Der Westen im Krieg mit sich selbst
Die tiefgreifenden Veränderungen im transatlantischen Verhältnis sind nicht nur Folgen einer Präsidentschaftswahl. Es geht um einen systemischen Wandel, um einen Clash der Philosophien. Die Wucht der Überzeugungen auf beiden Seiten macht diesen Moment so einzigartig gefährlich.
Vom französischen Philosoph Jean Baudrillard stammt das Zitat: „Eine Gegenüberstellung von Amerika und Europa offenbart weniger eine Annäherung als vielmehr eine Verzerrung, eine unüberbrückbare Kluft. Es gibt nicht nur eine Lücke zwischen uns, sondern eine ganze Kluft der Moderne.“ Drei Jahrzehnte später hat sich diese Kluft nur noch vergrößert.
Was einst als transatlantische Allianz gepriesen wurde, gleicht heute einer ausgefransten Beziehung – voller historischer Altlasten, falscher Erwartungen und wachsender Entfremdung. Die Vereinigten Staaten schwanken zwischen Isolationismus und imperialer Überdehnung, zwischen Partnerschaft und Druck. Europa reagiert darauf mit Trägheit – und mit einer gefährlichen Naivität.
Die Krise der Anerkennung
Baudrillards Argument ging jedoch tiefer als geopolitische Verschiebungen. Er erkannte eine Krise der Anerkennung: Je mehr Amerika und Europa miteinander interagieren, desto verzerrter werden ihre Spiegelbilder. Sie sprechen zwar dieselbe Sprache der Moderne, meinen aber völlig unterschiedliche Dinge. Was die Europäer als universelles Projekt interpretieren, das auf der Vernunft der Aufklärung basiert, sehen die Amerikaner mehr und mehr durch die Brille von Identität, Loyalität und Macht.
Dies ist nicht nur eine kulturelle Divergenz, sondern markiert einen philosophischen Bruch. Das Subjekt der Aufklärung – autonom durch die Vernunft (Immanuel Kant), moralisch verantwortlich durch das Urteilsvermögen (Hannah Arendt) und wahrheitssuchend durch den Diskurs (Jürgen Habermas) – löst sich auf. In den USA wird es immer mehr durch ein tribalistisches Modell der Identitätspolitik ersetzt, in dem ethnische Herkunft, Religion und politische Zugehörigkeit mehr Gewicht haben als bürgerliche Ideale. Das Ergebnis ist nicht nur eine Fragmentierung, sondern die Erosion einer gemeinsamen öffentlichen Welt.
Ideologie statt Institutionen
Eine Figur dieser Transformation ist Leo Strauss, der deutsch-jüdische Emigrant, dessen Kritik am liberalen Relativismus Generationen amerikanischer konservativer Denker geprägt hat. Seine Anhänger – von denen viele den neokonservativen Kurs unter George W. Bush beeinflusst haben – forderten eine Rückkehr zu einer von Eliten geführten Regierungsform, die auf moralischer Klarheit und Machtpolitik basiert. Ihr Erbe lebt in den moralisierenden, anti-universalistischen Impulsen der heutigen amerikanischen Rechten weiter. Was einmal als esoterisches intellektuelles Projekt begann, hat sich heute zu einer populären politischen Ideologie entwickelt, die Vielfalt misstraut, Beratschlagungen abwertet und von Konflikten lebt.
Europa hingegen hält an einem postnationalen Ideal fest. Die EU, geprägt von Denkern wie Kant, Arendt und Habermas, versteht sich als Republik der Staaten und Bürger – als ein Gemeinwesen der Teilhabe, nicht der Herrschaft. Dieses Selbstverständnis steht in scharfem Kontrast zur amerikanischen „America First“-Doktrin und offenbart eine tiefere Spaltung der Zivilisationen: Europa denkt in Kategorien des Gemeinwohls, Amerika verstärkt in solchen von Eigentum und Souveränität.
Das allerdings ist nicht nur ein transatlantisches Problem. Der gleiche Kampf um die Bedeutung von Demokratie, Identität und Macht spielt sich auch innerhalb der Vereinigten Staaten selbst ab. Donald Trump ist nicht der Urheber dieser Spaltung, sondern ihr sichtbarstes Symptom. Der eigentliche Kampf ist struktureller Natur. Auf der einen Seite steht eine Koalition, die darauf aus ist, Macht zu konzentrieren – sie lehnt institutionelle Zwänge ab, strebt nach ideologischer Vorherrschaft und orientiert sich an illiberalen Demokratien von Budapest bis Moskau. Auf der anderen Seite stehen zersplitterte Verteidiger der verfassungsmäßigen Ordnung, des zivilgesellschaftlichen Pluralismus und liberaler Normen – ähnlich den europäischen Bestrebungen.
Wo Kompromisse Niederlagen sind
Was diesen Moment so einzigartig gefährlich macht, ist die Intensität der Überzeugungen, die beide Seiten antreiben. Das Trump-nahe Lager glaubt, dass es um existenzielle Fragen geht – dass Kompromisse Niederlage bedeuten und Niederlage Auslöschung. Sie streben keine politischen Erfolge an, sondern politische Vorherrschaft. Währenddessen haben die Verteidiger der liberalen Demokratie noch keine überzeugende Gegendarstellung formuliert, die die öffentliche Meinung ebenso tief bewegt. Institutionen allein erweisen sich als unzureichend gegen eine Bewegung, die von Unzufriedenheit, Nostalgie und einer düsteren Vision von vermeintlicher Vergeltungsgerechtigkeit angetrieben wird.
Solange Trump glaubt, dass nur seine Rückkehr an die Macht Amerika das Überleben sichert, bleibt kein Raum für Kompromisse. Politik wird existenziell. Die traditionelle Vorstellung von geteilter Regierung und Gewaltenteilung weicht einem Nullsummenspiel. Das hat nicht nur Konsequenzen für die Amerikaner, sondern auch für ihre Verbündeten.
Konsequenzen für Europa
Europa muss erkennen, dass es nicht nur die Folgen eines amerikanischen Wahlzyklus erlebt, sondern einen systemischen Wandel – einen Wandel, der auch in Europas eigenem Hinterhof Widerhall findet. Was in Washington passiert, wird nicht in Washington bleiben. Der weitere Abbau demokratischer Schutzmechanismen in den USA würde autoritäre Bewegungen in ganz Europa ermutigen und gerade diejenigen internationalen Normen schwächen, die die liberale Ordnung stützen.
Es ist naiv, so zu tun, als sei das ein vorübergehendes Phänomen oder reine Rhetorik. Baudrillard hatte Recht: Dies ist bei Weitem nicht nur eine politische Meinungsverschiedenheit. Es ist ein Kampf um die Bedeutung der Moderne, der sich auf globaler Bühne abspielt.
Aus dem Englischen von Martin Bialecki.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 10. Juli 2025
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