Online-Veröffentlichung

19. Mai 2026

„Ein kommender europäischer Tigerstaat“

Russlands Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben der Ukraine ökonomisch schwer zugesetzt. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung, vor allem in der Rüstungsindustrie.

Mathias Brüggmann
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Bild: Selenskyj und Pistorius beim Besuch des deutsch-ukrainischen Drohnenherstellers Quantum Frontline Industries
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„Kyjiw wartet auf Dich nach dem Krieg“, prangt in Weiß auf Blau auf einem Plakat als Einladung für Touristen vor der Sophienkathedrale in der Hauptstadt der Ukraine. Ganz anders die Bilder, die der Katastrophenschutz nach einem Angriff auf ein Kraftwerk im Internet verbreitet: zerborstenes Blech, herabgestürzte Stahlteile, eine Feuersbrunst inmitten von Trümmern.

Hoffen und Bangen. Hoffen auf ein Ende des Krieges und Bangen vor dem nächsten russischen Raketen- und Drohnenangriff, der die Energieinfrastruktur zerstört. Die winterliche „russische Jagdsaison“, wie US-Senator Richard Blumenthal die Drohnen- und Raketenangriffe auf mehr als 800 Heizkraft- und Umspannwerke sowie Tausende Stromtrassen und Gasleitungen bei einem Besuch in Kyjiw bezeichnete, hat auch wirtschaftlich enorme Schäden angerichtet.

Die Zentralbank der Ukraine prognostiziert, dass der Strommangel das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um 0,5 bis 3 Prozent verlangsamen wird. Die Ukraine-Experten des Beratungsunternehmens Berlin Economics haben ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 2,1 Prozent heruntergeschraubt.
 

Angewiesen auf westliche Hilfen

Wäre der lange Zeit von Ungarn und der Slowakei blockierte 90-Milliarden-Kredit der EU ausgeblieben, so hätte es laut ukrainischen Fachleuten zu einem vorübergehenden Staatsbankrott kommen können. Laut dem Ukraine Support Tracker des Kieler Instituts für Weltwirtschaft erhielt die Ukraine zwischen 2022 und 2025 jährlich im Schnitt rund 85 Milliarden Euro an militärischer, finanzieller und humanitärer Unterstützung.

„Um das gegenwärtige Niveau der Widerstandsfähigkeit im Krieg zu halten, wird die Ukraine auch künftig auf diese Summe angewiesen sein“, so die Experten von Berlin Economics. Andernfalls könnte das Land gezwungen sein, auf das Notfallinstrument der direkten Haushaltsfinanzierung über die Nationalbank zurückzugreifen. Das habe schon beim russischen Überfall 2022 schwere Folgen gehabt: enorm gestiegene Inflation, drastische Leitzinserhöhung, starke Wechselkursabwertung und einiges mehr.

Doch nicht nur die unklare Lage in Sachen westliche Hilfen macht der Ukraine zu schaffen. Die Gesamtverluste der ukrainischen Wirtschaft seit der russischen Vollinvasion am 24. Februar 2022 berechnet die Kyiv School of Economics (KSE) auf 1,7 Billionen Dollar – bei einem BIP von 209,7 Milliarden Dollar 2025, was 79 Prozent des Niveaus von 2021 entspricht.

Der private Stromkonzern DTEK hat seit dem erneuten Beginn der gezielten russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur rund 70 Prozent seiner Erzeugungskapazitäten eingebüßt. Mühsam wird an der Wiederherstellung der Anlagen gearbeitet. Der Stahlgigant ArcelorMittal in Krywyj Rih erklärte Mitte Februar, wegen der stark gestiegenen Strom-Importkosten seine Walzstahlproduktion um 60 Prozent gesenkt zu haben. Zudem werde er die Gießerei und zwei weitere Anlagen schließen.
 

Auf Messers Schneide

ArcelorMittal hatte trotz des Krieges über 300 Millionen Dollar in sein Werk in der Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj investiert. Die Tatsache, dass man jetzt Anlagen dichtmachen musste, hat nach Unternehmensangaben neben den Stromkosten mit der Einführung der EU-Umweltabgabe „Carbon Border Adjustment Mechanism“ zum 1. Januar dieses Jahres zu tun. Ausnahmen oder Übergangsfristen für ukrainische Produzenten gab es nicht.

Durch die Stromimporte – die die billigen, bisher 50 Prozent der Stromerzeugung ausmachenden Atomkraftwerke des Landes in großem Umfang ersetzen müssen – produzieren ukrainische Unternehmen zu höheren Kosten als ihre Wettbewerber, „und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich europäische Marktzugänge verengen“, bilanziert Maria Repko, Vize-Direktorin des Centre for Economic Strategy in Kyjiw.

Die Ukraine habe seit Jahresbeginn von einer „traditionellen Energieexporteurin zum erheblichen Import von Rekord-Strommengen umschwenken müssen“, stellt Olga Pindyuk vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche fest. Ein Haushaltsdefizit von 20 Prozent des BIP drohe. Wenn nicht mindestens 45 Milliarden Dollar an ausländischen Finanzhilfen kämen, werde man „enorme Schwierigkeiten haben, sich weiter gegen Russland zu verteidigen“.

Die Steuereinnahmen sind zwar dank Erhöhungen und neuer Steuern zuletzt wieder gestiegen (um 17,9 Prozent auf 48,4 Milliarden Euro), blieben aber um 4,8 Prozent hinter den Haushaltsplanungen zurück. Der Krieg verschlingt nach KSE-Berechnungen Staatsausgaben im Umfang von 43 Prozent des BIP. Das Haushaltsdefizit stieg rasant – auf 39,2 Milliarden Dollar 2025. Nur durch große Finanzspritzen des Westens können Lehrkräfte und Krankenhauspersonal bezahlt werden.

Denn andere Einnahmequellen des größten Flächenstaats Europas schwächeln: Die wichtigen Mais-, Weizen- und Mineralienausfuhren sanken wegen einer deutlich schlechteren Ernte und russischer Angriffe auf Hafenanlagen. Zudem reduzierte die EU nach Bauernprotesten die Einfuhrkontingente für ukrainisches Getreide, Honig oder Futtermittel. Die Waffen- und Energie-Importe stiegen. Das Außenhandelsdefizit schnellte so um 18 auf 51 Milliarden Dollar empor. Die deutschen Exporte in die Ukraine stiegen 2025 um 12,5 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro, die deutschen Importe von dort sanken um 12,8 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro.

Derweil ist die Landeswährung Hrywnja auf ihren historisch niedrigsten Kurs abgerutscht. Die Inflation ist im Januar auf 7,4 Prozent gefallen, der Leitzins wird von der NBU bei 15 Prozent gehalten. Nur stark subventionierte Kredite ermöglichen den Unternehmen eine Investitionsfinanzierung. Insgesamt spricht Zentralbank-Chef Andrij Pyschnyj vom Funktionieren der ukrainischen Volkswirtschaft auf Basis „ungekannter Unklarheit“, sein Land balanciere „auf Messers Schneide“.
 

Land der Widersprüche

Die Ukraine ist ein Land der Widersprüche. Während inmitten der massiven russischen Winterattacken, die rund 50 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten ausschalteten, Bilder leerer Geschäfte die sozialen Netzwerke fluteten, stehen in den Lebensmittelketten „Silpo“ oder „Novus“ französische oder italienische Spezialitäten in den Regalen, wie sie sich in Läden außerhalb Italiens und Frankreichs in dieser Vielfalt kaum finden lassen.

Um 2,2 Prozent sei die ukrainische Wirtschaft im Jahr 2025 trotz des Krieges wieder gewachsen, die russische nur um 0,7 Prozent, sagt Wirtschaftsminister Olexij Sobolew stolz. Während die russische Industrie gemäß den täglich lauter werdenden Horrornachrichten aus Moskauer Ministerien in einer Rezession steckt, werde trotz der Blackouts die Wirtschaft seines Landes in diesem Jahr noch um 2 Prozent wachsen: „Es ist auch ein Wirtschaftskrieg. Wir müssen wirtschaftlich besser dastehen als Russland.“

Im Korruptionsranking von Transparency International ist die Ukraine von Platz 122 unter 180 Ländern im Jahr vor dem russischen Überfall auf Nummer 104 im Jahr 2025 vorgerückt. Russland rutschte derweil von Rang 136 auf Platz 157 ab. „Die Regierung verbessert kontinuierlich das Klima für private Investitionen“, zeigt eine Studie der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer. Kyjiw habe zahlreiche Reformvorschläge aus der deutschen Wirtschaft umgesetzt.

„Im Korruptionsranking von Transparency International hat sich die Ukraine seit 2022 um fast 20 Plätze verbessert, Russland hat sich nochmal um über 20 Plätze verschlechtert“  

Laut Erhebung der Beratungsfirma KPMG für den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft wird die Ukraine bei den Ländern im Osten, in die es deutsche Unternehmen zieht, nur von Polen übertroffen: Noch während des Krieges wollen 19 Prozent (2025: 8 Prozent) der deutschen Firmen in der Ukraine investieren. Insgesamt sind 48 Prozent der befragten Unternehmen an dem Land interessiert.

Das ist nicht nur in Deutschland so: Die französische Bank Crédit Agricole hat die Bank Lviv in Lemberg gekauft, die estnische Iute Group die ukrainische RWS Bank. Sogar im Krieg gibt es spektakuläre Übernahmen: Die Agrarholding MHP übernahm den spanischen Hühnermäster Grupo Unvesa für etwa 270 Millionen Euro. MHP hat im Januar auch die erste internationale Unternehmensanleihe einer ukrainischen Privatfirma seit der russischen Vollinvasion in den USA platziert, über 450 Millionen Dollar, ein 550 Millionen Dollar großer Bond wird vorbereitet.

Der größte ukrainische Mobilfunkanbieter Kyivstar hat den Taxi- und Lieferdienst Uklon geschluckt. Zuvor war Kyivstar 2025 an die New Yorker Technologiebörse Nasdaq gegangen – als erstes ukrainisches Unternehmen. Mitte März 2026 folgte mit Swarmer das erste ukrainische Rüstungsunternehmen: Um 520 Prozent stiegen die Aktien des Drohnen-Software-Unternehmens am ersten Handelstag.
 

Wie einst die asiatischen Boomstaaten?

Ohnehin ist der Rüstungssektor mit geschätzt 800 bis 1000 privaten Firmen sowie einigen Staatsbetrieben zum größten Wirtschaftszweig geworden und hat die Kohle- und Stahlbranche überholt, die noch rund 7 Prozent zum BIP beisteuert. Vor allem in der Produktion von Kampf-, Abfang- und Stör-Drohnen sei die Ukraine inzwischen weltweit führend, sagt Jurij Lomikowskyj, Mitbegründer des IRON Lviv Tech Cluster, in dem ukrainische und internationale Rüstungsproduzenten vereint sind.

„In der Produktion von Kampf-, Abfang- und Stör-Drohnen ist die Ukraine Experten zufolge weltweit führend“

Dringend nötig sei es, die Herstellung zu lokalisieren und unabhängig zu werden von chinesischen Bauteilen – auch mit ausländischen Investitionen in die jungen Unternehmen und internationale Kooperationen. Die gibt es inzwischen: Der Münchner Drohnenhersteller Quantum hat mit dem ukrainischen Spezialisten für unbemannte Fluggeräte, Frontline, das erste Joint Venture dieser Art gegründet. Es folgten die deutsche Auterion und die ukrainische Airlogix sowie die deutsche Wingcopter und die ukrainische TAF Industries mit weiteren Gemeinschaftsunternehmen.

Die Zahl der in der Ukraine hergestellten Drohnen sei von 5000 Stück 2022 auf vier Millionen im vorigen Jahr gestiegen, so Pindyuk vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche. Ukrainische Firmen bauen inzwischen aber auch Langstreckenraketen, Wasserfahrzeuge, Militärroboter und gepanzerte Fahrzeuge.
Dimitar Bogov, Ökonom für die Ukraine und Moldau bei der Osteuropaförderbank EBRD, ist „fest davon überzeugt, dass die Ukraine während des Wiederaufbaus zu einem neuen europäischen ‚Tigerstaat‘ werden kann“, mit sagenhaften Wachstumsraten wie einst die asiatischen Boomstaaten.

Die Ukraine verfüge „über die dafür notwendigen Grundlagen in den Bereichen Verteidigung, digitale Innovation und traditionell starken Sektoren wie der Landwirtschaft“, so Bogov.

Doch die beste Unterstützung der Partner sei, so Maria Repko von CES, „jetzt nicht wirtschaftlicher, sondern militärischer Natur: verstärkter Luftschutz und gezielte Angriffe auf die russischen Produktionskapazitäten für Drohnen und Raketen“. So dürfte von einer Wiederkehr der Touristen nach Kyjiw noch einige Zeit nur geträumt werden. 
 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 19. Mai 2026

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Mathias Brüggmann ist freier Journalist und bereist seit 1983 die Ukraine.

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