Brief aus...

04. Mai 2026

„Wenn Öl austritt, sind wir verloren“

Seit Jahrzehnten leiden die Fischer an Brasiliens Küsten unter den Aktivitäten des Erdölkonzerns Petrobras. Hilfe erfahren sie kaum. 

Christine Wollowski
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Zwei massige Schiffskörper heben sich vom Blauschwarz des Nachthimmels ab, orangenfarbene Scheinwerfer erhellen die Szene spärlich. Langsam schieben sich die Metallriesen nebeneinander. Benzingeruch liegt in der Luft. Vorsichtig manövriert Humberto Almeida sein Motorboot in den Schatten der Riesen, unsichtbar für die Besatzung. 

„Jetzt passiert das Ship-to-ship, bei dem sie Erdöl von einem zum anderen Schiff leiten“, erklärt der Fischer. Ship-to-ship ist ein gesetzlich zulässiges Verfahren, das im Zuge der steigenden Offshore-Produktion im Jahr 2025 besonders in São Sebastião im Bundesstaat São Paulo immer öfter verwendet wird. Das Terminal Tebar dort ist eines der wichtigsten Brasiliens für Erdölverladungen.

Die Fischer von São Sebastião fürchten weitere Unfälle. Im Januar 2024 war bei einer Ship-to-ship-Aktion ein Schlauch defekt; Dieselöl trat in die Fischgründe aus. „Wir konnten zusehen, wie sich der riesige Fleck ausbreitete“, sagt Humberto Almeida. Laut Petrobras entstand kein Umweltschaden. Der Fischer zeigt hingegen in seinem Garten kindskopfgroße Ölklumpen, die er damals am Strand aufgesammelt hat. 

Früher, erzählt der Mann mit nachdenklichem Blick, war hier alles Mangrovenwald. „Wenn wir morgens aufs Meer fuhren, saßen unzählige weiße Vögel in den Ästen.“ Seine Stimme wird noch Jahrzehnte später bei der Erinnerung an die intakte Natur brüchig. Almeidas Geschichte über die Anwesenheit der Petrobras in São Sebastião ist eine Geschichte der Macht des Geldes, die über Bevölkerung und Umwelt hinwegrollt: Die Fischergemeinde musste ihre Häuser und Hütten am Strand räumen, als das Terminal ausgebaut wurde. Ganze Familien zogen sich in Pflanzungen oben an den Hügeln zurück.

Mehrere der Hügel wurden abgeholzt, damit die Petrobras dort Container bauen konnte. Ölrückstände vergrub das Unternehmen auf Grünflächen außerhalb des Ortes – vor 1988 hatte Brasilien keine Umweltgesetzgebung. Später entstand auf diesen Grünflächen ein neues Viertel: Itaitinga. Etwa ein Viertel der Menschen hier ist krank, schätzt Humbertos Kollege Evaldo Pereira. Er berichtet von Krebs, Autismus, Lungenkrankheiten. Nachweise über den Zusammenhang der Krankheiten mit den Ölrückständen gibt es nicht. Doch an heißen Tagen weht ein durchdringender Gas- und Ölgeruch durch das Viertel. 

„Wir verkaufen die Fischarten nicht mehr, die bei uns in der Bucht leben, wir haben zu viele von ihnen mit Tumoren gesehen“, sagt Fischer Almeida. Er selbst isst die verdächtigen Fische trotzdem: „Die Bestände sind zu stark zurückgegangen, ich habe keine Wahl.“ Ein paar Häuserblocks weiter blüht an der gleichen Küste der Tourismus, reihen sich Fischrestaurants aneinander, an der Promenade spielt eine Live-Band: Jazz in einer heilen Welt.

Brasiliens Präsident Lula da Silva stolpert zwischen einer gewollten Vorreiterrolle in der Klimapolitik und dem Ausbau der Erdölproduktion – als Geldquelle, wie es heißt, für den Energiewandel. Über São Sebastião redet die Weltpresse nicht, die Genehmigung von Probebohrungen im Amazonasbecken geriet aber jüngst ins Kreuzfeuer internationaler Kritik.
 

Pfuschen und vertuschen

Mehr als 3000 Kilometer nördlich von São Sebastião lebt der Fischer Pedro Carucho auf Marajó, der größten Flussinsel der Welt. Sein Haus liegt am Wasser und ist aus dunklen Holzbrettern gezimmert. Daneben wachsen schlanke Acai-Palmen, Mangroven und Bambus, majestätische Fischreiher beobachten den Wasserspiegel, ein schmales Holzboot, gerudert von einem Mädchen mit hüftlangem Haar, gleitet vorbei, wie im Märchen. Idyllisch sieht das aus. Ist es aber nicht mehr, erzählen Pedro und andere Dorfbewohner. 

Ende Oktober 2025 hat die Petrobras im Amazonasbecken die Erlaubnis bekommen, Probebohrungen in bis zu 3000 Metern Tiefe durchzuführen. Durch die Tests würden weder Menschen noch Tiere bedroht, so das Unternehmen. „Der Lärm der Bohrungen vertreibt Fische in einem Umkreis von zehn Kilometern“, sagt dagegen Pedro Carucho. Der rege Schiffsverkehr mitten durch die Fischereigebiete habe schon mehrere Fischer ihre Netze gekostet, einer habe seine gesamte Fischereiausrüstung verloren. Alle sind sich einig: „Wenn bei solchen Bohrungen Erdöl austritt, sind wir verloren.“ 

Anfang 2026 passiert der erste Unfall. Es tritt kein Erdöl aus, nur 15 000 Liter Kühlflüssigkeit für die Bohrer. Die Flüssigkeit überschreite die zulässigen Höchstwerte an Toxizität nicht und sei biologisch abbaubar, so ein Petrobras-Sprecher; es sei kein Schaden für Umwelt oder Personen entstanden. 

Einen Monat später klassifiziert die Umweltbehörde Ibama die Flüssigkeit aber doch als „mittel“ auf der Gefährlichkeitsskala für Mensch und Umwelt und verhängt eine Strafe von 2,5 Millionen Reais (rund 400 000 Euro). Die Bohrungen laufen trotzdem weiter. Ozeanologe Gustavo Moura aus Belém erklärt, für das Amazonasbecken lägen – anders als beim Pré-Sal-Gebiet – bislang kaum ozeanografische Daten vor. Die Folgen eventueller Unfälle seien nicht untersucht worden.

„Wir brauchen Hilfe, um uns gegen die Bohrungen zu wehren“, sagt die Muschelsucherin Maria de Socorro aus Marajó. Der Soziologe Adriano Martins, der als Berater für die katholische Hilfsorganisation Misereor tätig ist, sieht eine Möglichkeit im Austausch zwischen den Fischergemeinschaften in São Sebastião, die den Herausforderungen seit Jahrzehnten begegnen, und denjenigen von Marajó, die erst am Anfang stehen. Mit Unterstützung von Misereor, dem Institut Cais und der Fischerpastorale CPP sollen noch in diesem Jahr Fischer aus São Sebastião in den Norden reisen, um dort von ihren Erfahrungen zu berichten.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 114-115

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Christine Wollowski

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Christine Wollowski ist Mitglied des Korrespondentennetzwerks weltreporter.net. Seit 2000 liefert sie Analysen, Reportagen und andere Texte aus Brasilien, unter anderem für die taz und die FAS.

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