01. November 2021

Einfach zauberhaft?

Die Rückkehr des Mythos

Ein Geleitwort Zum Sylke-Tempel- Fellow­ship-Programm von Tamara Or.

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Bild: Gezeichnetes Porträt von Sylke Tempel
Dr. Sylke Tempel (1963–2017) war von 2008 an bis zu ihrem Tode Chefredakteurin der IP. Neben dem Fellowship, dessen Arbeiten des Jahrgangs 2021 diese Ausgabe versammelt, erinnert auch ein jährlich ausgelobter Essaypreis in ihrem Namen 
an Leben und Werk dieser herausragenden Journalistin, Autorin, Publizistin und Mentorin. Sie fehlt.
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Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass Harry Potter am Ende eine Nachrichtenkorrespondentin heiratet. Das weiß ich auch deshalb nicht, weil ich die Bücher noch nicht gelesen habe. Aber hier geht es eben nicht um erdrückende Fakten, sondern um zauberhafte Gefühle – die der berühmte Zauberer erstaunlicherweise für eine Journalistin entwickelt. Sylke Tempel hätte mir das erklären können; sie griff manchmal auf die Geschichten von Harry Potter zurück, um uns die irdische politische Welt zu erklären. Jetzt bleibe ich ratlos, denn diejenigen, die ihn gelesen haben, wissen, dass die Presse in der Rowling’schen Zauberwelt so gar keinen guten Ruf hat.


Pünktlich zur Jahrtausendwende war das Werk nicht nur ins Deutsche, sondern auch ins Hebräische übersetzt und die Faszination der Zauberei kehrte zurück in die entzauberte westliche Welt, die für einige schon viel zu lange dem logos diente, der Vernunft und der Überprüfbarkeit huldigte und jedem kleinen Mythos den Weg verstellte.


Auch in die Politik sind die Zauberer zurückgekehrt – in den USA, in Israel und in Deutschland. Sie haben eine menschenfeindliche und gesundheitsgefährdende Mythenbildung in der ­Bevölkerung kräftig befördert. Und in der Tat lagen sie in allen drei Ländern mächtig im Zwiespalt mit den Journalist*innen, die nichts Besseres zu tun hatten, als die Zauberer zu entzaubern.


In Israel wurde der von vielen als Zauberer bezeichnete Ministerpräsident Benjamin Netanjahu just abgewählt. Auch der ehemalige US-Präsident Donald Trump kann Kanzlerin Angela Merkel nicht mehr verzaubern, wie es Ex-US-Botschafter Richard Grenell fälschlicherweise behauptet hatte. Und auch wenn es dem rechtsextremen Politiker Björn Höcke mit seiner Forderung nach einer Wiederverzauberung der Welt nicht gefällt, konnte bei der Bundestagswahl nicht Harry Potter gewinnen (natürlich nur, weil er nicht angetreten war!).


Es macht keinen Sinn, nach dem Wahrheitsgehalt von Mythen zu fragen. Wir müssen ihre gesellschaftliche und identitätsstiftende Funktion beleuchten, um ihre wachsende Bedeutung zu verstehen und um die Menschen zu erreichen, die das Gefühl der Angst über die Faktizität gestellt haben.  


Auch wenn das pluralistische Miteinander als Prinzip zurück ist, bleiben eine große Verunsicherung und wachsende Fragmentierung in unseren Gesellschaften. In Israel, Deutschland und den USA blicken die Menschen sorgenvoll in eine ungewisse Zukunft. Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie ist das Bedürfnis nach Sicherheit groß. Die Sehnsucht nach Orientierung wächst.


Unsere Sylke-Tempel-Fellows haben in diesem Jahr einen kritischen Blick auf Fragen der Identitäts- und Sicherheitspolitik in Israel, Deutschland und den USA geworfen. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern und Mentor*innen haben sie unter der Schirmherrschaft von Sigmar Gabriel, Bundesminister des Auswärtigen a.D. und Vorsitzender der Atlantik-Brücke, und der ehemaligen israelischen Außenministerin Tzipi Livni unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie recherchiert und gearbeitet.


Sie haben uns allen gezeigt, dass wissenschaftliche Expertise, gute Recherche und professioneller, faktenbasierter Journalismus durchaus bezaubern können. Vielleicht macht es ja doch Sinn, dass Harry Potter eine Journalistin geheiratet hat.
 

Dr. Tamara Or ist geschäftsführende Vorständin der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum

 

 

Bibliografische Angaben

IP Special 7, November 2021, S. 2

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