Porträt

27. Febr. 2023

Kassandra des Nordens: Kaja Kallas im Porträt

Wer vor 1990 im Baltikum aufwuchs, der weiß, was Fremdbestimmung ist. Kein Wunder, dass Estlands Regierungschefin seit jeher vor Wladimir Putin warnt. Heute steht sie auf der „Time“-Liste der „Leader von morgen“.

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Bild: Porträt von Kaja Kallas vor dem Brandenburger Tor in Berlin
Die Luft der Freiheit: Über 34 Jahre nach ihrem prägenden Berlin-Besuch von 1988 gehört das Eintreten für Selbstbestimmung fest zu Kaja Kallas’ politischem Programm
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Es ist ein Tag im Jahr 1988. Unter bedecktem Himmel posiert eine Frau mit ihrer Tochter und ihrem Sohn. Für ein Familienfoto stehen sie vor einer Absperrung. „Atmet tief ein“, sagt der Mann, der die Kamera hält, der Vater der Kinder. „Hier weht die Luft der Freiheit zu uns herüber.“

Es ist allerdings nicht die Familie, die das Zentrum des Bildes einnimmt, sondern das Bauwerk dahinter:das Brandenburger Tor. Der Blick des Fotografen geht nach Westen, in der Ferne ist eine schlanke, hoch aufragende Säule auszumachen. Dazwischen liegt ein graues Band, das man zunächst fast nicht wahrnimmt, weil sein Hellgrau beinahe mit den Wolken des Himmels verschwimmt und auch mit der Farbe der Pflasterung des Platzes. Das Band ist die Berliner Mauer.

34 Jahre später findet diese ­Fotografie aus dem privaten Album der Familie, die damals Ostberlin besuchte, den Weg ins Internet. Auf Twitter gepostet von der Frau, die sich dort als elf­jähriges Mädchen an die Absperrung gelehnt hatte. Kaja Kallas beglückwünschte auf diese ­Weise im Oktober 2022 Deutschland zum Jahrestag der Wiedervereinigung. „Damals wusste ich nicht, was Freiheit ist“, schrieb sie dazu.


Klare Haltung

Heute atmet Kaja Kallas die Luft der Freiheit in ihrem eigenen Land, der baltischen Republik Estland, wo sie vor zwei Jahren das Amt der Ministerpräsidentin übernahm. Am Brandenburger Tor konnte man sie im April des Jahres 2022 wieder treffen; sie war dorthin eingeladen, um in einem Gebäude direkt nebenan die von der Friedrich-Naumann-Stiftung veranstaltete traditionelle Berliner Freiheitsrede zu halten. Kallas trat dabei als eindringliche Verfechterin einer klaren Haltung des Westens gegenüber der russischen Aggression in der Ukraine auf.

Und natürlich kam sie in diesem Zusammenhang auf ihr Erlebnis als Kind an dem Ort zu sprechen, wo sie nun am Rednerpult stand. Die Perestroika Gorbatschows habe damals den Sowjetbürgern Reisen ins Ausland erleichtert, erklärte sie. Zwar nicht in den Westen, aber wenigstens ins sozialistische Ausland, und schon das sei ihr wie ein Wunder vorgekommen. Ihre Eltern hätten die Gelegenheit sofort ergriffen, sie und ihren Bruder so nahe an den Westen wie möglich zu führen und sie an der Luft der Freiheit wenigstens ein bisschen schnuppern zu lassen.


Kollektive baltische Erfahrung

Wenn Kaja Kallas in Berlin sagte – und später in dem zitierten Tweet schrieb –, sie habe damals am Brandenburger Tor die Aufforderung ihres Vaters, die „Luft der Freiheit“ tief einzuatmen, nicht so recht verstanden, dann begründete sie das damit, dass ihr als Kind ein umfassender Begriff der Freiheit noch gefehlt habe. Freiheit nehme für die Menschen immer dann eine herausragende Bedeutung an, wenn man ihrer verlustig gegangen sei, sagte sie. Weil sie aber in der Sowjetunion aufgewachsen sei, habe sie Freiheit auf diese Art gar nie erleben können.

Eine Vorstellung davon, worum es beim Verlust einer auch bloß beschränkten Freiheit ging, konnte sie indes gewinnen, wenn sie ihrer Mutter Kristi beim Erzählen aus Leben und Kindheit zuhörte. Kristi Kallas war als Kleinkind mit ihrer Familie nach Sibirien deportiert worden. Erst als Zehnjährige durfte sie aus der Verbannung in die sowjetische Teilrepublik Estland zurückkehren. Es ist ein Schicksal, das sie mit Tausenden anderen Angehörigen der baltischen Völker teilt, mit unzähligen Esten, Letten und Litauern. 

In dieser kollektiven Erfahrung von krasser Fremdbestimmung durch eine Moskauer Zentralmacht mit imperialistischer Ambition liegt ein Grund dafür, dass die Völker der baltischen Staaten, heute allesamt Mitglieder der Europäischen Union und der NATO, ein anderes Sensorium für den Wert der Freiheit haben als westeuropäische Gesellschaften, wo Freiheit zum selbstverständlichen Accessoire des täglichen Lebens geworden ist. Das Bewusstsein, dass es sich lohnt, die Freiheit zu verteidigen, auch wenn es Kraft kostet, ist bei ihnen noch sehr frisch.

Aus ihrer väterlichen Abstammungslinie wiederum bekam Kaja Kallas das politische Gen in die Wiege gelegt. Das beginnt bei ihrem Urgroßvater Eduard Alver, der ein Mitbegründer des ersten unabhängigen Staates Estland nach dem Zerfall des Zarenreichs war. Dessen Enkel, Kajas Vater Siim Kallas, war 1988, als er in Ostberlin vor dem Brandenburger Tor auf den Auslöser für das Familienfoto drückte, nach einer Karriere im staatlichen Finanz- und Bankenwesen auf dem Sprung in eine leitende Funktion im estnischen Gewerkschaftsbund und in den Obersten Sowjet der UdSSR.

Es war eine Zeit, in der es in den baltischen Sowjetrepubliken gesellschaftlich bereits mächtig gärte. Der Wunsch, die Eigenstaatlichkeit zurückzugewinnen, wuchs bei der autochthonen Bevölkerung ins Übermächtige, und die Zeit war plötzlich reif dafür. Als Teenager und junge Frau erlebte Kaja Kallas ihren Vater in der Rolle des Zentralbankchefs der wieder unabhängigen Republik Estland, dann als Gründer der liberal ausgerichteten Reformpartei, Mitglied des estnischen Parlaments, Finanzminister, Außenminister und Ministerpräsident.


Neuer Stil in Europas Politik

Mittlerweile weiß Kaja Kallas aus eigener Erfahrung, wie sich diese Arbeit anfühlt. Doch auch wenn gewisse Parallelen bestehen – Vater wie Tochter machten neben der politischen Arbeit in Estland auch auf europäischer Ebene Karriere –, so war ihr Weg an die Spitze zuerst der Reformpartei und dann der Landesregierung weder einfach noch geradlinig. Zwar könnte man versucht sein, Kaja Kallas als Erbin einer politischen Dynastie zu sehen. Doch ist sie eine Politikerin, die sich ein klares eigenes Profil geschaffen hat und damit als erste Frau bis an die estnische Regierungsspitze gelangt ist.

Im Januar 2022, als Russlands Truppenaufmarsch an den Grenzen zur Ukraine in vollem Gange war, warnte sie, dass der Westen nicht in die Falle Moskaus tappen dürfe, Maßnahmen zur Deeskalation eines Problems anzubieten, das der Kreml gezielt selbst geschaffen habe. Es war eine Rhetorik, die in starkem Gegensatz zu jener stand, die man seinerzeit etwa aus Frankreich oder Deutschland vernahm. Auch Kallas rechnete damals nicht mit einem Krieg. Sie traute Moskau dennoch nicht, aus bitterer ­Erfahrung.

Heute könnten sie und andere Vertreter baltischer und ostmitteleuropäischer Länder dem weiter von Russland entfernten Westen vorhalten, man habe es ja schon lange gesagt. Mit ihrer Kenntnis des politischen Geschäfts weiß Kallas jedoch, dass dies bei den Adressaten kaum gut ankäme. So drückte sie es in einem bilanzierenden Gespräch für die estnische Rundfunk- und Fernsehgesellschaft ERR über das Jahr 2022 und den Krieg in der Ukraine wesentlich diplomatischer aus: Estlands Wort habe inzwischen am Tisch der EU das gleiche Gewicht wie das Wort größerer Staaten. Tatsächlich war aus westeuropäischen Hauptstädten in der letzten Zeit mehr als einmal zu vernehmen gewesen, man hätte mehr auf die Länder hören sollen, die Moskaus Macht am eigenen Leib erlebt haben.

Wenn Kaja Kallas inzwischen auf den vorderen Plätzen internationaler Rankings von einflussreichen Frauen auftaucht, dann hat das jedoch nicht nur mit ihrer Rolle als „nordische Kassandra“ in Sachen EU-Russland-Politik zu tun. Sondern es entspricht auch einem politischen Phänomen, das sich derzeit gerade in Nordeuropa stark manifestiert.

Die Finnin Sanna Marin, die Dänin Mette Frederiksen und die Isländerin Katrín Jakobsdóttir sind nicht bloß Amtskolleginnen von Kaja Kallas. Sondern wie diese sind sie Vertreterinnen einer neuen Generation von Politikerinnen – zu der man auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock zählen kann. Baerbock und Kallas etwa stehen auf der aktuellen Liste des Magazins Time für die „Leader von morgen“ – und verfasst wurde die Würdigung zu Kallas von Sanna Marin, die ein Jahr zuvor in derselben Liste erschien.

Weltanschaulich mögen diese jungen Spitzenpolitikerinnen aus sehr verschiedenen Ecken kommen. Kallas etwa ist im Kreis der Genannten die einzige mit einem liberalen Hintergrund. Für alle gilt natürlich, dass sie sich im Geschäft mit der Macht bestens auskennen. Doch sie schaffen einen neuen Stil, der das Gesicht der europäischen Politik verändert.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2023, S. 9-11

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Mehr von den Autoren

Rudolf Hermann ist Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und seit 2015 zuständig für die Berichterstattung über die nordischen und baltischen Staaten.

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