25. Juni 2021

Japans Perspektive auf Deutschlands Außenpolitik

Notiz an die künftige Bundesregierung: Zusammen mit Japan ließe sich einiges erreichen, in Südostasien und anderswo. Im Gegenzug könnte Berlin Tokio helfen, Brüssel zu verstehen.

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Bild: Kung-Fu Schüler bei einer Großveranstaltung
In Reih und Glied: Nicht nur in Deutschland, auch in Japan neigt man dazu, der Selbstinszenierung Pekings auf den Leim zu gehen und vor Ehrfurcht zu erstarren. Damit sind sie nicht allein: Selbst Henry Kissinger ließ sich von Chinas Bildsprache beeindrucken.
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Ich wurde von der IP eingeladen, aus japanischer Perspektive über Deutschlands Außenpolitik zu schreiben. Bevor ich das tue, möchte ich zu meiner Entschuldigung vorausschicken, dass ich Ökonomin bin und keine Expertin für internationale Beziehungen. Doch die künftige deutsche Außenpolitik nach der 16-jährigen Regentschaft Angela Merkels ist ein ebenso wichtiges wie faszinierendes Thema.

Versuchen wir es also!


Brecht in Tokio

Wenn wir darauf schauen, was sich aus Japans Sicht von der deutschen Außenpolitik erhoffen lässt, dann stehen vier Fragen im Mittelpunkt: Erstens, wie sollte Deutschland seine Beziehungen zu Japan gestalten? Zweitens, was sind die zentralen Themen, bei denen Deutschland und Japan miteinander konkurrieren – oder kooperieren könnten? Welche regionalen Probleme ließen sich, drittens, gemeinsam lösen? Und schließlich: Wie werden Deutschlands Beziehungen zu China in Japan gesehen – ist Deutschland zu naiv?


Das Problem der deutsch-japanischen Beziehungen scheint mir bisher gewesen zu sein, dass es schlicht noch nicht genug davon gab – jedenfalls nicht in sichtbarer Form. In Japan konzentrieren wir uns vornehmlich auf das Verhältnis zu Amerika, und das hat ohne Zweifel seine guten Gründe. Doch darüber sollten wir nicht vergessen, dem deutsch-japanischen Verhältnis die Aufmerksamkeit zu widmen, die es verdient.


So müsste man eigentlich als bekannt voraussetzen können, dass Japan enge kulturelle Bande zu Deutschland pflegt. Die Japaner sind ausgesprochene Afficionados der deutschen Kultur: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Bertolt Brechts Stücke in Japan häufiger aufgeführt werden als im Vereinigten Königreich. Die großen Gemälde von Albrecht Dürer, Hans Holbein (dem Älteren wie dem Jüngeren) oder Lucas Cranach lassen japanische Kunstkenner mit der Zunge schnalzen. Die Richard-Wagner-Gesellschaft ist in Japan eine hochgeschätzte und anerkannte Institution. Dem bilateralen Verhältnis zu größerer Sichtbarkeit zu verhelfen, wird also eine wichtige Aufgabe der kommenden deutschen Regierung sein.


Japans Tor nach Europa

Doch wenn wir darüber sprechen, wie sich die Beziehungen künftig verändern werden, so wird der Regierungswechsel in Berlin nicht der einzige bedeutsame Faktor sein. Besonders der Brexit dürfte dafür sorgen, dass dem deutsch-japanischen Verhältnis künftig eine höhere Bedeutung zukommen wird. Vor dem Brexit war das Vereinigte Königreich stets Japans Tor nach Europa – und das nicht nur in ökonomischen Fragen, so wichtig diese auch sein mögen. Die berühmte, dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger zugeschriebene Frage, wen man anrufen müsse, wenn man mit Europa sprechen wolle: Sie war stets auch eine japanische Frage.


In mancherlei Hinsicht bleibt die EU aus japanischer Perspektive ein ziemlich rätselhaftes Konstrukt. Das Vereinigte Königreich diente bisher als Wegweiser für ein besseres Verständnis der geheimnisvollen Pfade Brüssels. Vermutlich wird sich Japan nun erhoffen, dass Deutschland diese Rolle übernimmt. Wird Berlin sich dieser Aufgabe stellen?


Für Deutschland und Japan dürfte es grundsätzlich sinnvoller sein, nach Zusammenarbeit denn nach Konkurrenz zu streben. Stärken und Schwächen sind in den beiden Ländern tendenziell ähnlich verteilt – hier gibt es Raum für gegenseitige Unterstützung. Welche industrielle Struktur wird dem 21. Jahrhundert und der Zeit danach am besten gerecht? Welche Art des Wirtschaftens könnte der Menschheit im Zeitalter von Robotik, künstlicher Intelligenz, Fintech und Kryptowährungen zu einem besseren und glücklicheren Leben verhelfen?


Ich glaube, es sollte möglich sein, dass sich die klügsten Köpfe aus zweien der weltweit stärksten Produktionsstandorte zusammentun, um eine gemeinsame Vision davon zu entwickeln, wie eine wünschenswerte ökonomische Landschaft für das 21. Jahrhundert aussehen müsste. Politiker und Unternehmer in Japan haben das deutsche Programm „Industrie 4.0“ mit regem Interesse verfolgt. Zwar bin ich wahrlich keine Freundin des Programms „Gesellschaft 5.0“, der japanischen Antwort auf die deutsche Initiative. Doch zeigt diese Interaktion das Potenzial, das eine umfassende bilaterale Kooperation bietet.


Duo für eine bessere Welt

Was die regionale Zusammenarbeit in Fernost angeht, so wäre ein entschiedenes gemeinsames Eintreten für Menschenrechte und Demokratie eine großartige Sache. Japan hat sich zu diesen Fragen in der Vergangenheit nicht deutlich genug positioniert. Das ist hochgradig irritierend oder, schlichter formuliert: falsch. Vielleicht brauchen wir auch bloß eine neue Regierung. Ich wünschte, es wäre so einfach, und ich hoffte, wir bekämen eine.


Ohnehin aber braucht Japan immer einen Bundesgenossen, wenn es sich zu umstrittenen Fragen positioniert. Man ist immer etwas unsicher, wenn es gilt, ganz allein den eigenen Standpunkt zu markieren. Träten Deutschland und Japan als Duo auf, das sich für eine anständige und vernünftige Welt einsetzt, dann wäre das ein wundervolles und bedeutsames Schauspiel. Ein gemeinsamer Beitrag zu einer demokratischen Einigung in Myanmar etwa wäre so belebend wie ermutigend für die ganze Region. Deutschland und Japan sind beide auf ein gutes Verhältnis zu den zehn ASEAN-Mitgliedstaaten angewiesen. Wissen zu bündeln und Probleme gemeinsam anzugehen, könnte Tokio und Berlin dabei helfen, besser mit den ASEAN-Staaten auszukommen.


Was machen wir mit Wladimir?

Dabei könnte ein Forum helfen, das derzeit weniger Aufmerksamkeit erhält als es verdient. 1996 auf Vorschlag des damaligen singapurischen Premierministers Goh Chok Tong gegründet, soll das Asia-Europe Meeting (ASEM) den europäisch-asiatischen Dialog fördern und die Verbindungen in Wirtschaft, Politik, Kultur und allen anderweitig relevanten Feldern stärken. Dafür finden im Rhythmus von zwei Jahren Gipfeltreffen in wechselnden europäischen und asiatischen Gastgeberstädten statt. Es scheint allerdings, als habe ASEM zuletzt an Bedeutung eingebüßt. In diesem für Japan und Deutschland kritischen Augenblick würde es helfen, wenn Berlin und Tokio gemeinsame Strategien entwickelten, um dem Forum neues Leben einzuhauchen.


Wenn wir den Blick über den fernen Osten hinaus Richtung Russland weiten, finden wir weitere Gelegenheiten für eine deutsch-japanische Zusammenarbeit. Zunächst einmal ist das Verhältnis beider Länder zu Russland einigermaßen heikel. Tokios langanhaltender Territorialstreit mit Moskau über eine Inselgruppe nördlich von Japan steht einer reibungslosen wirtschaftlichen Kooperation ebenso im Wege wie einem freundschaftlichen politischen Dialog. Während Japans Leser russische Romane gleichermaßen schätzen wie die Werke deutscher Autoren, sind die zwischenstaatlichen Beziehungen spannungsgeladen. Auch Deutschland muss gegenüber Russland ständig politische Bedenken und wirtschaftliche Interessen austarieren: Das Pipelineprojekt Nord Stream 2 mit der gemeinsamen Energiepolitik der EU in Einklang zu bringen, ist ein nahezu unmöglicher Balanceakt.


Gemeinsame Probleme verbinden. Vielleicht könnten Deutschland und Japan eine Gesprächsrunde unter dem Namen „What To Do about Russia“ (WTDR) aufsetzen, um sich über Ideen und Probleme auszutauschen; dies könnte den Weg für Lösungsvorschläge ebnen, die sonst womöglich nicht entstehen würden. Schließlich sind zwei Köpfe besser als einer. Noch wichtiger wäre es, wenn Deutschland und Japan von anderen dabei wahrgenommen würden, wie sie ihre Köpfe im Rahmen von WTDR zusammenstecken. Das dürfte wichtige Signale an Russland aussenden, im Verhältnis zu den beiden Staaten nicht allzu selbstgefällig aufzutreten. Allerdings gilt das nur, wenn man sich nicht entschließt, die Gespräche still und heimlich zu führen. Das wäre auch eine Alternative – allerdings keine sehr empfehlenswerte.


Pekings Pubertät

Wenn ich an Myanmar denke, muss ich auch an Hongkong und Taiwan denken; das wiederum lässt mich an China denken. Angela Merkel hat sich immer wieder für die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen eingesetzt. Verständlich. Doch sollte dieser Einsatz nicht verhindern, dass sie in ihrer verbleibenden Amtszeit deutlich zu den politischen Aggressionen Chinas Stellung bezieht. Genauso wenig sollte die neue Bundesregierung zögerlich in ihrer Kritik an Menschenrechtsverletzungen und antidemokratischer Unterdrückung in China sein.


Naiv? So würde ich Deutschlands China-Politik nicht bezeichnen. Vielleicht aber neigt sie zu einer klischeehaften, überschätzenden und allzu ehrfürchtigen Perspektive. Das Reich der Mitte ruft solche Reaktionen oft hervor, gerade im Westen. Auch japanische Denker sind dagegen nicht gefeit. Und wie seine Memoiren zeigen, erlag sogar ein so scharfsinniger Beobachter wie Henry Kissinger den Eindrücken und der Bildsprache Chinas.


Andererseits braucht China Freunde – erwachsene Freunde. Denn in vielerlei Hinsicht gleicht das heutige China einem Jugendlichen, den man gezwungen hat, Erwachsenenkleidung zu tragen: Er findet sie unbequem und will den Erwartungen, die damit einhergehen, nicht entsprechen. Dieser Jugendliche braucht herzliche Onkel und Tanten, an die er sich wenden kann, wenn er Rat und Orientierung braucht. Jemanden, dem er seine tiefsten Zweifel zuflüstern, dem er Fragen stellen kann, über die er sonst mit niemandem zu sprechen wagt. Sowohl Deutschland als auch Japan sind in der Lage, diese Rolle des Mentors zu übernehmen – denn sie sind weder die USA noch Russland, sondern unbeteiligte Dritte. Sicher, Japan hat seine territorialen Streitigkeiten mit China. Doch sollte das einem Hilfsangebot nicht im Wege stehen. China führt ein anstrengendes Leben und braucht Freunde zum Entspannen. Deutschland und Japan könnten diese Rolle einnehmen.


Prof. Noriko Hama lehrt Wirtschaft an der Doshisha- Universität in Kyoto. Hama berät diverse Ministerien in Japan und schreibt u. a. für die Mainichi Shimbun und die Financial Times.

Aus dem Englischen von Matthias Hempert

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2021, S. 50-53

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