01. März 2009

Land of the Free

Neun kalifornische Bilder und einige Tode

Wo keine Möglichkeit ausgeschlossen ist, weil nie eine einzige Wirklichkeit dominiert, wo auch scheinbar absurde Ideen eine Chance haben, weil man sich auch um solche Leute sorgt, die das anscheinend Absurde wollen, und wo die Gesellschaft umso lebendiger wird, je hartnäckiger ihr das Ende prophezeit wird: ein Streifzug durch Kalifornien.

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Die weichste Landung, die man je in einem Film gesehen hat, macht die TWA Super Constellation, mit der Tom Hagen, Pflegesohn und Consigliere von Vito Corleone, im ersten Teil des „Paten“ auf einem der Flughäfen von Los Angeles landet, ich vermute, es ist Burbank. Nur eine winzige Bremswolke zeigt sich für einen Moment. Es ist Tom Hagens Mission, in Hollywood die Karriere von Johnny Fontane, dem Frank Sinatra nachgezeichneten Patensohn von Don Vito, zurück auf Erfolgskurs zu bringen. Seit dem frühen 20. Jahrhundert und gewiss noch während der unmittelbaren Nachkriegszeit, wo der „Pate“ einsetzt, war Kalifornien für die Amerikaner vor allem Hollywood. Vom Taxi am Eingang abgesetzt, schreitet Tom Hagen mit der Juristen-Aktentasche an der Hand lange durch Schluchten von fensterlosen Studiogebäuden; nach einer ersten aufbrausenden Reaktion wird er vom Filmproduzenten Woltz, der offenbar erfahren hat, wer sein Auftraggeber ist, zum Abendessen in eine Villa in Beverly Hills eingeladen, von deren Dimensionen und hispanischem Charme auch die Reichsten der Ostküste nur träumen könnten. Dort unterbreitet er Woltz nüchtern und höflich, „ganz professionell“, wie wir heute sagen, eines jener Angebote des Paten, „die man nicht ablehnen kann“. Als Tom Hagen schon auf dem Flug zurück nach New York ist, wacht Woltz im Blut seines Lieblingspferds auf. Noch kontrolliert New York also Los Angeles. Der zweite Teil des großen amerikanischen Epos hingegen setzt in Nevada mit der Erstkommunionfeier von Michael Corleones Sohn ein, an dem Kalifornien gegenüberliegenden Ufer des Lake Tahoe. Die Familie hat ihr Geschäft nach Westen verlegt, wo in den späten fünfziger Jahren die Zukunft zu beginnen schien. Der dritte Teil des „Paten“ beginnt etwa 20 Jahre später mit der Feier der Aufnahme von Michael Corleone in einen päpstlichen Ritterorden. Macht und Kapital sind an die Ostküste zurückgekehrt.

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Die Bäume an der Pazifik-Küste südlich von San Francisco wachsen schief, weil der Wind immer inland weht. An den gleißend hellen Tagen, deren Licht süchtig macht, blinken sie silbern und grau in den Farben von Disteln, ähnlich den Rücken der Wale, die man während einiger Wochen des Jahres in der Ferne sieht, wie sie nach Norden und dann wieder nach Süden gleiten. Nichts außer den Walrücken ist hier weich oder lädt zum Schwimmen ein. Das verlassene Haus auf einer Anhöhe über dem Wasser ist wie in Zacken abgerissen, und auf dem Sand hinter der Brandung bleiben um die Jahreswende ausgewaschene Äste und Skelette von Fischen und Seelöwen liegen. Dies ist die Schönheit eines Endes der Welt, da fast der halbe Planet zwischen den grauen Silhouetten hier und der ähnlich grauen Küste von Japan liegt. Auf einer Landzunge, die tief in den unheimlich friedlichen Ozean ragt, schlafen reglos und schwer wie Steine, die freilich in Stundenabständen zucken und sich räkeln, ein paar Hundert Seeelefanten, mehr als ein Zehntel aller Seeelefanten, die es auf dem Planeten gibt. An gewissen Tagen wachen die männlichen Tiere auf, zerfleischen sich mit ihren Rivalen im Kampf um die Herrschaft über die besten weiblichen Tiere und lassen dann ihren Samen in die Weibchen ab. Landeinwärts neben der Autobahn, die von wenigen im Stil der dreißiger Jahre gebauten Brücken überkreuzt wird, stößt du zwischen den Hügeln auf Dörfer mit nicht viel mehr als 20 Häusern, umgeben von großen silbernen Speichern. Eines von ihnen heißt Pescadero und beherbergt ein Restaurant mit dem Namen der aus Portugal eingewanderten Familie Duarte, die hier seit einem guten halben Jahrhundert solide Fischgerichte serviert.

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Wenn etwas meinen neuen, von einem rhetorisch leider sehr überzeugenden Arzt auferlegten Status der Nichtrauchers gefährden kann, dann ist es jene Krankenschwesterattitüde, mit der mir Kollegen, Kellner und Studenten, ja sogar, ganz gegen ihr eigenes Geschäftsinteresse, Tankwarte gratulieren, bei denen ich jetzt nicht mehr jene aberwitzig teuren Zigaretten kaufe, indem sie „good for you“ sagen. Das sagen sie mit einem pädagogischen Schwung in der Stimme, der nach einem Ausrufezeichen verlangt, und damit meinen sie „gut gemacht“, als hätte ich gerade in der ersten Grundschulklasse einen Buchstaben zum ersten Mal richtig geschrieben, was noch schlimmer ist, als wenn sie mir, wie man ja vom Deutschen kommend zunächst vermuten würde, bestätigen wollten, dass Nichtrauchen „gut für meine Gesundheit“ sei. Ich fühle mich tatsächlich zum Lügen getrieben, veranlasst zu behaupten, dass ich ja in Wirklichkeit weiter rauche, weil mir das Leben unerträglich sei und ich gerne an Lungenkrebs sterben möchte, wie es mir auch in den Sinn kommt, mit einer Geste zu reagieren, die dem Prankenschlag eines verrückt gewordenen Eisbären ähnelt, sobald mich jemand, den ich auf dem Weg zum Parkplatz am Abend nicht zurückgrüße, weil ich müde bin oder ihn einfach nicht gesehen habe, mit Krankenschwestersorge fragt: „You ok?“ Echte Kalifornier sind beständig umeinander besorgt. Doch während ich mich meistens überhaupt nicht identifizieren kann mit dieser allgemeinen Sorge und der durch sie geschaffenen Adressatenrolle, finde ich sie doch manchmal auch wärmend und sympathisch. Zum Beispiel, wenn die spindeldürre Li, nachdem ich mein Seafood Sandwich bezahlt habe, „take care of yourself“ sagt. Natürlich wird sie mir nicht nachtrauern, wenn ich drei Minuten später überfahren werde (aber wer würde sich denn je so langsam bewegen, dass er von einem kalifornischen Auto überfahren werden könnte?), natürlich wird sie mir nicht nachtrauern eines Tages, aber der Klang ihrer Worte freut mich, ganz ohne Frage nach ihrer Zuverlässigkeit. Kalifornier sind wirklich umeinander besorgt. Ob es dem anderen gut geht und ob man ihm zu nahe tritt, wollen sie wissen oder wenigstens ahnen, es ist, als ob jeder und jede einer anderen Minderheit angehörte, die man jedenfalls schützen und schonen will. So sieht die Welt des absoluten Einwanderungslandes aus, wo niemand ein Fremder sein oder die Rechte von Ureinwohnern oder Mehrheiten in Anspruch nehmen darf. Alle und alles sollen ihr Recht haben, selbst die Tiere und die Dinge, im Alltag gilt das viel mehr noch als in der Gesetzgebung des Staates, dass keiner Minderheit sein oder Neu-Kalifornier bleiben kann. Sobald du ankommst, bist du Voll-Kalifornier, und alle anderen Kalifornier scheinen zu wollen, dass du dich wohl fühlst, nikotinfrei und freundlich zurückgrüßend.

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Tegtmeiers kamen ihren Untermieter in Kalifornien besuchen, als der sich damals gerade frisch in seine Stipendienheimat verliebt hatte. Schon die Bremsbeläge des Mietwagens weckten Skepsis, und dass es Straßen mit nicht behobenen Schäden gab, ging deutlich über ihre Toleranz hinaus. So hatten sie sich die Zukunft nicht vorgestellt, auch nicht ohne staatliche Krankenversicherung, und alles an ihrer Reaktion wurde schließlich unumkehrbar, enttäuscht und schmerzhaft für den frisch verliebten Stipendiaten, als zum ersten Mal während ihres Aufenthalts der Strom ausfiel. Tatsächlich muss die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in Kalifornien so niedrig sein wie in Ruanda, stelle ich mir vor, und wer weiß, ob ich nicht Ruanda mit dieser Vermutung Unrecht tue. Es kommt ja wirklich manchmal vor, dass man sich noch etwas Arbeit für den ganz frühen Morgen übriggelassen hat und dann aufwacht, ohne das Licht zum Scheinen und den Computer zum Schreiben bringen zu können. Erdbeben hätten die Tegtmeiers akzeptiert, aber nicht diesen langanhaltenden Blackout. Mit Recht, wird man hier objektiv sagen müssen, und so flogen sie also deutscher denn je in die Heimat zurück, nachdem auch die Transvestiten-Show von San Francisco keinen Vergleich aushielt mit St. Pauli oder gar dem Dortmunder Steinplatz. Amerika hatte es da eben doch nicht größer und besser, was sich nur bestätigte, als einer der Stars in der wirklich eher harmlosen Show fragte, von wo denn die Gäste kämen und gar nichts anfangen konnte mit dem Namen „Recklinghausen“. Im Vergleich zu Recklinghausen wurde ihnen Kalifornien also zu allemal tiefer Provinz, und da war etwas dran, musste sich der verliebte Stipendiat zähneknirschend eingestehen.

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Haben Sie schon „Milk“ gesehen, den neuen Film mit Sean Penn, in dem es um die frühe Geschichte der Schwulenbewegung von San Francisco geht, während der siebziger Jahre, als die „Castro“ genannte Gegend der Stadt zu einem Zentrum des Lebens für homosexuelle Männer wurde, zu einer selbstbewussten, freundlichen Welt, die sich dann für fast zwei Jahrzehnte, bis zum Beginn der Aids-Epidemie, in eine Euphorie über ihr eigenes Gelingen feierte? Harvey Bernard Milk, der dem Film seinen Namen gab, hatte ein Geschäft für Fotozubehör und fühlte sich zur Kandidatur für den Posten eines Supervisors in der Stadtverwaltung berufen, weil er entschlossen war, seine Homosexualität so offen zu zeigen, dass sie für alle unwiderstehlich annehmbar werden musste. Was einem aus individueller Perspektive manchmal zu viel werden kann, nämlich die kalifornische Sorge so vieler anderer um die eigenen Interessen und das eigene Wohlbefinden, kann man jetzt, dank „Milk“, als die wichtigste Bedingung für die Entstehung des schwulen Castro verstehen. Denn erstaunlich schnell ging es damals einer Wählermehrheit in San Francisco auf, dass Homosexuelle – wie jede andere Minderheit – ein zunächst moralisches Recht hatten, ihre eigenen Lebensformen zu wollen und zu verkörpern. Die Plastizität jener Gesellschaft, ihre Bereitschaft, dominierende Werte zugunsten einer Minderheit umzustellen, suchte damals ihresgleichen in der Welt, was die Tegtmeiers derselben Welt vor lauter Straßenschäden und Blackouts übersahen. Allerdings setzte diese soziale Plastizität ohne dominierende Mehrheit und Ersteinwohner immer schon ein Opfer voraus, an das sich niemand mehr erinnert. Im späten 19. Jahrhundert wurde Ishi, offenbar der letzte Überlebende einer Nation, die Jahrhunderte lang in den nördlichen Landschaften des heutigen Kalifornien gelebt hatte, ohne Widerstand festgenommen. Man ernährte ihn einige Tage und übergab Ishi dann der Verwaltung der University of California in Berkeley, wo er als ein Ausstellungsstück des entstehenden Museums für Anthropologie registriert wurde, kleine Auftritte für kleine Gebühren bestritt und ein paar Jahre überlebte, bis er an einer Grippe starb, deren Erregern sein Körper nichts entgegenzusetzen hatte. Harvey Milk und George Richard Moscone, jener Bürgermeister von San Francisco, der sein politisches Talent erkannt und ihm zu erheblichem Einfluss verholfen hatte, wurden beide am Morgen des 27. November 1978 von Dan White erschossen, einem gewählten und dann zurückgetretenen Mitglied der Stadtverwaltung, dessen Motive nie ganz aufgeklärt wurden, und der mit einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren davonkam, um sich dann zwei Jahre nach der Begnadigung umzubringen. Man nennt hier solche sehr kalifornischen Tode „tragedy“, betrauert sie ebenso schnell wie wirkungsvoll auf lokalen Fernsehprogrammen und sehr öffentlichen Beerdigungen und lebt dann weiter („you move on“). „Moving on“ ist eine andere kalifornische Stärke, eine Stoik, die nichts von sich selbst weiß, so wie ja auch jene „tragedies“ nicht die Spannung und Paradoxien alter Tragödien haben, sondern einfach Biografien sind, die sich gegen alle didaktisch-ehrgeizigen Sinngebungen sperren.

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Wenn man von San Francisco über den erhabenen Bogen der Golden Gate Bridge in ihrem roten Anstrich nach Norden und ein wenig Richtung Landesinneres fährt, wird aus der Autobahn bald eine bescheidene Landstraße, die durch ordentliches Farmland führt. Seit der Mechanisierung einiger Arbeitsgänge, vielleicht vor einem halben Jahrhundert, hat sich hier wohl nicht viel verändert, das bestätigen die Autos, meist Pick-up-Trucks mit Halbtonner-Ladefläche. Dann stößt die Landstraße auf einen historisch ausstaffierten Zug, der entlang jener 50 Meilen pendelt, über die sich die berühmten Weingärten von Napa Valley erstrecken. Auch dort sieht man ruhige Ordnung und dieselbe bewährte Technologie, in der sich der erste Eindruck einer forcierten Touristenzuwendung bald verflüchtigt. Wohl bestellt sehen die riesigen Weingärten aus (oder soll man sie Wein-Felder nennen?), und die Güter, die gelassen Weinproben und Verkauf in kleinen Mengen anbieten, müssen immer schon hier gewesen sein. Längst ist der kalifornische Wein ja bei den internationalen Auktionen an die Seite der Traditionsprodukte gerückt, und doch sind viele der Güter weiter in der Hand der Familien, die sie gegründet haben. Nirgends sehen Kalifornien und Amerika solider aus als hier, wo überall die Westküsten-Version von old money durchschimmert, konsolidiert über viele Generationen, die stolz darauf waren, einem sehr elementaren Beruf immer neue Differenzierungen abzugewinnen, und die das Wort „Stress“ wohl nur aus orthopädischen Diagnosen kennen. Viele Nachkommen von denen, die seit dem 19. Jahrhundert hier Wein angebaut haben, leben in San Francisco, es sind die klassischen italienischen Familien der Stadt. Manche von denen, die hiergeblieben sind, um das Weinland zu pflegen, unterhalten kleine Pensionen und exklusive estates, wo die Gäste kalifornische mit den allerseltensten französischen Weinen vergleichen können oder lernen, Croquet zu spielen, den Sport der englischen und französischen Aristokraten im 17. Jahrhundert. Wer sie nicht von innen kennt, würde den Gebäuden und Geländen kaum ansehen, wie schön sie sind und wie teuer es sein muss, ein Wochenende dort zu verbringen. Fast einen kalvinistischen Stil tiefgestapelter Solidität pflegen die ganz reichen Kalifornier, die schon vor Silicon Valley hier waren – aber natürlich ist new money jederzeit herzlich willkommen. Sichtbare soziale Schranken oder Hierarchien gibt es nicht einmal zwischen den obersten Schichten.

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Leland Stanford war von 1861 bis 1863 Gouverneur von Kalifornien für die Republikanische Partei von Abraham Lincoln. An der Finanzierung und Organisation des transkontinentalen Eisenbahnbaus war er entscheidend beteiligt. Als seine Frau Jane Elizabeth Lathrop Stanford schon über 40 Jahre alt war, gebar sie den einzigen Sohn des Paares, Leland Jr., der umgeben vom unermesslichen Reichtum der Eltern und getragen von ihrem Ehrgeiz das Leben eines Kronprinzen lebte. 1884, in seinem 16. Lebensjahr, schickten die Stanfords Leland Jr. auf eine Europa-Reise, bei der er in der Türkei an Typhus erkrankte und in einem Haus am Arno-Ufer in Florenz starb. Verzweifelt suchten die Eltern mit dem anscheinend ins Jenseits entrückten Sohn Kontakt aufzunehmen und waren am Ende überzeugt, dass ihnen dies bei einer spiritistischen Sitzung in Paris gelungen sei. Auf die Frage, was sie zu seinem Gedächtnis ins Werk setzen sollten, hatte ihnen Leland Jr. aufgegeben, „a university for poor kids“ zu gründen. Die Eltern wählten für das Projekt ein Terrain auf der Halbinsel zwischen San Francisco und San José, wo der Gouverneur bis dahin Trabrennpferde hatte züchten lassen. Mit der Entwicklung eines Plans für den neuen Campus beauftragten sie den Architekten Frederick Law Olmsted, der den Central Park in New York und zahlreiche Universitätsgebäude entworfen hatte, und es gelang ihnen auch, mit riskant hohen Gehältern eine Phalanx von Professoren in den damals noch so fernen Westen zu locken.

Dennoch glaubte niemand, dass es neben den etwa 400 Studenten, die auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco in Berkeley eingeschrieben waren, noch eine relevante Zahl von Studierwilligen im Staat geben könne. Die größte Überraschung in der Geschichte der Leland Stanford Jr. Memorial University waren deshalb die 400 Studenten, die sich für das erste Studienjahr 1891/92 meldeten, ohne dass die Studentenzahl in Berkeley zurückging, unter ihnen als erster Herbert Hoover, der in den späten zwanziger Jahren zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte. Über gute 50 Jahre war Stanford eine solide Universität, die vor allem durch ihre ausgezeichnete Football-Mannschaft von sich reden machte. Dann gewann eine Generation von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Wirtschaftswissenschaftlern ihrer Universität nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs internationale Reputation. Zwar gibt es – außer dem Verweis auf den hohen Anteil von Kriegsveteranen, die damals in Stanford auf Regierungskosten studierten – keine allgemein akzeptierte Erklärung für diese Leistungsexplosion, doch es ist klar, dass aus ihrer Dynamik Silicon Valley entstand, um die Welt elektronisch zu revolutionieren. Heute hat sich Stanford unter den besten Universitäten der Welt etabliert, als eine besonders arbeitsintensive und ernste Institution, deren manchmal an Euphorie grenzendes Selbstbewusstsein immer noch vom Erfolg der Studenten und Professoren abhängt. „Stanford is as good as Harvard, Princeton or Yale, without the attitude“, sagte der Philosoph Richard Rorty, der seine akademische Laufbahn dort abschloss und dort auch starb. Er meinte, dass in Stanford die soziale Herkunft keine Rolle für das Verhältnis der Studenten untereinander spiele. Gerne demonstriert die Universität mit allerhand Statistiken, wie beliebt sie unter den Höchstbegabten aus Minderheitengruppen ist. Hier muss man soviel von Minderheiten reden, weil es niemandem erlaubt ist, in der Minderheit zu sein. Kein Wunder also, dass der Aufstieg von Silicon Valley nicht bloß eine technologische, sondern, was die neuen, nicht hierarchischen Formen der Zusammenarbeit und die Herkunft der jüngsten Milliardäre angeht, auch eine soziale Revolution war, freilich eine selten erwähnte.

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Hollywood, Castro, Silicon Valley, in drei nachhaltigen Wellen mindestens: mit dem Film, der Schwulenbewegung und der elektronischen Technologie (hinzu kommen Hunderte anderer Erfindungen und Trends) hat Kalifornien im 20. Jahrhundert das Lebensgefühl des Menschseins verändert. Jetzt mag eben dieses Lebensgefühl mit der Weltwirtschaftskrise, deren Effekte und Ende noch niemand absehen kann, an den Beginn seines Endes geraten zu sein. Sollte sich die amerikanische Wirtschaft je wieder erholen, dann nicht mehr mit Silicon Valley, las ich neulich, ohne diesen Satz ganz zu verstehen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, als Kalifornien noch vor allem Versprechen war, hat eigentlich jede internationale und nationale Krise Anlass geboten, Kaliforniens Ende vorherzusagen – und auf taube Ohren stoßen solche Prognosen an der pazifischen Küste weiß Gott nie. Man rechnet hoch, unter welchen Bedingungen Silicon Valley implodieren oder Stanford zahlungsunfähig werden könnte, und die Weinlese in Napa Valley steht ohnehin schon seit einigen Jahren unter der Prognose vielfältiger Gefahren der globalen Erwärmung. Über all diese Szenarios wird so aktiv und leidenschaftlich nachgedacht, dass der ermutigende Eindruck entsteht, die jeweils letzte Krise sei nichts als ein Anlass zu produktiven internen Reformen. Das ist auch 2009 der Fall – und vielleicht die globale Ausnahme in unserer unerhörten Gegenwart. Nordkalifornien hat ja schon seit jeher unter der Drohung eines dramatischen Endes gelebt, und diese Drohung eines vernichtenden Erdbebens ist statistisch wohl immer noch wahrscheinlicher als die einer wirtschaftlichen Totalimplosion. Wieso, hörte man nach dem letzten großen Erdbeben im September 1989 fragen, wieso ist die Gegend um San Francisco dennoch eine der begehrtesten Wohngegenden der Welt? Eigentlich kann das nicht „trotz“, sondern nur „wegen“ dieser Gefahr der Fall sein. Vielleicht bedarf eine Gesellschaft, deren Prinzip Plastizität als jederzeitige Bereitschaft zu strukturellem Wandel ist, einer permanenten Herausforderung, um in permanenter Reaktion auf sie bestimmte Formen statt anhaltender Beliebigkeit von Formen zu finden, eine Vielzahl von bestimmten Formen statt ihrer permanenten Absenz. Und vielleicht braucht eine Gesellschaft als Gegengewicht zu solcher Beweglichkeit die gekonnte Ruhe von Napa Valley und auch die von Escalon, einem Städtchen an der Straße zum Naturpark von Yosemite, das sieben Kirchen hat und gewiss an jedem Sonntagmorgen füllt, plus eine Highschool-Footballmannschaft, auf die man dort, falls Inschriften und Plakate entlang der Hauptstraße ein Indiz sind, sehr stolz ist, weil ja außer Sieg und Niederlage an Freitagabenden nichts auf dem Spiel steht in Escalon.

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Die Meinung, es gebe keinen Wechsel der Jahreszeiten in Kalifornien, ist die Blindheit derer, die ohne Schneematsch nicht leben können. Ich selbst hänge vor allem am Herbst, den ich mit Football verbinde, so wie für andere mit Baseball der Frühling beginnt. Es ist nicht ungewöhnlich, sich noch im November bei Spielbeginn am frühen Nachmittag darüber zu ärgern, dass man ein schwarzes T-Shirt anhat, weil die Hitze unter einer anderen Farbe weniger spürbar wäre. Fast vier Stunden später, unter dem Himmel der frühen Nacht, freue ich mich über den Pullover auf der Haut und glaube, dass mein Atem kleine Wolken in die Luft schickt. Wir warten auf die Spieler, die noch in Spielkleidung aus der Kabine kommen, um ihnen zu gratulieren, sie wissen zu lassen, dass wir ihre Niederlage nicht übel nehmen oder, im schlimmsten Fall, schweigend einfach da zu sein. Diese plötzlich so kühlen Abende, die nach Baumrinde riechen, auch nur für eines der mir bleibenden Jahre zu vermissen, wird schwer sein. Ich ahnte die unaufhebbare Fixierung auf den Ort schon, als ich zum ersten Mal hier war, halb so alt wie heute. Ganz konzentriert auf Kalifornien war ich und wie unansprechbar, sagte meine Familie. Vielleicht habe ich den Sog einer Kultur gefühlt, in der wirklich keine Möglichkeit begrenzt oder gar ausgeschlossen ist, weil nie eine einzige Wirklichkeit auf Dauer dominieren darf, wo auch solche Ideen und Initiativen eine Chance haben, sich durchzusetzen, die noch ganz absurd aussehen, weil man sich auch um solche Kalifornier sorgt, die das anscheinend Absurde wollen. Man muss sich erfinden hier, sich selbst erfinden statt der Welt, und noch dies nicht zu tun, ist eine Lebensform, die man wählt, weil, wo nichts festgelegt ist, niemand an der Freiheit vorbeikommt. Über mein Leben hinaus möchte ich am Pazifik bleiben.

Prof. Dr. HANS ULRICH GUMBRECHT lehrt als „Albert Guérard Professor in Literature“ an der Stanford University.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, März 2009, S. 36 - 46.

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