sterne tragen. Wenn nicht, hätte niemand sagen können, wer Jude ist und wer nicht.“ Und weiter: „Wozu immer die Aufregung um die Juden, man kann sie doch nicht von den Nichtjuden unterscheiden, außer man sähe ihren Penis, und selbst das ist nicht verlässlich.“ Zahlreiche Schweden empfanden diese Tweets als antisemitisch, in den Medien wurde heftig diskutiert. Sogar die Zeitschrift Foreign Policy griff die Angelegenheit in einem Interview mit dem Sprecher des Schweden-Instituts Sergio Guimaraes auf. Antisemitismus, so Guimaraes, könne er in diesen Tweets nicht finden, eher schon erinnerten sie an den zuweilen ebenfalls etwas schrägen Humor von US-Comedians wie Joan Rivers oder Sarah Silverman.

Ob der Plan aufgegangen ist, per Twitter und „digitaler Diplomatie von unten“ das fortschrittliche, kreative Schweden zu zeigen, sei dahingestellt. Aber dieser (bislang?) ungewöhnliche Einsatz sozialer Medien hat Schweden auf jeden Fall Aufmerksamkeit verschafft.

Twitter ist heute ein unverzichtbares Werkzeug für Beobachter und Entscheidungsträger in der internationalen Politik. Aktuelle Ereignisse mitzuverfolgen war niemals einfacher – und öffentliche Persönlichkeiten und Behörden waren niemals einfacher zugänglich. Twitters Potenzial in diesen Bereichen ist enorm, aber es hat, wie jedes andere Instrument der Soft Power, Grenzen und kann sogar enormen Schaden anrichten. Dennoch: Wir leben in Zeiten der Kommunikationsrevolution. Und Twitter ist einer der wesentlichsten Revolutionäre.

Allison Good studiert an der George Washington University’s Elliott School of International Affairs. Sie bloggt unter www.allisonwgood.com und tweetet häufig unter @Allison_Good1.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2013, S. 42-49

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