01. Dezember 2006

Machtfaktor Biotech

Verliert Europa den Anschluss an eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts

Die weitere Entwicklung der Biotech-Industrie zählt zu den wichtigsten
Zukunftsfragen des 21. Jahrhunderts. Aus medizinischer, wirtschaftlicher,
politischer und ethischer Sicht steht dabei viel auf dem Spiel. Vor allem die
Stammzellenforschung ist eine moralische Frage geblieben, die in den USA wie
hierzulande die Gemüter erhitzt.

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Wird es gelingen, innovative Medikamente zur Heilung schwerer Krankheiten wie Alzheimer, Krebs oder Multiple Sklerose zu entwickeln? Kann Amerika seine bisherige Dominanz in dieser milliardenschweren Schlüsselindustrie gegenüber Asien und Europa verteidigen? Wo liegen die Grenzen der Forschungsfreiheit?

Dürfen in Biotech-Laboren menschliche Embryonen getötet werden, um Stammzellen für die Entwiklung neuer Medikamente und Therapien zu gewinnen? Welche unterstützende bzw. restriktive Rolle sollten Staaten mit Blick auf die Chancen und Risiken der Biotech-Industrie spielen?

Insbesondere in den USA als Wiege der Biotech-Industrie haben diese Zukunftsfragen bereits heute eine enorme politische Brisanz. Nach „abortion“ und „gay marriage“ ist „stem cell research“ zum neuen Symbol der tiefen politisch-moralischen Spaltung Amerikas geworden. So hat Präsident Bush 2001 zwar erstmals staatliche Fördermittel zur Forschung an einer begrenzten Anzahl embryonaler Stammzell-Linien freigegeben. Eine weitergehende Gesetzesvorlage des US-Kongresses zur Ausweitung dieser staatlichen Forschungshilfe wurde von Bush jedoch im Juli 2006 durch das erste Veto seiner Amtszeit zu Fall gebracht. Der Präsident kann sich dabei mit seiner auf den Schutz des ungeborenen Lebens ausgerichteten Stammzellenstrategie der politischen Unterstützung christlich-konservativer Wähler sowie der katholischen Kirche gewiss sein. Demokraten, aber auch moderate Republikaner wie Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, sind dagegen für eine massive staatliche Subventionierung der embryonalen Stammzellenforschung und haben das Thema bereits bei den jüngsten Mid-Term Elections gezielt zur Wählermobilisierung eingesetzt. So rief der durch schwere Parkinson-Anfälle geschüttelte Schauspieler Michael Fox in bewegenden TV-Spots dazu auf, bei den Kongresswahlen am 7. November für demokratische Kandidaten und damit für Stammzellenforschung zu stimmen.

Die Ergebnisse dieser politischen Auseinandersetzung haben zudem wichtige wirtschaftliche Implikationen. Analysten sprechen bereits vom „Great Stem Cell Race“, einem erbitterten globalen Wettrennen zwischen Biotech-Laboren in den USA, Europa und Asien um die Vorherrschaft in dieser Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts.1 Es geht dabei auch um viel Geld. So winken Bio-tech-Firmen, denen es als erstes gelingt, Medikamente zur Heilung von Diabetes oder Alzheimer auf den Markt zu bringen, Milliardengewinne.

Die USA haben im Vergleich zu Europa und Asien wesentlich früher das enorme medizinische und wirtschaftliche Potenzial dieser innovativen Schlüsselindustrie erkannt. Die amerikanische Biotech-Branche besteht nach wie vor aus zumeist kleinen bis mittleren Unternehmen, die schon seit den siebziger Jahren in den USA ideale Rahmenbedingungen für ihre Arbeit vorfinden. Hierzu zählen insbesondere die traditionell sehr enge Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Unternehmen sowie die Bereitstellung von milliardenschwerem Wagniskapital durch Venture Capitalists, gemeinnützige Stiftungen und einzelne US-Bundesstaaten. Bis heute gelten daher die Gegenden um San Francisco und Boston als die eigentlichen Biotech-Hochburgen der Welt.

Allerdings könnte Amerikas dominante Stellung in der internationalen Biotech-Industrie zunehmend unter Druck geraten. Forschungslabore in Singapur und China arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Stammzellen-therapien und werden dabei durch massive Subventionen ihrer Regierungen unterstützt. Europäische Länder und insbesondere Deutschland laufen unterdessen Gefahr, aufgrund scharfer gesetzlicher Restriktionen bzw. des Verbots der embryonalen Stammzellenforschung den Anschluss an die Biotech-Weltspitze zu verlieren. Die weitere Entwicklung der Biotech-Industrie ist sowohl unter strategisch-wirtschaft-lichen als auch politisch-moralischen Gesichtspunkten von großer globaler Bedeutung. Nationale und internationale Politik stehen hier vor der fundamentalen Herausforderung, rechtliche Rahmenbedingungen zu setzen, die einerseits den Bedürfnissen kranker Menschen und der Forschungsfreiheit Rechnung tragen, die aber andererseits auch klare ethische Fundamente berücksichtigen.

Die Biotech-Industrie in den USA

Untersucht man die ökonomische Bedeutung der Biotechnologie in den USA, besticht zuerst die dynamische Entwicklung dieser jungen Industrie. So ist auch 30 Jahre nach ihrer Gründung – 1976 wurde die heute zweitgrößte amerikanische Biotech-Firma Genentech in San Francisco eingetragen – das Wachstum der Biotech-Industrie in den USA ungebrochen. Die Marktkapitalisierung der 363 börsennotierten amerikanischen Biotech-Unternehmen erreichte Ende 2005 eine Rekordhöhe von 488 Milliarden Dollar, von denen jeweils gut 100 Milliarden Dollar auf die beiden Branchenführer Amgen und Genentech entfielen.2 Zudem wurden im Jahr 2005 von amerikanischen Biotech-Fonds nahezu sieben Milliarden Dollar an Wagniskapital aufgebracht und investiert. Große Übernahmen wie der Kauf von Chiron durch den schweizerischen Pharmakonzern Novartis für 5,1 Milliarden Dollar im Oktober 2005 sowie der Aufkauf von Abgenix durch den Branchenführer Amgen für 2,2 Milliarden Dollar im April dieses Jahres unterstreichen dabei den in der Branche schon länger anhaltenden Konsolidierungstrend.

Obwohl noch in den frühen achtziger Jahren deutsche Unternehmen wie Hoechst oder Bayer einen mit den USA durchaus vergleichbaren Forschungsstand aufweisen konnten, waren es amerikanische Firmen, die in Kalifornien und Massachusetts die Entwicklung und kommerzielle Verwertung neuer Biotechnologien konsequent vorantrieben. Nur sechs Jahre nach der Gründung von Genentech bekam 1982 der Pharmakonzern Eli Lilly von der amerikanischen Zulassungs-behörde FDA die Marktzulassung für das von Genentech entwickelte Diabetes-Medikament Humulin. Der dadurch ausgelöste Boom der Biotech-Industrie führte innerhalb weniger Monate zu den Börsengängen von Amgen, Biogen und Chiron – den bis heute führenden amerikanischen Biotech-Firmen. Trotz diverser Rückschläge und Konsolidierungsphasen, unter anderem nach den Börsencrashs 1987 und 2001, expandierte die Biotech-Industrie in den USA mit rasanter Geschwindigkeit. Begünstigt durch den Fortschritt in der Informationstechnologie kam 1990 am National Institute of Health (NIH) die erste Gentherapie zur Anwendung; 1998 wurden an der University of Wisconsin erstmals embryonale Stammzellen isoliert; 2000 folgte schließlich die Entschlüsselung des menschlichen Genoms durch Craig Venter.

Seit 2002 wächst die amerikanische Biotech-Industrie wieder mit großer Dynamik. Die stetig wachsende Zahl neu zugelassener Medikamente steigert nicht nur Börsenwert und Profitabilität der US-Branche, sondern führt auch zu weiteren Investitionen in Biotech-Unternehmen. So fand im Jahr 2004 die Zulassung der beiden neuartigen Krebsmedikamente Avastin (Genentech) und Erbitux (ImClone) viel Beachtung. Beide versprechen nicht nur enorme therapeutische Erfolge, sondern den Unternehmen als potenzielle „blockbuster drugs“ auch enorme Gewinne. Von den 230 im Jahr 2005 auf dem amerikanischen Markt zugelassenen Biotech-Medikamenten rangierten bereits acht auf der Liste der 20 umsatzstärksten Medikamente in den USA.

Das Zentrum der amerikanischen Biotech-Industrie bildet unverändert Kalifornien mit fast 400 Unternehmen, gefolgt von Massachusetts mit 250. Die vier wichtigsten Biotech-Firmen haben inzwischen die Größe mittlerer Pharmaunternehmen erreicht: Amgen beschäftigt momentan über 18 000 Mitarbeiter und erreichte im Jahr 2005 einen Umsatz von 12,4 Milliarden Dollar. Die im Mehrheitsbesitz von Roche befindliche Genentech folgt mit 10 500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 6,6 Milliarden Dollar. Das Quartett wird vervollständigt durch Genzyme mit 8200 Mitarbeitern und 2,7 Milliarden Dollar Umsatz sowie Biogen Idec mit 3340 Mitarbeitern und einem Umsatz von 2,4 Milliarden Dollar.

Nach wie vor zählt die schnelle Verwertung neuer Forschungsergebnisse zu den entscheidenden Stärken der amerikanischen Biotech-Industrie. Ende 2004 befanden sich 365 von amerikanischen Biotech-Firmen entwickelte Medikamente in der klinischen Testphase III, und für weitere 55 Medikamente war bereits die FDA-Zulassung beantragt. Dies und die Tatsache, dass die amerikanische Biotech-Industrie insgesamt wesentlich profitabler arbeitet als ihre Konkurrenten in Europa und Asien, veranlasst inzwischen viele erfolgreiche europäische Biotech-Unternehmen, ihre Forschung und Entwicklung in die USA zu verlegen. Besonders der schnelle und einfache Zugang zu Kapital ist für diese Unternehmen von enormer Bedeutung. So konnten im Jahr 2005 die über 1600 europäischen Bio-tech-Unternehmen lediglich 3,3 Milliarden Dollar an Kapital aufbringen, während den 1400 amerikanischen Firmen mehr als 16 Milliarden Dollar zuflossen. Bedeutende Erfolge in der Forschung und eine bemerkenswert hohe Zahl innovativer Medikamente resultieren in konstant steigenden Gewinnen und weiteren Investitionen. Dementsprechend können amerikanische Biotech-Unternehmen durchschnittlich fast dreimal so viel Geld in Forschung und Entwicklung investieren wie die europäische Konkurrenz.

Zudem strahlt vor dem Hintergrund der Krise in der klassischen US-Pharmaindustrie (Stichwort z.B. Vioxx-Skandal) der Stern der Biotech-Industrie besonders hell. Biotech ist die große Zukunftschance der amerikanischen Pharmaindustrie, deren eigene Forschungsabteilungen nur noch wenige Erfolge vermelden können; sie ist aber existenziell auf neue Medikamente angewiesen, um sowohl ihren Umsatz als auch die gewaltigen Vertriebsorganisationen aufrechterhalten zu können. An die Stelle eigener Forschungserfolge treten dabei zunehmend Kooperationen mit Biotech-Firmen bzw. deren Übernahme.

Embryonale versus adulte Stammzellen

Die grundsätzliche ethische Debatte in den USA zur Biotechnologie entzündet sich an der embryonalen Stammzellenforschung, welche seitens der Industrie mit Enthusiasmus vorangetrieben wird. Anlass dieser großen Hoffnungen ist die einzigartige Fähigkeit von Stammzellen, sich zu allen der ca. 200 verschiedenen im menschlichen Organismus vorkommenden Zelltypen entwickeln zu können.3 Stammzellenforscher hoffen, in Zukunft beschädigte menschliche Organe und Gewebe mit Hilfe von Stammzellen verbessern, reparieren oder ersetzen zu können. Von den „gewöhnlichen“, auf jeweils ganz bestimmte Aufgaben spezialisierten Zellen unterscheiden sich Stammzellen dadurch, dass sie sich auch über längere Zeit durch oftmalige Zellteilung vermehren können und dabei jederzeit die Fähigkeit behalten, einen oder mehrere Zelltypen zu bilden.

Der Unterschied zwischen embryonalen und adulten Stammzellen ist für das Verständnis der moralischen Kontroversen von fundamentaler Bedeutung: Embryonale Stammzellen kommen nur im frühen Embryo vor. Bislang  ist es  nicht gelungen, Stammzellen aus Embryonen zu entnehmen, ohne diese dabei zu töten, weshalb auch von „verbrauchender Embryonenforschung“ gesprochen wird. Adulte Stammzellen dagegen – die sich vor allem in Knochenmark, Hirn, Leber und Bauchspeicheldrüse konzentrieren – sind erst nach der Geburt im Organismus vorhanden und dafür verantwortlich, neue spezialisierte Zellen zu bilden. In Zellkultur haben jedoch adulte Stammzellen im Vergleich zu embryonalen Stammzellen ein deutlich geringeres Selbsterneuerungs- bzw. Differenzierungspotenzial.

Amerikas politisch-moralische Debatte

Im Kern geht es bei der erbitterten Auseinandersetzung um die embryonale Stammzellenforschung um die Frage, wann menschliches Leben beginnt und ob es zu rechtfertigen ist, Embryonen zu töten, um kranken Menschen zu helfen. Ein Teil dieser Problematik reflektiert dabei die polarisierte Abtreibungsdiskussion, welche Amerika bis heute in die unversöhnlichen „Pro-life“- und „Pro-choice“-Lager spaltet.

Bis 2001 durften in den USA keine staatlichen Fördermittel zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen verwendet werden. Biotech-Firmen und Universitäten konnten sich allerdings ungehindert mit Geldern aus privaten Quellen finanzieren. Im August 2001 machte Präsident Bush dann einen politischen Spagat, indem er zum ersten Mal die Freigabe staatlicher Gelder für die embryonale Stammzellenforschung genehmigte. Die Unterstützung wurde jedoch auf jene Stammzell-Linien beschränkt, die bereits vor dem 9. August existierten – mit der Begründung, dass diese Embryonen bereits zerstört seien. Von den ursprünglich 78 freigegebenen Stammzellen-Linien sind jedoch heute nur noch 15 bis 21 Linien überhaupt für Forscher frei zugänglich. Das liegt sowohl an der unter Laborbedingungen beschränkten Überlebensfähigkeit von Stammzellen als auch an Restriktionen im Zusammenhang mit dem Schutz geistigen Eigentums. Experten sorgen sich deshalb bereits zunehmend um Quantität und Qualität dieser vom NIH zentral verwalteten Stammzellen.

Der von Präsident Bush gefundene Kompromiss wurde wegen seiner inhärenten Restriktionen schon bald von Demokraten und moderaten Republikanern scharf attackiert. Die 1993 von der amerikanischen Biotech-Industrie in Washington gegründete Biotech Industry Association hat sich mittlerweile zu einer der einflussreichsten Lobby-Organisationen im Kongress entwickelt. So verabschiedete das US-Repräsentantenhaus im Mai 2005 mit 238 zu 194 Stimmen (fast alle Demokraten plus 50 Republikaner votierten dafür) einen Gesetzentwurf, der die Verwendung staatlicher Fördergelder zur Forschung an allen embryonalen Stammzellen, unabhängig vom Datum ihrer Entnahme, genehmigen sollte. Am 18. Juli 2006 stimmte dann der US-Senat mit 63 zu 37 Stimmen – darunter auch der konservative republikanische Mehrheitsführer und Arzt Bill Frist! – für den als „Stem Cell Research Enhancement Act“ betitelten Gesetzentwurf. Bereits einen Tag später brachte Präsident Bush das Gesetz jedoch mit dem ersten Veto seiner Amtszeit zu Fall, da die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit im Kongress zur Aufhebung des Vetos nicht zustande kam. Bush begründete seine radikale Ablehnung des Gesetzes mit der Überzeugung, dass auch die Hoffnung auf medizinische Fortschritte ein Töten unschuldigen menschlichen Lebens nicht rechtfertigen könne. Mit dieser Entscheidung stellte Bush die Weichen für eine weitere staatliche Mitsprache in diesem umstrittenen Forschungsbereich, setzte dem amerikanischen Forschungsdrang gesetzliche Grenzen und machte gleichzeitig den moralischen Standpunkt seiner Administration deutlich.

Umfragen des Pew Research Centers belegen, dass rund 56 Prozent der Amerikaner die embryonale Stammzellenforschung zur Entwicklung neuer Medikamente und Therapien unterstützen, während 32 Prozent sie zum Schutz der Embryonen aus moralischen Gründen ablehnen.4 Die Stammzellenforschung spaltet jedoch nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit, sondern auch die Republikaner. Während die Demokraten die Gunst der Stunde nutzen und sich – medienwirksam unterstützt durch Hollywood-Stars wie Michael J. Fox – einheitlich als Partei des Fortschritts bzw. der Forschungsfreiheit präsentieren, sind die Republikaner in zwei Lager geteilt.

Christlich-konservative Gruppierungen unterstützen die von Präsident Bush etablierten moralischen Restriktionen und fordern, wie auch die katho-lische Kirche, ein generelles Verbot der embryonalen Stammzellenforschung. So lehnte der neue katholische Erzbischof in Washington Donald Wuerl im Juli 2006 die embryonale Stammzellenforschung klar ab und warb für die Forschung mit adulten Stammzellen: „Wir sind die Hüter, nicht die Meister menschlichen Lebens.“5 Auch christlich-konservative Gruppen plädieren für die Förderung der adulten Stammzellenforschung als moralische einwandfreie Alternative. Prominente moderate Republikaner wie Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg oder die Präsidentenwitwe Nancy Reagan befürworten hingegen eine Ausweitung des umstrittenen Forschungsbereichs.6

„The Golden State“: Kaliforniens Sonderweg

Präsident Bushs Restriktionen betreffen jedoch nur die finanzielle Förderung der embryonalen Stammzellenforschung durch die amerikanische Regierung. Einzelne US-Bundesstaaten können weiter frei darüber entscheiden, ob sie diesen Forschungszweig unterstützen oder sogar völlig verbieten. Kalifornien nimmt dabei dank seiner weltweit einzigartigen Konzentration von Biotech-Firmen eine Sonderstellung ein: Seit Jahren fördert Gouverneur Schwarzenegger Kaliforniens Biotech-Industrie energisch, um Spitzenforscher wie Investoren in den „Golden State“ zu locken. Der Republikaner unterläuft damit erfolgreich die von Präsident Bush vorgegebene Politiklinie. Bereits 2002 verabschiedete Kalifornien als erster US-Bundesstaat ein Gesetz, das sowohl die embryonale Stammzellenforschung als auch Klonen ausdrücklich fördert. Darüber hinaus stimmte Kalifornien bei einer Volksabstimmung im November 2004 mit 59 Prozent für die von Schwarzenegger sowie namhaften Wissenschaftlern, Hollywood-Stars (darunter Ex-Superman Christopher Reeve) und Wirtschaftsgrößen (Bill Gates) unterstützte „Proposition 71“. Das Gesetz ermöglichte die 150 Millionen Dollar teure Errichtung des „California Institute for Regenerative Medicine“, das innerhalb von zehn Jahren durch Staatsanleihen finanzierte Fördermittel in Höhe von insgesamt zehn Milliarden Dollar für die embryonale Stammzellenforschung bereitstellen soll. Zum Vergleich: 2003 gab die Bush-Administration nur etwa 25 Millionen Dollar für die Stammzellenforschung frei.

Zwar haben in Kalifornien bislang gerichtliche Klagen der Gegner von „Proposition 71“ sowie organisatorische Probleme die Bereitstellung von Forschungsgeldern verzögert; dennoch konnte Gouverneur Schwarzenegger seine klare Unterstützung der embryonalen Stammzellenforschung sehr effektiv zur Mobilisierung von Demokraten und Unabhängigen bei seiner Wiederwahl im November 2006 nutzen. Dem Beispiel Kaliforniens folgend, wollen mittlerweile auch andere US-Bundesstaaten wie Wisconsin, New Jersey, Massachusetts und Texas vermehrt in die Stammzellenforschung investieren oder haben bereits Kapital bereitgestellt. Damit soll vor allem ein Abwandern ihrer Biotech-Forscher in den „Golden State“ oder ins Ausland verhindert werden.

Die Konkurrenz in Europa und Asien

Angesichts der derzeitigen amerikanischen Vormachtstellung auf dem Feld der Biotechnologie – sowohl in der Forschung wie in der kommerziellen Verwertung – scheint es auf absehbare Zeit wenig wahrscheinlich, dass Biotech-Unternehmen in Europa und Asien zu einer ernsthaften Konkurrenz der Amerikaner werden könnten. Zwar stehen den mehr als 1400 amerikanischen Biotech-Unternehmen insgesamt 1600 europäische Firmen gegenüber; doch die europäische Biotech-Industrie ist extrem fragmentiert, und die Unternehmen sind fast durchweg deutlich kleiner.

Die zweitgrößte Biotech-Industrie nach den USA befindet sich mit mehr als 500 Firmen in Kanada. Danach folgen Deutschland mit knapp 380 und Großbritannien mit 360 Unternehmen.7 Neben dem bereits diskutierten Problem des Kapitalmangels der europäischen Biotech-Industrie, den eine staatliche Förderung nicht auszugleichen vermag, wird die Forschung in Europa durch ähnlich vehemente ethische Debatten wie in den USA begleitet. In einigen europäischen Ländern wurden sehr restriktive Rahmenbedingungen geschaffen. Während in Großbritannien und außerhalb der EU, etwa in der Schweiz, sehr forschungsfreund-liche gesetzliche Regelungen für die embryonale Stammzellenforschung gelten, wird diese in Italien und Deutschland durch den Gesetzgeber massiv eingeschränkt bzw. verboten. Um so bemerkenswerter ist die Tatsache, dass deutsche Firmen im Jahr 2005 mit 247 Patentanmeldungen von Medikamenten mit biotechnologischem Bezug weltweit auf dem zweiten Platz rangierten, auch wenn die USA mit 722 Patentanmeldungen uneinholbar vorne lagen. Einheitliche EU-Standards sind unter diesen Umständen in absehbarer Zeit kaum zu erwarten. Daher verwundert es nicht, dass gerade die größeren europäischen Biotech-Firmen ihre Stammzellenforschung mehr und mehr in die USA oder nach Asien verlagern.

Die vieldiskutierte asiatische Biotech-Industrie zählt bislang nur etwa 150 Firmen in China und Hongkong sowie weniger als 100 Unternehmen in Indien. Massive staatliche Förderung für Biotechnologie-Unternehmen und das völlige Fehlen einer kritisch-ethischen Debatte bieten dort starke Anreize für Investoren. So hat der amerikanische Pharmariese Pfizer in Schanghai 175 Millionen Dollar in eine neue regionale Firmenzentrale investiert; die schweizerische Novartis unterhält eine Forschungskooperation mit dem staatlichen Shanghai Institute for Materia Medica, und der Basler Konkurrent Roche betreibt dort ebenfalls ein eigenes Forschungszentrum.

Dennoch wird der Aufbau einer eigenständigen chinesischen Biotech--Industrie zumindest mittelfristig durch zwei Probleme massiv behindert: Erstens ist der Schutz geistigen Eigentums in der Volksrepublik China nach wie vor nicht gegeben. Zweitens vollzieht sich Kreativität auch in der Biotech-Forschung vor allem in „Clustern“, also in direkter geographischer Nähe zu vielen anderen relevanten Forschern. Diese gibt es in der Bay Area um San Francisco oder in Boston, aber (noch) nicht in Schanghai oder Hongkong. Letzteres gilt auch für den Stadtstaat Singapur, dessen staatliche Wissenschaftsagentur seit dem Jahr 2000 den Ausbau eines „Biopolis“ genannten Biotech-Forschungskomplexes vorantreibt und dort bereits fast eine Milliarde Dollar investiert hat. Es bleibt offen, ob diese Strategie aufgehen wird und der Einkauf von Wissenschaftlern aus den USA und Europa mittelfristig zu einer erfolgreichen Biotech-Industrie führen kann. Selbst wenn dies gelingen sollte, so liegen Asien und Europa in der Biotech-Industrie dennoch sowohl quantitativ als auch qualitativ mindestens zehn Jahre hinter den USA zurück.

Zukunftsperspektiven

Trotz wachsender Konkurrenz aus Asien gilt: Der wissenschaftliche und ökonomische Vorsprung Amerikas in der Biotechnologie wird auf absehbare Zeit wohl unangefochten bleiben. Schwieriger zu beantworten ist jedoch die Frage, welche regulatorischen Rahmenbedingungen als Folge der weltweit geführten ethischen Debatte um Chancen und Risiken der Biotechnologie entstehen werden. Wird es in den USA selbst oder auch in Europa in absehbarer Zeit verbindliche Regelungen hinsichtlich der Grenzen für Forschung und Vermarktung geben, beispielsweise auf dem Feld der embryonalen Stammzellenforschung? Wie liberal oder restriktiv könnten derartige Regelungen aussehen? Wird Europa eher dem liberalen Vorbild der Schweiz bzw. Großbritanniens oder dem Beispiel Deutschlands und Italiens folgen? Könnten strenge, unter Umständen zentral in Brüssel koordinierte Einschränkungen dem Forschungsstandort Europa schaden?

Vergleichbare Überlegungen gelten für die amerikanische Debatte. Welcher Flügel wird sich innerhalb der Republikanischen Partei durchsetzen? Die Sozialkonservativen um Präsident George W. Bush oder der ethisch liberalere Wirtschaftsflügel um Gouverneur Arnold Schwarzenegger? Doch selbst für den Fall, dass in Washington oder in einzelnen Bundesstaaten restriktivere Regelungen in Kraft treten, könnte dies die Gesamtdynamik der amerikanischen Biotech-Industrie kaum ernsthaft behindern. Letztlich wird kein amerikanischer Politiker die Dominanz der eigenen Biotech-Industrie und damit das nationale Interesse der USA gefährden.

Ob es vor dem Hintergrund der ethischen Brisanz biotechnologischen Fortschritts in absehbarer Zeit gar ein weltweites Regime zur Etablierung globaler Bioethik-Standards geben wird, bleibt eine offene Frage. Doch sollte ein derartiges Übereinkommen je zustande kommen, dann nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Zum einen werden sich Länder wie China oder Singapur nur anschließen, wenn die Regelungen sehr viel liberaler ausfallen, als es konservativen Politikern in den USA und in Europa lieb sein dürfte. Zum anderen werden die USA keiner Vereinbarung zustimmen, die Amerikas Hegemonie in dieser strategischen Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts gefährden könnte.

Der Text gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder. Sie danken Ulrike Johann und Marvin Wölk für ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Artikels.

1 Siehe Robert L. Paarlberg: The Great Stem Cell Race, Foreign Policy, Mai/Juni 2005, S. 44–51.
2 Einen hervorragenden Überblick der Entwicklungen in der Biotech-Industrie geben die jähr-lich aufgelegten Berichte von Ernst & Young. Zuletzt erschien Beyond Borders. Global Biotechnology Report 2006; siehe: www.ey.com/beyondborders.
3 Siehe auch Website des US National Institute of Health (NIH): http://stemcells.nih.gov/info/faqs.asp.
4 Für eine komplette Übersicht der Umfragewerte siehe: www.people-press.org/commentary/display.php3?AnalysisID=111.
5 Weitere Meinungsumfragen können über das Pew Research Center konsultiert werden: www.pewresearch.org.
6 Archbishop Donald Wuerl: Ethical Reflections on Embryonic Stem Cell Research; siehe: www.adw.org/news/News.asp?ID=391&Year=2006. Interessengruppen, die eine aktive Stammzellenforschung befürworten, sind u.a.: Genetics Policy Institute (www.genpol.org), International Society for Stem Cell Research (www.isscr.org) oder Alliance for Stem Cell Research (www.curesforcalifornia.com). Diese Seiten bieten auch zahlreiche Hintergrundinformationen und weiterführende Links zu dem Thema.
7 Ein instruktiver Vergleich der amerikanischen und europäischen Biotech-Industrie findet sich bei Françoise Simon: The Transatlantic Outlook for the Biopharmaceutical Sector, in: Daniel S. Hamilton und Joseph P. Quinlan (Hrsg.): Deep Integration. How Transatlantic Markets are Leading Globalization, Washington und Brüssel: Center for Transatlantic Relations / Center for European Studies 2005, S. 91–108.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2006, S. 70‑79

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