Lächeln fürs Weltklima
Sein Markenzeichen ist der Humor, sein Trumpf die mehr als 30-jährige Verhandlungserfahrung, seine Aufgabe gigantisch: Kann COP-Präsident André Corrêa do Lago den Weltklimagipfel im brasilianischen Belém zum Erfolg führen?
Es könnte die letzte Chance sein, die Erderwärmung in Grenzen zu halten. Es könnte aber auch nur ein weiteres Treffen internationaler Politiker werden, das mit einem Abschlussdokument endet, an das sich niemand gebunden fühlt. André Corrêa do Lago ist einer der Verantwortlichen für den Erfolg oder Misserfolg der UN-Klimakonferenz (COP 30), die Anfang November im nordbrasilianischen Belém stattfinden wird. Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva hatte darauf bestanden, die Regierungschefs ins Amazonasgebiet einzuladen, in eine der ärmsten Städte des Landes, weit entfernt von den bestens auf internationale Besucher eingerichteten Metropolen.
Die Vorbereitungen auf das Ereignis wälzen die 1,3-Millionenstadt um, der es an Grünflächen und Infrastruktur mangelt. Die brasilianische Entwicklungsbank hat drei Milliarden Dollar bereitgestellt, die Regierung gab 4,7 Milliarden. Mindestens 30 Großbaustellen sind Wochen vor dem Start noch im Gang; im September nutzten mehr als 5000 Bauarbeiter die Gunst der Stunde für einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen – und erreichten die geforderte Lohnerhöhung.
Die COP ist mit ihrer 30. Ausgabe in der Realität angekommen – in der Realität eines Entwicklungslands, dessen Staatschef mit einem von der Agrarlobby bestimmten Kongress regieren muss und dabei zuweilen zweifelhafte Kompromisse eingeht. Wie zum Beispiel den, neue Ölfelder im Amazonasmündungsgebiet zu versteigern, einem ökologisch sensiblen Gebiet. Das geschah just zu dem Zeitpunkt, als Corrêa do Lago in Bonn Vorgespräche zur COP 30 führte. Nur so lasse sich die Energiewende finanzieren, hieß es offiziell.
André Corrêa do Lago ist der offizielle Botschafter der COP 30. Das Thema Klimawandel lässt den 66-Jährigen nicht los, seit er 1992 beim ersten Klimatreffen in Rio de Janeiro dabei war. Die Ausrichtung der COP 30 in seinem Heimatland ist so etwas wie die Krönung dieser Laufbahn – und zugleich die mit Abstand schwierigste Herausforderung.
Es gilt, in einer zerrissenen Welt Regierungschefs zunächst an einen gemeinsamen Tisch und dann zu harten wirtschaftlichen Entscheidungen zu bewegen. Seit Corrêa do Lago diese Herausforderung Ende Januar 2025 angenommen hat, reist er um die Welt zu den mehr und den weniger Mächtigen und wirbt für Dialog und gemeinsame Ziele.
Zwischendurch stellt er sich den Fragen der Medien – geduldig und unverändert gelassen, auch den unangenehmen. Etwa nach den fehlenden und überteuerten Hotelbetten der Stadt – für die er gar nicht zuständig ist. Trotzdem weist er lächelnd darauf hin, dass 1992 auch niemand geglaubt habe, Rio de Janeiro könne das Großevent stemmen, und es habe wunderbar geklappt.
Oder nach der Diskrepanz zwischen Ölförderungspolitik und Klimaschutz – die er als überwindbar hinstellt. Ebenso nach der Rolle Chinas im Klimaschutz – die Volksrepublik sei eine wichtige Treibkraft für die Preissenkung bei Technologien für erneuerbare Energien. Und schließlich sogar nach seinem Großvater, Osvaldo Aranha, einem großen Diplomaten, dessen Namen diverse Straßen und Plätze auf der ganzen Welt tragen. „Noch ein Gewicht auf meinen Schultern“, kommentiert Corrêa do Lago trocken und lacht. Ein bisschen vorgebeugt wirkt der Botschafter tatsächlich, aber das mag auch daran liegen, dass der Mann seine Größe von 1,96 Metern kaschieren möchte, mit der er seine Gesprächspartner oft um mindestens einen Kopf überragt.
Mit Charme zum Erfolg?
Sanfter Humor ist sein Markenzeichen. Seine Gesten sind reduziert, sein Blick ist offen, sein Lächeln einladend bis subtil ironisch. Seine Worte setzt der Politiker grundsätzlich mit viel Bedacht. Kein Wunder, der COP-Botschafter ist ja Nachkomme einer Familie von Diplomaten.
Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Rio de Janeiro ging er im Alter von 23 Jahren in den diplomatischen Dienst. Seitdem hat er sein Land in so unterschiedlichen Staaten wie Argentinien, Tschechien, Japan, Bhutan und Indien vertreten. Corrêa do Lago kann mit allen, bewegt sich geschickt zwischen den Welten. Anders als die Umweltministerin Marina Silva, die ebenfalls als COP 30-Präsidentin im Gespräch war, stößt er niemanden durch harte Worte vor den Kopf – lässt aber seine Ziele dabei nie außer Acht. Sein Weg ist der des Machbaren.
Bei der COP 29 in Baku war er maßgeblich daran beteiligt, dass im Abschlussdokument zum ersten Mal von der Abkehr von fossilen Brennstoffen die Rede war – immerhin in einem der ältesten Ölförderländer der Welt. „Man darf die Welt nicht als Fotografie betrachten“, ist sein Motto, „man muss die Entwicklung, den ganzen Film sehen.“
Angesichts der Dringlichkeit der Lage stellt sich jedoch die Frage, ob der Film der Entwicklung schnell genug laufen wird, um Kipppunkte im Erdklimasystem zu vermeiden. Bei dieser Frage ist dem Vater von vier Kindern in einem TV-Interview echte Sorge anzumerken, wenn er zuerst vorrechnet, dass die Erderwärmung immerhin weniger schnell fortschreitet als 1992 befürchtet, dann aber zugibt: „In Wahrheit wissen wir so vieles gar nicht.“ Solche Momente gestattet sich der große schmale Mann selten, er hält es lieber mit Optimismus und Beharrlichkeit. Künstliche Intelligenz und kostengünstige neue Technologien könnten schnellere Erfolge bringen als bisher bekannt ist, hofft er.
Den Multilateralismus, dem US-Präsident Trump gerade den Kampf angesagt hat, sieht Corrêa do Lago klar im Zentrum seiner COP-Präsidentschaft: „Nur so können die Stimmen kleinerer Länder ebenfalls berücksichtigt werden“, betont er. Wie ein weiterer Seitenhieb gegen Trump klingt es, wenn er angibt, die Wissenschaft, die den Klimawandel bereits 1988 als Problem identifiziert habe, sei unbedingt zu respektieren. „Die Umstände sind nicht günstig“, gibt Corrêa do Lago zu und lacht, „aber viele sagen, es könnte noch viel schlimmer werden. Ich denke, die Lage ist etwas weniger dramatisch, als in den Medien berichtet: Drei Viertel der Unternehmen in den USA wollen ihre Klimapolitik fortsetzen und die meisten US-Bundesstaaten ebenfalls. Aussteigen will nur die US-Regierung. Die Vereinigten Staaten wollen das nicht.“
Ziel müsse es sein, die Welt davon zu überzeugen, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können. Über nachhaltige Entwicklung und Klimawandel hat er bereits ein Buch verfasst. Außerhalb der COP wirbt er für die Gründung eines internationalen Fonds für das Überleben tropischer Wälder.
Für das Treffen in der Amazonasstadt Belém ruft der COP-Botschafter die Regierungschefs der COP 30 zu einem „mutirão“ auf; das ist ein indigener Ausdruck für einen kollektiven Arbeitseinsatz zum Wohl aller. „Es geht um die größte kollektive Herausforderung der Menschheit“, wiederholt er. Das Tupí-Wort mutirão ist dabei ebenso bewusst gewählt wie der Austragungsort der Konferenz: Die unmittelbare Nähe zum Regenwald ermöglicht zum ersten Mal die Teilnahme größerer indigener Gruppen. Ihre Forderung lautet, dass die Ausweisung indigener Gebiete als Klimaschutzpolitik anerkannt werden müsse. Corrêa do Lago bestätigt: „Wir müssen viel mehr auf die indigenen Völker hören.“
Belém soll den Übergang von Worten zu Taten markieren. Vielleicht hilft es, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Weltklimagipfels dort die Klimakrise hautnah zu spüren bekommen. Die Temperaturen in der nordbrasilianischen Stadt sind in den vergangenen Jahren auf durchschnittlich mehr als 33 Grad Celsius gestiegen. „Belém hat aber ungleich mehr Charme als Dubai oder Baku“, sagt der Gastgeber überzeugt und setzt lachend hinzu: „Und das Essen ist viel besser!“ Hoffentlich trägt sein Charme dazu bei, dass der Konferenz tatsächlich Taten folgen.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 9-11
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