01. Mai 2002

Ist Frieden auf dem Balkan möglich?

Auf dem Balkan macht sich die Kriegserschöpfung breit: die gemäßigten Kräfte in Serbien, Kroatien und Bosnien sind bemüht, den Weg für Wohlstand und Frieden zu ebnen. In Bulgarien und Rumänien ist es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr zu Gewaltausbrüchen gekommen. Testfälle für den Frieden sind allerdings Albanien, Mazedonien und Montenegro.

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Ja, Stabilität und vielleicht sogar Frieden sind möglich auf dem Balkan. Der Weg dorthin wird steinig sein und die Ergebnisse brauchen vielleicht eine Generation, um sichtbar zu werden. Aber die Grundlagen wurden gelegt.

Diese optimistische These baut auf drei Annahmen auf:

1.       dass die Schriftstellerin Rebecca West und der Journalist Robert D. Kaplan mit ihren Vermutungen falsch lagen;1

2.       dass die Aussicht auf eine künftige Mitgliedschaft in der Europäischen Union auf die Kandidatenländer eine magische Anziehungskraft ausübt, die sie in Richtung Marktwirtschaft zieht; und

3.       dass die militärische Intervention des Westens in Südosteuropa durch die Eindämmung des örtlichen Tyrannen das Gleichgewicht von Risiken und Chancen derart verändert hat, dass viele Opportunisten nun eine moderate Verhaltensweise nationalistischem Extremismus vorziehen.

Mit anderen Worten: Wenn Franzosen und Deutsche – Erzfeinde über fünf Generationen hinweg – in der sechsten Generation zum Motor der Europäischen Gemeinschaft werden konnten, und wenn die finanziell und politisch unsteten Italiener sich so diszipliniert verhalten haben, dass sie bei der Gründung der Europäischen Währungsunion mit dabei sein konnten, dann ist alles möglich – zumindest in einem sich wandelnden Europa zu Beginn dieses Jahrtausends. Sogar auf dem Balkan.

Zunächst zu den Annahmen: Rebecca Wests Stereotype – zusammen mit den verklärten Erinnerungen an die Erfolge der Partisanen unter Führung von Josip Broz Tito im Kampf gegen die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg – überzeugten angelsächsische Politikstrategen in den frühen neunziger Jahren davon, dass der Sieg über Slobodan Milosevics Serben nur mit einem inakzeptablen Ausmaß an Blutvergießen erreicht werden könne. Deshalb sei eine Konfrontation zu vermeiden. Zumindest trug diese Auffassung dazu bei, dass anfangs auf eine moralische Bewertung des relativen Übels in einer Region verzichtet wurde, in der eh zu viele Menschenrechtsverletzer ihr Unwesen trieben.

Der Einfluss des „Black Lamb“ wurde durch Robert Kaplans populäre „Geister des Balkan“ noch verstärkt. Dies war die Kehrseite der Balkan-Romantik: Die Region wurde als „zurückgebliebener Osten“ betrachtet, als klägliches Überbleibsel des Osmanischen Reiches, als Schmelztiegel von Terrorismus und Völkermord im 20. Jahrhundert.

Nach dieser Sicht sei es für Milosevic nicht schwer gewesen, in den Serben einen tödlichen Hass zu entfachen. Der Hass sei bereits da gewesen, er habe nur darauf gewartet, ausbrechen zu können, wenn erst einmal die Schranken des Kalten Krieges gefallen seien. Der Zusammenprall katholischer, orthodoxer und muslimischer Bevölkerungsgruppen sei vorherbestimmt. Wieder einmal war die unterschwellige Botschaft die, dass, wenn die jahrhundertealte Identität des Balkans die der Barbarei war, der Westen gut beraten wäre, sich aus dem Schlamassel herauszuhalten, eine Brandmauer zu bauen und die Barbaren sich gegenseitig abschlachten zu lassen.

Die Prophezeiung war eine sich selbst erfüllende: So lange sich der Westen heraushielt, folgte die Dynamik des Krieges und der Rache ihrer eigenen schrecklichen Logik. Die äußerst erfolgreiche multikulturelle und untereinander verheiratete Gesellschaft in Bosnien endete in Konzentrationslagern und mit Vergewaltigungen von Nachbarn.

Erst der Schock des Massakers von Srebrenica im Juli 1995 hat dieses Paradigma ins Wanken gebracht: Europas schlimmste Unmenschlichkeit seit dem Holocaust brachte die zögernden USA dazu, sich wieder in der Region zu engagieren. Dies beschämte das Herzstück Europas um so mehr – dessen größte Errungenschaft es ein halbes Jahrhundert war, auf seinem historisch kriegslüsternen Boden den Krieg beendet zu haben – weil es dann zum Beschützer seines Bruders (Bosnien) werden musste, um nicht die Selbstachtung zu verlieren. Vor Srebrenica lautete die gebetsmühlenhaft wiederholte Formel der EU mit Blick auf Bosnien: „Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Grausamkeiten nach Europa kommen.“ Nach Srebrenica lautete sie: „Wir dürfen diese Grausamkeiten in Europa nicht zulassen.“

Erst als 1998/99 die gegenseitige Abschlachtung zwischen Milosevics Paramilitärs und der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK) zunahm – die Paramilitärs waren auf Grund ihrer weit überlegenen Feuerkraft (und der geringen Zahl von Serben, die in einer zu 90% von Albanern bewohnten Region angegriffen werden konnten) hierbei blutrünstiger –, reagierte die NATO unterEinsatz des Militärs. Der Balkan war nicht mehr „das fremde Andere“. Der deutsche Außenminister, Joschka Fischer, hielt eine leidenschaftliche Rede, mit der er die Grünen – und Deutschland – vom Primat „Nie wieder Völkermord“ (statt „Nie wieder Krieg“) überzeugte.

Am Ende zog sich die jugoslawische Armee aus Kosovo zurück, aus Gründen, die bis heute umstritten sind. Milosevic war entmythologisiert, als klar wurde, dass er Hunderttausenden von serbischen Flüchtlingen nicht Ruhm, sondern Leid gebracht hatte. Von sich selbst mehr als überzeugt, rief der einstmals populäre Führer Wahlen aus, ohne sie so zu manipulieren, dass es für einen Sieg ausgereicht hätte. Desillusionierte Wähler bereiteten ihm ein Ende. Der zukünftige Ministerpräsident, Zoran Djindjic, mobilisierte Traktoren und Bulldozer, um die Wahlergebnisse zu sichern. Anschließend brachte er es sogar zuwege, Milosevic nach Den Haag ausliefern zu lassen, damit dieser vor dem UN-Strafgerichtshof für das Frühere Jugoslawien zur Verantwortung gezogen werden konnte.

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Eine wichtige Voraussetzung für Frieden ist daher nun gegeben: Kriegserschöpfung. Den meisten potenziell Militanten (einschließlich der UCK) ist klar, dass Krieg nur zu Tod und Verderben führt, außer für Schmuggler und andere gewissenlose Profiteure. Der Weg für eine zweite Hoffnung wurde geebnet, nämlich langsam aber stetig die Art von Wohlstand und Frieden aufzubauen, die für das Kernland Europas kennzeichnend ist. Der Sieg der Gemäßigten bei den Wahlen in Kroatien nach dem Tod von Franjo Tudjman 1999 wies ebenso in diese Richtung wie der Sieg der Gemäßigten bei den Kommunal- und Parlamentswahlen in Kosovo im Jahr 2001.

An dieser Stelle sollte festgehalten werden, dass es nach dem Kalten Krieg in der Region außerhalb Ex-Jugoslawiens und Albaniens niemals zu Gewaltausbrüchen gekommen ist. Bulgarien, der Zwillingsbruder Serbiens in dem Sinne, dass es im Mittelalter die Hegemonialmacht in der Region gewesen war, lehnte den nationalistischen Extremismus ab, den die bulgarischen Kommunisten (wie Milosevic) auszunutzen versuchten, um eine neue Machtbasis zu schaffen. Nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft Mitte der neunziger Jahre entledigten sich die Wähler der alten Kommunisten. Die Mitte-Rechts-Partei, die sie ersetzte, lud Hunderttausende von ethnischen Türken, die die Kommunisten ausgewiesen hatten, zur Rückkehr ein. Mutige bulgarische Aktivisten nahmen Todesdrohungen in Kauf, um ihre Mitbürger dazu zu bringen, die Türken willkommen zu heißen und nicht den guten Namen aufs Spiel zu setzen, den sich Bulgarien durch die Rettung seiner Juden im Zweiten Weltkrieg erworben hatte.

Die neue Regierung hat auch den acht Jahrzehnte währenden „Kalten Krieg“ mit Mazedonien beendet – auch wenn die Bulgaren ebenso gut den historischen Sitz der bulgarischen Orthodoxen Kirche in Ohrid (Mazedonien) für sich hätten beanspruchen können, so wie die Serben das Amselfeld in Kosovo als Sitz der serbischen Orthodoxen Kirche vereinnahmten. Auch die eigenartige Wahlniederlage, die Bulgariens Mitte-Rechts-Regierung jüngst durch den ehemaligen König Simeon II., jetzt Simeon Sakskoburggotski, zugefügt wurde, wird die soliden Errungenschaften dieser Regierung nicht schmälern.

Rumänien, der größte Staat in der Region, mag ethnisch vielleicht keine ganz so gute Bilanz in der Behandlung seiner ungarischen und Roma-Minderheiten aufweisen – und seine Regierungsweise mag eher an das System der alten kommunistischen Clans, der Netzwerke der Geheimpolizei und an Bestechung erinnern als an jegliche Art von demokratischem Wettbewerb um politische Optionen. Als aber erst einmal die anfänglichen Gewaltexzesse gegen Kommunistenchef Nicolae Ceausescu ein Ende gefunden hatten, griffen die Rumänen nicht wieder zur Gewalt.

Ein Hauptgrund für die bulgarische und rumänische Zurückhaltung und ihre Rolle bei der Gründung einer bisher nie vorhandenen, die Balkan-Länder übergreifenden Militär-, Politik- und Zollzusammenarbeit, ist die große Anziehungskraft einer zukünftigen Mitgliedschaft in derEuropäischen Union und der NATO sowie das Wissen, dass hierfür Gewaltfreiheit, Demokratisierung und Marktwirtschaft die Voraussetzungen sind.

In der Region liegen diese beiden Länder auf der Kandidatenliste für den Beitritt zu den Eliteclubs des Westens nur hinter Slowenien. Die Europäische Union hilft beiden Ländern bei der Modernisierung mit finanzieller, wirtschaftlicher, technischer, rechtlicher und administrativer Hilfe und dehnt dies in zunehmendem Maße durch Assoziierungsabkommen auch auf die westlichen Balkan-Staaten aus. Nie zuvor hatte der Balkan solch gute Aussichten auf eine echte Integration in Europa. Diese Chance übt eine große normative Wirkung aus.

Zum Teil ist diese Entwicklung die beabsichtigte Fortsetzung einer ganzen Kette von Versöhnungsverhandlungen nach dem Zweiten Weltkrieg: die ersten zwischen Deutschland und Frankreich, dann zwischen Deutschland und Polen, zwischen Polen und der Ukraine und schließlich zwischen der Ukraine und Rumänien. Zum Teil ist dies die vernünftigste Art, mit der globalisierten Welt des immer schnelleren Wandels Schritt zu halten.

Der westliche Balkan

Der wahre Stabilitätstest werden allerdings diejenigen Teile des westlichen Balkans sein, die erst im letzten Jahrzehnt in das Kriegsgeschehen eingetaucht sind – Albanien und das ehemalige Jugoslawien. Albanien, einmal abgesehen von seinem gesetzlosen Norden, scheint zurzeit ruhig zu sein. Nichts deutet darauf hin, dass es das einstmals von vielen gefürchtete Ziel eines Groß-Albaniens weiter verfolgt, eines Groß-Albaniens bestehend aus Kosovo und den albanischstämmigen Teilen Mazedoniens, Montenegros und Griechenlands.

Kroatiens Wähler waren schon gemäßigt, bevor es die serbischen Wähler wurden – und kroatische Generäle, die der Kriegsverbrechen bezichtigt worden waren, sind schon dem Haager Tribunal überstellt worden, ohne dass dadurch eine politische Krise heraufbeschworen wurde. Mazedonien hat es geschafft, die Kämpfe zwischen Albanern und Slawen zu unterbinden, und es besteht die Hoffnung, dass die dortige minimale NATO-Präsenz – inzwischen unter EU-Führung – den Frieden erhalten kann. Bosnien, in vielerlei Hinsicht das am wenigsten erfolgreiche Teil des Puzzles, scheint immer noch eine Brutstätte ethnischer Feindschaft und Gewalt zu sein, auch wenn bereits einige Flüchtlingskontingente zurückgekehrt sind.

In Serbien als auch in Kosovo sind die Entwicklungen erstaunlich positiv. Die pragmatische Regierung in Belgrad hat den Weg wirtschaftlicher Rationalität eingeschlagen. Angetrieben durch den Aufschwung in der Wojwodina hat die serbische Wirtschaft eine Wachstumsrate von fünf Prozent. Der jugoslawische Zentralbankchef, Mladjan Dinkic (der sich durch gelegentliche Auftritte mit seiner Rockband bei Gesundheit hält), brüstet sich geradezu reumütig damit, dass Jugoslawien die Reformen eben schneller umsetzen müsse als alle anderen postkommunistischen Länder, da es auf dem hintersten Platz liege. Ohne Chauvinismus deuten er und Ministerpräsident Djindjic an, dass Montenegro und sogar Kosovo eines Tages eine friedliche Unabhängigkeit haben können, falls sie dies wollen – und dass Serbien ohne ihren wirtschaftlichen Ballast sogar besser fahren würde.

Im Protektorat Kosovo, das nur halb so groß ist wie Hessen, findet zurzeit ein Wettlauf statt zwischen den positiven und negativen Auswirkungen der überwältigenden ausländischen Präsenz von Geld und Personal. Zu den negativen Folgen gehören die Wuchermieten in Priötina, die für den durchschnittlichen Kosovaren unerschwinglich sind; weit verbreitete Prostitution mit versklavten Frauen aus Rumänien, Moldau und der Ukraine; eine Verzerrung der Gesellschaft durch Gehaltsklassen, bei denen jeder mit rudimentären Englischkenntnissen als Übersetzer weitaus besser bezahlt wird als ein Lehrer; und das allzeit vorherrschende Risiko, eine Kultur der Abhängigkeit zu festigen.

Diesen Verzerrungen begegnen die Kosovaren mit schierer Energie und Initiative; mit einem guten Wissensstand über die westlichen Praktiken, weil viele Kosovaren in Deutschland und in der Schweiz gearbeitet haben; mit einem internationalen Beamtenapparat, der sich dem „nation-building“ verschrieben hat, und mit einem bemerkenswerten Mangel an Zynismus, der die Kosovaren in Vergleichsstudien mit zuverlässiger Regelmäßigkeit an die Spitze der „Optimismus-Tabellen“ bringt.

Des Weiteren werden einige der übelsten albanischen Guerilla-Kommandeure, die Morde an gemäßigten Rivalen in Auftrag gegeben und florierende Schmugglerringe unterhalten haben (die albanische Kompetenz in der zuletzt genannten Profession ist Weltklasse, gemessen an der jüngsten albanischen Meisterleistung, die traditionelle Mafia aus Hamburgs Rotlichtmilieu zu verdrängen), nach und nach durch konzertierte Aktionen der internationalen Polizei festgenommen. Die ersten Festnahmen früherer Kriegshelden, die des Mordes an Albanern beschuldigt werden, haben inzwischen stattgefunden. Versuche, in dieser Angelegenheit die Öffentlichkeit gegen die internationale Gemeinschaft aufzubringen, sind gescheitert. Der Erfolg ist so nachhaltig, dass aus dem Beispiel Kosovo Lehren gezogen werden können für Bosnien, für das die EU ab 2003 die Führungsverantwortung übernimmt.

Die Transformation wird nicht einfach werden. Die Mafia, die Zigaretten, Drogen und Frauen schmuggelt und die auf vorbildliche Weise über die ethnischen Grenzen hinweg kooperiert, ist fest verwurzelt. Politik wird häufiger als Lizenz dafür angesehen, anderen Geld abzupressen, und nicht als die Pflicht zu dienen. Armut bleibt weit verbreitet und nimmt in einigen Regionen sogar zu. Demokratie und Markt sind unbekannte Größen. Und doch wurde in dieser turbulenten Ecke Europas ein Anfang gemacht, der noch vor fünf Jahren für unmöglich gehalten wurde.

Letztlich ist Frieden doch möglich.

Anmerkung

1  Rebecca West, Black Lamb and Grey Falcon: A Journey Through Yugoslavia, London 1941; Robert D. Kaplan, Balkan Ghosts: A Journey Through History, New York 1993; deutsch: Die Geister des Balkan, München 1993.

West, die allen Grund hatte, die Deutschen zu dämonisieren, als sie im Jahr 1937 ihre Erkundungsreise durch den Balkan machte, entwarf ihr Bild des romantischen serbischen Helden vornehmlich als Hintergrund, vor dem die bösen Deutschen negativ hervorstechen mussten. Sie war damit so erfolgreich, dass ein halbes Jahrhundert lang die Mär vom „Black Lamb“ und dem „Grey Falcon“ über die serbische leidende Seele und die psychotischen Nazis wie die Bibel verehrt wurde.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, Mai 2002, S. 1 - 6.

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