01. Mai 2020

Keine virtuelle Pandemie

Die Corona-Krise führt uns sowohl die Chancen als auch die Risiken der digitalen Globalisierung vor Augen. Sicherheit im Cyberspace ist dabei eines der wichtigsten Themen.

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Bild: Ein Mitarbeiter der Bundeswehr wird auf Corona abgestrichen
Rund um den Globus greift ein Virus in den Alltag ein, verändert Gesellschaften, Politik und Zusammenleben von Grund auf.
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Der Ausnahmezustand wird zum Normalfall – natürlich will das niemand. Und alle bemühen sich, die durch das Corona-Virus ausgelösten Notstandsmaßnahmen zu begrenzen und so rasch wie möglich aufzuheben. Richtig so! Bei aller Unsicherheit, wie es weitergehen könnte, dürfte diese Erkenntnis wohl für eine ganze Weile gültig bleiben: Im Frühsommer 2020 stehen wir bestenfalls am Ende des Anfangs aller mit einer Pandemie einhergehenden Herausforderungen.

Aber es wäre sowieso naiv und ein Irrtum zu glauben, dass mit einer Eindämmung der Pandemie auch deren Folgen beseitigt sein werden. Denn eine Rückkehr zum Status quo ante wird es nicht mehr geben. Zu stark sind die Erschütterungen, die das Corona-Virus erst im Gesundheitswesen auslöste und die danach die Folgen seiner Bekämpfung hervorriefen. Zu viel wird sich in Wahrnehmung und Bewusstsein einzelner Menschen und der Bevölkerung insgesamt ändern. Daraus ergeben sich für das Wechselspiel von Globalisierung und Digitalisierung gleichermaßen Risiken wie auch Chancen.

Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft stehen exemplarisch und konkret dafür, was der für viele noch abstrakte Begriff der Disruption meint. Zusammengefasst drückt Disruption aus, dass die Zukunft völlig anders sein wird als die Vergangenheit. Ein radikaler Bruch mit den alltäglichen Gewohnheiten – wie es eben auch einer Pandemie entspricht – verhindert die einfache Übertragung von Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Zukunft.

Disruption ist an sich kein neues Phänomen. Bereits vor über 100 Jahren erkannte der österreichische Ökonom Alois Schumpeter in der „schöpferischen Zerstörung“ den Motor des Wirtschaftswachstums. Nun zerstört das Corona-Virus traditionelle Geschäftsmodelle und bestehende Wertschöpfungsketten. Schlagartig wird Politik und Gesellschaft vor Augen geführt, wie abrupt alte Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt werden können.

Der Wirtschaft war die gleichermaßen zerstörerische wie schöpferische Dynamik disruptiver Prozesse schon längere Zeit bewusst. Denn Digitalisierung und Daten, Roboter und Algorithmen, wirklich autonome Mobilität und Künstliche Intelligenz hatten schon lange vor Ausbruch der Pandemie Wertschöpfungsprozesse tiefgehend verändert.

Nun jedoch wurde im Zuge der Pandemie der Bevölkerung flächendeckend veranschaulicht, was Distance Learning, Homeoffice, Online-Organisation, Videokonferenzen und digitale Angebote zu leisten imstande sind. Was als Notmaßnahme infolge des Corona-Virus erst ausprobiert und danach erfolgreich praktiziert wurde, wird auch nach der Pandemie beibehalten werden. Das Corona-Virus wird ganz generell und überall in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik die Digitalisierung beschleunigen.


Aus der Krise entsteht auch Neues

Bei der Suche nach wirksamen Reaktionen auf das Corona-Virus wird neues Wissen geschaffen. Das kommt nicht nur dem Kampf gegen Pandemien, Seuchen und Krankheiten zugute. Innovative Erkenntnisse aus der Virusbekämpfung lassen sich später an vielen anderen Stellen nutzen, um Leben zu retten, Ansteckungen zu verhindern und insgesamt Menschen aktiver und produktiver zu machen.

Somit ist zu erwarten, dass es, wie in früheren Krisen, auch jetzt zu einem sogenannten J-Kurven-Effekt kommen wird: Erst wird vieles schlechter. Die Wirtschaft bricht ein, die Arbeitslosigkeit steigt. Nach einer Zeit der Schockstarre und des Leidens jedoch kommt es zu Anpassungen und Gegenreaktionen. Innovationen provozieren Investitionen. Neues entsteht, die Wirtschaft erholt sich und die Gesellschaft geht mit Elan in eine neue Phase von Aufschwung und Prosperität. So war es immer schon. Es gibt wenig Gründe, warum es nicht wieder so werden sollte.

Globalisierte Gesellschaften haben durch die Pandemie mit Schrecken realisieren müssen, wie anfällig sie für unvorhersehbare, unplanbare und zumindest kurzfristig weitgehend unbeeinflussbare Schocks geworden sind. Das Corona-Virus hat der Bevölkerung auf ganz brutale Weise vor Augen geführt, dass das heutige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell viel zu sehr auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet ist. Langfristige Vorsorge für Krisen, Katastrophen oder eben Pandemien wurde massiv vernachlässigt. So fehlt es an Intensivbetreuungsplätzen für Schwerkranke, an Beatmungsgeräten und Schutzeinrichtungen sowie an Personal in Medizin und Pflege.

Die Globalisierung kann hier nicht weiterhelfen, denn bei einer Pandemie wird ähnliche Verknappung weltweit zur Regel. Nirgendwo findet sich der Überfluss, der rasch umgeleitet werden könnte. Auch, weil in der Corona-Krise jeder nationalen Regierung das eigene Volk am nächsten steht. So werden aus nationalen Eigeninteressen Grenzen geschlossen, Flugzeuge eingemottet, globaler Freihandel für Waren und Freizügigkeit für Menschen unterbunden – selbst wenn dadurch langfristig die Güterversorgung eher erschwert als erleichtert wird.

Es wird digitalisiert, wo immer möglich: Datentransfer ersetzt Güterhandel, Homeoffice anstelle Geschäftsbüro, Videobesprechungen statt Fernreisen. Aber auch die nun als Ersatz für die Globalisierung einspringende Digitalisierung hat ihre Tücken. Denn das Corona-Virus ist ja nicht die einzige existenzielle Bedrohung von Bevölkerung und Wirtschaft.

Eine Pandemie mit Millionen Schwerkranken und Sterbenden ist eine erschreckend reale Bedrohung. Aber daneben gibt es auch im Cyberspace Viren, die immensen Schaden anrichten können. Und sie bedrohen genauso Menschenleben und Gesellschaften. Die Angriffe des Cyberspace erfolgen zwar unsichtbar, lautlos und grenzenlos, sind deswegen aber nicht minder wirkungsvoll. Unwesen und Untaten im World Wide Web machen sich allerdings erst dann bemerkbar, wenn ganze Metropolregionen ohne Strom, Licht oder Wasser bleiben, wenn in den Rechenzentren von Versorgern, bei Mobilität und Kommunikation oder auf den Intensivstationen der Krankenhäuser nichts mehr geht, weil das Internet flächendeckend lahmgelegt ist. Oder wenn Handel, Börsen und Banken schließen müssen, weil Online-Transaktionen beim elektronischen Daten- und Zahlungsverkehr nicht verifiziert werden können.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer Beispiele, mit deren Hilfe sich veranschaulichen lässt, wie globalisierte Gesellschaften kurzfristiger Vorteile wegen auf langfristige Absicherung verzichtet haben. Dazu gehören die zu geringen Ausgaben in Europa für äußere Sicherheit und zur Terrorbekämpfung sowie der lange Zeit unterbliebene Kampf gegen den Klimawandel. Hierzulande wurde vielen Kosten, die „extern“ entstanden – entweder in anderen Weltregionen oder bei Umwelt und Klima – nicht in sozial oder ökologisch angemessener Weise Rechnung getragen. Eine weitere Missachtung externer Kosten zulasten von Beschäftigten in Billiglohnländern, des Artensterbens oder der Erderwärmung war spätestens mit der „Fridays for Future“-Bewegung nicht mehr möglich. Also war bereits vor Ausbruch des Corona-Virus ein Umdenken im Gange.

Deshalb wird das Corona-Virus Entwicklungen verstärken, die sich bereits abgezeichnet haben – und deren Wahrnehmung, Beachtung und Korrektur sowieso auf einer „Agenda 2030“ für globalisierte Gesellschaften höchste Priorität haben sollten. Somit ist es nach Ende der Pandemie weder erstrebenswert noch zielführend, zum business as usual zurückzukehren. Vielmehr wird sich manches ändern müssen, damit vieles bleiben kann, was für die Lebensqualität von Gesellschaften unverzichtbar ist. Dazu gehören die Beachtung der individuellen Grundrechte, die Maximierung der Chancen auf ein langes und gesundes Leben sowie mehr Wohlstand für alle.

Mit einem Ersatz globaler Wertschöpfungsketten durch digitale Abläufe, Online-Handel, Datentransfers und lokale 3-D-Produktion vor Ort beim Kunden entstehen ganz neue Abhängigkeiten. Bisher waren einzelne Glieder globaler Wertschöpfungsketten gefährdet, missbraucht zu werden. Sei es, dass einzelne Regierungen im Konfliktfall mit Strafzöllen, Handelsrestriktionen oder gar Verstaatlichung und Enteignung drohten. Sei es, dass Kriminelle Eigentumsrechte missachteten, den Patentschutz verletzten, Raubkopien herstellten oder sich der Markenpiraterie schuldig machten.


Steigende Cyber-Kriminalität

Wenn Digitalisierung nun der Globalisierung ein neues Antlitz geben wird, werden auch politische Abhängigkeiten und kriminelle Aktivitäten ihren Charakter ändern. Dem Wandel vom globalen Güterhandel zum virtuellen Datentransfer wird eine steigende Cyber-Kriminalität folgen.

Auf der einen Seite sind es private Big-Data-Firmen, die mehr oder weniger permanent, mehr oder weniger legal und unverdeckt firmenspezifische Daten abfischen, um Verflechtungen und Netzwerke sowie innerbetriebliche Verhaltensmuster, Entscheidungsstrukturen und Betriebsgeheimnisse auszuspionieren. Auf der anderen Seite können Cyber-Attacken einzig dem Ziel dienen, Firmen, Persönlichkeiten, Regierungsvertretern oder Politikern zu schaden, sie für eine Weile lahmzulegen, das Vertrauen ihrer Partner zu zerstören oder ihre Reputation in der Öffentlichkeit zu untergraben.

Wer den Cyberspace beherrscht, beherrscht die Weltwirtschaft. Mangels eigener Angebote mit gleichwertigem Preis-Leistungs-Verhältnis hat Europa dabei momentan nur die Wahl zwischen amerikanischen oder chinesischen Abhängigkeiten. Im ersten Fall droht „Big Business“, also die Marktmacht privater Monopole eines Finanzkapitalismus, gläserne Menschen zu schaffen, um auf deren Kosten „Big Profit“ zu scheffeln. Im zweiten Fall ist es „Big Brother“, also das Monopol eines autoritären Staatskapitalismus, der ohne Scheu und Rücksicht die Intimsphäre bis in die hinterste Ecke der Privatheit ausleuchtet.

Digitalisierung als Antwort auf Globalisierung wird dann zum gesellschaftlichen Risiko, wenn Bot-Netzwerke Bevölkerungen instrumentalisieren und Parlamentswahlen fälschen. Manipulierte Software ist in der Lage, Bankkonten auszuräumen, Rechenzentren auszuspionieren oder auch die Daseinsvorsorge zu stören. Fake News vermögen es, Hass und Misstrauen zu säen und Gesellschaften zu destabilisieren. Genauso ergeben sich gewaltige Abhängigkeiten bei der Nutzung privater Datenclouds, beim Online-Shopping, beim elektronischen Datenverkehr mit Banken und Versicherungen oder beim e-government.

Das Corona-Virus verbreitet Leid und Schrecken. Seine Bekämpfung hat höchste Priorität. Dennoch gilt es zu verhindern, dass der biologischen Pandemie eine virtuelle folgt. Es darf nicht dazu kommen, dass Menschen gezwungen werden, private Daten offenzulegen, um das Corona-Virus zu bekämpfen, wenn nicht zu verhindern ist, dass dadurch virtuellen Viren Tür und Tor geöffnet werden.

Sicherheit im Cyberspace gehört zu den zentralen Staatsfunktionen im Zeitalter der digitalen Globalisierung. Guter Schutz gegen Big Data, Big Business und Big Brother ist teuer. Ungenügender Schutz jedoch ist weit teurer. Er kann Existenzen zerstören und im schlimmsten Fall die Stabilität westlicher Gesellschaften infrage stellen. Somit dürfte das Corona-Virus für europäische Bevölkerungen zum Augenöffner werden. Es zeigt auf, wie verletzlich liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle geworden sind.


Prof. Dr. Thomas Straubhaar lehrt Volkswirtschaft, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai-Juni 2020, S. 38-41

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