Titelthema

27. Febr. 2023

Mehr Drohnen statt nur Kanonen

Deutschland rüstet auf – mit Material „von der Stange“ aus dem Ausland. Militärische Neuerungen sind heute Mangelware im Land der Tüftler und Techniker. Die Bundeswehr muss innovativer werden, ohne das Althergebrachte zu vernachlässigen.

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Bild: Ukrainische Soldaten beobachten Drohnen von der Kommandozentrale aus
Innovative Technologien können in modernen Kriegen einen Unterschied machen: Drohnenbeobachtung in einer unterirdischen Kommandozentrale in Bachmut, Ukraine.
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Der Krieg, der weiterhin unvermindert in der Ukraine tobt, zeigt eines: Auch „moderne“ Kriege nutzen „alte“ Hardware. Artillerie, Panzer, Raketenwerfer – dieser Krieg, so könnte man meinen, unterscheidet sich nicht wesentlich von denen der vergangenen Jahrzehnte.

Nur die verschiedenen Drohnenarten, die über der Ukraine fliegen, scheinen darauf hinzuweisen, dass der Krieg im Jahre 2023 stattfindt.

Doch dieser Eindruck täuscht. Auch wenn die Hardware weitestgehend althergebracht erscheint, so spielen neue Technologien eine ausgesprochen relevante Rolle in der Ukraine. Sie helfen jeden Tag, die zahlenmäßige Unterlegenheit der Ukraine gegenüber Russland auszugleichen.  
Da geht es nicht nur um die Drohnen, die auf beiden Seiten zum Einsatz kommen. Bayraktar TB2, Shahed 136 – ähnlich wie die Panzertypen sind die Namen dieser fliegenden Systeme einer breiten Öffentlichkeit mittlerweile recht geläufig geworden.

Datenverarbeitung, die Leben rettet

Aber relevanter als unbemannte Systeme, von denen viele technologisch gar nicht so hochentwickelt sind, wie viele glauben, ist die Software, die in der Ukraine zum Einsatz kommt. Apps, die es der ukrainischen Zivilbevölkerung erlauben, feindliche Truppenbewegungen zu melden. Künstliche Intelligenz (KI), die hilft, Daten aus Verkehrskameras auszuwerten und es so möglich macht, feindliche Fahrzeuge zu identifizieren, gleichzeitig aber Krankentransporte zu schützen. Schnelle Datenverarbeitung, die Angriff und Verteidigung beschleunigt und so jeden Tag Leben rettet. Mit „Starlink“ hilft ein privater Dienstleister, das Internet für das ukrainische Militär und die Zivilbevölkerung stabil zu halten.

„Moderne“ Kriege, so zeigt sich in der Ukraine, finden nicht zwangsläufig nur im Cyberspace statt. In ihnen treffen nicht nur Roboter zur Materialschlacht auf­einander, während der Mensch zusieht. Vielmehr wird Alt und Neu kombiniert, und technologische Fähigkeiten machen einen Unterschied. Einen Unterschied, der nicht immer von außen sichtbar ist, aber dennoch höchst relevant ist.

Neuer Ansatz für die Rüstungsbranche

Im Zuge der Zeitenwende muss auch die Bundeswehr sich verstärkt den neuen Technologien zuwenden. Hier geht es nicht nur darum, das richtige Equipment zu kaufen oder zu entwickeln. Es braucht einen Wandel im Denken, einen neuen Ansatz für die Rüstungsindustrie. Was sollte Deutschland beachten, wenn die Zeitenwende die Bundeswehr auch militärtechnologisch nach vorne bringen soll?

Zunächst einmal geht es um eine Neuaufstellung der deutschen und europäischen Rüstungsindustrie. Diskussionen über eine „Kriegswirtschaft“ helfen da nicht weiter – selbstverständlich muss Deutschland wegen des russischen Angriffskriegs nicht seine komplette Wirtschaft so ummodellieren, dass die ­Produktion von militärischem Gerät das Hauptziel wird. Aber wenn die Bundeswehr moderner werden soll, und das nicht nur mit Material „made elsewhere“, dann muss in Deutschland und Europa die technologisch-industrielle Basis wiederaufgestellt werden. Dafür braucht es Willen, Koordinierung und Geld.

Welche Rolle Rüstungspolitik im Zuge der „europäischen Souveränität“ spielen soll, ist hier weiterhin unklar. In Berlin besteht ein Zielkonflikt: Auf der einen Seite soll Europa sicherheitspolitisch stärker und eigenständiger werden. Das würde auch eine eigenständige europäische Rüstungsindustrie voraussetzen. Auf der anderen Seite rüstet Deutschland nun kräftig auf – mit Bestellungen aus den USA und Israel „von der Stange“, also marktverfügbarem Material.

Zivile Firmen umwerben

Dass europäische Lösungen weitestgehend nicht marktverfügbar sind, hängt auch damit zusammen, dass es keine Abnahme- garantien gab und gibt, die deutsche und die europäische Rüstungsindustrie also weiterhin nur in überschaubaren Stückzahlen für bestimmte Kunden produzieren. Weil die Aufträge auf sich warten lassen und Abnahmegarantien fehlen, liegen ganze Produktionslinien brach, auch für Munition und anderes Gerät, das die Bundeswehr so dringend bräuchte.

Das muss sich ändern. Abnahmegarantien für bestimmte Produkte müssen her, innovative Firmen in ihrer Arbeit unterstützt werden. In Großbritannien etwa hat es sich das Verteidigungsministerium zum Ziel gesetzt, mit 25 Prozent seines Budgets kleine und mittlere Unternehmen und Start-ups zu finanzieren.

Auch Deutschland täte sicherheitspolitisch gut daran, zivile Firmen zu umwerben. Gerade bei der Künstlichen Intelligenz findet die wirklich wegweisende Forschung im zivilen Bereich statt, nicht im militärischen. Dass in der Ukraine das Internet nur durch Elon Musks Firma Starlink aufrechterhalten wurde, mochte für Musk ein echter Coup sein. Für die Streitkräfte des Westens sollte es ein Weckruf sein: Solche Abhängigkeiten von privaten Firmen bedeuten einen Verlust an Souveränität. Kooperation ja, Abhängigkeiten nein, so muss die Formel lauten.

Nicht ohne unsere Partner

„Keine deutschen Alleingänge“: Bundeskanzler Olaf Scholz hat das zu seinem Mantra gemacht, wenn es um die Unterstützung der Ukraine geht. Auch in der Technologieentwicklung ist die Kooperation mit den Partnern in EU und NATO unabdingbar. Gerade für ein Land wie Deutschland spielt Interoperabilität, also die Fähigkeit, verschiedene Systeme und Techniken miteinander kompatibel zu machen, eine besondere Rolle. Es gibt keine Militäreinsätze der Bundeswehr ohne Partner. Deutschland ist NATO-Rahmennation, was bedeutet, dass andere NATO-Partner sich bei uns mit ihren Fähigkeiten einklinken können müssen. Derzeit führt Deutschland die Schnelle Eingreiftruppe der NATO; auch hier muss es mit zahlreichen Partnern kooperieren und interoperabel sein.  

Doch es geht nicht nur darum, schnell und im Einklang mit seinen Partnern einsatzfähig zu sein. In einigen Sektoren werden derzeit die Standards gesetzt, auf deren Basis die wichtigsten Technologien weiterentwickelt werden. Hier muss Europa frühzeitig dabei sein, um sicherzustellen, dass unsere Werte und Ansprüche umgesetzt werden. Denn wer immer mehr „von der Stange“ beschafft, der kauft damit auch die Vorstellungen und Werte der anderen. Insbesondere KI kann dabei helfen, Interoperabilität zu gewährleisten. So können etwa die Daten verschiedener Systeme kombiniert und zu einem Lagebild zusammengerechnet werden. Auf solche Systeme sollte die NATO-Nation Deutschland besonders setzen.

Einer der Gründe, warum der Krieg in der Ukraine so wenig modern erscheint, ist eben die Tatsache, dass viele Menschen mit dem Begriff „neue Technologien“ so etwas assoziieren wie den Kampf des Terminators gegen eine Armee von Killerrobotern. Aber es geht dabei, vereinfacht gesprochen, um mehr als um Gerät, das „bumm“ macht. Im Mittelpunkt steht die Software, nicht so sehr die Hardware. Zudem finden viele relevante technologische Entwicklungen in Bereichen statt, die weit weg von den Frontlinien liegen. Gerade in der Logistik kann KI helfen, Prozesse schneller, effizienter und billiger zu machen. Auch die sogenannte Kaltstartfähigkeit kann so erhöht werden, was wiederum besonders wichtig ist für die Schnelle Eingreiftruppe der NATO. Denn ihre Einheiten müssen innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein.

Let’s talk about tech

Ein Weiteres kommt hinzu: Deutschland tut sich schwer mit Diskussionen zu Militär- und Sicherheitsthemen. Es mangelt an Wissen und Verständnis in Bevölkerung, Medien und Politik. Ob Diskussion zu bewaffneten Drohnen, Panzerlieferungen an die Ukraine oder autonome Waffen – bisher laufen deutsche Verteidigungspolitikdebatten in der Regel oberflächlich und wenig zielführend ab. Doch gerade was neue Technologien und die Nutzung von Künstlicher Intelligenz und Autonomie in Waffensystemen angeht, braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte.

Denn hier geht es beispielsweise um die Frage, welche Funktionen und Entscheidungen vom Menschen an die Maschine abgegeben werden sollen. Auf viele der Fragen, die da auf uns zukommen, gibt es keine eindeutigen Antworten, sie werden gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen. Doch hierfür braucht es eine informierte Gesellschaft.

Ein Ziel der Zeitenwende muss sein, einen Wandel im Denken und Diskutieren über Militär- und Sicherheitsthemen anzustoßen. Projekte wie die „Zeitenwende on tour“, die von der Münchner Sicherheitskonferenz mit Unterstützung der Bundesregierung durchgeführt wird, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Hier diskutieren Experten mit Laien, auch außerhalb der Berliner Bubble. Es braucht noch weitere Anstrengungen in diese Richtung – und die dürfen auch nicht nachlassen, wenn der Krieg in der Ukraine sein hoffentlich baldiges Ende findet.

Um eine solche Diskussion in Gesellschaft und Fachkreisen anzuregen und mit Fakten zu untermauern, wäre es von großem Nutzen, wenn das Verteidigungsministerium angewiesen würde, eine Strategie zum Einsatz militärischer KI zu schreiben. Frankreich hat eine solche Strategie schon vor mehreren Jahren veröffentlicht. Darin wird das Verständnis des französischen Militärs dargelegt, wie KI zu nutzen sei und wie eben nicht. Ein solches Papier könnte im Zuge der Arbeit an der Nationalen Sicherheitsstrategie entstehen.

Neue Verletzlichkeiten

Wenn man feststellt, dass innovative Technologien einen Unterschied machen können, muss man gleichzeitig darauf hinweisen, dass Technologie nie um ihrer selbst willen entwickelt und eingesetzt werden darf. Der Krieg in der Ukraine zeigt eben auch: Masse spielt weiterhin eine Rolle, alte Systeme werden nicht plötzlich obsolet, weil neue Technologien eingesetzt werden.

Zum Leidwesen der Finanzplaner bedeutet das: Nur weil etwas Neues kommt, kann das Alte nicht gleich aussortiert werden. Zudem muss immer geprüft werden, ob die neue Technologie wirklich Vorteile bringt. Werden durch sie vielleicht neue Gefahren, neue Vulnerabilitäten kreiert? Wenn ein Puma nicht mehr fährt, weil ein Hightech-Bildschirm durch einen Soldatenstiefel außer Kraft gesetzt wurde, dann läuft in der Entwicklung etwas falsch. Und mehr digitale Vernetzung bedeutet zwangsläufig auch immer mehr Angriffs- und Verletzungspunkte. Hier ist eine Abwägung nötig.

Die deutsche Politik, die deutsche Gesellschaft und die Bundeswehr brauchen eine Zeitenwende, wenn es um militärische und militärtechnologische Themen geht. Ein „Weiter wie bisher“ ist der veränderten Lage nicht angemessen und führt dazu, dass Deutschland und Europa technologisch abgehängt werden – abhängig werden von anderen, die nicht unbedingt unsere Vorstellungen teilen. Wir müssen wieder eine durchdachte Rüstungspolitik gestalten, um die Bundeswehr und ihre europäischen Partner auf das nächste technologische Level zu heben – ohne das Althergebrachte zu vernachlässigen. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 02, März 2023, S. 44-48

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Dr. Ulrike Esther Franke ist Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR). Sie befasst sich mit Fragen der deutschen und europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, insbesondere mit dem Einfluss neuer Technologien.

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