01. Juni 2009

Sich die Welt vom Leibe halten

Buchkritik

Der Nicht-Westen, der rebellisch wird; die Existenz von bald neun Milliarden Menschen als Politikum; die Medien, die uns Nahes entfremden und die wir doch zur Integration brauchen: Die Radikalität steckt heute in den Verhältnissen, nicht in den Theorien über sie. Von der Notwendigkeit, die Welt neu zu denken, und von der Weigerung der Politik, das zu tun.

Warum lange nachdenken über, sagen wir: Ägypten? Ist das ein paradigmatischer Fall? Im üblichen „Entwicklungsdiskurs“, so liest man bei Timothy Mitchell, lasse sich das schmale Niltal inmitten der Wüste mit seiner explodierenden Bevölkerungszahl so einfach wie einleuchtend als klar überschaubarer Problemfall darstellen. Nur, die Wahrheit sei das leider nicht.

Folgt man Mitchells Argumentation im Sammelband „Vom Imperialismus zum Empire“, so müsste man auf der Suche nach Erklärungen für Stagnation und Explosionsgefahr am Nil zuerst über die Subventionierung amerikanischen Getreides am Weltmarkt sprechen, durch die Ägypten hoffnungslos benachteiligt werde, über die wachsende Abhängigkeit von Importen amerikanischer Nahrungsmittel, Maschinerien und Technologien, über die Macht des Militärs und seine Beziehungen zu amerikanischen Militärbranchen, über die Folgen der exorbitanten Verschuldung und über das Ineinanderfließen ägyptischer und internationaler Handelsinteressen bis zur Unkenntlichkeit. Stattdessen heiße es schlicht: Nil plus Kinderflut gleich Ägyptens hausgemachte Naturkatastrophe.

Oder man könnte darüber sprechen, warum die in Zürich lehrende Ethnologin Shalini Randeria Indien einen „listigen Staat“ nennt und wie sich der Widerstand gegen die Privatisierung öffentlicher Güter regt. Auch wenn die Gestaltungsspielräume eingeschränkt und die Abhängigkeit von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) groß seien: Bloße Opfer der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse seien „listige Staaten“ nicht. Das demonstriert Randeria am Beispiel des zivilen Engagements gegen ein globales Handelsregime und für die Erhaltung der Biodiversität, wo neuerdings auch Nichtregierungsorganisationen Allianzen mit dem lange verpönten Staat eingingen.

Überhaupt ist Afrika keineswegs nur „Opfer“. Die korrupte angolanische Regierungspolitik, der Zerfall Somalias schon lange vor der Weltfinanzkrise: Die Liste ist lang. Wohlgemerkt, es geht nicht um Schuldzuweisungen, und schon gar nicht um einseitige. Das alles ist hier nur anzudeuten. Man könnte auch andere Beispiele suchen um zu belegen, wie kompliziert und verflochten die internationalen Beziehungen geworden sind, inwieweit wir Global Governance bereits haben, was Nationalstaaten noch gelten und wo sie abhängige Variablen in einem hochkomplizierten Interessengeflecht sind. Überfällig ist nicht allein diese Nord-Süd-Debatte, überfällig ist überhaupt wieder eine Debatte, die sich um die richtigen Fragen dreht. Die Fokussierung auf den „Krieg gegen den Terror“ oder die „Achse des Bösen“ hat zu lange den Blick verstellt und dabei zu viel politische und intellektuelle Energie verschlissen.

Notwendiger Perspektivenwechsel

Keineswegs geht es in den von Shalini Randeria und dem Berliner Afrikanisten Andreas Eckert versammelten Texten zu Afrika, Asien und Lateinamerika um die übliche Kritik an der Entwicklungspolitik. Das Elitenversagen in Afrika wird nicht ausgespart, ist aber nicht das Thema. Thema ist vielmehr der notwendige Perspektivenwechsel, also die jeweilige Region herauszunehmen aus dem nationalen Paradigma und sie in einen historischen und politischen Kontext zu stellen.

Kategorisch widersprechen die Autoren dem West-Diskurs, der behauptet, die Lebensbedingungen in Afrika, Asien oder Lateinamerika hätten sich dank IWF oder Weltbank angeglichen. Sie blenden Erfolge nicht aus. Und dennoch kommen ihre Analysen mit einer kritischen Verve gegenüber den westimprägnierten Erklärungsmustern daher, wie man sie lange schon nicht mehr gelesen hat – und wie man sie in der Politik oft vermisst.

Nun ist zwar Kritik an der IWF-Politik heute fast modisch, und auch die Weltfinanzkrise dürfte manchem die Augen geöffnet haben, aber vor überschießendem Optimismus sei gewarnt. IWF, WTO oder Weltbank hätten eine neue Macht gewonnen, mit der sie die Staaten der Welt auf ihre Weise klassifizieren und rubrizieren, ohne dass diejenigen wirklich mitsprächen, um deren Schicksal es gehe, lautet der Befund. Die große Krise wird dem Argument Nachdruck verleihen, aber ob es strukturell viel ändert? Es schadet jedenfalls nicht, finde ich, wenn Wissenschaftler nicht nur die Interdependenzen zwischen Nationalstaaten, internationalen NGOs und ökonomischen Interessen analysieren, sondern wegen des akuten Problemstaus auch einmal die Geduld verlieren wie hier.

Randeria und Eckert nehmen die Welt in den Blick, zugleich allerdings lösen sie sie wieder auf in Einzelbeispiele, in historische Fallanalysen oder ethnografisch dichte Beschreibungen. So hätten IWF und Weltbank als Versuch gegolten, ein „internationales Herrschaftssystem“ zu errichten, das von Bretton Woods ausging. Insgeheim jedoch sei es in beiden Fällen vor allem darum gegangen, „die relative Autonomie der Nationalstaaten gegenüber globalen Kräften zu sichern“. Erst neuerdings sei das umgeschlagen in den Versuch, „strategische Entnationalisierungen“ zu befördern.

Kritisch lassen sich die Autoren des Bandes auf Michael Hardts und Antonio Negris Buch „Empire“ ein, längst so etwas wie die Bibel der Globalisierungskritiker. Das neue „Empire“, so der Befund Negris und Hardts, sei nicht mehr historischen Eroberungen zu verdanken, sondern Ergebnis der Struktur des globalen Kapitalismus. Ihre Idee allerdings, man könne gegen die „staatenlose“, diffuse Struktur des heutigen „Empire“ erfolgreich Widerstand leisten, stößt bei den Autoren des Sammelbands auf Widerspruch: Der „Staat“ erodiere nämlich nicht einfach; stattdessen entstünden zwischen globalen Strukturen und nationalen Akteuren komplizierte Verhandlungsmechanismen, und in das internationale Recht sowie die internationalen Institutionen flössen beträchtliche staatliche Vorgaben ein. Also: Auch im Empire herrschen Staaten, regieren Regierungen und sind bereits neue „Pole“ entstanden, so dass sich Brasilien, Kolumbien, Benin, Pakistan oder Somalia keineswegs über einen Leisten schlagen lassen. „Dritte Welt“? Nein, so nicht. Ulrich Beck oder Saskia Sassen, die führenden Köpfe des kosmopolitischen Denkansatzes, würden es ähnlich sehen.

Unter welchem wissenschaftlichen Etikett – Kosmopolitismus, zweite Globalisierung, Weltgesellschaft, „gegen den West-Zentrismus“, transnationales Paradigma – jeweils debattiert wird, erscheint vergleichsweise sekundär. Letztlich sollte man dies alles als Anstoß nutzen, die Welt anders zu denken. Oder: die Scheuklappen abzulegen, mit denen unser Weltordnungsdiskurs auf Fragen der Machtpolitik und der „Demokratisierung“ verengt worden ist.

Willkommen in der Weltgesellschaft

Lange genug war Christoph Zöpel in der Politik, auch im Auswärtigen Amt, tätig, um sich den Befund erlauben zu können, auf dem Weg zur „Weltgesellschaft“ seien wir weiter, als wir – das Publikum und die politischen Eliten – uns klar machten. Auch das kommt dem Empire- oder dem Kosmopolitismus-Gedanken im Prinzip sehr nahe, obgleich der Autor betont neutral die Theoretiker des Kosmopolitischen oder Weltgesellschaftlichen von Immanuel Wallerstein bis Manuel Castells, von Ulrich Beck bis Saskia Sassen, von Fritz Scharpf bis Jürgen Habermas vorstellt und sie einordnet in sein erfahrungsgesättigtes Bild von der Welt.

Diese eine Welt ist da, 2050 wird sie von neun Milliarden Menschen besiedelt sein, aber wir sind noch nicht so recht in ihr angekommen. Wir glauben vielleicht noch immer – trotz Weltfinanzkrise –, wir könnten sie uns vom Leibe halten. Und die Politik? Zöpels stille Post: Sie macht verängstigt mit. Ich fürchte, er hat Recht. Der Gipfel seines lakonischen Befundes: Die Menschen seien alle gleich, und sie hätten alle gleiche Rechte. Punkt. Die Wahrheit ist radikal. Kommunikation integriere Menschen in globale Netzwerke, so Zöpel, die Netzwerke verknüpften das Disparate wieder miteinander – und sie ermöglichten auch die globale Ökonomie. Mit allen möglichen Folgen und Flurschäden, wie man derzeit besichtigen kann.

Netzwerke, so referiert Zöpel Manuel Castells, bestehen aus mehreren Knoten: Aktienmärkte und Dienstleistungszentren für die globalen Finanzströme, internationale Ministerräte, „aber auch Koka- und Mohnfelder, Geheimlabors oder Straßenbanden“. Kapitalistisch bleiben die Gesellschaften, in denen solche Netzwerke immer mehr Macht gewinnen, „aber diese Sorte Kapitalismus unterscheidet sich zutiefst von ihren Vorgängerinnen“: Sie ist global, und sie ist um ein Netzwerk von internationalen Finanzströmen herum strukturiert. Dieses Metanetzwerk der Finanzströme, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch einmal beschleunigt, habe eine „unwirkliche Wirtschaft“ geschaffen (Castells). Geschrieben: vor Ausbruch der Krise! Man fragt sich beim Lesen solcher Thesen von sozialwissenschaftlichen Klassikern allerdings, weshalb ihre Diagnosen nicht frühzeitig die Alarmglocken haben schrillen lassen. Die Wissenschaft, findet Zöpel dennoch, könne noch am ehesten vermitteln, dass Gesellschaft heute „universal und plural“ ist, dass man diese Realität auch zur Kenntnis nehmen muss und dass diese Pluralität Freiheit und Reichtum bedeutet.

Liest man das „Kleingedruckte“, nämlich die Handlungsoptionen, klingt die Idee gar nicht mehr so vermessen, Deutschland könne mit gutem Beispiel vorangehen. Aktive Einwanderungspolitik statt bürokratischer Ab- und Ausweisung. Kulturelle Integration nach dem Prinzip der kulturellen Vielfalt statt Suche nach deutscher Leitkultur. Soweit – nicht revolutionär, aber einverstanden. Und in der Außenpolitik? Initiativen zur Aufgabe formeller Außenpolitik zugunsten des EU-Außenministers und Integration deutscher Botschaften in EU-Vertretungen? In Ordnung. Reise- und Arbeitsfreiheit in ganz Europa, Aufnahme der Südosteuropäer ohne endlose Aufnahmeverhandlungen? Schwierig, aber richtig. Europäische Mindeststeuern und Mindestsozialabgaben, um zur sozialen Integration beizutragen? Sofort. Verzicht auf Militäreinsätze außerhalb des UN-Kommandos und Unterstellung unter den UN-Generalsekretär? Utopisch, aber gut. Beendigung des Afghanistan-Einsatzes im Rahmen der NATO zugunsten einer gemeinsamen Politik mit den Nachbarn, besonders Indien? Hoffen wir es. Ein Weltsozialsystem und ein harmonisiertes Weltsteuersystem? Bitte rasch.

Noch so eine Gardinenpredigt?

Wichtiger als die Handlungsvorschläge bleibt jedoch der Grundgedanke, an eine Politik für neun Milliarden Menschen – mit gleichen Rechten – zu denken. Um diesen Ansatz geht es auch und ausschließlich bei Roger Silverstone. Der Autor war Medienwissenschaftler an der London School of Economics und starb kurz nach Abfassung des Manuskripts. Wir erleben derzeit eine „Krise der Kommunikation“, so Silverstones Befund, doch gleichwohl bewegen wir uns bereits in dieser neuen Welt unter den veränderten Kommunikationsbedingungen. „Mediapolis“ nennt er sie. Er beobachtet eine Krise der Moral und der Ethik ebenso wie der Politik und will dazu beitragen, die „Abwärtsspirale zunehmender globaler Verständnislosigkeit und Inhumanität“ zu beenden.

Im ersten Moment seufzt man: Noch so eine Gardinenpredigt gegen die desolate Moderne, aber bald erweist sich, dass seine Analyse erheblich subtiler ist. Die „einzigartige“ Rolle der Medien sieht Silverstone darin, dass erst sie die Welt zum globalen Lebensraum machen. Das überwiegt allen Kulturpessimismus bei ihm. An der Schnittstelle komme den Medien ihre zentrale Bedeutung zu, „weil sie die Welt in ihrer Andersartigkeit sichtbar machen“.

Die globale Medienlandschaft sei vielfältig „und macht keinen besonders kultivierten Eindruck“. Obwohl sie so fragmentiert, widersprüchlich, imperial, repressiv und beinahe immer ungerecht sei, stelle sie nun einmal den Raum dar, in dem der Rahmen für eine „globalisierte Kultur und die ethisch-moralische Infrastruktur für die Zukunft der Zivilgesellschaft geschaffen werden müssen“. Silverstone packt den Stier bei den Hörnern und plädiert, trotz aller naheliegenden Zweifel, für eine neue Ethik der Massenmedien, für eine „Ethik der Gastfreundschaft“ – in Mediapolis müssen die Mitglieder lernen, sensibler und verantwortlicher miteinander umzugehen.

Mit seinen Worten: Die Sorge um den Anderen „muss die nationalstaatlichen Grenzen und die narzisstische Beschäftigung des Individuums mit sich selbst sprengen“. Es gehe ihm um ein Konzept des „richtigen Abstands“, und das setze eine konstante kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung des Anderen in den Medien voraus. Wie sollte man widersprechen? Ich möchte hier gar kein Wasser in den Wein gießen; Silverstone war sich bewusst, wie „naiv“ sein Plädoyer klingt. Seine „Ethik“ ist aber dennoch ein Wachruf, diese Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, in der eigentlich nur Medien für eine globale Integration sorgen können.

Der Nicht-Westen, der rebellisch wird; die Existenz von bald neun Milliarden Menschen als Politikum; die Medienwelt, die uns Nahes entfremdet und die wir doch zur Integration brauchen: Die Radikalität steckt heute in den Verhältnissen, nicht in den Theorien über sie. Und die Politik? Konfrontiert mit der Weltfinanzkrise, zuckt sie dennoch auch jetzt noch zurück vor jeder Art von Global Governance-Denken, sie hält auch die Mitsprachewünsche der Zivilgesellschaft für illegitim. Sie fürchtet Unordnung, wenn zu viele mitreden, sie will die alte Ordnung zurück, sie flüchtet in Diskurse, die ihr deren Fortbestand vorgaukeln. So, wie sie sich einst fürchtete vor den schreibenden Theoretikern, fürchtet sie sich vermutlich heute vor der nackten Wirklichkeit, die uns aus Büchern anschaut. Sie klingt so radikal, die Realität.

Fazit: Es gibt eine Welt jenseits der konventionellen Agenda, die zurückzuerobern ist. Das gilt für den „Entwicklungsdiskurs“, aber nicht allein für ihn.

Dr. GUNTER HOFMANN war Chefkorrespondent der ZEIT und lebt als freier Publizist in Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, Juni 2009, S. 100 - 104.

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