Harte Zeiten für weiche Macht
Warum nur die Soft Power verhindern kann, dass die Welt vollends in eine Trumpsche Dystopie abgleitet.
Im Jahr 2014 – in einer Zeit, die heute wie ein fernes und fast irreales Kapitel der Menschheitsgeschichte anmutet – hielt ich in Berlin einen Vortrag in der Reihe der sogenannten TED-Talks (Technology, Entertainment, Design). Ich stellte die erste Ausgabe des Good Country Index (GCI) vor, der misst, welchen Beitrag einzelne Staaten zum Wohlbefinden der Menschheit und des Planeten leisten, ob sie sich also im internationalen System als positive Kraft oder als Trittbrettfahrer hervortun.
Die meisten der gängigen Länderrankings bezogen sich seinerzeit auf innerstaatliche Merkmale und behandelten Länder wie Inseln in einem riesigen Ozean. Angesichts der Tatsache, dass wir uns seit geraumer Zeit in einer kritischen Phase – wenn nicht gar im Endstadium – der menschlichen Existenz befinden und einer Reihe von gemeinsamen und miteinander verknüpften Herausforderungen gegenüberstehen, wie etwa Klimawandel, Pandemien, Krieg, Armut oder Migration, schien mir das jedoch wenig sinnvoll. Keines dieser Probleme kann von einem einzelnen Staat oder einer einzelnen Organisation gelöst werden. Wie schon Benjamin Franklin sagte: „Wir müssen, in der Tat, alle zusammenhängen – oder wir werden, ganz gewiss, alle einzeln hängen.“
Die Good-Country-Gleichung
Ich hatte aber noch einen anderen Grund, mich mit dem guten und dem schädlichen Verhalten von Staaten zu beschäftigen. Seit 2005 veröffentliche ich mit dem Anholt Nation Brands Index (NBI) alljährlich eine Umfrage, die bis ins kleinste Detail erfasst, wie (mittlerweile) 60 Länder international wahrgenommen werden.
Aus fast einer Milliarde von Datenpunkten hat sich seither ein klares Muster herauskristallisiert: Je besser das „Markenimage“ eines Landes ist, desto mehr ausländische Investitionen, Touristen, Geschäftsreisende, Veranstaltungen, Handel, Talente, Medienaufmerksamkeit, diplomatische und kulturelle Austauschprogramme zieht es an – und desto mehr Produkte und Dienstleistungen kann es exportieren. Und: Ein gutes Image erhöht sogar die Sicherheit eines Landes.
Genau wie in der Wirtschaft ist eine starke Marke auch für Staaten unglaublich wichtig. Mit „Marke“ ist hier jedoch kein Logo oder Slogan gemeint. Statt um Marketing oder Kommunikation geht es um Identität, Kultur, Ziele, Werte und vor allem Verhalten. Es geht um eine großangelegte Strategie, nicht um Kommunikation.
Ein noch überraschenderes Ergebnis meiner Forschung war, dass die Länder mit dem besten Image nicht unbedingt die größten, reichsten oder stärksten sind. Es sind jene Länder, die als die größten, nennen wir es mal, Wohltäter wahrgenommen werden und die es schaffen, sich um ihre eigene Bevölkerung zu kümmern, ohne Verpflichtungen jenseits der eigenen Grenzen zu vernachlässigen.
Auch hier gilt, wie in der Wirtschaft, dass ein gutes soziales Image auch die Performance in anderen Bereichen beflügelt. Gutes zu tun und erfolgreich zu sein, sind anscheinend eng miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang habe ich vor ein paar Jahren in einem Buch als die „Good-Country-Gleichung“ bezeichnet: Die nationale und die internationale Verantwortung in Einklang zu bringen, so meine These, ist das Nonplusultra guter Regierungsführung im 21. Jahrhundert.
Mein Vortrag in Berlin fand international große Beachtung, nicht zuletzt, weil das kleine Irland damals den ersten Platz in der Rangliste belegte als das Land, das auf seine Bevölkerungsgröße gerechnet weltweit am meisten Gutes getan und am wenigsten Schaden angerichtet hatte. In den vergangenen elf Jahren wurde das Video meines Vortrags fast 13 Millionen Mal heruntergeladen und ist damit der meistgesehene TED-Talk in der Kategorie „Regierungsführung“. Die Vorstellung einer Welt, in der alle zusammenarbeiten, scheint also eine gewisse Anziehungskraft auszuüben.
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt
Kommen wir von einer Welt, in der alle zusammenarbeiten, zu Donald Trump – zugegebenermaßen ein harter Cut. Noch stärker als in seiner ersten Amtszeit verfolgt der US-Präsident heute einen Politikstil, der Macht mit Recht gleichsetzt und die einzige Pflicht einer Regierung darin sieht, die Interessen des eigenen Landes zu schützen. Trump lässt Ausländer an der Grenze abweisen, tut den Klimawandel und andere globale Herausforderungen als Fake News ab und verspottet das Konzept der regelbasierten internationalen Ordnung. Sein Credo ist das der Assassinen, einer schiitischen Geheimgesellschaft im Nahen Osten des 11. und 12. Jahrhunderts, die für politische Morde bekannt war: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“
Trump hat jedem Möchtegern-Autokraten auf dem Planeten implizit die Erlaubnis erteilt zu tun, was immer er will, ohne Konsequenzen zu befürchten. Sein Geschenk an die Welt ist die Erkenntnis, dass Menschen in Machtpositionen lügen und damit durchkommen können, solange sie unerschütterlich an ihre eigene Überlegenheit glauben und über einen Apparat verfügen, der die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verwischt.
Donald Trump tut das genaue Gegenteil von all dem, was ich für erfolgversprechend halte
Vor diesem Hintergrund wird auch mir langsam klar, dass der vermeintliche globale Konsens zum Gemeinwohl der Menschheit nie besonders robust war. Im Gegenteil: Er basiert sowohl inner- als auch zwischenstaatlich vor allem auf Konventionen, ungeschriebenen Regeln und Normen. Ordnung und Chaos liegen enger beieinander, als man meinen möchte.
Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass das Konzept eines „Good-Country“- Index mittlerweile aus der Zeit gefallen ist. Zwischenzeitlich kam mir sogar die abstruse Idee, dass Donald Trump – oder einer der Mitarbeiter, die für ihn denken – meine Texte gelesen hat und vorsätzlich genau das Gegenteil von all dem tut, was ich für erfolgversprechend halte. Dramatisch ausgedrückt: Mein Lebenswerk schien in Trümmern zu liegen.
Dahinter steckt jedoch keine komplette Wesensveränderung der Menschheit. Vielmehr haben Trump und eine wachsende Schar von Nachahmern ihren Anhängern die Erlaubnis erteilt, alles zu sagen und zu tun, was sie wollen. Die meisten dieser Menschen haben nicht von einem Tag auf den anderen ihre Weltanschauung geändert. Sie spüren aber, dass es keine sozialen Sanktionen und intellektuellen Schranken mehr gegen bestimmte Einstellungen, Verhaltensweisen und Diskurse gibt. Ob Klimawandel, Einwanderung oder Impfstoffe: Seit Trump wieder da ist, können Menschen ohne Angst vor Kritik oder Ausgrenzung zu ihren schlichten und bequemen Überzeugungen zurückkehren. Niemand muss sich mehr mit komplexen Herleitungen und schmerzlichen Erkenntnissen auseinandersetzen.
Die Regierung ermöglicht den Menschen in gewisser Weise die Rückkehr in die kindliche Naivität und Verantwortungslosigkeit: Jeder Fehler, den man macht, kann jemand anderem angelastet werden; alles, was man als schwierig oder unangenehm empfindet, kann als Lüge verunglimpft, jede intellektuelle Herausforderung mit roher Gewalt beseitigt werden; und wenn man seine Meinung einmal ändern muss, dann kann man jederzeit das Gegenteil behaupten. Das ist Populismus in Reinkultur: Man erlaubt es Erwachsenen, zu denken und zu handeln wie Kinder, und gewinnt so Wahlen.
Aufgeklärtes Eigeninteresse
Ist das Zeitalter der Soft Power vorbei? Das wiederum ist schlichtweg Unsinn. Es liegt viel eher in der menschlichen Natur, sich von einer Idee bezaubern zu lassen, als zu neuen Verhaltensweisen gezwungen zu werden. Der meritokratische Kern der Soft Power – die Tatsache, dass sie es kleineren und schwächeren Nationen ermöglicht, ihre Ziele auch ohne militärische oder wirtschaftliche Übermacht umzusetzen – wird immer bestehen bleiben.
In diesem Sinne ist Soft Power der einzige Faktor, der verhindern kann, dass die Welt vollends in eine totale Trumpsche Dystopie abgleitet, in der die Mehrheit der Nationen einer Handvoll größerer, stärkerer und wohlhabenderer Supermächte unterworfen ist.
Ich hatte allerdings schon immer ein gewisses Problem mit der Definition von Soft Power. Die Unterscheidung zwischen Zwang und Anziehungskraft ist richtig und wichtig, aber beide Seiten von Joseph Nyes berühmten Modell sind letztlich „hart“. Immerhin geht es in beiden Fällen darum, ein anderes Land zu kontrollieren oder nach den eigenen Vorstellungen zu verändern. Ob man nun Raketen auf Menschen abfeuert oder kulturelle Beziehungen zu ihnen pflegt – es geht bei Nye immer darum, die eigenen Interessen durchzusetzen. Das muss aber nicht der Zweck und Endpunkt aller internationalen Beziehungen sein – zumindest nicht, wenn man unsere Existenz auf der Erde als Mannschaftssport und nicht als Sprint versteht, bei dem es nur einen Sieger geben kann.
Ob man Raketen auf Menschen feuert oder kulturelle Beziehungen pflegt – es geht darum, die eigenen Interessen durchzusetzen
Natürlich war die Good-Country-Philosophie nie vollends altruistisch gedacht: Die Idee, dass eine Nation ihre eigenen Interessen für die Interessen anderer Staaten opfert, ist zum Scheitern verurteilt – und sie würde auch der grundlegenden Pflicht von Regierungen widersprechen, die Bedürfnisse ihrer Bürger in den Vordergrund zu stellen. In diesem Sinne gibt es kaum einen banaleren Slogan als Donald Trumps „America First“. Das Problem ist hier nur der mitgedachte Wunsch, dass alle anderen Staaten als Verlierer dastehen sollen.
Ein prinzipientreues und „gutes“ Verhalten verschafft dem jeweiligen Staat ein besseres Image, und dieses Image führt zu mehr Erfolgen auf der Weltbühne: eine Art „aufgeklärtes Eigeninteresse“.
Als politischer Berater für rund 60 Länder hatte ich in den vergangenen 20 Jahren viele Gelegenheiten zu beobachten, wie kooperative politische Ideen konzipiert und umgesetzt wurden – und wie gut sie funktionieren können.
Die Beratung, der Abgleich und die Zusammenarbeit mit anderen Ländern kann politischen Entscheidungsträgern dabei helfen, neue Wege zu gehen, statt abgedroschene Lösungen zu recyceln. Globales Denken und Handeln belebt den strategischen Prozess und steht sinnbildlich für das, was Edward de Bono einst als „laterales Denken“ bezeichnet hat.
Wir müssen lernen, Menschen im Ausland als potenzielle Kooperationspartner zu betrachten, als Nutznießer oder Leidtragende unserer Tagespolitik – und andere Staaten als Empfänger unserer guten oder Opfer unserer schlechten Taten.
Dass viele Regierungen bis heute anders denken, geht auf die Haltung zurück, dass Ausländer entweder Kunden sind, an denen man verdienen kann (durch Handel, Tourismus und Investitionen), oder Feinde, die beseitigt werden müssen (durch Außenpolitik, Geheimdienste und Sicherheitspolitik). Diese Sichtweise ist nicht nur armselig, sie birgt auch das Risiko, ein Land verarmen zu lassen.
Schlecht gemanagte Globalisierung
Nationalisten reagieren auf solche Ideen für gewöhnlich mit dem Totschlagargument, dass es ihnen egal sei, was die Menschen im Ausland über sie denken – und dass es besser sei, gefürchtet zu werden als bewundert. Für sie sind die Ansichten dieser Leute wertlos, weil sie die Leute selbst für wertlos halten.
Es ist und bleibt jedoch nur schwer vorstellbar, dass eine solche Sichtweise langfristig erfolgversprechend ist. Menschen, die ein Land und seine Regierung fürchten oder ablehnen, werden es höchstwahrscheinlich nicht mit ihrer Zeit, ihrem Geld, ihrem Vertrauen oder ihrem Talent segnen. Ausländer werden kein Land besuchen, das sie immer neuen Grausamkeiten unterwirft – und sie werden kein Studium dort absolvieren wollen, wo Universitäten und Studenten verfolgt werden.
Die neuesten Daten aus dem Nation Brands Index (NBI) zeigen, dass das Bild der USA zuletzt stärker gelitten hat, als wir es jemals zuvor gemessen haben. Nur Russland nach der Ukraine-Invasion und China nach Ausbruch der Corona-Pandemie verzeichneten einen ähnlichen Imageverlust. Die Zeit wird zeigen, wie schnell und in welchem Umfang sich das in einem messbaren wirtschaftlichen Schaden niederschlagen wird – erste Anzeichen dafür gibt es jedoch bereits.
Das Image der USA hat zuletzt stärker gelitten, als wir es jemals zuvor gemessen haben
Kann die Menschheit eines Tages dahin zurückkehren, wo wir vor Trump waren? Würden wir das überhaupt wollen? Es ist durchaus möglich, dass sich der katastrophale Einfluss von Trumps zweiter Präsidentschaft letztendlich als Wegbereiter für konstruktive Ideen erweisen könnte. Trump hat ja die Unzufriedenheit, die ihn an die Macht gebracht hat, nicht erfunden: Er hat sie lediglich erkannt und sie sich zunutze gemacht. Ein Großteil dieser Unzufriedenheit rührte von den Fehlern und Ungerechtigkeiten einer schlecht gemanagten Globalisierung her.
Vielleicht werden wir vor diesem Hintergrund eines Tages sagen, dass es einer fast vollständigen Demontage des politischen Status quo bedurfte, damit wir ein besseres und gerechteres internationales System aufbauen konnten – und vielleicht konnte all das tatsächlich nur mit einer gewissen Brutalität erreicht werden.
Immerhin glaubt schon lange niemand mehr an die Reform der multilateralen Institutionen, über die seit Ewigkeiten diskutiert wird.
Durch seinen Angriff auf internationale Normen und Organisationen, die allesamt den USA dienten, hat Washington im Grunde den Schlüssel zu seinem eigenen Auto weggeworfen. Amerika wird künftig weniger Bewegungsfreiheit in der Welt haben und möglicherweise mitansehen müssen, wie China diese Chance nutzt.
Vertrautheit schafft Vertrauen
Der NBI bietet allerdings nicht nur Anlass für düstere Prognosen, sondern enthält auch das ein oder andere positive Signal. Erstellt man ein einfaches Liniendiagramm, das zeigt, wie sich das Image aller von uns untersuchten Länder über einen Zeitraum von 20 Jahren entwickelt hat, dann ergibt sich ein ziemlich überraschendes Muster: Ihr Image verbessert sich Jahr für Jahr stetig. Nur Russland hat heute ein schlechteres Image als bei unserer ersten Messung im Jahr 2008. Die Stimmung der globalen Öffentlichkeit schwankt zwar von Jahr zu Jahr ein wenig, aber der Trend ist unverkennbar.
Ich habe stets die These vertreten, dass dieses bemerkenswerte Phänomen eine natürliche Folge der Globalisierung ist. Jede neue Generation wächst in eine noch vernetztere Welt hinein als die vorherige – und entwickelt eine natürlichere Akzeptanz für die Vielfalt des Planeten. Und Vertrautheit schafft Vertrauen.
Parteipolitik ist Schaumschlägerei; sie basiert oft auf winzigen Unterschieden, die zu riesigen Gräben ausgewalzt werden. Sie macht uns zu Narren, indem sie aus zwei Menschentypen eine ewige antagonistische Dynamik schmiedet: aus denjenigen, die Hoffnung und Energie daraus schöpfen, nach außen und nach vorne zu blicken, und denjenigen, die Trost und Kraft daraus ziehen, nach innen und zurückzublicken.
Das Tragische ist, dass wir in Wirklichkeit jede Menge gemeinsame Feinde haben, die die gesamte Menschheit bedrohen: Klimawandel, Pandemien, Krieg, Intoleranz, Armut, Hunger, Ignoranz, nukleare Proliferation. „Einheit zuerst“, darum ging es bei meiner Idee der „Good Countries“ – und ich bin überzeugt, dieser Grundsatz gilt noch immer.
Aus dem Englischen von Kai Schnier
Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 18-23
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