01. Oktober 2004

Können Minderheiten Wahlen entscheiden?

Die Rolle der Afroamerikaner und Hispanics

Der letzte Zensus im Jahr 2000 ergab, dass sich nur noch 69 Prozent der amerikanischen Bevölkerung
der Gruppe der Weißen mit europäischen Wurzeln zurechnen. Welche Folgen hat diese
Veränderung der Gesellschaft für die Politik? Manfred Berg, Leiter des Zentrums für USA-Studien an der Universität Halle-Wittenberg, analysiert die Entwicklung und zeigt, wie die Parteien um
die Gunst der Einwanderer buhlen.

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Noch vor wenigen Jahrzehnten bezog sich die Frage nach der Rolle der nichtweißen Minderheiten in der amerikanischen Politik fast ausschließlich auf die Afroamerikaner. 1960 waren die Schwarzen mit einem Bevölkerungsanteil von 10,5% die bei weitem größte Minderheit, die einer weißen Mehrheit von 88,5% der Gesamtbevölkerung gegenüberstand. Die spanischsprechenden und hauptsächlich aus Lateinamerika und der Karibik stammenden Hispanics oder Latinos, wie sie heute bezeichnet werden, wurden damals nicht einmal als eigenständige Zensuskategorie aufgeführt.

Mit der Liberalisierung der Einwanderungsgesetze in den sechziger Jahren begann sich dieses Bild jedoch grundlegend zu verändern. Bereits im folgenden Jahrzehnt kamen 44% aller Einwanderer aus Lateinamerika und 35% aus Asien, und 1980 war zum ersten Mal in der Geschichte der USA die Mehrheit der im Ausland geborenen Einwohner nicht mehr europäischer Herkunft. Der letzte Zensus im Jahr 2000 ergab, dass nur noch 69% der amerikanischen Bevölkerung von etwa 281,5 Millionen sich der Gruppe der Weißen mit europäischen Wurzeln zurechnet (Non-Hispanic Whites). Mit einem Bevölkerungsanteil von 12,6% überflügelten die Hispanics erstmals die Afroamerikaner (12,3%) als größte ethnische Minderheit.

Einige Prognosen sehen die Euroamerikaner bereits ab der Mitte des 21. Jahrhunderts in der Minderheit. In Kalifornien, einem der Hauptziele legaler und illegaler Einwanderer aus Mexiko, ist dieses Szenario schon Wirklichkeit. Nur noch knapp die Hälfte der Einwohner des Staates sind Non-Hispanic Whites, während inzwischen fast 50% aller Neugeborenen hispanische Mütter haben. Angesichts einer Geburtenrate von 3,2 Kindern pro erwachsener Frau gegenüber 2,1 im nationalen Durchschnitt (1,8 für euroamerikanische Frauen) werden die Hispanics auch in Zukunft die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe der USA sein, während sich der Bevölkerungsanteil der Afroamerikaner relativ konstant zwischen 10% und 13% gehalten hat.1

Dass der massive Zustrom der Hispanics kulturelle und politische Vorbehalte hervorruft – wie es sie historisch gegen nahezu jede neue Einwanderergruppe gab – kann nicht überraschen. Samuel Huntington hat jüngst mit seiner These, die hispanischen Immigranten stellten eine manifeste Bedrohung für die anglo-protestantische Identität der USA dar, weil sie sich der kulturellen und sprachlichen Assimilation verweigerten, großes Aufsehen und heftigen Widerspruch provoziert.2 Kritiker bestreiten nicht nur Huntingtons empirische Befunde und die normative Verbindlichkeit der anglo-protestantischen Kultur, sondern betonen die große Bedeutung von Immigration und ethnischer Vielfalt als Quelle wirtschaftlicher Stärke und kultureller Attraktivität. In der Tat sind bislang alle Einwanderer längerfristig erfolgreich in das politische System integriert worden. Gleichwohl spielen die Einwanderungsdebatte sowie ethnische Identitäten in der amerikanischen Politik eine unverändert wichtige Rolle.

Für die Analyse der gegenwärtigen politischen Rolle ethnischer Minderheiten bietet sich ein Vergleich zwischen Hispanics und Afroamerikanern an. Beide Gruppen sind in etwa gleich groß und bilden statistisch die Schlusslichter auf der Wohlstandsskala der amerikanischen Gesellschaft. Die Armutsquote für Hispanics liegt bei 21,8%, die der Afroamerikaner bei 24,1% gegenüber 12,1% im Landesdurchschnitt. Hispanics und Schwarze sind zudem die am stärksten urbanisierten Bevölkerungen der USA.3

Gleichwohl gibt es erhebliche Unterschiede im Hinblick auf die Geschichte, das Selbstverständnis und die Position beider Ethnien im politischen Prozess. Und nicht zuletzt erwächst ein Konfliktpotenzial zwischen beiden Gruppen aus der Konkurrenz um Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor. Unter Afroamerikanern ist die Forderung nach Beschränkung der Einwanderung traditionell populär, während die große Mehrheit der Hispanics die Legalisierung illegaler Einwanderer befürwortet.

Grundorientierungen

Keine andere ethnische Minderheit hat so hart um ihre politischen Rechte kämpfen müssen wie die Afroamerikaner, die in vielen Südstaaten bis in die 1960er Jahre durch diskriminierende Wahlgesetze und Einschüchterung vom politischen Prozess ausgeschlossen waren.4 Obwohl sich die rund 35 Millionen schwarzen Amerikaner inzwischen zu einer sozial differenzierten Bevölkerungsgruppe entwickelt haben, ist das Bewusstsein einer gemeinsamen Unterdrückungsgeschichte weiterhin lebendig und hat seit der Sklavenemanzipation zu einem beispiellos homogenen Wahlverhalten beigetragen. Bis in die 1930er Jahre hinein standen die Afroamerikaner, sofern sie wählen durften, treu zu den Republikanern als der „Partei Lincolns“.

Seit 1936 vollzog sich dann ein dramatischer Orientierungswechsel hin zu den New-Deal-Demokraten, die offensiv um schwarze Wähler in den Großstädten warben und den Schutz der Bürgerrechte und eine bessere Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen versprachen. Der Zustrom von Millionen Schwarzer aus dem Süden in die industriellen Metropolen des Nordens steigerte kontinuierlich ihre Bedeutung innerhalb der demokratischen Wahlkoalition. Sowohl Harry Truman als auch John F. Kennedy verdankten ihre Wahl nicht zuletzt den schwarzen Stimmen der Großstädte.

Nachdem die Bürgerrechtsgesetze von 1964/65 endlich landesweit den Schutz des afroamerikanischen Wahlrechts sichergestellt hatten, begann für die schwarze Minderheit ein langer Marsch durch die Institutionen. 1970 betrug die Gesamtzahl aller Afroamerikaner in Wahlämtern gerade einmal knapp 1500, zehn Jahre später waren es bereits knapp 5000 und 2001 über 9000. Bis Mitte der neunziger Jahre stieg die Zahl der schwarzen Kongressmitglieder auf rund 40 und hält sich seither konstant auf diesem Niveau, das leicht unter dem Anteil der Afroamerikaner an der Gesamtbevölkerung liegt. Fast 50 Städte in den USA mit mehr als 50000 Einwohnern haben schwarze Bürgermeister.5 Allerdings gab und gibt es weiterhin heftige Kontroversen darüber, ob die erreichte politische Repräsentation der Afroamerikaner als fair zu bezeichnen ist und ob etwa die gezielte Schaffung von Wahlkreisen mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit ein zulässiges Mittel darstellt, die Chancen afroamerikanischer Kandidaten zu erhöhen.

Von den etwas über 24 Millionen schwarzen US-Bürgern im Wahlalter sind Umfragen zufolge 65% als Wähler registriert und haben 55% bei den Präsidentschaftswahlen 2000 ihre Stimme abgegeben, knapp 6% weniger als die weiße Bevölkerung. Die tatsächliche Wahlbeteiligung liegt aber sicher niedriger. Nach Schätzungen haben 2000 etwa 10,5 Millionen Schwarze gewählt, insgesamt etwa 10% aller abgegebenen Stimmen.6 Das markanteste Merkmal der afroamerikanischen Wähler besteht darin, dass keine andere ethnische oder soziale Gruppe in den USA eine derart hohe Parteiidentifikation aufweist. Seit 1964 haben alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten zwischen 82% (Clinton 1992) und 94% (Johnson 1964) der schwarzen Stimmen erhalten. Bei den letzten Wahlen erzielte Al Gore einen Anteil von 90%, bei schwarzen Frauen sogar von 94%. Fast jede fünfte Stimme für Gore (18,9%) wurde von Afroamerikanern abgegeben, obwohl nur jeder zehnte Wähler schwarz war. Auch bei den Wahlen zum Kongress stimmten die Afroamerikaner zu 90% für demokratische Kandidaten. Entsprechend sind fast alle afroamerikanischen Inhaber von Wahlämtern Demokraten.

Für die überwältigende Mehrheit der schwarzen Amerikaner stehen die (liberalen) Demokraten seit Jahrzehnten für Minderheitenschutz und die Verteidigung des Wohlfahrtsstaats. Demgegenüber werden die Republikaner, die sich seit den siebziger Jahren zielstrebig als Partei des konservativen weißen Südens profiliert haben, mit großem Misstrauen beargwöhnt. John Kerrys kürzlich erhobener Vorwurf an die Adresse von George W. Bush, er führe Amerika zurück in das Zeitalter einer sozial und rassisch gespaltenen Gesellschaft – „separate and unequal“ – trifft bei schwarzem Publikum auf offene Ohren. Tatsächlich ist sich Bush über dieses Misstrauen völlig im klaren. Als er im vergangenen Juli vor der National Urban League, einer afroamerikanischen Bürgerrechts- und Interessenorganisation, um Unterstützung warb, gab er mit entwaffnender Ehrlichkeit zu: „I know, I know, I know. The Republican Party has got a lot of work to do. I understand that.”7 Mit der Ernennung von Colin Powell zum Außenminister und Condoleezza Rice zur nationalen Sicherheitsberaterin sowie von zwei weiteren afroamerikanischen Kabinettsmitgliedern hat Bush gezeigt, dass er persönlich zu dieser Öffnung bereit ist.

Den meisten Umfragen und Kommentatoren zufolge ist gleichwohl nicht damit zu rechnen, dass Bush bei den kommenden Wahlen unter schwarzen Wählern mehr Unterstützung finden wird als vor vier Jahren, als er sich mit mageren 8% bescheiden musste. Während im Frühsommer 2004 nur 16% der Afroamerikaner ihre Zufriedenheit mit der Amtsführung des Präsidenten bekundeten, war Kerry bei den demokratischen Vorwahlen eindeutig der von den schwarzen Demokraten bevorzugte Kandidat.8 Alles deutet darauf hin, dass er im November auf eine ähnlich breite Basis afroamerikanischer Wähler zählen kann wie Gore vor vier Jahren. Dies könnte unter Umständen sogar wahlentscheidend sein, denn ob Kerry in den kritischen Swing States wie Florida und Ohio Mehrheiten gewinnt, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob dort mehr schwarze Wähler an die Urnen gebracht werden können als 2000.

Dieser Bedeutung sind sich auch die afroamerikanischen Bürgerrechts- und Interessenorganisationen bewusst, die befürchten, dass es, wie vor vier Jahren in Florida geschehen, erneut Versuche geben könnte, möglichst viele Schwarze wegen angeblicher oder tatsächlicher Vorstrafen von den Wählerlisten zu streichen. Bürgerrechtler haben das Bundesjustizministerium aufgefordert, Vorkehrungen gegen Manipulationen und Wahlbetrug zu treffen, und eine Voter Protection Coalition gebildet, deren Beobachter vor allem in Florida die Abstimmung besonders genau beobachten sollen. Darüber hinaus führen Organisationen wie die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) traditionell Registrierungs- und Mobilisierungskampagnen durch, von denen de facto die demokratischen Bewerber profitieren. In diesem Jahr werden auch Schulungen durchgeführt, damit Wähler mit den neuen Wahlcomputern umzugehen lernen.9

Politischer Einfluss

Wie die Afroamerikaner sind auch die Hispanics in ihren politischen Orientierungen liberal, wenn es um eine starke Rolle der Bundesregierung beim Schutz von Minderheiten und in der Sozialpolitik geht, aber konservativer als der nationale Durchschnitt bei moralisch-kulturellen Fragen wie der Haltung zu Abtreibung und gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Auch sie favorisieren überwiegend die Demokraten, die klassische Einwandererpartei, sind aber weniger stark parteigebunden als die Schwarzen. Im Vergleich zu den Afroamerikanern handelt es sich um eine politisch, sozial, ethnisch und kulturell sehr viel heterogenere Gruppe. Schon die Bezeichnung Hispanic ist, genau wie der Begriff Asian Americans, eine von der Zensusbehörde eingeführte Kategorie. Die meisten Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe definieren ihre ethnische Identität primär über ihr Geburtsland bzw. das ihrer Eltern und Großeltern, also beispielsweise als Mexican American. Die Frage, ob es überhaupt einheitliche politische Interessen aller Hispanics gibt, bejaht nur etwa die Hälfte von ihnen.10

Obwohl es im 1848 von Mexiko annektierten Südwesten immer eine alteingesessene hispanische Bevölkerung mit US-Bürgerrecht gegeben hat, besteht die große Mehrheit der Hispanics aus im Ausland geborenen Immigranten und Angehörigen der ersten Einwanderergeneration. Bei den Herkunftsregionen dominiert Mexiko (64%), gefolgt von Puerto Rico (9%), einem Territorium der USA, dessen Einwohner das Bürgerrecht genießen, Mittelamerika (7%) sowie Kuba, der Dominikanischen Republik und Südamerika mit jeweils 5%. Die einzelnen Gruppen konzentrieren sich stark regional, so etwa die mexikanischen Einwanderer im Westen und Südwesten und die Kubaner in Florida.

Im Hinblick auf ihren politischen Einfluss ist der Umstand von zentraler Bedeutung, dass nur etwa 58% der rund 35,5 Millionen Hispanics die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und wahlberechtigt sind. Nach eigenen Angaben sind 14% aller wahlberechtigten Hispanics nicht registriert, aber tatsächlich liegt ihre Zahl wohl deutlich höher; insgesamt dürfte weniger als die Hälfte (45%) aller erwachsenen hispanischen Einwohner der USA registriert sein. Allerdings wächst die Zahl der registrierten Wähler wie die der tatsächlich abgegebenen hispanischen Stimmen seit den siebziger Jahren kontinuierlich. Bei den Wahlen 2000 wählten schätzungsweise 5,7 Millionen Hispanics, etwa 7% aller abgegebenen Stimmen, für 2004 rechnen hispanische Organisationen mit 8 Millionen Wählern.11 Aus der unverminderten Zuwanderung und der steigenden Einbürgerungsquote der hispanischen Bevölkerung ergibt sich für die Zukunft die Perspektive einer wachsenden politischen Bedeutung, der die Parteien schon seit längerem Rechnung tragen.

Die Wortführer der Hispanics bestehen freilich darauf, dass ein Grußwort auf Spanisch und der öffentliche Verzehr von Maistortillas nicht mehr ausreichen, um die Unterstützung der hispanischen Wähler zu gewinnen, und fordern beide Parteien auf, um ihre Unterstützung zu konkurrieren. Auf der Skala der politischen Prioritäten hispanischer Wähler steht, typisch für Einwanderer, der Zugang zu Bildungschancen ganz oben, gefolgt von der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Gesundheitsversorgung. Auch eine liberale Lösung der Frage, wie illegale Einwanderer behandelt werden sollen, wird von der großen Mehrheit der Hispanics gewünscht, die den Vorschlag Kerrys unterstützt, den meisten Illegalen eine Aufenthaltserlaubnis und die Aussicht auf die Staatsbürgerschaft zu geben, während der Vorschlag Bushs, sie lediglich als temporäre Gastarbeiter zu dulden, weitaus weniger Zustimmung findet. Allerdings ist die Einwanderungspolitik für die hispanischen Wähler eher von untergeordneter Bedeutung.

Bei den politischen Wertorientierungen zeigt sich deutlich der für die amerikanische Immigrationsgeschichte typische Akkulturationsprozess an die Werte und Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft. In den USA geborene Hispanics und Einwanderer, die schon länger im Lande leben, bekunden wachsendes Vertrauen in die Regierung und abnehmende Akzeptanz gegenüber sozialstaatlicher Fürsorge und fühlen sich subjektiv weniger von Diskriminierung betroffen. Die Bereitschaft zur Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und zum Erlernen des Englischen ist weitaus stärker ausgeprägt, als dies oft behauptet wird, allerdings ist der Wunsch, die eigene Kultur und Sprache weiter zu pflegen, ebenso stark. Wenn 83% die USA als multikulturelle Gesellschaft bezeichnen, so bringen sie damit nur den herrschenden Konsens zum Ausdruck, denn im nationalen Durchschnitt bekennen sich sogar 92% zu dieser Position, während lediglich 5% auf dem Vorrang der anglo-protestantischen Kultur bestehen. Ganz im Geiste der amerikanischen Zivilreligion nennen 79% der Hispanics das Bekenntnis zu den Werten der amerikanischen Verfassung als wichtigste Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration von Einwanderern.

Nach dem Vorbild der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung formierte sich in den 1960er Jahren eine sich selbst als Chicano-Bewegung bezeichnende Protestbewegung, die insbesondere die politischen und sozialen Rechte der Landarbeiter im Westen und Südwesten der USA einklagte. Im Zuge dieser Mobilisierung wurden die Hispanics zunehmend in das politische System integriert und begannen, Wahlämter und Machtpositionen zu besetzen. Schon in den sechziger Jahren gab es vier hispanische Mitglieder des Kongresses, darunter sogar einen US-Senator für den Staat Neu-Mexiko. Ihre Zahl wuchs kontinuierlich an und erreichte bei den Kongresswahlen mit 25 Senatoren ihren vorläufigen Höhepunkt. Großstädte wie Denver, San Antonio und Miami wählten hispanische Bürgermeister, die Staaten Florida (1986) und Neu-Mexiko (2002) hispanische Gouverneure. Seit der Reagan-Administration gehört mindestens ein Vertreter der Hispanics dem Bundeskabinett an. Insgesamt haben derzeit schätzungsweise rund 5000 Hispanics auf lokaler, einzelstaatlicher und Bundesebene Wahlämter inne, sind aber mit ca. 2% aller Wahlämter gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil (12,6%) und ihrem Anteil an der amerikanischen Wählerschaft (7%) immer noch deutlich unterrepräsentiert.12

Schätzungen zufolge gehören etwa 90% aller gewählten Hispanics zur Demokratischen Partei. Die Identifikation der hispanischen Wähler mit den Demokraten ist allerdings erheblich weniger stark ausgeprägt. Bei Umfragen aus dem Jahr 2004 bekannten sich 45% als Demokraten, 20% als Republikaner und 21% als Unabhängige. Dass die Demokraten eher die Interessen der Hispanics vertreten, glauben 43%, nur 11% sagen dies von den Republikanern. Eine Ausnahme bilden allerdings die Kubaner, die mehrheitlich zu den Republikanern neigen (52%). Zwar stellen die Kubaner nur 6% der hispanischen Wähler, doch sind sie aufgrund ihrer regionalen Konzentration in Florida für die Republikanische Partei im Präsidentschaftswahlkampf eine besonders wichtige Basis. Die intransigente Haltung der Bush-Regierung gegenüber Fidel Castros Kuba ist wesentlich auf diese strategische Machtposition der kubanischen Wähler zurückzuführen.

Wahlkampfthemen

Bei allen hispanischen Gruppen steigt die Unterstützung für die Republikaner mit dem Einkommen. Die Parteiidentifikation der Hispanics hängt somit auch ganz wesentlich von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage ab, und da die große Mehrheit den unteren Einkommensklassen zuzurechnen ist, haben die Demokraten gleichsam einen natürlichen Vorteil. Die Bindung ist allerdings keineswegs so stark wie bei den Afroamerikanern. Gerade hispanische Einwanderer, die noch nicht die Staatsbürgerschaft erworben haben, sehen sich politisch eher als Unabhängige. Für die Demokraten ist es außerordentlich wichtig, ihr Wählerpotenzial unter den Hispanics möglichst voll auszuschöpfen. 1996 erhielt Clinton 72% aller hispanischen Stimmen, Gores Anteil sank vier Jahre später auf 67% ab, die aber immer noch 9,6% aller für Gore abgegebenen Stimmen ausmachten. Neben den schwarzen Stimmen könnte eine höhere Wahlbeteiligung der Hispanics Kerry entscheidende Prozente bringen, sofern der Wahlausgang denn ähnlich knapp wie 2000 werden sollte.

Ob die Wahlbeteiligung der Hispanics in diesem Jahr steigen wird, ist kaum absehbar. Etwa drei Viertel geben an, sich sehr oder einigermaßen für den Wahlkampf zu interessieren, etwa das Niveau des nationalen Durchschnitts. Beim zentralen Wahlkampfthema, dem Irak-Krieg, ist ihre Haltung zumindest deutlich skeptischer geworden. Zu Beginn des Krieges im Frühjahr 2003 unterstützten, wie die amerikanische Bevölkerung insgesamt, bis zu drei Viertel die Irak-Politik des Präsidenten, wobei vor allem die im Lande Geborenen den Krieg für richtig hielten, während die Einwanderer skeptischer waren und vor allem die wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges sowie verschärfte Diskriminierung von Immigranten fürchteten. Inzwischen hat auch bei den Hispanics die Unterstützung für den Krieg und das Vertrauen in George Bush erheblich nachgelassen. 54% der registrierten Wähler fühlen sich jetzt von Bush bewusst getäuscht und missbilligen seine Irak-Politik, 62% glauben, dass er keinen Plan habe, Irak erfolgreich zu befrieden. Allerdings stehen der Kampf gegen den Terrorismus und der Krieg in Irak erst an vierter bzw. fünfter Stelle der Prioritäten, die die hispanischen Wähler als entscheidend für ihre Stimmabgabe im November angeben, und über die Hälfte kann sich vorstellen, auch für einen Kandidaten zu stimmen, der in der Irak-Frage eine andere Auffassung als sie selbst vertritt.13

Allerdings ist kaum damit zu rechnen, dass viele hispanische oder afroamerikanische Wähler geneigt sein könnten, aus patriotischer Loyalität für George Bush zu stimmen, dessen Partei sie ganz überwiegend nicht als Sachwalterin ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessen ansehen. Voraussichtlich werden sich Afroamerikaner und Hispanics wohl in erster Linie an diesen Interessen orientieren, was ihre traditionelle Bindung an die Demokraten eher stärken dürfte. Wahlentscheidend werden ihre Stimmen jedoch nur sein, wenn es ein ähnliches Kopf-an-Kopf-Rennen geben sollte wie 2000 und es eine hohe Wahlbeteiligung beider Gruppen Kerry ermöglicht, entscheidende Swing States zu gewinnen bzw. eine schwache Resonanz genau dies verhindert.

Dass die Wahl wesentlich von der Außenpolitik und der Wirtschaft dominiert wird, sollte freilich nicht den Blick dafür verstellen, dass das amerikanische Parteiensystem unverändert eine bemerkenswerte und möglicherweise noch zunehmende Polarisierungstendenz zwischen weißen Wählern und den nichtweißen Minderheiten zeigt. Die Republikanische Partei hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten erfolgreich als Partei der konservativen Weißen profiliert und unternimmt wenig ernsthafte Anstrengungen, ethnische Minderheiten für sich zu gewinnen. Dies gilt vor allem für die Afroamerikaner, denen man sich – trotz Colin Powell und Condoleezza Rice – völlig entfremdet hat und die man für die eigene Wahlkoalition auch nicht wirklich braucht. Die „Partei Lincolns“ setzt eindeutig auf die weißen Wähler der Suburbs, die Abgrenzung von den schwarzen Ghettos und hispanischen Barrios der Innenstädte wünschen. Und in Teilen des tiefen Südens haben die Republikaner bereits eine so starke Dominanz bei den weißen Wählern, dass die demokratische Wählerschaft hier zu über 50% aus Schwarzen besteht.

Demokratische Dominanz

Dagegen gibt es mehr Veranlassung, sich um hispanische Wähler zu bemühen, deren Zahl in Zukunft weiter wachsen wird, die weniger stark parteigebunden sind und deren moralisch-kultureller Konservatismus durchaus Affinitäten zu den ideologischen Positionen der Republikaner aufweist. Tatsächlich bemüht sich gerade George Bush, der immerhin passabel Spanisch spricht, um die hispanischen Wähler, bei denen er auch deutlich populärer ist als seine Partei. Bush kultiviert zudem seine Beziehung zum mexikanischen Präsidenten Vincente Fox, die aber immer wieder durch Konflikte über die Diskriminierung mexikanischer Einwanderer und die Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe gegen mexikanische Staatsangehörige belastet wird. Neben der restriktiveren Haltung der Republikaner in der Einwanderungspolitik ist zudem ihre enge Bindung an die protestantische religiöse Rechte ein Hindernis für eine Annäherung an die Masse der hispanischen Wähler, die zu 70% katholisch sind und ganz überwiegend eine klare Trennung von Religion und Politik befürworten.

Die Dominanz der Demokraten bei den afroamerikanischen und hispanischen Wählern ist offenkundig und wird wohl auf absehbare Zeit fortbestehen, aber sie offenbart eher eine Schwäche als eine Stärke. Seit die Demokraten in den sechziger Jahren die liberalen Bürgerrechts- und Einwanderungsgesetze durchsetzten, begann ein Entfremdungsprozess von ihrer Wählerbasis unter der weißen Arbeiterschaft und unteren Mittelschicht, die durch die Rassenintegration und durch Minderheitenförderung ihren sozialen Status und die Integrität ihres kulturellen Milieus bedroht sahen. Die Folge war, dass die Demokraten, je mehr sie als Interessenvertreter ethnischer Minderheiten wahrgenommen wurden, bei den weißen Amerikanern ihre Mehrheitsfähigkeit einbüßten.

Wie stark diese Entwicklung vorangeschritten ist, zeigen die beiden letzten Präsidentschaftswahlen. 1996 wurde schon jede vierte Stimme für Clinton entweder von Afroamerikanern oder Hispanics abgegeben. Vier Jahre später stieg ihr Anteil an den Wählern Gores auf 28,5%. Während Gore 90% der Schwarzen und 67% der Hispanics für sich gewinnen konnte, wählten ihn lediglich 42% der Weißen, die George W. Bush zu 54% unterstützten. Das Kernproblem für die Demokraten besteht darin, eine auf gemeinsamen sozialen und wirtschaftlichen Interessen beruhende Wahlkoalition zu schmieden und ethnische und rassische Gegensätze möglichst auszuklammern. Dieses Ziel hat Kerry im Wahlkampf fast klassisch formuliert, als er von den „struggling families in Appalachia, or in public housing in Detroit, or in the barrios of East L.A.“ sprach, die in George Bushs Amerika die „vergessenen Amerikaner“ seien.14

Auch für die aufstrebenden afroamerikanischen und hispanischen Politiker kommt es immer mehr darauf an, ihre Basis über die eigene ethnische Gruppe hinaus zu verbreitern und sich um weiße Wähler zu bemühen. Die in den neunziger Jahren betriebene Strategie der Schaffung möglichst vieler Wahlkreise mit schwarzer bzw. hispanischer Bevölkerungsmehrheit wird heute auch von führenden schwarzen Politikern als Sackgasse angesehen, weil sie im Süden die republikanische Vorherrschaft zementieren half. Die Kandidaten beider Minderheiten wissen, dass sie es sich nicht länger leisten können, allein als Vertreter ethnischer Sonderinteressen wahrgenommen zu werden, wie dies etwa für Jesse L. Jackson sen., galt – trotz seiner Versuche, eine rassenübergreifende „Regenbogenkoalition“ zu schmieden. Der neue Typus des integrativen schwarzen Politikers wird im Wahlkampf 2004 von Barack Obama verkörpert, der sich als Demokrat um das Amt des Senators von Illinois bewirbt und beste Chancen auf den Wahlsieg hat. Obama, Sohn eines Afrikaners aus Kenia und einer weißen Amerikanerin aus Kansas, gewann bei den Vorwahlen nicht nur in den Schwarzenvierteln von Chicago, sondern auch in den wohlhabenden Vorstädten und in weiten Teilen der weißen Mittelklasse. Dass ausgerechnet der Sohn eines afrikanischen Einwanderers, die von den Nachfahren der schwarzen Sklaven oft als Außenseiter betrachtet werden, erfolgreich die Rassen- und Klassenschranken der amerikanischen Politik herausfordert, kann in einer immer komplexeren multiethnischen Gesellschaft durchaus als ermutigendes Zeichen betrachtet werden.15

Anmerkungen

1 Vgl. Herbert S. Klein, A Population History of the United States, Cambridge, UK, und New York 2004, bes. S. 202 ff., S. 247. Da der Zensus 2000 erstmals Mehrfachnennungen bei der Frage nach „race“ erlaubte, sind die Zahlen leicht verzerrt. Die Asian Americans (3,6% der Bevölkerung) bleiben hier unberücksichtigt. Ihr Bevölkerungsanteil dürfte sich künftig ebenfalls leicht erhöhen.

2 Samuel Huntington, Who Are We?, New York 2004.

3 Bericht der US-Zensusbehörde, Poverty in the United States 2002, Pressemitteilung vom 2.10.2003, <http://www.census.gov/ Press-Release/www/2003/cb03-153.html>. Auszüge des Berichts befinden sich in der Dokumentation: <http://www.internationalepolitik.de>.

4 Zum Kampf um das Wahlrecht und zur politischen Geschichte der Schwarzen insgesamt siehe Berg, The Ticket to Freedom. Die NAACP und das Wahlrecht der Afro-Amerikaner, Frankfurt/M. 2000.

5 David A. Bositis, Black Elected Officials: A Statistical Summary 2001, <http://www.jointcenter.org/publications/BEO/BEO-01.html>.

6 Alle nachfolgenden statistischen Angaben zum afroamerikanischen Wahlverhalten stammen aus den Studien von David Bositis, The Black Vote in 2000: A Preliminary Analysis sowie ders., Blacks and the 2004 National Democratic Convention, verfügbar unter <http://www.jointcenter.org/publications/index.html>. Für weitere Informationen vgl. auch Minion K.C. Morrison (Hg.), African Americans and Political Participation: A Reference Handbook, Santa Barbara 2003.

7 Kerry zitiert in der Los Angeles Times vom 10.9.2004, A 16; Bush zitiert in der Washington Post vom 4.9.2004, A 31.

8 Vgl. Bositis, Blacks and the 2004 National Democratic Convention, vgl. Anm. 6.

9  Pressemitteilung der NAACP vom 27.8.2004: NAACP Chairman Julian Bond Calls for Election Protection to Defend Voting Rights Act; <http://www.naacp.org/news/releases/votingrights082704.shtml>; Dokumentation der NAACP: The Long Shadow of Jim Crow: Voter Intimidation and Suppression in America Today, <http://www.naacp.org/news/releases/jimcrow.pdf>; Auszüge in der Dokumentation, vgl. Anm. 3.

10 Alle statistischen Informationen zu den Hispanics, sofern nicht anders angegeben, stammen aus den folgenden Studien des Pew Hispanic Center und der Kaiser Family Foundation: 2002 National Survey of Latinos: The Latino Electorate (2002); The 2004 National Survey of Latinos: Political and Civic Participation, <http://www.pewhispanic.org/index.jsp>; Auszüge in der Dokumentation, vgl. Anm. 3.

11 U.S. Democratic, Republican Parties Reaching Out to Hispanic Voters (12.8.2002), über: <http://usinfo.state.gov>; Bositis, The Black Vote in 2000, Tabelle, Anm. 6.

12 Record Number of Hispanics Elected to U.S. House of Representatives (12.11.2002), <http://usinfo.state.gov/usa/diversity/a111202.htm>; Hispanic Influences on Culture and Politics, <http://www2.worldbook.com/wc/popup?path=features/ cinco&page=html/influences.htm>.

13 Vgl. die Daten des Pew Hispanic Centers, Survey of Latino Attitudes on the War with Iraq (April 2003); <http://www.pewhispa nic.org/index.jsp> für die Umfrageergebnisse von 2004 vgl. The 2004 National Survey of Latinos, s. Anm. 10.

14 Kerry-Zitat, siehe Anm. 7.

15 Vgl. Ryan Lizza, The Natural. Why is Barack Obama generating more excitement among Democrats than John Kerry, in: Atlantic Monthly, September 2004, S. 30–33.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2004, S. 29-38

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