01. Mai 2008

Geschichtsschreibung und Politik

Die "Neuen Historiker" und der Streit um die Historiographie des Staates Israel

Vor zwei Jahrzehnten wurden mehrere historische Studien junger israelischer Wissenschaftler veröffentlicht. Sie lieferten ein kritisches Bild der Geschichte Israels – und der Palästinenser. Diese Bücher stützten den Friedensprozess von Oslo. Doch heute ist die Gruppe der „Neuen Historiker“ zerfallen. Ein enttäuschtes Mitglied blickt zurück.

Wir sind nie eine „Bruderschaft“ gewesen; niemals haben wir eine gemeinsame historische oder politische Weltanschauung geteilt, noch hatten wir je enge gesellschaftliche Kontakte. Es war aber so, dass sich Mitte der achtziger Jahre in Israel eine Gruppe von Geschichtswissenschaftlern formierte – die meisten in ihren Dreißigern, ausgestattet mit Bachelors von israelischen oder PhDs von amerikanischen oder britischen Universitäten –, die anfingen, sich kritisch mit der Geschichte des Zionismus, des Staates Israel und des zionistisch-arabischen Konflikts auseinanderzusetzen. Die Grundlage dafür waren gigantische Fundgruben zeitgenössischer Dokumente.

Diese Unterlagen waren zugänglich geworden, weil in vielen Ländern der westlichen Demokratien die Regel gilt, dass staatliche und andere Dokumente nach 30 Jahren deklassifiziert werden. Das betraf in diesem Fall das Public Record Office im Britischen Nationalarchiv, das amerikanische Nationalarchiv, aber vor allem die israelischen Archive, darunter das Staatsarchiv und das Zentralarchiv der zionistischen Bewegung, die Archive Dutzender politischer Parteien sowie lokale und persönliche Nachlässe.

Die vorhergehende Generation israelischer Historiker und Chronisten – und viele waren wirklich eher Chronisten als Historiker – die zwischen 1950 und 1970 über die Geschichte Israels geschrieben hatte, war durch ihre eigene Lebenserfahrung eng mit der Verwirklichung des zionistischen Projekts im Jahr 1948 verbunden gewesen; hatten doch die meisten von ihnen im ersten arabisch-israelischen Krieg mitgekämpft, aus dem dann der Staat Israel geboren wurde. Dies war der goldene Augenblick der modernen jüdischen Geschichte, der auf den dunkelsten, den Holocaust, folgte. Und so war es auch der goldene Moment ihres eigenen Lebens, den sie nicht durch objektive, vorurteilsfreie Geschichtsschreibung, die das Gute genauso wie das Böse schildert und auch Grautöne zulässt, beschmutzen wollten.

Tatsächlich war diese erste Runde der israelischen Geschichtsschreibung, die vor allem vom Gründer des Staates Israel, David Ben Gurion, in einem mehrere dicke Bände umfassenden Werk über die frühen Jahre des neuen Landes niedergeschrieben wurde, in keinster Weise historiografisch. Sie basierte nur auf Erinnerungen, Memoiren und zufälligen Dokumenten, aber nicht auf einer gründlichen Dokumentensammlung, welche die notwendige Voraussetzung für gute Historiografie ist. Daraus ist eine offiziöse, apologetische Geschichtsdarstellung entstanden, die motiviert war durch das Anliegen des Zionismus und den Wunsch, eine rosarote Darstellung des Zionismus, Israels, der Hagana (der Hauptkraft der militärischen Organisation in der vorstaatlichen Phase) und der israelischen Armee (IDF) sowie ihrer politischen Führung zu kreieren. Der Versuch, die offizielle eigene Geschichte schönzuschreiben, ist im Übrigen ein Phänomen, das man bei fast allen nationalen und revolutionären Bewegungen in den Jahren nach ihrer Machtübernahme feststellen kann.

Israels „alte Historiker“ haben sich nie um Objektivität und Unparteilichkeit bemüht. Dann kamen die „Neuen Historiker“ und die „Neue Geschichtsschreibung“ – diesen Begriff habe ich Ende 1988 in einem Artikel für die amerikanisch-jüdische Zeitung Tikkun eingeführt –, die erklärten, dass eine objektive Darstellung notwendig sei. Sie stützten ihre Arbeit auf die nun zugänglichen neuen Dokumente. Und zumindest anfänglich konzentrierten sie sich auf die Zeit um 1948, dieses für die jüdische, israelische und palästinensische Geschichte so revolutionäre Jahr, in dem die jüdische Welt und der gesamte Nahe Osten auf den Kopf gestellt wurden. (Auch hier folgte man dem weltweiten Trend der Geschichtsschreibung, wo revolutionären Ereignissen wie denen der Jahre 1789, 1917, 1939 überdurchschnittlich viel Bedeutung beigemessen wird.)

Als Konsequenz dieses Anspruchs erschienen zwischen 1984 und 1989 eine Reihe von Büchern. Tom Segev: „1949 – The First Israelis“ (1984), Avi Shlaim: „Collusion Across the Jordan“ (1987), Simha Flapan: „The Birth of Israel“ (1987), Ilan Pappe: „Britain and the Arab-Israeli Conflict“ (1988) und mein eigenes Buch „The Birth of the Palestinian Refugee Problem“ 1947–1949 (1988). Alle wurden in englischer Sprache veröffentlicht. Und es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Werke von Shlaim, Flapan und Pappe, wie auch ihre folgenden Publikationen, nie auf Hebräisch publiziert wurden.

Diese Bücher, die alle weitgehend auf israelischen Dokumenten basieren, haben gemeinsam, dass sie die klassische zionistische Darstellung der Ziele der Invasion der arabischen Staaten in Palästina/Israel 1947/48 in Frage stellen – ebenso wie die Gründe für die Entstehung des palästinensischen Flüchtlingsproblems, das Ungleichgewicht der militärischen Stärke im Krieg von 1948 und die Ursachen für das Ausbleiben eines erfolgreichen Friedensprozesses am Ende des Krieges. Die Geschichtsschreibung, die damals entstand, war sehr viel komplexer, nuancenreicher und ausgewogener als die Werke israelischer, arabischer und westlicher Historiker aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Sie warf die traditionelle Aufteilung der Protagonisten in „Gute“ und „Böse“ auf den Müll, wo letztlich jede „schlechte“ Geschichtsschreibung landet.

Seit diesen Anfängen in den achtziger Jahren haben die „Neuen Historiker“ ein umfangreiches Werk publiziert, das weit über die Fokussierung auf das Jahr 1948 und die Eingrenzung auf den zionistisch-arabischen Konflikt hinausgeht. Unter den Veröffentlichungen in den letzten zwei Jahrzehnten sind erwähnenswert: Tom Segevs „The Seventh Million“ (2000) und „One Palestine Complete“ (2001). In ersterem setzt er sich mit dem israelisch-zionistischen Umgang und Gebrauch des Holocausts auseinander, im zweiten mit der Situation der Palästinenser während des britischen Mandats. In „The Iron Wall“ (2001) liefert Avi Shlaim einen Überblick über die Beziehungen Israels mit der arabischen Welt von 1948 bis 1998. Dazu gehören auch meine beiden Bücher „Israel’s Border Wars, 1949–1956“ (1993) und „Righteous Victims, A History of the Zionist-Arab Conflict 1881–1999“ (2000).

Oft werde ich gefragt, welchen Zusammenhang es zwischen dem Entstehen der neuen Geschichtsschreibung und der Entwicklung der israelischen Politik gibt, besonders gegenüber der arabischen Welt und den Palästinensern. Dabei fällt die Zeitgleichheit mit dem Ausbruch der ersten Intifada im Dezember 1987 sowie mit dem Beginn des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses ins Auge, den man auf die Friedenskonferenz 1991 in Madrid und die Geheimverhandlungen in Oslo 1992/93 datieren kann. Die Antwort ist komplex.

So war es nicht das Auftauchen der „Neuen Geschichtsschreibung“, das die israelische Regierung zu den Verhandlungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) veranlasste – ein Schritt, den bis dahin alle führenden israelischen Politiker verdammt und vermieden hatten, seit die PLO Mitte der sechziger Jahre die politische Bühne betreten hatte. Dennoch waren das Entstehen der „Neuen Geschichtsschreibung“ und Israels Bereitschaft, mit den Palästinensern zu verhandeln (schon in Madrid gab es ja eine von der PLO legitimierte Delegation, und nach der Wahl Yitzhak Rabins 1992 begannen direkte Israel-PLO-Verhandlungen), Ausdruck eines dramatischen Reifungsprozesses der israelischen Gesellschaft. Dieser war die Folge der widersprüchlichen und moralisch problematischen Erfahrungen des Jom-Kippur-Krieges von 1973, der israelischen Invasion im Libanon 1982 und der Besetzung der arabisch bewohnten Gebiete im Westjordanland und dem Gaza-Streifen seit 1967.

Nach 1967 hatte sich Israel allmählich dem Westen und den westlichen Werten der Offenheit, des Individualismus und der Menschenrechte geöffnet. Der ideologische Panzer und die Zwangsjacke des Zionismus wurden teilweise abgelegt. Die Israelis waren berührt von der Notlage der Palästinenser, von denen viele im Exil, viele unter dem Stiefel der israelischen Besatzung lebten. Der Ausbruch der ersten Intifada brachte diese Realität via Fernsehen und militärischem Reservedienst in den besetzten Gebieten direkt in die israelischen Wohnzimmer. Yitzchak Rabin, von 1984 bis 1990 Israels Verteidigungsminister, und mit ihm die meisten Israelis fingen an zu verstehen, dass der palästinensische Nationalismus nicht zerschlagen werden konnte, zumindest nicht mit Mitteln, die ein demokratisches Israel sich anzuwenden gestatten durfte. Nach und nach hatten Israelis wie Palästinenser genug vom Blutvergießen und Leiden und waren reif für einen Dialog.

Gleichzeitig waren junge israelische Wissenschaftler bereit, den israelisch--palästinensischen Konflikt auf der Grundlage der inzwischen zugänglichen Dokumente unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Und Zeitschriften und Buchverlage druckten ihre bilderstürmerischen Werke.Es muss allerdings angemerkt werden, dass damals keiner der „Neuen Historiker“ – mit Ausnahme von Pappe – an einer israelischen Universität arbeitete, ein Indiz für die relative Eingebundenheit in das Establishment, wenn nicht gar Rückständigkeit dieser Institutionen. Segev war damals Journalist bei der Tageszeitung Haaretz, Shlaim lehrte in Oxford und ich war Redakteur bei The Jerusalem Post. Mit anderen Worten entwickelte die reifer werdende Gesellschaft sowohl historisch als auch politisch eine größere Offenheit gegenüber der arabischen Welt, und die Bereitschaft zum Kompromiss wuchs. Natürlich gab es dabei auch einen marginalen Zusammenhang zwischen der Geschichtsschreibung und dem politischen -Entwicklungsprozess.

Sicher haben die Artikel und Bücher der „Neuen Geschichtsschreibung“ viele Leser davon überzeugt, dass die Palästinenser von der Geschichte (ganz zu schweigen von der zionistischen Bewegung) nicht gerecht behandelt worden sind. Ich erinnere mich noch an eine Demonstration von Peace Now, auf der einer der Teilnehmer mich ansprach und sagte: „Ich bin nur wegen Ihrer Bücher hier.“ Es gab aber noch direktere Zusammenhänge. Einer der Architekten des Oslo-Prozesses vertraute mir an, dass er auf seinem Nachttisch immer eine ausführlich annotierte Ausgabe meines Buches „The Birth of the Palestinian Refugee Problem“ liegen hatte und dass er alle Mitglieder der Verhandlungskommission, die mit dem Flüchtlingsproblem zu tun hatten, aufgefordert hatte, dieses Buch zu lesen. So hatte die Historiografie ja vielleicht doch irgend-einen Einfluss.

Doch die Geschichte stellt Fußfallen, auch für Historiker. Das Scheitern des Oslo-Prozesses, als Yasser Arafat im Juli 2000 die von Israels Premierminister Ehud Barak und US-Präsident Bill Clinton vorgeschlagene Zwei-Staaten-Regelung in Camp David ablehnte, ebenso wie die für die Palästinenser noch vorteilhafteren Vorschläge im Dezember, und der Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 ließ die Gruppe der „Neuen Historiker“ wie von einer großen Zentrifuge beschleunigt auseinanderfliegen – was den weiteren Gebrauch dieses Terminus zumindest sehr problematisch erscheinen lässt. Denn jeder dieser Historiker wurde politisch in eine andere Richtung geschleudert. Bei einigen, wie bei Ilan Pappe, der seine Arbeit nun politischen Vorstellungen und Zielen unterordnete, beschädigte das ihre Historiografie massiv.

Die große Enttäuschung: Arafats „Neins“

Hier muss ich etwas abschweifen und mich mit den Ereignissen von 2000 und ihrer späteren Interpretation beschäftigen. Ganz kurz: Im Juli 2000 bot Ehud Barak mit Rückendeckung Clintons den Palästinensern eine Zwei-Staaten-Regelung an, die einen palästinensisch-arabischen Staat neben dem jüdischen Staat Israel vorsah und beinhaltete, dass die PLO 100 Prozent des Gaza-Streifens erhalten sollte, 91 Prozent der Westbank und Teile von Ostjerusalem, entweder unter voller palästinensischer Souveränität oder zumindest palästinensischer Verwaltung. Nach Arafats „Nein“ ging Clinton am 23. Dezember noch weiter und besserte im Sinne der Palästinenser nach: Nun wurden ihnen 100 Prozent des Gaza-Streifens angeboten, 94 bis 96 Prozent der Westbank sowie alle arabischen Teile Ostjerusalems inklusive der Hälfte der Altstadt mit ihren muslimischen und christlichen Stadtteilen. Außerdem sollten sie die Souveränität über den Tempelberg erhalten, während die Israelis die Kontrolle über die darunter liegenden Bereiche hätten, wo sich die Überreste der beiden jüdischen Tempel befinden. Die außerhalb Israels und Palästinas lebenden Flüchtlinge sollten in den zukünftigen palästinensischen Staat, aber nicht auf israelischem Territorium repatriiert werden. Dafür sollte die Weltgemeinschaft die Ansiedlung der Flüchtlinge in ihren Gastländern und im künftigen palästinensischen Staat massiv finanziell fördern. Arafat sagte erneut „Nein“.

Barak – wie die meisten Israelis – interpretierte Arafats wiederholtes „Nein“ und die in der Zwischenzeit ausgelöste Intifada als grundsätzliche Ablehnung einer Zwei-Staaten-Regelung. Es schien so, als ob die Palästinenser Palästina nicht mit den Juden teilen und diesen jedes Anrecht auf irgendein Stück dieses Landes absprechen wollten. Sprecher der Palästinenser, zumindest die der PLO-geführten Palästinensischen Autonomiebehörde, argumentierten in der Folgezeit, dass Arafat nur deshalb zu dem Angebot „Nein“ gesagt habe, weil es immer noch für unzureichend gehalten wurde; im Prinzip sei man aber weiterhin zu einer Zweistaatenlösung bereit. Gleichzeitig bestanden jedoch alle palästinensischen Politiker – PLO, Fatah, Hamas, Islamischer Dschihad, PFLP – darauf, dass Israel und die Welt das „Rückkehrrecht“ der Flüchtlinge zu akzeptieren hätten und dass dieses festgeschrieben werden müsste. Außerdem müssten die Palästinenser die alleinige Souveränität über den Tempelberg erhalten. Barak, die meisten Israelis und auch Clinton hielten dagegen, dass die Rückkehr von vier bis fünf Millionen Flüchtlingen (den Überlebenden der Vertreibung von 1948 und ihren Nachfahren) nach Israel dort sofort oder in absehbarer Zeit zu einer arabischen Mehrheit führen und Israel sich so von einem jüdischen in einen arabischen Staat verwandeln würde.

Die zweite Intifada schien dasselbe Ziel zu verfolgen. Sie wurde von Anfang an von Militanten der Hamas angeführt, deren erklärtes Ziel die Zerstörung Israels und die Errichtung eines muslimischen politischen Systems nach den Regeln der Scharia in ganz Palästina ist. Arafat und seine Fatah folgten den militanten Fundamentalisten, anstatt sie zu bremsen; dass die Intifada nach der Al-Aqsa-Moschee benannt wurde, dem heiligsten Ort der Muslime in Palästina, spricht eine deutliche Sprache. Das gleiche gilt für den Modus Operandi dieser Intifada: Selbstmordanschläge in israelischen Bussen und Restaurants wurden begleitet von zuvor aufgezeichneten Videotapes der Selbstmordattentäter, in denen sie verkündeten, ihr Ziel sei, ins Paradies zu gelangen, um sich dort von 72 dunkeläugigen Jungfrauen verwöhnen zu lassen. Jedes dieser erfolgreichen Attentate, das in den Straßen von Gaza und Ramallah mit wilden Jubelfeiern und dem Verteilen von Süßigkeiten an den Verkehrsampeln gefeiert wurde, betrachteten die Israelis als Vorgeschmack auf das, was die Palästinenser mit ganz Israel vorhätten.

Wie vorauszusehen, reagierte Israel mit massiver Repression – Massenverhaftungen, gezielten Liquidierungen von Militanten, Straßen- und Ausgangssperren in der Westbank und Gaza. Ilan Pappe, Avi Shlaim und bis zu einem gewissen Grad auch Tom Segev waren entsetzter über diese Repression als über die mörderische Kampagne, die sie ausgelöst hatte. Sie machten in Meinungs-artikeln in der israelischen Presse ihrem Zorn darüber Luft; Pappe und Shlaim taten das auch in ihren geschichtswissenschaftlichen Arbeiten. Pappe – lange Jahre Mitglied der Israelischen Kommunistischen Partei, die traditionell eine Zweitstaatenlösung unterstützt – propagierte nun eine Einstaatenlösung („Palästina“) und rief weltweit dazu auf, die israelischen Universitäten zu boykottieren. (Eine unlogische Position, da die israelischen Universitäten immer noch ein Hort des Ausgleichs, der Empathie mit den Palästinensern und des kritischen Denkens gegenüber der israelischen Regierungspolitik sind.) Er ging sogar so weit, eine Reihe von rabiat antiisraelischen Artikeln zu veröffent-lichen, die als Geschichtsschreibung daherkommen, obwohl sie reihenweise Verfälschungen von Dokumenten und Fakten enthalten. Am schlimmsten ist sein letztes Buch, „The Ethnic Cleansing of Palestine“ (2007), in dem kaum noch etwas Wahrhaftiges oder ausreichend Belegtes enthalten ist. Das gleiche gilt für Shlaim, der sich immer noch als „Israeli“ bezeichnet, obwohl er nur im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren in Israel gelebt hat und seither (er ist 63) in England. Jede Entscheidung, jede Politik Israels hat er niedergemacht; die Israelis konnten anscheinend nichts richtig machen, die Palästinenser nichts falsch. Sein jüngstes Buch, „The Lion of Jordan“ (2007), eine dicke Biografie über Jordaniens König Hussein, enthält eine Reihe von antiisraelischen Anmerkungen und Kommentaren, die eindeutig eher von politischen Überlegungen als von Fakten bestimmt sind.

Was mich betrifft, ist es so, dass ich zwar immer noch eine Zweistaatenlösung unterstütze, doch haben die Ereignisse der Jahre 2000 bis 2005 mich zur Überzeugung kommen lassen, dass die Palästinenser dafür nicht zugänglich sind. Ich habe meine Geschichtsschreibung nicht um ein Iota verändert. Tatsächlich ist es so, dass die überarbeitete Version meines Buches „The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited“ (2004) noch sehr viel mehr Material enthält, das Israel 1948 in einem schlechten Licht erscheinen lässt als die ursprüngliche Version. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass die Paläs-tinenser als Volk und als Nationalbewegung das Ziel haben, Israel zu zerstören und ein arabisch dominiertes Staatswesen in ganz Palästina zu errichten.

Bei den Wahlen im Januar 2006 haben die Palästinenser eindeutig ihren politischen Willen zum Ausdruck gebracht, indem sie mehrheitlich Hamas gewählt haben. Seitdem hat Hamas die Macht in Gaza übernommen, und alle Umfragen danach haben ergeben, dass in freien Wahlen Hamas auch in der Westbank leicht die Oberhand über ihre Rivalen von der Fatah gewinnen würde. Nur die Präsenz der israelischen Armee hält Machmud Abbas in der Westbank noch an der „Macht“.

Die Hamas macht kein Geheimnis aus ihren Zielen. Ebenso wenig tut dies Pappe. In einem Interview mit der englischsprachigen kuwaitischen Zeitung The Peninsula wird Pappe, der im letzten Sommer Haifa verlassen hat und jetzt im britischen Exeter lehrt, wie folgt zitiert: „Ich unterstütze Hamas in ihrem Widerstand gegen die israelische Besatzung, wenn ich auch mit ihrer politischen Ideologie nicht übereinstimme.“ Ganz offensichtlich hat er nicht das Rückgrat, sich mit den Fundamentalisten darüber auseinanderzusetzen, was Israels Schicksal sein sollte.

20 Jahre nachdem Israels „Neue Geschichtsschreibung“ das Licht der Welt erblickt hat, ist sie auseinandergebrochen. Zwar wirkt sie immer noch robust, und fast alle historischen Arbeiten, die heute in Israel über den Zionismus, über Israels Geschichte und über den Nahost-Konflikt veröffentlicht werden, sind durch ihre Offenheit und ihr kritisches Herangehen beeinflusst. Doch die daran beteiligten Historiker können nicht mehr als eine „Gruppe“ angesehen werden, noch viel weniger als eine „Schule“. Und vielleicht hat das so auch seine Richtigkeit. Denn letztlich ist Geschichtsschreibung eine Aufgabe für Individualisten, nicht für Teamarbeit.

Dr. BENNY MORRIS, geb. 1948 im Kibbutz Ein Hahoresh/Israel, promovierte 1977 in Cambridge, arbeitete u.a. als Reporter für The Jerusalem Post und ist seit 2003 Professor für die Geschichte des Nahen Ostens an der Ben-Gurion Universität in Beersheba, Israel.