01. Mai 2007

Globaler Gefahrenraum

Buchkritik

Wenn uns die großen Risiken der Moderne alle tangieren, wird die „Einbeziehung der Anderen zur Realität und zur Maxime“: Das neueste Werk des ärmelaufkrempelnden Professors aus Schwabing ist ein Plädoyer für den kosmopolitischen Blick.

Ziel seines Buches sei es, schreibt Ulrich Beck, Szenen aus dem „unbekannten Bedeutungskosmos“ der Weltrisikogesellschaft, deren Wirren, Widersprüche, Symbole, Ambivalenzen, Ängste, Ironien und versteckte Hoffnungen begreifbar zu machen oder zu verstehen.

Bescheiden ist der Anspruch nicht. Dieser Gestus hat dem Soziologen, seit er 1986 mit seiner „Risikogesellschaft“ den großen Durchbruch erzielte und eine Forschungslawine auslöste, zunehmend auch Kritik eingebracht. So wie 1986 die Katastrophe in Tschernobyl seinen Befund in der „Risikogesellschaft“ unterstrich, so ist es aus seiner Sicht im Jahr 2007 besonders die Einsicht in die „Nebenfolgen“ des Wachstumsdenkens und Ressourcenverschleißes, die zur weltweiten Temperaturveränderung führen und uns in einen „gemeinsamen globalen Gefahrenraum – ohne Ausgang“ geführt haben. Wenn Beck sagt, ihm erscheine die Welt des Jahres 1986 geradezu als „idyllisch“, so leuchtet das spontan ein. Terror, asymmetrische Kriege, Irak-Krieg und Folgen, das Ozonloch, die Biomedizin – dass sich aus derlei Heterogenem der pauschale Eindruck von globalen Risiken und drohenden Katastrophen ergibt, liegt nahe. Ihr „1986“ hätten die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 erlebt, „in der Fremdheit der Weltrisikogesellschaft“ seien die Amerikaner aufgewacht.

Besonders hilfreich ist Becks Ansatz, weil er Differenzen und unterschiedliche Risikokulturen nicht einebnet. Den Amerikanern schreibt er ins Stammbuch, die Twin-Tower-Attentäter seien nicht (nur) Massenmörder. Ihr Ziel sei es gewesen, das „Selbstvertrauen der Moderne zu zerstören“ – offenbar ziemlich erfolgreich. Europa wiederum, „verliebt in sein pazifistisches Weltbild“, müsse begreifen, dass die islamistischen Terroristen nicht antiamerikanisch agieren, sondern „antiwestlich, antieuropäisch, antikosmopolitisch“. Kein schlechter Rat.

Wenn uns die großen Risiken der Moderne alle tangieren, argumentiert Beck, werde die „Einbeziehung der Anderen zur Realität und zur Maxime“. Für ihn ist das der kosmopolitische Blick. Ein Kosmopolitismus, der sich unterscheidet von Nationalismus, Multikulturalismus oder Universalismus. Gerade als Journalist kann man das unterschreiben. So werde die weltweite Migration verteufelt, obwohl sie längst eine entscheidende Quelle privater Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung geworden ist.

Dennoch: Auch das Handicap dieses „Perspektivwechsels“ in Richtung Weltrisiko ist unübersehbar. Denn zwangsläufig werden die Strukturmerkmale noch abstrakter, der gemeinsame Nenner entrückt nur zu rasch ins Unverbindliche. Nun kann man zwar mit Beck folgern, „dass die Ära der freien Marktideologie eine welkende Erinnerung ist“. Es entstünden transnationale Risikogemeinschaften, oder zumindest – setzt er vorsichtig nach – seien Positionen denkbar, die eine „andere Moderne“ anstreben. So bilde sich langsam ein weltöffentlicher Diskurs, wenn nicht gar Ansätze einer Global Governance.

Aber – je abstrakter die Formeln für das Verbindende im globalen Dorf, das „Antizipieren“ von „Katastrophen“, die intendierten und nicht intendierten „Nebenfolgen“, desto schwieriger die Übersetzungsarbeit. Schon der Terrorismus ist nicht eine „Nebenfolge“ der radikalen Modernisierung, oder allenfalls am Rande, und das „aktive Gegenhandeln“ sieht in der Frage nun einmal vollkommen anders aus als jenes auf fragilen Finanzmärkten oder bei den potenziellen Risiken des enormen amerikanischen Handelsbilanzdefizits. Ähnliches ließe sich sagen von den wahrscheinlichen Auswirkungen, die der Aufstieg Chinas, Asiens insgesamt, auch Indiens oder Brasiliens, oder der internationale Unterbietungswettbewerb, was Arbeits- und Produktionskosten angeht, auf die gesamte Weltordnung haben werden. Vom Zentralproblem im Weltrisikokatalog, dem Klima, ganz abgesehen. Seine konkretesten Vorstellungen von einer „normativen“ Antwort – die ja dringlich ist – entdeckt Ulrich Beck in Europa. Europa hat tatsächlich Modellcharakter – aber dem hat er längst ein eigenes Buch gewidmet, während Europa in der „Weltrisikogesellschaft“ nur en passant aufscheint. Hängt das auch damit zusammen, dass es so unendlich schwer erscheint, dieses Modell zu verlängern und sich eine „Europäisierung“ der Weltgesellschaft zu denken?

Seinen Anspruch also, den „unbekannten Bedeutungskosmos“ begreifbarer zu machen, löst er ganz gewiss glänzend ein. Ganz sicher ist man sich aber nicht, ob die fruchtbare Kategorie Becks heute so weit trägt wie zweifellos seit 1986. Nicht zufällig hat er ihr, gleichsam komplementär, dieses Wort vom Kosmopolitismus zur Seite gestellt. Die „Weltrisikogesellschaft“ öffnet sozusagen im Nachhinein die Augen, der Klimaschock gibt dem Recht, aber der Problemalltag in den verschiedensten Risikoarenen verlangt bereits sehr konkrete, politische, mutige, ja radikale zweite und dritte Schritte. Aber schon klar: Mit solchen Rückfragen rennt man, das ist die Paradoxie, gerade wieder bei dem ärmelaufkrempelnden Professor in Schwabing sperrangelweit offene Türen ein.

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007, 439 Seiten, 19.80 €

Dr. Gunter Hofmann, geb. 1942, ist Chefkorrespondent der ZEIT in Berlin.  
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, Mai 2007, S. 130 - 132.

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