Porträt

23. Febr. 2026

Die Anti-Trump

Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum setzt auf Deeskalation statt Konfrontation und hält damit ihren US-Amtskollegen erfolgreich in Schach. Auch innenpolitisch fällt die Zwischenbilanz überwiegend positiv aus – doch es gibt einige Stolperfallen.   

Wolf-Dieter Vogel
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Bild: Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum während einer Rede
Gleiche Agenda, anderer Stil: Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum setzt die Politik ihres Vorgängers zwar größtenteils fort, tritt dabei aber deutlich gelassener auf.
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Bleibt sie eine ­Marionette ihres Vorgängers oder wird sie sich aus seinem Schatten lösen können? Diese Frage machte häufig die Runde, als Claudia Sheinbaum Pardo vor knapp zwei Jahren zur mexikanischen Präsidentin gewählt wurde. Schließlich verdankte die heute 63-Jährige ihren Wahlsieg der Beliebtheit Andrés Manuel López Obradors, der vor ihr sechs Jahre lang das oberste Regierungsamt innehatte. Sie war wie er für die gemäßigt linke „Morena“-Partei angetreten und konnte ein einzigartiges Ergebnis einfahren: Fast 60 Prozent der Wahlbeteiligten gaben ihr die Stimme. Im Oktober 2024 übernahm sie ihr Amt.

Tatsächlich ist Sheinbaums Handeln vom Vermächtnis López Obradors gezeichnet. Dennoch hat sie sich mittlerweile von ihrem Vorgänger emanzipiert. Sie setzt dessen Politik – „Die Armen zuerst“ – fort, unterscheidet sich in ihrem Auftreten jedoch erheblich von dem ehemaligen Morena-Frontmann. Im Gegensatz zu ihm agiert sie gelassen, sachlich und diszipliniert. Wo ein aufgeregter López Obrador kritische ­Journalisten oder Umweltschützer mit Hasstiraden überzog, bleibt sie zurückhaltend freundlich. Und wenn Donald Trump mit Strafzöllen oder Militäraktionen droht, verfolgt sie ihre „Strategie des kühlen Kopfes“.


Viele Erfolge, erste Krisen

Deeskalation statt Konfrontation, so das Credo der Politikerin, die in einer Akademikerfamilie in Mexiko-Stadt als Enkelkind jüdischer Einwanderer groß geworden ist. Ihr Großvater stammte aus Litauen, ihre Großmutter aus Bulgarien. Bereits während ihres Physikstudiums in den 1980er Jahren engagierte sich Sheinbaum politisch. „Als ich Studentin war, kämpfte ich für die Demokratie, soziale Gerechtigkeit und gegen das neoliberale Modell, von dem nur einige wenige profitieren“, betont sie. Im Jahr 2000 wurde sie Umweltministerin der Hauptstadt, die damals López Obrador regierte. Als sie 2018 selbst Bürgermeisterin der Metropole wurde, setzte sich die promovierte Naturwissenschaftlerin gegen die massive Luftverschmutzung und Wasserprobleme ein. Erfolge konnte sie auch in der Sicherheitspolitik vorweisen: Die Zahl der Morde sank.

Ebenso positiv kann Sheinbaum auf ihre bisherige Präsidentschaft zurückblicken. Über 70 Prozent der Mexikaner stehen hinter ihr. Solche Zustimmungswerte sind vor allem den umfangreichen Sozialprogrammen geschuldet, von denen viele bereits ihr Vorgänger initiiert hatte: Finanzhilfen für alleinerziehende Mütter, Rente für alle, Ausbildungsprogramme für Jugendliche, Stipendien für Studierende und Fördergelder für Kleinbauern. Sheinbaum hat weitere Programme eingeführt und bestehende gestärkt, etwa mit Blick auf die indigene und afromexikanische Bevölkerung.

Sie erhöhte erneut den Mindestlohn, mittlerweile liegt er dreieinhalb Mal höher als 2018. Die Wochenarbeitszeit will sie bis 2030 von 48 auf 40 Stunden senken. „Das verursacht keine höheren Kosten für Unternehmen und ist eine Vereinbarung, die wir im Konsens getroffen haben“, bekräftigt Sheinbaum. Tatsächlich konnte sie Konfrontationen mit der Unternehmerschaft bisher weitgehend vermeiden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie keine Steuerreform umgesetzt hat, die die Reichen zur Kasse bittet. Bislang kann sie ihre Sozialprogramme durch Gelder finanzieren, die der Staat durch Korruptionsbekämpfung und konsequente Steuereintreibung einnimmt. Noch immer stehen Milliardengelder an nicht gezahlten Abgaben aus, allein die Großkonzerne schulden dem Staat umgerechnet 55 Milliarden Euro.

Angaben der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik zufolge hat Mexiko die extreme Armut in den vergangenen Jahren so stark reduziert wie kein anderes Land der Region. Trotz der Unsicherheiten durch Trumps Strafzolldrohungen konnte sich das Haushaltsdefizit nach einem Tief erholen. Das Wachstum ist zumindest nicht eingebrochen, die Inflationsrate ist gefallen und die Auslandsinvestitionen haben zugenommen.

Weniger positiv sieht die Bilanz mit Blick auf die Sicherheitslage aus. Die Regierung spricht zwar von einem Rückgang der Morde um 40 Prozent im Jahr, nachdem Sheinbaum ihr Amt übernommen hat. Allerdings kommt etwa eine Studie der Organisation „México EvalÚa“ zu dem Schluss, dass sich die Morde wesentlich weniger verringert hätten und wirft der Regierung Manipulationen in der Statistik vor. Sie verweist zum Beispiel darauf, dass im vergangenen Jahr ein Fünftel mehr Menschen verschwunden seien. 

Kriminelle Organisationen wie das Sinaloa- oder das Jalisco-
Kartell liefern sich blutige Kämpfe, unter denen die Bevölkerung leidet. In Bundesstaaten wie Tamaulipas, Sinaloa oder Michoacán müssen Tausende aus ihren Heimatdörfern flüchten. Jugendliche werden zwangsrekrutiert, Soldaten, Polizisten und Nationalgardisten können nicht den nötigen Schutz bieten. 

Welche gravierenden politischen Folgen die Gewalt für Sheinbaum haben könnte, deutete sich im November 2025 an, als in Michoacán ein Bürgermeister erschossen wurde, der sich für ein schärferes Vorgehen gegen Kriminelle eingesetzt hatte. Zehntausende gingen daraufhin auf die Straße, vor allem rechte Kreise machten mobil. So etwa der Großunternehmer Ricardo Salinas Pliego, der sich beharrlich weigert, Steuern zu zahlen, und der bei den Präsidentschaftswahlen für die Rechte kandi­dieren könnte. Stimmen wurden laut, die Donald Trump aufforderten, militärisch gegen Kriminelle in Mexiko vorzugehen.


Trump und andere Gefahren 

Die meisten Mexikaner fürchten jedoch die angedrohten US-Militärschläge gegen Mafiastützpunkte. Zusammen mit Strafzöllen gehören die Drohungen zu Trumps Methoden, um Sheinbaum in der Migrations- und Drogenpolitik unter Druck zu setzen. Dabei steht für Mexiko viel auf dem Spiel: Die USA sind Mexikos wichtigster Handelspartner, 80 Prozent der Exporte gehen dorthin. Zudem zählen die Rücküberweisungen von in den USA lebenden Migranten zu den wichtigsten Devisenquellen. 

Dennoch zeigt Sheinbaum gegenüber Trump eine bemerkenswerte Gelassenheit. Trotz des aggressiven Diskurses, mit dem ihr Amtskollege gegen ihre Landsleute hetzt, setzt die Mexikanerin auf Kooperation. Zugleich stellt sie klar: Die Souveränität und territoriale Integrität Mexikos stehen nicht zur Disposition.

Bislang konnte Sheinbaum Strafzölle verhindern, allerdings nicht umsonst: Gleich zu Beginn von Trumps Amtszeit mobilisierte die Staatschefin massiv Sicherheitskräfte, um zu verhindern, dass Migranten die Grenze am Rio Bravo erreichen. Zudem lieferte sie mehrere Dutzend hochrangige Anführer krimineller Kartelle an die USA aus und erhöhte Anfang 2026 die Einfuhrzölle auf Waren des US-­Handelskonkurrenten China.

Angesichts der ökonomischen Abhängigkeit vom nördlichen Nachbarn hängt Sheinbaums Zukunft nicht zuletzt davon ab, ob sie die fragile Balance mit Washington halten kann. Auch darüber hinaus ist ihre Beliebtheit nicht in Stein gemeißelt. Wie ihre linke Morena-Partei sicherten sich auch deren wirtschaftsliberale Vorgänger ihre Basis durch gezielt verteilte Sozialleistungen. Sollten die Transferleistungen nicht mehr finanzierbar sein, könnte die derzeit schwache rechtskonservative Opposition wieder an Attraktivität gewinnen.

Gefahr lauert auch vom Erbe López Obradors. Der populistische Politiker stampfte einige Projekte schlechter Qualität aus dem Boden, um schnelle Erfolge zu simulieren, etwa den ökologisch fragwürdigen Touristenzug „Tren Maya“, der sich als wirtschaftlicher Flop erweist. Sheinbaums Amtszeit dauert bis September 2030. Noch bleibt ihr also Zeit, um von den Fehlern ihres Vorgängers zu lernen und neue Akzente zu setzen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 9-11

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Wolf-Dieter Vogel schreibt seit zwei Jahrzehnten über Mexiko und die Staaten Mittelamerikas. Er ist Mitglied des Weltreporter-Netzwerks.

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