01. Februar 2004

Ölmilliarden für den Dschihad

Saudi-Arabien finanziert den globalen Islamismus

Kostenpflichtig

Auch wenn die USA staatlich gefördertem Terrorismus, wie in Afghanistan und Irak, strategische Niederlagen haben zufügen können, sind sie beim Umgang mit dem Phänomen islamischer Extremismus nicht mit derselben Entschlossenheit vorgegangen – obwohl islamischer Extremismus gleichzeitig Wurzel und Basis für das terroristische Phänomen ist, verkörpert u.a. durch Al Khaïda. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass Al Khaïda nicht die Ursache, sondern vielmehr das Symptom eines Übels namens islamischer Extremismus ist. Selbst wenn man es schaffen würde, Al Khaïda außer Gefecht zu setzen, würde mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit eine andere Gruppe in ihre Fußstapfen treten, solange das zugrunde liegende Übel nicht beseitigt ist.1

So sind die meisten Maßnahmen, die von den USA zur Bekämpfung des islamistischen Terrorismus bisher ergriffen wurden, im Wesentlichen taktischer Natur und daher von nur vorübergehender Wirkung. Man hat zum Beispiel versucht, die Finanzströme zu Terroristennetzwerken zu blockieren, aber man hat es bisher versäumt, einen kritischen Blick auf das wirkliche Ausmaß und die Natur dieser Finanzen zu werfen, insbesondere im Hinblick auf die erwiesene staatliche Unterstützung. Deshalb ist den Terroristen, trotz 117 Millionen eingefrorener Dollar, das Geld anscheinend nicht ausgegangen.2 Die Amerikaner haben zwar versucht, die hinter der mörderischen Wut der Terroristen liegende Psychologie zu verstehen, aber sie haben sich geweigert, sie systematisch zu untersuchen, geschweige denn etwas gegen die Auswirkungen und Konsequenzen der täglichen Indoktrination von Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen von Muslimen in der ganzen Welt zu unternehmen, die in einen von Hass motivierten Gewaltkult getrieben werden. Gleichermaßen haben sie versucht – und zwar oft erfolgreich –, die taktisch wichtigen Organisationsstrukturen und Kommunikationsnetzwerke zu zerstören, doch sie haben der gewaltigen weltweiten Infrastruktur des radikalen Islams, der Gewalt ausbrütet und nährt, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Doch ohne eine solche kritische Berücksichtigung dieser Realitäten und ohne die Formulierung einer schlagkräftigen strategischen Antwort, die darauf aufbaut, ist es unwahrscheinlich, dass die USA und die internationale Gemeinschaft beim Kampf gegen den Terror langfristig Erfolg haben werden. Daher ist es notwendig, kurz die Schlüsselfaktoren zu untersuchen, die den islamischen Extremismus zu einer schier unüberwindbaren Herausforderung für die westliche liberale demokratische Ordnung gemacht und am Leben erhalten haben.

Die Ideologie des Extremismus

Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine gewalttätige ideologische Bewegung wie den radikalen Islam erfolgreich zu bekämpfen, ohne die Ideologie zu verstehen, die ihr zugrunde liegt. Auch wenn es dazu schon jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen sowohl aus liberal-westlicher als auch aus muslimischer Perspektive gibt,3 lohnt es, die doktrinären Hauptziele des islamischen Extremismus genauer zu betrachten, weil sie wiederholt und bewusst von den Extremisten selbst verschleiert und falsch interpretiert werden.

Islamischer Extremismus ist natürlich keine neue Ideologie, wenn man als die erste Bewegung, die dem heutigen Phänomen ähnelt, die so genannten Kharijiten aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., also kurz nach der Entstehung des Islams, nimmt. Diese Bewegung wurde später von verschiedenen islamischen Gelehrten ausgelegt, wie zum Beispiel von Ibn Taymiiya im 13.Jahrhundert. Institutionalisiert wurde sie jedoch erst Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Theorien, die vom radikalen Kleriker Muhammad Ibn Abd al-Wahhab verbreitet wurden, anerkannt und als Staatsreligion im Herrschaftsbereich des Gründers des Hauses Saud vorgeschrieben wurden.

Der später als Wahhabismus bekannt gewordenen Bewegung lag – wie den meisten anderen extremistischen Bewegungen vor ihr – die Überzeugung zugrunde, dass traditionelle islamische Tugenden und Glaubensgrundsätze verloren gegangen waren, und sie predigte die Rückkehr zu einem vermeintlich reinen Islam aus der Zeit des Propheten und seiner Gefährten.4 In Wirklichkeit widersprachen die extremen Doktrinen Wahhabs den Grundsätzen des traditionellen Islams und stellten sie gleichsam auf den Kopf – man kann sogar von einer Verfälschung des muslimischen Glaubens sprechen.5

Um nur ein ungeheuerliches Beispiel zu nennen: eines der Kernpostulate von Wahhabs Lehren besagt, dass Muslime, die nicht an seine Grundsätze glauben, schon deshalb Ungläubige und Abtrünnige seien, gegen die Gewaltanwendung und Dschihad (Heiliger Krieg) nicht nur erlaubt, sondern sogar eine Pflicht sei. Allein dieses Postulat verstößt gegen zwei fundamentale Grundsätze des Korans – das Verbot der Ausrufung des Dschihad gegen Glaubensbrüder und das Verbot, das Glaubensbekenntnis eines Muslims in Frage zu stellen, bis Gott am Tag des jüngsten Gerichts sein Urteil über dessen Aufrichtigkeit fällt. Diese extrem reaktionäre Glaubensausrichtung wurde in der Folge als religiöse Rechtfertigung für militärische Feldzüge und Gewalt gegen muslimische Nachbarn des Hauses Saud genutzt. Bereits im Jahr 1746, nur zwei Jahre, nachdem der Wahhabismus zur Religion der Sauds geworden war, rief der neue saudi-wahhabitische Staat den Dschihad gegen alle benachbarten muslimischen Stämme aus, die sich weigerten, diese Doktrinen zu befolgen. Bis weit in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein war die Geschichte des Hauses Saud eine Geschichte brutaler Aktionen, um andere Muslime zur politischen und theologischen Unterwerfung zu zwingen – damit einen anderen Grundsatz des Korans verletzend, den des Verbots von Zwangsmaßnahmen in der Religion.

Auch heute ist die wahhabitische Ideologie durch eine Reihe von doktrinären Überzeugungen und Verhaltensvorschriften charakterisiert, die oft den Werten und Interessen der großen Mehrheit von Muslimen in der ganzen Welt widersprechen, ganz abgesehen von denen der Nichtmuslime. Sunnitische Muslime, die nicht dem Wahhabismus angehören – synkretistische Muslime, Sufis, Barelwis, Ahmadis, usw. – , werden immer noch bestenfalls als minderwertig angesehen; die schiitische Religion wird als „jüdische Verschwörung“ gegen den Islam sogar besonders verachtet.6

Bis heute verfechten die Wahhabiten Gewalt und Dschihad als tragende Säulen islamischer Tugend, einen rigiden Konformismus bei der Religionsausübung, die institutionalisierte Unterdrückung von Frauen, die generelle Ablehnung von allem Modernen, von Säkularismus und Demokratie als im Widerspruch stehend mit dem Islam und seinem militanten Missionseifer.

Diese Dschihad-Ideologie par excellence ist im Großen und Ganzen auch die Weltsicht des radikalen Islams. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man sagt, dass der Wahhabismus zu einer Prototypideologie aller extremistischen und terroristischen Gruppen geworden ist, selbst derjenigen, die das Haus Saud verachten.

Wie konnte diese finstere, pseudo-islamische Glaubensrichtung zur dominanten Sprache nicht nur der Extremisten, sondern auch in zunehmendem Maße des islamischen Establishments werden? Die kurze Antwort lautet: Geld sowie die tief greifende Legitimitätskrise in der muslimischen Welt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Finanzierung des radikalen Islams

Die saudi-arabische Finanzierung des islamischen Extremismus spielt eine große Rolle bei der Herausbildung dieses globalen Phänomens, und wenn man diesen Zusammenhang verstehen will, muss man sich nur die Dimensionen dieser Finanzierung vor Augen führen. Einfach gesagt, ohne die exorbitanten Summen saudi-arabischen Geldes, die für die Unterstützung extremistischer Netzwerke und Aktivitäten ausgegeben werden, wäre die terroristische Bedrohung, der die Welt heute gegenübersteht, nicht annähernd so akut wie sie ist.

Auch wenn die Wahhabiten schon immer den Extremisten sunnitischen Glaubens nahe standen – und es gibt Belege, dass sie solche Leute bereits vor hundert Jahren finanziell unterstützt haben7 – begann die eigentliche Saudi-Offensive, den Wahhabismus auf aggressive Weise zu verbreiten und gleich gesinnte extremistische Gruppen weltweit zu unterstützen, erst Mitte der siebziger Jahre. Damals fuhr das Königreich eine unglaublich reiche Ernte durch die explodierenden Ölpreise ein, hervorgerufen durch Riads Ölembargo im Jahr 1973.8 „Erst als die Öleinnahmen begannen, zu realem Reichtum zu führen,“ so eine Regierungspublikation, „konnte das Königreich seine Ambitionen, die Welt des Islams in alle Gegenden der Erde zu verbreiten, verwirklichen.“9

Es gibt keine offiziellen westlichen Schätzungen, um welche Zahlen es sich genau handelt, was allein Beweis genug für das Scheitern des Westens ist, dieses Kernproblem anzugehen. Doch schon willkürliche Stichproben aus offiziellen saudi-arabischen Quellen lassen auf eine Kampagne ungeahnten Ausmaßes schließen. Die Saudis bestätigen, zwischen 1975 und 1987 insgesamt 48 Milliarden Dollar, bzw. vier Milliarden Dollar pro Jahr, für „Entwicklungshilfe“ ausgegeben zu haben, eine Summe, die Ende 2002 auf 70 Milliarden Dollar (281 Milliarden Saudi-Rial) angestiegen war.10 Diese Summe soll allein staatliche Entwicklungshilfe sein und mit ziemlicher Sicherheit keine privaten Gelder beinhalten, die ebenfalls durch staatlich-kontrollierte Wohlfahrtsvereine verteilt werden. Derartig exorbitante Geldmengen stehen im krassen Gegensatz zu den fünf Millionen Dollar auf Konten von Terroristen, von denen die Saudis behaupten, sie nach dem 11. September 2001 eingefroren zu haben. Ein anderer Vergleich ist ebenfalls aufschlussreich, wenn man nämlich diese Zahlen der einen Milliarde Dollar gegenüberstellt, die die Sowjetunion auf der Höhe ihrer Macht in den siebziger Jahren für außenpolitische Propaganda ausgegeben haben soll.

Obwohl behauptet wird, dass dies „Entwicklungshilfe“ sei, wird aus saudi-arabischen Medienberichten sowie Regierungserklärungen deutlich, dass mit einem Großteil dieser Gelder „islamische Aktivitäten“ unterstützt werden und nicht wirkliche Entwicklungshilfeprojekte. In einem Bericht der Al-Haramain-Stiftung zum Beispiel werden die in einem Jahr unterstützten Aktivitäten aufgezählt, die als „darauf ausgelegt, die wahre islamische Kultur zu verbreiten“, beschrieben werden: demnach wurden 13 Millionen (islamische) Bücher gedruckt, sechs Websites eingerichtet, mehr als 3000 Muezzins eingestellt, 1100 Moscheen, Schulen und islamische Kulturzentren eingerichtet und über 350 000 Briefe mit der Einladung, zum Islam zu konvertierten, verschickt; die Internationale Islamische Hilfsorganisation (International Islamic Relief Organization – IIRO), eine andere große „Wohlfahrtsorganisation“, finanzierte den Aufbau von 3800 Moscheen, gab 45 Millionen Dollar für islamischen Unterricht aus und stellte 6000 Muezzins ein.11 Beide Organisationen sollen nach Angaben amerikanischer Behörden in terroristische Aktivitäten verwickelt sein, und in allen Ländern, in denen sie keine eigenen Büros haben, operieren sie direkt von den saudi-arabischen Botschaften aus. Allerdings scheint inzwischen auf Seiten der amerikanischen Regierung eine erste Reaktion erfolgt zu sein: Ende Januar 2004 entzog sie 16 „Diplomaten“ der saudischen Botschaft ihren diplomatischen Status und forderte ihre sofortige Abreise, weil sie nicht diplomatischen Tätigkeiten nachgingen.12

Das saudi-arabische Geld wird nach einem detaillierten Plan ausgegeben, um den Einfluss und die Kontrolle des Wahhabismus auf Kosten der gemäßigten Muslime auszuweiten. In muslimischen Ländern geht ein großer Teil der Hilfe an Religionsschulen (Madrassa), die hauptsächlich den Hass auf die Ungläubigen lehren und des Lesens und Schreibens kaum mächtige Dschihad-Kader heranziehen. Mittlerweile gibt es Zehntausende solcher Schulen, die von den mit den Wahhabiten verbündeten Deobandi in Südasien und Südostasien geleitet werden. Allein in Pakistan beläuft sich die Fremdfinanzierung der Madrassa Schätzungen zufolge auf mindestens 350 Millionen Dollar pro Jahr, das meiste Geld davon kommt aus Saudi-Arabien.13 Die Saudis unterstützen auch direkt terroristische Aktivitäten in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, den Philippinen, Indonesien, Tschetschenien, Bosnien, und, wie bereits ausgeführt, die meisten der großen saudi-arabischen Stiftungen sind darin verwickelt.

Im Gegensatz zu den Behauptungen der Saudis, die Wohlfahrtsorganisationen wie Al Haramain, die World Muslim League (WML), die World Assembly of Muslim Youth (WAMY) und die IIRO seien unabhängige Nichtregierungsorganisationen, gibt es überzeugende Beweise aus saudi-arabischen Quellen, dass sie von der Regierung streng kontrolliert und meistens von Regierungsbeamten geleitet werden. Tatsache ist auch, dass das Königreich bereits 1993 ein Gesetz erlassen hat, demzufolge alle Spenden an muslimische Wohlfahrtsorganisationen in einem von einem saudi-arabischen Prinzen kontrollierten Fonds gesammelt werden müssen.

Unterwanderung der westlichen Gesellschaft

Früh wurde bei der ideologischen Kampagne der Wahhabiten die Durchdringung der muslimischen Gemeinschaften in nichtmuslimischen westlichen Gesellschaften zur Priorität erhoben. Das zu verfolgende Ziel war etwas anders gelagert und darauf ausgerichtet, die wahhabitische Vorherrschaft in den lokalen muslimischen Einrichtungen sicherzustellen, indem man Moscheen, islamische Kultur- und Bildungseinrichtungen übernahm oder neu baute, darunter auch die Stiftung von islamwissenschaftlichen Lehrstühlen an verschiedenen Universitäten.14

Die Übernahme einer Moschee bedeutet weit mehr als nur die Möglichkeit, die wahhabitische Version des Islams zu verbreiten. Der Imam und die Führungsebene der Moschee sind auch verantwortlich für das Einsammeln des so genannten Zakat (der für Muslime obligatorischen Spende von 2,5 Prozent des Zehntels ihres jährlichen Einkommens).15 Das ermöglicht ihnen, diese Einnahmen extremistischen Organisationen zukommen zu lassen. Die meisten pakistanischen Moscheen in Großbritannien zum Beispiel sind Berichten zufolge von der Wahhabi/Deobandi-Gruppe übernommen worden, obwohl ihre Mitglieder hauptsächlich der moderaten Barelwi-Glaubensrichtung angehören. Demzufolge sollen mit Spendengeldern in Millionenhöhe terroristische Gruppen in Pakistan unterstützt werden.16

Auch wenn niemand genau weiß, wie viel die Saudis dafür ausgegeben haben, um in nichtmuslimischen Regionen und besonders in Westeuropa und Nordamerika einen Fuß in die Tür zu bekommen, handelt es sich mit Sicherheit um enorme Summen. Laut offiziellen Informationen haben die Saudis mehr als 1500 Moscheen, 210 Islamzentren, 202 islamische Colleges und 2000 Schulen zur Ausbildung von Muslimen in nichtmuslimischen Ländern gebaut. Die meisten dieser Institutionen stehen nach wie vor auf der saudi-arabischen Gehaltsliste, und zwar mit substanziellen jährlichen Zuwendungen, womit sichergestellt ist, dass die wahhabitische Kontrolle so bald nicht abnehmen wird.17

Ausbreitung des Wahhabismus

Was konnten die Saudis sich mit dieser bisher nie da gewesenen islamischen Großzügigkeit erkaufen? Ganz schön viel, wie es aussieht. Zum Einen ist die wahhabitische Glaubensrichtung, die nur von 20Millionen Menschen bzw. zwei Prozent der Muslime weltweit praktiziert wird, zu einem dominanten Faktor im internationalen islamischen Establishment geworden – durch ein ausgeklügeltes Netzwerk an politischen und Wohlfahrtsorganisationen –, aber ebenso durch eine große Zahl von nationalen Einrichtungen, auch in den Vereinigten Staaten.

Dazu ein Beispiel: Die ehrwürdige Al-Azhar-Moschee und Universität in Kairo, bis vor nicht allzu langer Zeit ein Hort des gemäßigten Islams, wurde von den Wahhabiten übernommen und verbreitet nun regelmäßig extremistische Propaganda. In zwei jüngeren Fatwas wird es für Muslime zur religiösen Pflicht erhoben, sich Nuklearwaffen zu beschaffen, um die Ungläubigen zu bekämpfen, und Selbstmordanschläge gegen amerikanische Streitkräfte in Irak werden gerechtfertigt.18 Der Plan der Wahhabiten hat einen wesentlichen Anteil an der Radikalisierung des Islams und der Destabilisierung einer Reihe von Ländern gehabt – und hat es weiterhin.

Pakistan zum Beispiel, ein wichtiger Verbündeter der Amerikaner, sieht sich einer schleichenden Talibanisierung zwei seiner wichtigsten Provinzen gegenüber – mit Unterstützung der Wahhabi/Deobandi-Gruppe und mit der Aussicht auf religiös motivierte Aufstände und Unruhen in großem Umfang. Von Riad finanzierte Extremistennetzwerke existieren heute in der ganzen Welt und bieten Terroristengruppen und Einzeltätern Unterschlupf und Unterstützung, und selbst die terroristischen Anschläge in Saudi-Arabien im Mai 2003 werden wohl kaum einen tiefer gehenden Wandel einleiten.

Die Entscheidung der amerikanischen Regierung, Teile des Untersuchungsberichts zum 11. September 2001 zurückzuhalten, nämlich die Abschnitte, die sich ausdrücklich mit Riads Unterstützung des Terrorismus beschäftigen, ist ihr bisher vielleicht schwerwiegendster politischer Fehler. Sie macht Präsident George W. Bush in einer wichtigen Angelegenheit, die die nationale Sicherheit betrifft, politisch angreifbar – bei einem Thema, das, anders als die Massenvernichtungswaffen beim Irak-Krieg, wirkliches Gewicht und politische Zugkraft hat.

Noch wichtiger aber ist, dass die mangelnde Bereitschaft Washingtons, sich der Tatsache zu stellen, dass seine saudi-arabischen Freunde die Hauptfinanziers und ideologischen Wegbereiter des islamischen Extremismus und Terrorismus sind, früher oder später Amerikas Fähigkeit, den Krieg gegen den Terrorismus fortzuführen, behindern wird. Und tatsächlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass dies bereits der Fall ist – sowohl im Land wie außerhalb.

Amerikas derzeitige Zwangslage ist hauptsächlich die Folge einer 25 Jahre andauernden saudi-arabischen Förderung eines weltweiten Aufbaus des islamischen Extremismus und des Exports seines verabscheuungswürdigen wahhabitischen Glaubens mit über 70 Milliarden Dollar. Amerikas saudi-arabische „Verbündete“ haben beständig gegen seine Interessen gehandelt, nicht erst nach dem 11. September, sondern auch schon davor. Die Aussage von John Pistole, eines hochrangigen FBI-Antiterrorbeamten, vor dem amerikanischen Kongress offenbarte, dass sich, im Gegensatz zu den Behauptungen des Außenministeriums, Saudi-Arabien im gesamten Zeitraum zwischen dem 11. September und den Anschlägen in Riad vom Mai 2003 geweigert hat, bei den Terrorismus-Untersuchungen der amerikanischen Behörden zu kooperieren.

Saudi-arabische Regierungsvertreter haben bereits angekündigt, dass sie weder beabsichtigen, ihre antiwestliche Ausrichtung zu ändern noch ihre „wohltätigen“ Aktivitäten einzustellen. Aber die Zeichen einer bewussten saudi-arabischen Unterwanderung der westlichen Gesellschaften und Werte – wie oben zum Teil ausgeführt – sind so offensichtlich, dass es verantwortungslos wäre, sie weiterhin stillschweigend hinzunehmen. Wenn wir dieses Problem jetzt nicht angehen, wird damit nur eines sichergestellt: dass wir den Krieg gegen den Terror so schnell nicht gewinnen werden.

Anmerkungen

1  Ein Beispiel für eine extremistische islamische Organisation, die ohne Weiteres die Nachfolge von Al Khaïda antreten könnte und die bereits international operiert, findet sich in: Ariel Cohen, Hizb ut-Tahrir: An Emerging Threat to U.S. Interests in Central Asia, Backgrounder Nr. 1656, The Heritage Foundation, Juni 2003.

2  Dies wird verständlicher, wenn man erfährt, dass eine einzige Moschee in Brooklyn in der Lage war, 20 Millionen Dollar an Al Khaïda zu überweisen.

3  Aus muslimischer Sicht: vgl. Hamid Algar, Wahhabism: A Critical Essay, Islamic Publications International, New York 2002; aus westlicher Sicht: vgl. Dore Gold, Hatred’s Kingdom, Regnery Publishing, Washington, DC. 2003 und Stephen Schwartz, The Two Faces of Islam, Doubleday, New York 2002.

4  Die Wahhabiten selbst verabscheuen den Begriff Islam und benutzen ihn nie, da sie glauben und behaupten, dass ihre Version der einzig wahre Islam sei.

5  Da der Wahhabismus einigen Grundsätzen des Islams widerspricht, ist es irreführend, ihn als fundamentalistisch zu bezeichnen, wie es viele Beobachter immer wieder tun.

6  Die Errichtung eines auf der Scharia beruhenden islamischen Staates, wie in Iran unter Ayatollah Ruhollah Khomeiny, wurde nicht etwa als ein Sieg für den Islam angesehen, sondern als eine ernst zu nehmende Bedrohung der saudisch-wahhabitischen Interessen. Iran wurde daher von Riad mit großer Feindseligkeit behandelt.

7  Der islamistische Ideologe Rashid Rida im Jahr 1909 war einer der ersten, vgl. Algar, a.a.O. (Anm. 3).

8  Die saudi-arabischen Öleinnahmen stiegen von einer Milliarde Dollar im Jahr 1970 auf 116 Milliarden Dollar im Jahr 1980.

9  Vgl. Ain Al-Yaqueen (von der Regierung kontrollierte Tageszeitung), 27.3.2002.

10 Vgl. Saudi-arabische Entwicklungshilfe, November 2002, <http://www.saudinf. com/main/l102.htm>. 96 Prozent dieser Hilfszahlungen sollen Subventionen sein.

11 Vgl. Ain Al-Yaqueen, 8.12.2000.

12 Vgl.die Erklärung des Sprechers des Außenministeriums, Richard Boucher, vom 29.1.2004, <http://www.state.gov/r/pa/prs/ dpb/2004/28605.htm>.

13Dazu mehr in: Alexiev, The Pakistani Time Bomb, in: Commentary, Jg. 115, Nr. 3, März 2003, S. 46–52.

14Die typische Vorgehensweise bei der Übernahme einer Moschee oder einer ähnlichen Einrichtung folgt annähernd dem folgenden Muster: Saudi-arabische Vertreter bieten einer Gemeinde an, den Bau einer neuen Moschee, was zumeist den Bau einer islamischen Schule und eines Gemeindezentrums einschließt, zu subventionieren. Nach Fertigstellung des Projekts wird eine jährliche Unterhaltszahlung angeboten, die die Gemeinde für immer von saudi-arabischer Großzügigkeit abhängig macht. Von Saudis ausgewählte Vorstandsmitglieder werden eingesetzt, ein wahhabitischer Imam (Vorbeter) und kostenlose wahhabitische Literatur werden eingebracht und das Programm wird den wahhabitischen Grundsätzen angepasst. Gastredner mit extremistischen Ansichten werden dann regelmäßig zu den Freitagsgebeten eingeladen, um die Mitglieder weiter zu radikalisieren. Die vielversprechendsten Kandidaten werden für die weitere Ausbildung und Indoktrination in Saudi-Arabien ausgesucht und später als Wahhabi-Missionare zurückgeschickt, womit sich der Kreis schließt.

15Vgl. Volker Nienhaus, Islam und Staatlichkeit. Zur Vereinbarkeit von Religion, Demokratie und Marktwirtschaft, in: Internationale Politik (IP), 3/2002, S.11–18; hier S. 16 f.

16Vgl. International Crisis Group (ICG) Report, Pakistan: Madrassas, Extremism and the Military, Asia Report Nr. 36, 29.7.2002, S. 16.

17Auch wenn es zu diesem Aspekt vergleichsweise wenig Informationen gibt, lassen Zahlen, die ab und zu in den saudi-arabischen Medien veröffentlicht werden, den Schluss zu, dass sich die jährlichen Zahlungen an islamische Zentren in einem Rahmen von 1,5 bis 7 Millionen Dollar bewegen.

18Vgl. Suicide Attacks Permitted: Al Azhar, Dawn, 6.4.2003 <http://www.dawn.com/ 2003/04/06/int10.htm>.

Der Beitrag beruht u.a. auf einer Aussage des Autors vor dem Unterausschuss Terrorismus, Technologie und Heimatschutz des amerikanischen Senats vom 26. Juni 2003.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, Februar 2004, S. 21‑28

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