Buchkritik

29. Dez. 2025

Die Zeit der Wölfe

Leben wir in einem Interregnum, zwischen einer Epoche des Glücks und des Wohlstands und einer Phase, die von Unordnung und Gewalt bestimmt ist? Zwei Neuerscheinungen, eine dunkle Vorahnung: Besonders angenehm wird’s nicht.

Lukas Paul Schmelter
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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Als im Sommer 1913 der Zweite Balkankrieg ausbrach, inspirierte das den deutschen Expressionisten Franz Marc zu seinem Meisterwerk „Die Wölfe (Balkankrieg)“. Das Bild, auf dem ein Rudel Wölfe sich über einen Fetzen Beute hermacht, zeigt die Wucht des Ausbruchs einer archaischen Kraft – das Ende aller Ordnung, die Herrschaft des Chaos und der rohen Gewalt. 

Für Marc waren die Konflikte auf dem Balkan das Wetterleuchten einer größeren Katastrophe. Er ahnte, dass er eine Vorkriegszeit durchlebte. Das Bild ist nicht nur wegen der dargestellten Aggressivität so verstörend, sondern auch, weil Marc dieser selbst zum Opfer fiel: Vier Jahre später starb er bei Verdun, einer von Millionen, die von der Katastrophe verschlungen wurden, die mit dem Ersten Weltkrieg im Sommer 1914 über Europa hereinbrach.

Es ist fast zu einem Klischee geworden, unsere Gegenwart als ein Interregnum zu beschreiben. Das Ende einer Epoche, die im Rückblick als kurz, aber von großem Wohlstand geprägt erscheinen wird – die Zeit nach dem Kalten Krieg. Und der Beginn von etwas Anderem, noch Unbestimmtem, das aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger geordnet, weniger wohlhabend und womöglich deutlich gewaltvoller sein wird. 


Verwüstetes Terrain

Zwei neuere Bücher, Robert D. Kaplans „Waste Land“ und Giuliano Da Empolis „Die Stunde der Raubtiere“, nehmen diese Intuition ernst und deklinieren sie konsequent durch. Beide fragen, ob auch wir in einem Vor-Kriegs- oder zumindest Vor-Katastrophen-Moment leben, und ob wir klarsichtiger sind als Franz Marcs Zeitgenossen, das zu erkennen.

Kaplan ist bekannt als mahnende Stimme, die, getragen von einer „tragischen Sensibilität“, wie er selbst es nennen würde, das Weltgeschehen stets am Rande des Abgrunds sieht. Bereits 1994 brach er in „The Coming Anarchy“ mit der Euphorie vom liberalen „Ende der Geschichte“ und argumentierte, die Nach-Kalter-Kriegs-Ordnung könne eher den Normalzustand menschlicher Verhältnisse wiederherstellen, wie ihn Thomas Hobbes beschrieben hat: „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“.

Kaplan blickte auf die Ränder der liberalen Ordnung und sah dort nicht die Ausbreitung von Demokratie und Märkten, sondern das Wiederaufflammen ethnischer, religiöser und tribaler Konflikte, die im Kalten Krieg nur eingefroren waren. Er warnte vor der Fragilität von Demokratien unter Bedingungen von Ungleichheit und rasantem Wandel und vor dem Widerwillen der USA, die Lasten wirklicher Hegemonie zu tragen.

„Waste Land“ ist nun die düstere Fortsetzung. Wenn „The Coming Anarchy“ die Bruchlinien an der Peripherie einer noch intakten Ordnung kartierte, so legt „Waste Land“ nahe, dass die Peripherie inzwischen ins Zentrum durchgebrochen ist. 

Die zentrale Analogie ist die Weimarer Republik. „Weimar“ steht bei Kaplan weniger für eine konkrete Verfassung als für ein Syndrom: Zerfall von Autorität, Aushöhlung von Institutionen, Ersatz von Politik durch permanenten kulturellen Bürgerkrieg, Rückkehr der Gewalt in den politischen Raum und die Versuchung, chronische Legitimationskrisen durch Hinwendung zu einer rücksichtslosen, Ordnung versprechenden Macht zu lösen.

Kaplan erkennt Weimar-Symptome fast überall. Die Vereinigten Staaten sind, trotz militärischer und ökonomischer Stärke, innerlich durch Polarisierung und gegenseitige Delegitimierung erschöpft. Europa, mit Deutschland im Zentrum, zeigt sich unwillig oder unfähig, strategische Verantwortung zu übernehmen; die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten entlarven die Hohlheit seiner Rhetorik. China und Russland erscheinen als überdehnte, demografisch und ökonomisch verletzliche Mächte. Der Globale Süden wird von sich überlagernden Krisen – Klimawandel, Urbanisierung, Staatszerfall, dschihadistische Aufstände – durchzogen, deren Folgen über Grenzen hinwegschwappen, für die sich aber niemand zuständig fühlt. In dieser Landschaft ist, glaubt man Kaplan, niemand mehr wirklich verantwortlich – und folglich niemand rechenschaftspflichtig. Ordnung löst sich nicht auf, weil ein neuer Hegemon den alten stürzt, sondern weil kein Staat und kein Bündnis mehr willens sind, die Kosten von Ordnung zu tragen.

Kaplan verankert diese Diagnose in T. S. Eliots „The Waste Land“, dem großen Gedicht über zivilisatorische Erschöpfung nach dem Ersten Weltkrieg. Eliot beschwört eine Landschaft aus Fragmenten und ­ausgelaugten Glaubenssätzen, durch die traumatisierte Individuen ohne Wegweiser irren. Kaplans „­W­a­ste­­ Land“ ist die geopolitische Entsprechung: eine Welt, in der die Strukturen, die Gewalt einst einhegten, kollabiert sind oder ihre Legitimität verloren haben, während an ihre Stelle noch kein neues Gefüge getreten ist. Das Ergebnis ist ein verlängertes Zwielicht, in dem die Versuchung autoritärer „Lösungen“ wächst.


Chaos als Waffe der Herrscher

Während Kaplan das verwüstete Terrain skizziert, porträtiert Giuliano Da Empoli in „Die Stunde der Raubtiere“ die Bestien, die es durchstreifen. Da Empoli, bekannt durch seinen Roman „Der Magier im Kreml“, legt einen Essay vor, der eine neue globale Herrschaftsschicht seziert: ein Bündnis aus „starken Männern“ in Politik und Wirtschaft, vor allem im Tech-Bereich, das weniger durch Ideologie als durch die gemeinsame Verachtung liberaler Institutionen zusammengehalten wird.

Da Empoli ordnet seine Überlegungen um historische Analogien an. Auf der einen Seite stehen die „Borgias“, benannt nach Cesare Borgia, Niccolò Machiavellis Musterfürsten. In der heutigen Besetzung gehören dazu Figuren wie Wladimir Putin, Mohammed Bin Salman oder Donald Trump: Herrscher, die Politik als Theater des Schocks begreifen, Regeln brechen und das Bild des Raubtiers pflegen, das die Seinen schützt, indem es Feinde verschlingt. 

Auf der anderen Seite stehen die „Anwälte“: technokratische, liberale Eliten, geschult in Verfahren und der Sprache des Rechts, die an Inklusion appellieren, während sie reale Machtkämpfe scheuen. Bei Da Empoli haben sie sich an der vermeintlichen Unvermeidlichkeit des Liberalismus berauscht – und dabei die substanziellen Machtauseinandersetzungen verloren.

Um dieses Scheitern zu illustrieren, nimmt Da Empoli die Eroberung des Aztekenreichs durch die spanischen Konquistadoren. Montezuma schwankt zwischen Angst, Faszination und Beschwichtigung, versucht Zeit zu gewinnen – mit Geschenken und Ritualen –, bis es zu spät ist.

Ähnlich hätten sich westliche Demokratien den Tech-Eliten gegenüber verhalten: Statt die neuen „Tech-Konquistadoren“ – Musk, Zuckerberg und ihre weniger bekannten Zeitgenossen – als Mächte zu begreifen, die reguliert werden müssen, habe man sie hofiert. Die kritische Infrastruktur des digitalen Zeitalters – Plattformen, Cloud-Dienste, Empfehlungsalgorithmen, Daten – liegt heute überwiegend in privater Hand, weitgehend jenseits der demokratischen Kontrolle.

Was diese Figuren zu „Raubtieren“ macht, ist ihr Verhältnis zum Chaos. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts war Chaos die Waffe von Revolutionären gegen den Staat. Heute, so Da Empoli, sind es die Machthaber selbst, die Chaos instrumentalisieren. Populistische Führer leben von permanenter Krise und Empörung, die sie im Zentrum der Aufmerksamkeit halten und Institutionen zermürben. Tech-Plattformen monetarisieren Polarisierung, weil sie Aufmerksamkeit bindet. Der Informationsraum ist kein zufällig fehlfunktionierender Marktplatz der Meinungen, sondern ein Umfeld, in dem Wahrheit und Autorität systematisch destabilisiert werden – zum Nutzen derjenigen, denen die Kanäle gehören.

Da Empoli dehnt diese Logik auf die Künstliche Intelligenz aus. KI sei weniger künstliche als autoritäre Intelligenz: Systeme, die Entscheidungen in undurchsichtigen Strukturen zentralisieren. Die in Maßstäben operieren, die demokratischer Anfechtung entzogen sind. Und die dazu verleiten, politisches Urteil durch technische Optimierung zu ersetzen. Anknüpfend an Curzio Malapartes Begriff des „technischen Staatsstreichs“ beschreibt Da Empoli eine Machtübernahme, die nicht mehr Rundfunkstationen, sondern Plattformen, Rechenkapazitäten und Datenströme besetzt. Das Schloss Kafkas ist heute keine unzugängliche Bürokratie, sondern ein Dschungel aus Servern und Codes.


Die Lage ist ernst, aber offen

Nebeneinandergestellt erscheinen „Waste Land“ und „Die Stunde der Raubtiere“ als komplementäre Versuche, unserem Interregnum Konturen zu geben. Beide Autoren streifen gelegentlich den Alarmismus; Kaplans Rede von „Weimar überall“ läuft Gefahr, die reale institutionelle Resilienz zu verdecken, Da Empolis Dichotomie zwischen Borgias und Anwälten könnte die Vielfalt politischer Akteure in Karikaturen pressen.

Doch liegt ihre Bedeutung gerade im diagnostischen Wert der Überzeichnung. Beide erzwingen beim Leser die Einsicht, dass die Zeiten wirklich ernst sind. Beide sind von einer strengen, fast asketischen Schwermut durchzogen. Somit leisten sie etwas, das in einem Moment, in dem billiger Optimismus unhaltbar, Zynismus aber politisch steril geworden ist, vielleicht wichtiger ist: Sie schärfen unser Gefühl für die Gefahr, ohne zu leugnen, dass die Zukunft offen ist.


Robert D. Kaplan: Waste Land – A World in Permanent Crisis. New York: Random House 2025. 224 Seiten, 25,00 Euro

Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere – Macht und Gewalt der neuen Fürsten. München: C.H. Beck 2025. 127 Seiten, 15,00 Euro

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 124-126

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Lukas Paul Schmelter ist Zeithistoriker und Visiting Scholar am Cambridge Centre for Geopolitics.
 

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