01. März 2013
Essay

Messi kam nur bis Mexiko

Von der überaus eigensinnigen Geopolitik des Sports

Italienische Fußballmannschaften mauern, brasilianische zaubern, deutsche kämpfen. Wirklich? Und wenn es so wäre: Was würde das beweisen? Warum war die Expansionsstrategie der FIFA in Asien ebenso erfolgreich, wie sie in Nordamerika gescheitert ist? Und was noch mal war „Steineheben“? Körperertüchtigung und Kartografie: ein Versuch.

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Es ist nur wenige Jahre her, seit eine Konvention, ja fast eine Verpflichtung der Intellektuellen zu verblassen begann, über den Sport, vor allem über die bei den Zuschauern beliebtesten Sportarten, (je nach Perspektive) altklug oder herablassend zu reden. Die gängigen Kommentare konvergierten hinter dem immer wiederkehrenden Vorzeichen, dass Sport „eigentlich etwas ganz anderes“ sei – welche Wahrheit dabei auch immer als vorausgesetzt galt.

Nie werde ich den Samstagnachmittag vergessen, als Jean-Marie, ein französischer Kollege und Freund, endlich meinen durchaus missionarischen Über­redungsanstrengungen nachgegeben hatte und mich zu einem American Football-Spiel in der College-Liga begleitete. Er verfolgte die Anfangsphase mit überraschender Aufmerksamkeit – beinahe dachte ich, das sei der Beginn einer kleinen Leidenschaft –, um sich dann zur Halbzeit mit der gut gemeinten Bemerkung zu verabschieden, dass dies alles ja eigentlich nicht mehr sei als eine Allegorie auf den Kapitalismus. Ob ich denn nicht sehen könnte, wie es immer nur und immer wieder um die Eroberung und Besetzung von Räumen gehe (was den Football, nebenbei bemerkt, eher zu einer Allegorie des Imperialismus als des Kapitalismus macht – aber das steht auf einem anderen Blatt).

Jean-Maries altkluge Durchblicker-Geste war zwar ein wenig anspruchsvoller, aber strukturell äquivalent mit der früher selbstverständlichen Unterstellung, dass sich unter der Leidenschaft der Sportfans immer und ausnahmslos ein Bedürfnis nach Kompensation verbergen müsse, Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen vor allem, von wirtschaftlichem und beruflichem Misserfolg, ja im Notfall sogar von sexueller Frustration oder Liebeskummer. Zu dieser aggressiven Herablassung passte, als Komplementärdiskurs sozusagen, eine Sportbegeisterung, die so abgegriffen war wie der Einband einer von mehreren Generationen benutzten Lateingrammatik.

„Mens sana in corpore sano“ stand schon über dem Haupteingang meines Gymnasiums; und bis zum Ende des Kalten Krieges gehörte es zu den besonders wohlfeilen Gemeinplätzen der sozialistischen ebenso wie der kapitalistischen Welt, „Charakterbildung“ vom Sport zu erwarten. Dies war der Geist, der bis in die späten achtziger Jahre über den Olympischen Spielen und in ihren bedeutungsschweren Symbolen hing – aber auch über den nicht sehr langlebigen Weltspielen der Arbeiterklasse im frühen 20. Jahrhundert.

Das Stadion als Gegenstand der ästhetischen Erfahrung

Inzwischen ist die Sportstimmung von den Chefetagen über die Rechtsanwaltskanzleien bis hin zu den Oberseminaren in eine neue Tonalität umgeschlagen. Während Sportenthusiasten dort früher nur während der kurzen Auszeiten von Fußballweltmeisterschaften und Olympiaden den Schleier ungerügt lüften konnten, der sonst vor ihrer Leidenschaft hing, gilt heute eher als verknöchert, wer nicht mit Kompetenz und vernünftiger Begeisterung den letzten Spieltag der Bundesliga oder der Champions League zu kommentieren vermag.

Noch hat es sich zwar nicht ganz durchgesetzt, explizit von Stadien oder Sportsendungen als Gegenstand der ästhetischen Erfahrung zu reden, doch die entsprechende Einstellung hat sich längst etabliert. Man sieht sich Sport (im Sinn von Immanuel Kant) „interesselos“ an, das heißt: distanziert gegenüber den auf eigenen Gewinn abgestellten Intentionen und Strategien des Alltags, und zugleich wird unterstellt, dass die durch solche Distanz vom Berufsleben abgesetzte und intrinsisch sehr komplexe Welt des Sports ihr eigenes Expertentum und ihre eigenen Formen des Urteilens verdiene. Spezialwissen und Urteilskraft haben Identifikation, Kompensa­tion und Charakterbildung als Erwartungen gegenüber dem Sport ersetzt und machen die Rolle des neuen Fans zu einem tendenziell intellektuellen Part.

In dieser neuen Umgebung ist mittlerweile klar geworden, dass auch und gerade Berufsathleten den Motivationshorizont ihres möglichen Einkommens ausblenden müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Um die spielinterne Intention zu erfüllen und beim Torschuss auch wirklich zu treffen, muss Lionel Messi vorübergehend die daraus erwachsenden finanziellen Bewegungen vergessen können. So wird auch verständlich, warum die klassischen Interpretationen des Sports und der Sportbegeisterung als „eigentlich etwas anderes“ nun plötzlich so unerträglich altmodisch wirken. Denn heute ist der Sport das, was er ist – eine Wirklichkeit auf Distanz zum Alltag.

Nach der von Uruguay gewonnenen Südamerika-Meisterschaft im Fußball 2011 fragte ich einen Taxifahrer in Montevideo, wie es zu erklären sei, dass ein Land mit kaum drei Millionen Einwohnern seit fast einem Jahrhundert an der Weltspitze mitspielt, und er antwortete schnell, kurz und feierlich: „Amor a la camisa“ – Liebe zum Nationaltrikot. Eine Antwort in dieser altväterlichen Tonlage dürfte unter den neuen Sportintellektuellen als ähnlich „unterkomplex“ gelten wie die (vulgär-)marxistische Unterstellung, dass die Torproduktion von Lionel Messi eine direkte Funktion seines beneidenswerten Einkommens sei.

Ebenso skeptisch sind wir gegenüber der Unterstellung geworden, der Sport sei offen für alle Arten politischer Manipulation und wirtschaftlicher Profitmaximierung. In Wirklichkeit gelingt es selbst den skrupellosesten Diktatoren kaum einmal, ihre Lieblingsmannschaften auch nur die Landesmeisterschaft einigermaßen „unauffällig“ gewinnen zu lassen. Denn heute ist der Sport vom beruflichen, wirtschaftlichen und politischen Alltag durch dieselbe Distanz abgesetzt wie die klassischen Gegenstände ästhetischer Erfahrung, und die internen und externen Folgen dieses Verhältnisses (auch für die Einflussmöglichkeiten von Politik und Wirtschaft) kennen wir noch kaum – im Gegensatz zu jenen Zeiten, als man Gewissheit zu haben glaubte über das jeweils ganz Andere, das der Sport repräsentieren sollte.

Sportarten oder die sie ausübenden Nationalmannschaften betrachten wir gerade nicht mehr als „Ausdruck“ von Nationalcharakteren oder von bestimmten historischen und kulturellen Situationen. Aber wie können wir uns sonst zu ihnen verhalten? Wie könnte eine „Geopolitik des Sports“ unter den gewandelten sportintellektuellen Voraussetzungen der Gegenwart aussehen – und wie wird man den neuen soziologischen und epistemologischen Eigenheiten des Sports einigermaßen gerecht? Wie kann man den Sport intellektuell fassen, der auf Distanz zu dem ihn umgebenden Alltag gesetzt ist, während er zugleich von diesem Alltag abhängig ist, auf ihn reagiert und zurückwirkt?

Künstler und Kämpfer

Dass brasilianische Fußballer dazu berufen seien, mit einer barocken Sinnlichkeit von Bewegungen und Pässen nicht nur die Herzen der Zuschauer, sondern auch Weltmeisterschaft über Weltmeisterschaft zu gewinnen, wirkte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie ein Naturgesetz, das im brasilianischen Nationalcharakter angelegt sein sollte. Ähnlich, so dachte man, hatten die schweißtreibenden Anstrengungen der deutschen Nationalseele und ihrer Nationalmannschaft zwar weniger Herzen gewonnen, aber fast ebenso viele internationale Erfolge. Im gleichen Sinn schien es plausibel, dass England den vom Körpereinsatz her intensivsten Fußball spielte, und die Schweiz ihren „Riegel“ erfunden hatte, die berühmteste Abwehrstrategie aller Zeiten.

So weit, so gut – aber wie steht es dann mit den oft berauschenden Vorstellungen niederländischer Nationalmannschaften seit den frühen siebziger Jahren? Lassen sich solche Vorstellungen wirklich als Ausdruck einer Nation verstehen, deren Identität von ernsten protestantischen Bankiers geformt wurde? Und wie steht es mit dem Offensiv-Minimalismus der italienischen Nationalteams und ihrer Liga (der „Serie A“), wie steht es mit der berüchtigten Abwehrkette des „Catenaccio“ – lassen sich diese Phänomene mit unserem Bild vom Land Giuseppe Verdis auf einen Nenner bringen?

Der bis heute erstaunlich beliebte Diskurs von den nationalen Fußball-Stilarten als Ausdruck von Nationalcharakteren bezog sich schon immer auf einen intellektuell prekären Hintergrund. Dabei können diese ja ohne Zweifel existierenden Nationalstile meist ohne großen Aufwand viel überzeugender erklärt werden. Sie scheinen fast immer auf Innovationen zurückzugehen, die von herausragenden Trainern entwickelt wurden und dank außergewöhnlich talentierter Spieler zu einem bestimmten historischen Moment unmittelbar und sichtbar erfolgreich waren, weshalb sie schnell einen nachhaltigen Grad von Institutionalisierung erreichten.

Der von Rinus Michels erfundene „Fußball total“, bei dem zum ersten Mal Abwehrspieler wie Johan Neeskens vorübergehend Offensivrollen und Angreifer wie der große Johann Cruyff Defensivfunktionen übernahmen, brachte Holland innerhalb weniger Jahre an die Weltspitze. Der „Catenaccio“, dessen Grundform der Argentinier Helenio Herrera aus der Schweiz nach Italien mitgebracht hatte und dort mit Spielern wie Facchetti oder Burgnich zur perfekten Abwehr entwickelte, machte Inter Mailand – wenige Jahre vor dem großen Aufbruch des niederländischen Fußballs – zwei Mal zum Gewinner des Europacups der Landesmeister (dem Vorläufer der heutigen Champions League). Und selbst der deutsche Fleißfußball der Vergangenheit hatte seinen historischen Ursprung in einer Trainergestalt, dem sagenumwobenen Sepp Herberger, der mit einer Spielergeneration von Kriegsteilnehmern und Halbamateuren 1954 sensationell die Weltmeisterschaft gewann.

Ein ähnlich konzertierter Fußballumbruch wie in den niederländisch-italienischen siebziger Jahren vollzieht sich offenbar in unserer Gegenwart. Beim FC Barcelona hat der junge Trainercharismatiker Pep Guardiola Tendenzen des One-touch-Soccer zu einer neuen Vollkommenheit und ästhetischen Qualität entwickelt, welche die Grundlage für bisher zwei Europameisterschaften und die erste Weltmeisterschaft des spanischen Nationalteams bildeten. Die einzige qualitativ vergleichbare, allerdings bisher weit störungsanfälligere ­Alternative ist die von Joachim Löw entwickelte und von der erstaunlich multiethnischen deutschen Nationalmannschaft dieser Tage umgesetzte Variante des One-Touch-Spiels, die weniger monochrom wirkt als der spanische Stil – aber eben bisher noch nicht zu den großen Erfolgen geführt hat. Niemand allerdings kommt heute mehr auf den Gedanken, diese Stilformen als Enthüllung „wahrer“ Nationalcharaktere anzusehen (nicht einmal der neue katalanische Nationalismus ist dieser für ihn ja naheliegenden Versuchung erlegen).

Willkommen im Club

In dem Maße aber, wie sich die dominante Form der Zuschauerteilnahme von Identifikation hin zur ästhetischen Erfahrung verschoben hat, ist ihr Fokus von den Nationalmannschaften auf einige wenige Club-Teams übergegangen, die als globale Marken den internationalen Markt erobert haben. Ungeklärt bleibt vorerst, ob ein Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen besteht – und ob es andererseits ein möglicher Widerspruch zwischen globalem Markt und nationalen Mannschaften ist, der die multinationalen Club-Mannschaften mit ihren vielfachen nationalen Anschlussmöglichkeiten für Zuschauer in den Vordergrund gerückt hat.

Chelsea London etwa verkauft besonders viele der teuren dunkelblauen Originaltrikots in Russland, dem Land seines Sponsors Roman Abramovitsch; zugleich erreicht die Marke aber aufgrund der Herkunft mehrerer Chelsea-Spieler auch verschiedene regionale Märkte, vor allem in Afrika. Vergleichbares gilt für Arsenal London, für den FC Liverpool und die beiden Mannschaften aus Manchester, für den FC Barcelona und für Real Madrid. Darüber hinaus aber gilt es wohl nur noch – auf einer bisher eher bescheideneren Ebene – für den FC Bayern München und, mit einer nostalgischen Konnotation vielleicht, für die großen italienischen Mannschaften aus Turin, Mailand und Rom.

Was sind die Gründe für die Dominanz der englischen und der spanischen Ligen? Zunächst sicher einmal die Erfolge in der Champions League während des vergangenen Jahrzehnts. Aber das schließt nicht aus, dass hier auch die langen Schatten der englischen und der spanischen Kolonialgeschichte eine Rolle spielen könnten, um ein Beispiel zu nennen. So könnte man etwa in Ansätzen verstehen, warum Bayern München international weniger populär ist als Teams, die deutlich weniger Titel gesammelt haben. Jedenfalls muss sich in unserer Gegenwart der charismatischen Club-Mannschaften auch die inhaltliche Konzentration auf Nationalmannschaften (vor allem bei der Weltmeisterschaft) grundlegend verändert haben.

Gewiss, die überwältigende Mehrheit der Anhänger wird weiterhin den Sieg jener Nation wünschen, deren Bürger sie sind. Dass dieses Verhältnis sich aber jüngst gelockert hat, wird vor allem bei den Weltmeisterschaften deutlich, wenn die Anhänger verschiedener Nationalmannschaften Arm in Arm durch die Straßen der Spielorte schlendern, was noch während der letzten Weltmeisterschaften des vergangenen Jahrhunderts undenkbar gewesen wäre. Vor allem aber sehen wir, dass die Fragen nach der Geopolitik des Sports viel komplexer, viel idiosynkratischer ausfallen und viel schwieriger zu beantworten sind, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Jedenfalls gibt es kaum Fußballentsprechungen zur Weltkarte der politischen Einflusszonen – und so bestätigen sich gängige Phantasien von der Allmacht der Politik und der Wirtschaft keineswegs. Die Geopolitik des Sports – vor allem des Fußballs – ist anscheinend weit kleinteiliger, weit mehr ein Mosaik aus schwer erklärbaren Einzeltatsachen, als es in Fangesprächen und Fernsehkommentaren unterstellt wird.

Vier Coladosen, vier Mitspieler, ein Stein

Das gilt gewiss auch für die kulturgeografische Expansion des Fußballs. Diese beruht heute auf drei sichtbaren Energiequellen: vor allem natürlich auf der Tatsache, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, der sich mit minimalem Aufwand (vier leere Coladosen, ein Stein, zweimal zwei Mitspieler) und in kürzester Zeit überall als Spiel mit Ähnlichkeit zur Vollversion installieren lässt. American Football, Baseball, Cricket und sogar Basketball sehen nicht nur ein komplexeres Spielgerät vor; zugleich machen es ihre grundlegenden Spielideen unmöglich (mit Ausnahme des Basketball), dass vier Teilnehmer mehr als eine bloße Übungssituation produzieren. Man könnte also sagen, dass Fußball als Weltsport ein ähnliches Versprechen impliziert wie Englisch als Weltsprache: Beide machen die ersten Schritte zur Partizipation leicht, während es auf der anderen Seite besonders schwer ist, innerhalb ihrer spezifischen Anforderungen Perfektion zu erreichen.

Die zweite Energiequelle zur globalen Verbreitung des Fußballs ist natürlich das Kapital, anders gesagt: die heute gegebene Möglichkeit, über die Gründung von Ligen und die Vermittlung von Spielern, durch Fernsehrechte verschiedenen Inhalts und vor allem durch den Verkauf von Trikots erhebliche Gewinne zu erzielen. Schließlich gibt es die aggressive Expansionspolitik des internationalen Fussballverbands, der FIFA, der wohl aus einer Konvergenz von Kapitalfreundlichkeit und Sendungsbewusstsein entstanden ist.

Dieser wahrhafte Imperialismus ist nun auf der einen Seite im vergangenen halben Jahrhundert unvergleichlich erfolgreich gewesen – und stößt andererseits mittlerweile an Grenzen, die zu konstatieren und interpretieren faszinierend sind. Afrika macht die Zone der erfolgreichsten Expansion aus. Die FIFA-Konzeption in Asien hat sich weitgehend einlösen lassen, stößt aber derzeit auf deutliche Grenzen. Nordamerika, die Vereinigten Staaten und Kanada, sind das Waterloo der FIFA – selbst in den Augen jener Beobachter, die den seit 40 Jahren regelmäßig erwartbar gewordenen Ankündigungen immer noch trauen, der Fußball habe es nun endlich geschafft in Nordamerika.

Doch selbst Afrika hat die mittlerweile mehrere Jahrzehnte alte Erwartung des Durchbruchs zur absoluten Weltspitze nicht erfüllt. In Afrika oder als Kinder afrikanischer Eltern im Ausland geborene Spieler gehören mittlerweile zu allen Spitzenmannschaften, aber es war enttäuschend zu sehen, dass bei der Weltmeisterschaft von 2010 in Südafrika der Gastgeber in der Vorrunde ausschied und keine afrikanische Mannschaft das Viertelfinale erreichte.

Für diese ersten Grenzen gibt es plausible Erklärungen, die mit Afrika als Markt, mit den finanziellen Möglichkeiten der afrikanischen Länder, aber auch mit sportinhärenten Faktoren wie der lokalen Trainingskultur zu tun haben. Doch selbst die plausibelsten Erklärungen ändern nichts daran, dass die Expansion offenbar zum Stillstand gekommen ist. Japan und beide koreanischen Staaten, vor allem Südkorea, sind die Erfolgsgeschichten der asiatischen ­FIFA-Strategie. In diesen Ländern hat Fußball mindestens mit dem früher einzigen Mannschaftsnationalsport Baseball gleichgezogen. Südkorea hat sich als eine der international besten Nationalmannschaften etabliert, und immer mehr Spieler aus diesen Ländern spielen heute in europäischen Teams eine wichtige Rolle.

Der Spielfluss als Bremsklotz

Wenn wir hingegen auf jene Länder schauen, die aus dem Commonwealth hervorgegangen sind, so hat sich der Fußball hier weder sportlich noch im Hinblick auf das Publikumsinteresse bis zur absoluten Dominanz durchgesetzt. In Pakistan und Indien dominiert Cricket heute mehr denn je; bei den australischen Zuschauern ist vor allem der nationale „Football“ beliebt, der mehr dem Rugby und dem American Football ähnelt als jener Sportart, die man auf Deutsch „Fußball“ oder im britischen English „Football“ nennt.

Was aber das Scheitern oder eher: die deutlichen Erfolgsgrenzen des professionellen Männerfußballs in den Vereinigten Staaten angeht (und man muss derart genau differenzieren, weil ja der Fußball in der amerikanischen Gesellschaft als Frauensport und als Sport für Mädchen und Jungen mittlerweile eine Spitzenstellung erreicht hat), so gibt es dafür wohl nicht den einen, geradezu magischen Grund – und zwar schon deswegen nicht, weil seine Eliminierung ansonsten ja eine Erfolgsgarantie für den Fußball in den USA bedeuten würde. Unter den relevanten Fakten sollte man wohl zuerst erwähnen, wie flächen­deckend die in jeder Hinsicht gut funktionierenden Ligen in den traditionellen amerikanischen Mannschaftssportarten (Baseball, American Football, Basketball, Eishockey) ihre Märkte besetzt haben. Dass sich seit den siebziger Jahren, als die ersten übergreifenden Initiativen zur Etablierung des Fußballs in Amerika einsetzten, nie eine vielversprechende Lücke für diesen Sport aufgetan hat, sollte deshalb niemanden überraschen.

Für das Stadionerlebnis der amerikanischen Zuschauer mag zu den Problemen des Fußballs seine fast ohne Unterbrechung laufende Spielzeit gehören, weil sie eine andere psychische Ökonomie verlangt als Spiele mit häufigen Spielunterbrechungen. Hinzu kommt, dass der spezifische „Fluss“ eines Fußballspiels jene an Schach gemahnenden Strategien nicht zulässt, die zum American Football gehören, aber auch zum Baseball oder zum Basketball. Im Fußball-Zusammenhang hingegen sind gerade die nicht auf einen einzigen Moment zu beziehenden Intuitionen mehr gefragt als komplex strukturierte Sequenzen aus mehreren Spielzügen – was wiederum zur Folge hat, dass die Leistung eines einzelnen Spielers oder einer Mannschaft statistisch kaum zu erfassen sind. Es muss ein Zusammenspiel aus den genannten und weiteren, teils längst identifizierten, teils bis heute unbekannten Faktoren sein, welche – innerhalb der eigensinnigen Geopolitik des Sports – die Erfolgsgrenzen des professionellen Fußballs in den USA erklärt. Vor allem aber ist es wichtig, gegen die – im wörtlichen Sinne imperialistische – Erwartung zu polemisieren, dass sich der Fußball zu einer weltweit dominanten Monokultur des Sports entwickeln muss und soll. Denn gerade im Zeitalter der Globalisierung (und der zu ihr gehörenden kulturellen Nivellierung) sollten wir zu schätzen wissen – oder wenigstens zu schätzen lernen – dass in verschiedenen Regionen der Welt eben verschiedene Mannschaftsspiele und Einzelsportarten dominieren. Die Erhaltung dieser Situation verdient das Repertoire aller Komplimente, die man den Phänomenen der Pluralität und der Multikulturalität angedeihen lässt.

Für die Erhaltung des Steinehebens

Nicht nur aus ästhetischer, auch aus intellektueller Perspektive hat diese Einsicht in die Faszination sportlicher Vielfalt das weit größere Herausforderungspotenzial. Warum zum Beispiel sind neben den USA vor allem die Karibik, einige Länder des kontinentalen Mittelamerikas, Japan und Korea zum Einflussgebiet des Baseballs geworden? Gibt es geokulturelle Gründe für die Beobachtung, dass Rugby – angesichts der Eminenz von Neuseeland, Aus­tralien, Südafrika und Argentinien – wohl der einzige Sport ist, in dem vor allem Mannschaften aus der südlichen Hemisphäre dominieren? Warum haben bestimmte Kulturen – etwa das Baskenland oder die Schweiz – eine besondere Affinität zur Erhaltung traditioneller Sportarten, wie etwa dem Steineheben im Baskenland und dem Schwingen (einer Variante des Ringens) in der Schweiz? All dies sind offene und daher lohnende, jedenfalls nicht rhetorische Fragen.

Dabei stehen wir hier erst am Anfang einer möglichen Argumentation und intellektuellen Entwicklung – weil wir uns in dieser Überlegung fast ganz auf Mannschaftssportarten beschränkt haben und mithin die gesamte Geopolitik individueller Sportarten noch zu erschließen ist. Mannschaftsspiele aber, die die Welt des Sports heute so dominieren, dass sie nicht selten mit „Sport an sich“ verwechselt werden, sind historisch gesehen eine junge Erscheinung. Ihr Triumphzug begann Mitte des 19. Jahrhunderts, und niemand hat bis heute eine These entwickelt, durch die dieses Aufkommen und eine anzunehmende Affinität von Mannschaftsspielen zu unserer gegenwärtigen Kultur im weiteren Sinn verständlich würden. Offenbar ist die Geschichte des Sports so eigensinnig wie seine Geopolitik.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Gumbrecht lehrt als „Albert Guérard Professor in Literature“ an der Stanford University.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2013, S. 120-127

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