01. Juli 2009

Medwedews Knabenlächeln

Brief aus … Sankt Petersburg

Wenn Russland will, weiß es sich glänzend zu benehmen: Ein Besuch beim Internationalen Wirtschaftsforum

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Sankt Petersburg ist europäisch. Vor allem auf der Wassiljewskij-Insel, deren mit neuer russischer Intelligenzija bevölkerte Altbauarchitektur an Berlin-Friedrichshain erinnert. Außerdem regnet es hier Bindfäden wie in London. Und in den Eingangshallen des Messegeländes „Lenexpo“, direkt am Finnischen Meerbusen, spucken von Notebooks kommandierte Laserdrucker Foto-Buttons mit lateinischen Schriftzeichen für die Teilnehmer des Internationalen Wirtschaftsforums 2009 aus. Ein Forum, das eigentlich eine Verkaufsmesse ist. Hier stellt sich Russland aus, als moderne, europäische Marktwirtschaft, personifiziert durch seine eloquentesten, polyglottesten, liberalsten Kader.

In neonhellen Hallen summt es, russische Finanzminister, Beamte und Bankiers, deutsche Mercedesmanager, US-Professoren, Gerhard Schröder und Scheich Khaled Bin Zayed Al Nehayan, insgesamt 3500 aus- und vaterländische Teilnehmer veranstalten Small Talk, Englisch ist die Lingua Franca.

Drinnen fällt nicht besonders auf, dass auch die Wassiljewskij-Insel zu Russland gehört. Und dass draußen mehrere Hundertschaften wetterfester Milizionäre das Forum weiträumig abgesperrt haben. Kaum einer kriegt mit, dass die Bewohner der umliegenden Altbauten Ausgehverbot haben. Und wer dämlich oder europäisch genug ist, statt mit angemeldeter Mietlimousine mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zu kommen, hastet auf Umwegen, entlang der Sperren, durch den Regen, muss dann um sein Leben sprinten, weil die schwarzen Mietlimousinen der weniger dämlichen oder weniger europäischen Teilnehmer vor dem letzten Zebrastreifen an der Lenexpo noch einmal richtig Gas geben. Dann aber hat er die rettende erste Sicherheitskontrolle erreicht.

Man muss sich einmal, zweimal, elektronisch filzen lassen, dann darf man sich wieder europäisch fühlen. Internationales Wirtschaftsforum 2009, Russlands Präsident Dmitrij Medwedew, alle Minister und die Mehrzahl der russischen Oligarchen scheinen sich verabredet zu haben, auf allerwestlichste Weise Goodwill zu zeigen. In Halle 8 strahlt Medwedews Knabenlächeln live, in allen anderen Pavillons flimmert es auf mehr oder weniger riesigen Bildschirmen. Der junge Präsident versichert, es sei unmöglich, eine neue internationale Reservewährung zu bestimmen, aber er wolle alles tun, um den Rubel bei den Handelspartnern attraktiver zu machen. Vor heimischem Publikum würde man seine Ziele wesentlich lautstärker formulieren. Da wäre von „neuen wirtschaftlichen Siegen“ die Rede, vom Aufstieg des Rubels zur globalen Leitwährung, vom nahenden Triumph der Hauptstadt Moskau als Weltfinanzzentrum. Und da würde die Krise als Ausläufer westlicher Katastrophen gedeutet; eine Krise, die die glorreiche Zukunft der russländischen Energiesupermacht allenfalls aufschieben kann.

Hier aber, in Sankt Petersburg, verkauft die russische Volkswirtschaft sich und ihre Zukunftspläne vorsichtig, verständig, fast nachdenklich. Hier grübelt man einträchtig mit spanischen und japanischen Ökonomen über die Krise. Sinnt darüber, nach welchen lateinischen Buchstaben sie verlaufen werde: V, U oder gar L? Man sucht nach gemeinsamen Fehlern und Lösungen. „In absehbarer Zukunft ist es sowieso nur realistisch, den Rubel innerhalb der GUS zur Leitwährung zu machen“, Vizepremier Igor Schuwalow legt seine hohe Stirn in kluge Falten. Präsidentenberater Arkadij Dworkowitsch und Finanzminister Alexej Kudrin erwägen bescheiden, ob der chinesische Yuan nicht viel wahrscheinlicher internationale Reservewährung werde als der Rubel. „Der Weg dorthin ist vielleicht weitaus wichtiger als das Ziel“, philosophiert Sberbank-Direktor German Gref mit Christuslächeln über das Weltfinanzzentrum Moskau. Alexander Schochin, Unternehmerverbandschef, drückt im kleinen Kreis gar seine Hoffnung aus, Präsident Medwedew werde als „aufrichtiger Jurist“ noch ein Wort zu dem Prozess gegen Michail Chodorkowskij sagen; Schochin hält die Anklage gegen den ehemaligen Ölmilliardär erklärtermaßen für widersinnig.

Die meisten russischen Redner sprechen frei, Sberbank-Direktor Gref präsentiert sich mit kragenlosem Pulli unter dem Nadelstreifenjackett, der junge Arkadij Dworkowitsch parliert mit weichem Akzent auf Englisch und hat sich den Schlips ausgezogen. Das russische und das nichtrussische Publikum ist hier nicht mehr auseinanderzuhalten. Man ist groß, schlank, hört aufmerksam nickend zu und ist immer um ein Lächeln bemüht. Wenn Russland will, weiß es sich glänzend zu benehmen. Nur Vizepremier Igor Setschin wirkt etwas bärbeißig und verkündet trotzig, es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Barrel Öl wieder 150 Dollar kosten werde. Und Premier Wladimir Putin ist erst gar nicht angereist.

In Halle 7 aber schenken birkenblonde Hostessen kostenlosen Wodka der Marke „Russkij Standard“ ein. Ein Regierungsfunktionär aus Moskau hat vergessen, dass er es hier mit Ausländern und Journalisten zu tun hat. Er erzählt, im Weißen Haus, dem Sitz der russischen Regierung, hätten sich die Leute Schuwalows und Setschins kürzlich um einen Aufzug geprügelt. Der Mann grinst, aber er senkt dabei seine Stimme. Das reale Russland hat viele Gesichter, die oft viel weniger glatt rasiert sind als die der Dworkowitschs, Grefs und Kudrins. Aber hier, auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, dürfen sich die Wirtschaftseuropäer im Saal weiter ganz unter sich fühlen.

STEFAN SCHOLL lebt als freier Autor in Twer, Russland.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7/8, Juli/August 2009, S. 126 - 127.

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