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01. März 2017

Metropole der Travestie

Brief aus ... Bukarest

In Ceausescus Palast spielt man heute Demokratie

Mercedes-Limousinen rasen über den Boulevard der Einheit, der früher „Boulevard des Sieges des Sozialismus“ hieß. „Früher“ bedeutet: zu Ceausescus Zeit. Seit den blutigen Ereignissen vom Dezember 1989 gilt sie als überwunden – und ist doch noch präsent. Die von stiernackigen Chauffeuren gesteuerten Wagen fahren nämlich zu jenem Gebäude, das früher der „Palast der Republik“ war und heute „Palatul Parlamentului“ (Palast des Parlaments) genannt wird.

Wenn sie vor einem der pseudo-­antik verzierten Eingänge halten, sieht man nicht nur Fahrer, die an einstige Securitate-Mitarbeiter erinnern, sondern auch dem Rücksitz entsteigende Männer in Mohairmänteln, die nach einem Blick auf ihre Rolex-Uhr im zwölfstöckigen Steinklotz verschwinden. Dieser wurde in den achtziger Jahren vom Ceausescu-Regime in Windeseile hochgezogen und gilt heute als drittgrößtes Gebäude der Welt – nach dem Pentagon und dem Pekinger Flughafen. Mitunter halten die Herren Parlamentarier inne, um ihre Kolleginnen mit Handkuss zu begrüßen: Frauen mit aschblondem Haar und voluminösen Lippen.

Anfang des Jahres wurde Sorin Grindeanu zum Ministerpräsidenten gewählt; er ist Mitglied der „sozialdemokratischen“ PSD, die sich vor allem aus der ehemaligen Ceausescu-Nomenklatura rekrutiert. Dachte man in westlichen Hauptstädten zunächst, der 43-jährige Grindeanu sei „unbelastet und kompetent“, stellte sich bald heraus, welche Priorität der „Kompetente“ tatsächlich hat: die Demontage der Antikorruptionsgesetze, die im vorigen Jahrzehnt verabschiedet worden waren, um Rumäniens Weg in die EU zu ebnen und Brüsseler Skepsis zu besänftigen.

Überraschend daran ist wohl nur das westeuropäische Verdutztsein. Was hatte man erwartet, wo doch selbst der reformorientierte, deutschstämmige Präsident Klaus Johannis mit Korruptionsaffären in den sich „national-liberal-christlich“ nennenden Parteien zu kämpfen hat? Derlei Naivität ist fast schon arrogant: Als würden Begriffe westlicher Politik auch in anderen Gegenden automatisch gelten. Als wäre bereits die rumänische Sprache, die dem Latein näher ist als modernes Italienisch, eine abendländische Humanitätsgarantie. Als würde Bukarests Selbstbeschreibung als „Paris des Balkans“ auf cartesianische Aufklärung hinweisen.

Schon im 18. Jahrhundert berichteten Reisende, wie auf den wenigen befestigten Straßen protzige Bojaren-Kutschen über Eichenbohlen in Richtung pompöser Stadtpaläste rasten, die inmitten schiefer Holzhäuser standen, welche beinahe im Morast versackten. Ceausescus Wahn, der ein Fünftel der Stadt plattmachte, gleicht deshalb eher der Bojaren-Despotie als Le Corbusiers Funktionalität. Denn funktional ist an dem Palast wenig: Mit 1000 Räumen und 30 wandhoch verspiegelten Prunksälen verfügt er zwar über kilometerlange Teppichgänge, aber nicht über ausreichend Toiletten; und die über 400 Büros sind nur kleine Büdchen.

Mit einer Mischung aus Technikbegeisterung und Nationalismus führen Palast-Guides ausländische Besucher durch jene Teile des Gebäudes, die öffentlich zugänglich sind. Auf Englisch und Französisch wird da ein vermeintliches Wunderwerk gelobt, in dem 16 Meter lange Gardinen je 250 Kilo wiegen und alles Gold, aller Marmor und jede Holzfurnierung der 700 Türen rumänischen Ursprungs sei – außer denen aus Mahagoni, die der zairische Herrscher Mobuto dem Genossen Ceausescu geschenkt hatte. Was ist hier eigentlich bizarrer: die schiere Existenz dieses mit Säulen, Kapitellen und Bögen völlig überladenen Palasts im kahlrasierten Zentrum der Hauptstadt oder die Art und Weise, wie das spätstalinistische Monstrum als Parlamentssitz und Sehenswürdigkeit eines EU-­Landes präsentiert wird?

Doch plötzlich ändert sich der Ton. In der obersten von acht unterirdischen Etagen gibt es nur Funzeln, die nackte Betonwände zeigen und gespenstische Schreibtische, voll mit feucht und fleckig gewordenen Parteibroschüren. Hier erzählen die Guides von ihrer Kinder- und Jugendzeit, als im Winter weder Schulen noch Krankenhäuser oder Wohnungen beheizt und regelmäßig mit Strom versorgt wurden, weil alle Energieressourcen in den Bau des Palasts flossen; wo rund um die Uhr korrumpierte Architekten ebenso malochten wie Tausende Zwangsarbeiter aus dem ganzen Land. Die Kälte, Dunkelheit und vor allem die Angst jener Jahre, die Kinder und Eltern verband, werden spürbar.

Und heute? Als Antwort beinahe ein Hilferuf: „Heute haben wir zumindest das Verfassungsgericht gegen die Korruption und Willkür der Politiker. Und wir haben die EU. Falsch: Wir haben eigentlich nur die EU als Schutz.“ Worauf viele der auswärtigen Besucher erstaunt dreinschauen: So haben sie die vielgeschmähte EU noch gar nicht wahrgenommen …

Wieder draußen auf den Straßen, lächelt das Konterfei des Schönheits­chirurgen Dr. Stan von Litfaßsäulen. Kaum eine Parlamentarierin, die ihre Lippen nicht von ihm vergrößern lassen würde – desgleichen deren männliche Kollegen. Travestieaffines Bukarest im Jahr 2017.

Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schrift­steller in Berlin. Jüngst erschien sein Erzählband „Umsteigen in Babylon“.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2017, S. 126-127

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