01. März 2019

Demokratisches Design

Kostenpflichtig

Fliegen ist auch nicht mehr, was es einmal war. Von der Eleganz und Exklusivität früherer Zeiten ist wenig geblieben. Außer vielleicht, man hat Business Class gebucht und wird mit einem Glas Champagner an Bord begrüßt.

Wer in der Business Class bei Finnair unterwegs ist, der finnischen nationalen Airline, dem wird dieser Champagner sogar in einem nordischen Design-Klassiker kredenzt: einem Kelch der Glasmanufaktur Iittala aus der Reihe „Ultima Thule“. Diese wohl berühmtesten Stücke aus dem Atelier des Designers Tapio Wirkkala reflektieren mit ihrer kompliziert strukturierten Oberfläche das Aufbrechen des Eises von Flüssen und Seen im Frühling. Der zieht im hohen Norden erst spät im Jahr ein und geht fast unmittelbar über in einen kurzen, intensiven Sommer voll überquellendem Wachstum. Wirkkala, Grafiker, Bildhauer, Innenarchitekt, Städteplaner und einer der Gründerväter des finnischen industriellen Designs, tüftelte in den 1960er Jahren lange daran, dieses Naturschauspiel in die Form von Trinkgläsern zu bringen.

Tiefe Wälder, stille Seen, endlose Heide

Finnland mag heute aus der Ferne dank des Technologiegiganten Nokia und seiner lebendigen Start-up-Szene wie das Idealbild einer modernen Industriegesellschaft wirken. Auch im Land selbst sieht man sich so, und Design ist ein integraler Teil dieses Selbstverständnisses. Doch wer nach der Landung nicht nur die Hauptstadt Helsinki besucht, sondern durch das Land reist, dem wird rasch klar, dass die modernen Städte bloße Inseln der Zivilisation in einer großen Weite mit mächtiger, ja übermächtiger Natur sind. Tiefe Wälder, stille Seen, endlose Heide: Das sind ebenso definierende Elemente der finnischen Psyche wie Hightech und Modernität.

Noch mehr als heute war das vor fünf Jahrzehnten der Fall, als Wirkkala seine „Ultima Thule“-Serie entwarf. Finnland war damals erst seit rund 50 Jahren ein eigener Staat; zuvor hatte man jahrhundertelang unter schwedischer oder russischer Herrschaft gestanden. Zudem begann damals erst allmählich der Wandel von einem agrarisch geprägten und armen Land in eine moderne Industriegesellschaft.

Dass Wirkkala seine Inspiration aus der allgegenwärtigen Natur bezog, kann deshalb kaum überraschen. Auch beim Textilien- und Einrichtungs-Designhaus Marimekko, einem weiteren weltbekannten finnischen Namen, ist das nicht anders. Die flächigen Farb- und Formenmuster entführen den Betrachter in einen Birkenhain oder auf eine subarktische Blumenwiese; andere Muster lassen ihn wie aus einem Helikopter auf das Wechselspiel von Wald und Seen blicken.

Die starke Prägung durch Natur und Umwelt gilt auch für Alvar Aalto, den international vielleicht berühmtesten Finnen, wenn von Architektur und Design die Rede ist. Für Aaltos legendäres Möbeldesign-Studio Artek war Holz der Baustoff der Wahl. Ein historisch verankerter und deshalb naheliegender Baustoff, dessen gestalterische Möglichkeiten Aalto indes durch die von ihm entwickelte Lamellen-Bauweise bedeutend erweiterte.

Damit führte der Großmeister des finnischen Designs den Gedanken fort, dem Tausende von Jahren vor ihm schon die Angehörigen der Sami, der Urbevölkerung Lapplands, gefolgt waren, wenn sie etwa aus einem Birkenknollen kunstvoll ein Trinkgefäß schnitzten: bestmöglich die Ressourcen zu nutzen, die ihnen das karge Land zugestand.

Schlüsselbegriff Egalität

Nordisches Design besticht durch klare Linien und sparsame, nüchterne Formgebung; südliche Opulenz sucht man hier vergebens. Die Natur als Inspiration und Leitlinie ist eine wichtige Erklärung dafür, aber nicht die einzige. Eine andere liegt, auf den ersten Blick vielleicht etwas weit hergeholt, in der Herausbildung des nordischen sozialstaatlichen Modells nach dem Zweiten Weltkrieg.

Egalität war ein wichtiger Begriff in diesem neuen Gesellschaftskonzept. Dabei ging es nicht zuletzt darum, der immer stärker in die Städte drängenden Bevölkerung menschenwürdige Behausungen zur Verfügung zu stellen. Also wurde gebaut – nicht unbedingt schön vielleicht, aber effizient und standardisiert.

All die neuen Wohnungen brauchten eine Einrichtung. Und in Schweden kam ein talentierter Geschäftsmann, aufgewachsen auf dem Bauernhof Elmtaryd in der südschwedischen Gemeinde Agunnaryd, auf die Idee, optisch ansprechende Möbel kostengünstig in hohen Stückzahlen herstellen zu lassen, damit sich auch die einfachen Bürger eine moderne Inneneinrichtung leisten könnten. Aus den Initialen seines Namens Ingvar Kamprad und den Anfangsbuchstaben seiner Wohnadresse formte er den Firmennamen IKEA; der Rest der weltweiten Erfolgsgeschichte ist wohlbekannt.

Dem Credo, dass gutes Design nicht die Welt kosten soll, ist man bei IKEA bis heute treu geblieben. Im Geiste des Zeitalters von PR und Kommunikation hat man ihm ein trendiges Etikett verpasst und spricht von den „fünf Dimensionen des demokratischen Designs“. Das klingt ganz nach skandinavischer Gesellschaftsphilosophie, in die Sprache des Möbeldesigns übersetzt. Doch auch in Nordeuropa gibt es solche, die sich gerne mit etwas Exklusiverem vom Nachbarn absetzen und bereit sind, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Auch wenn das eigentlich dem Egalitätsgedanken zuwiderläuft und damit auch dem nordischen gesellschaftlichen Imperativ, dass niemand sich für etwas Besseres halten sollte – zumindest nicht öffentlich.

Solche Leute sind es dann vielleicht, die man bei Jeppe Christensen antrifft und seinem Start-up in einer gentrifizierten ehemaligen Lokomotivwerkstatt hinter dem Kopenhagener Hauptbahnhof. Sie kommen hierher, um eine Designerküche zu erwerben, gestaltet von Großmeistern der dänischen Innenarchitektur mit so klingenden Namen wie Bjarne Ingels oder Henning Larsen. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass diese Designerküche zwar tatsächlich aus dem Atelier eines Stars stammt, aber trotzdem kein Loch ins Bankkonto reißt.

Wie geht das? Jeppe Christensen ist ein sogenannter IKEA-Hacker. Alle sichtbaren Teile der Küchen, die man bei ihm erwerben kann, sind maßgefertigte Design-Kreationen mit edlem Stammbaum. Alles, was nicht sichtbar ist, stammt vom schwedischen Möbelriesen.

Schwingt also sogar beim gehobenen Anspruch der Egalitätsgedanke mit – dass auch Spitzendesign so breiten Schichten wie möglich zugänglich sein sollte? Das wäre die idealistisch angehauchte Interpretation. Die realistische hingegen lautet, dass ein mäßig teures Produkt einfacher zu verkaufen ist als ein superteures. Und dass den Nordländern ihr Design eben wichtig ist.

Rudolf Hermann ist Nordeuropa-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung.

Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 01, März - Juni 2019, S. 13-15

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