01. November 2007

Mensch Maus

Technologie

Sie sind die Arbeitspferde der Wissensgesellschaft: Eine Ode an die hartgeprüfte Spezies der Labormäuse

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Die „Knockout-Maus“ hat dieses Jahr den Nobelpreis für Physiologie und Medizin gewonnen. Genauer gesagt: Die Forscher Mario Capecchi, Oliver Smithies und Martin J. Evans haben ihn bekommen – für eine Technik, mit der man im Erbgut von Versuchsmäusen ganz gezielt ein Gen ausknipsen kann. Nach erfolgtem Knockout lässt sich an der Maus studieren, was die Aktion für eine Wirkung hat, wie das Fehlen dieser Erbanlage die Entwicklung ihres Organismus beeinflusst. Die Maus hat davon nichts. Aber manchmal geschieht es für einen guten Zweck. Mäuse – in der Speisekammer sind sie nicht willkommen, im Labor aber unser bestes Double, unsere Vorhut an der Forschungsfront. Mit Mäusen kann man alles machen, was man sich mit Menschen nicht traut. Weil sie uns so nah sind. Mensch und Maus haben jeweils etwa 30 000 Gene, die zu über 95 Prozent übereinstimmen. Nur die Buchstabensuppe der Nager scheint etwas dünner zu sein: Unser Erbgut besteht aus etwa 2,9 Milliarden Zeichen, das der Mäuse aus rund 2,5 Milliarden.

In Asien waren Maus-Mutanten schon vor Jahrhunderten eine Attraktion, extravagante Farben und Formen ein Verkaufsrenner. Um 1900 startete dann eine Exlehrerin namens Abbie Lathrop in Massachusetts eine Mäusezucht – nachdem sie es zunächst erfolglos mit Hühnern probiert hatte. Bald tummelten sich 11 000 Mäuse in der Scheune, das Geschäft lief recht gut. Es war ein Spaß. Bis 1902 die erste Order aus Harvard kam: Ein Forscher wollte Gregor Mendels Vererbungslehre an Säugetieren testen. Die Maus trat in den wissenschaftlichen Dienst ein. Bald orderten Laboratorien von New York bis St. Louis hunderte Mäuse. Ein Boom, der bis heute währt. Etwa 25 Millionen Mäuse werden pro Jahr weltweit in Laboren „verbraucht“.

Labormäuse, zumeist Hybride der Subspezies Mus musculus domesticus und Mus musculus musculus, sind die animalische Billiglohngruppe der Wissensgesellschaft: handlich, günstig zu halten und rapide zu vermehren. Weibchen werden im Alter von sechs Wochen geschlechtsreif und können an die 100 Kinder im Jahr hervorbringen. Pionier der wissenschaftlichen Mäusezucht in Harvard war Clarence Cook Little, der eine Methode fand, quasi standardisierte Nager herzustellen, mit gezielter Inzucht: Immer wieder kreuzte er Mäusebrüder und -schwestern, über 20 Generationen hinweg – das dauert bei Mäusen nicht allzu lange –, bis die Nachkommen zu 99 Prozent identisch waren. Littles erste Zucht aus dem Jahre 1909 hieß DBA (eine Abkürzung für die Farbcharakterisierung „dilute brown non-agouti“). Sie nannten Little den „mouse man“, weil er mäuseverrückt war. Und vorausschauend: Er kalkulierte schon mit Genen, als noch keiner wusste, was das eigentlich ist. Little gründete den „Mouse Club of America“, schrieb sogar an Walt Disney, weil er Mickey Mouse als eine Art Botschafter rekrutieren wollte. Bereits 1929 ging Little die Automobil-Barone Edsel Ford und Roscoe Jackson um Geld für die Maus-Forschung an und schuf das Jackson Laboratory in Bar Harbor, Maine. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise. Die Mittel waren knapp. Die Legende sagt, die Forscher mussten die Glühbirne herausschrauben und mitnehmen, wenn sie von einem Raum zum nächsten gingen. Heute ist das Jackson Laboratory eine weltweit führende Zuchtanstalt, die tausende verschiedene Maus-Typen im Angebot hat. Bei einem Feuer kamen dort 1989 fast eine halbe Million Mäuse um.

Vor 35 Jahren gab es die erste Datenbank für Mausgene. Vor 25 Jahren wurde die erste transgene Maus geboren. Vor zehn Jahren entstand die erste Maus mit einem ausgeknipsten Gen. 2001 verkaufte die Firma Celera ihr erstes Multi-Maus-Genom. An die 1200 menschliche Gene wurden durch den Vergleich zwischen Mensch- und Maus-Genom schon entdeckt. Schon vor dem Gen-Boom waren zu Forschungszwecken Mäuse mit Diabetes, defektem Immunsystem und anderen Erkrankungen im Angebot. An ihnen studiert man Fehlbildungen und Organversagen. Sie arbeiten auch als Zuchttiere: Nach Manipulationen an der DNS wächst ihnen auf dem Rücken ein menschliches Ohr, nach Transplantationen von entsprechendem Gewebe produzieren sie Schweine- und Ziegensperma – demnächst auch Menschensperma? Heute gibt es eine Unzahl von Mäusen mit spezifischen Krankheiten und Abweichungen, die unromantische Namen wie C57BL/6 tragen: besonders starke, große, schlaue oder auch krebsgefährdete Mäuse; Mäuse, die blind oder epileptisch sind, fettleibig oder alkoholabhängig, die Arthritis haben oder eine Glatze. In naher Zukunft, prophezeit das Karolinska-Institut, werden Mäuse im Angebot sein, bei dem jeweils eines der über 20 000 Gene abgeschaltet ist.

Auch in Deutschland haben wir längst eine Mausklinik – am GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg. Dort untersuchen Experten Herz und Niere, Blut, Knochendichte und Nerven der Mäuse, mit Röntgengeräten, EKG, Ultraschall und speziellen Mikro-Computertomographen. Zittern sie oder hören sie schlecht? Haben sie Muskeldystrophie oder gar Depressionen? Man muss das herausfinden, um feststellen zu können, wie sich Mutationen auswirken. Eine Art verschärftes Mäuse-Casting. Im Grunde sind wir Menschen nur Mäuse ohne Schwanz. Wobei wir die Gene selbst dafür noch in uns tragen.

TOM SCHIMMECK, geb. 1959, schreibt als freier Journalist über Politik und Wissenschaft für Zeitungen, Magazine und fürs Radio.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11, November 2007, S. 124 - 125.

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