Der erschöpfte Liberalismus
Die Krise der freiheitlichen Demokratie wird seit dem Aufkommen autoritärer Herrschaftsstrukturen auch im Westen nahezu wöchentlich ausgerufen. Es wird gewarnt vor Autokraten, dem Ende der regelbasierten Ordnung, der Digitalisierung als Einfallstor für Demokratieabbau. All den vielen Analysen fehlt jedoch der Glaube an die Strahlkraft der eigenen Idee. Und nun?
Wann immer die liberale Demokratie dieser Tage verteidigt wird, geschieht das ohne wirkliche Überzeugung. Das erinnert fatal an Friedrich Nietzsche, der für diese Stimmung ein Bild geprägt hatte, jenes des „letzten Menschen“. Gemeint waren jene Menschen, die sich im Komfort eingerichtet haben, unfähig zu großen Ideen, zu Opfer, zu Leidenschaft. Heute wirkt dieses Bild bestürzend aktuell. Denn was Nietzsche vor rund 140 Jahren als Dystopie formulierte, könnte auch die spätliberale Gesellschaft beschreiben.
Der Liberalismus versprach Vernunft, Freiheit, Selbstbestimmung, eine Ordnung, die nicht mehr aus Tradition oder Dogma rührt, sondern aus dem Willen des Menschen, sich selbst zu regieren. Abgeworfen wurden die Ketten des Feudalismus, die kirchliche Vormundschaft und die Tyrannei. Mit jeder Errungenschaft – Bürgerrechte, Parlamente, freie Öffentlichkeit – schien der Liberalismus zu beweisen, dass er an die Leerstelle treten konnte, welche die Aufklärung hinterließ.
Doch schon im Triumph des Liberalismus über den Kommunismus lag der Ursprung der aktuellen Krise. Denn statt des Endes der Geschichte präsentierte sich eine existenzielle Herausforderung. Der Liberalismus droht an sich selbst zugrunde zu gehen.
Denken ohne Ziel
Der deutsch-amerikanische Philosoph Leo Strauss hat diesen Widerspruch früh erkannt. Freiheit ohne Geltung werde beliebig; Beliebigkeit erzeuge Orientierungslosigkeit; Orientierungslosigkeit wiederum rufe nach Autorität. Ausgerechnet die Ordnung, die den starken Staat überwinden wollte, produziert so das Verlangen nach ihm. Seither gilt Strauss einer bestimmten Fraktion der Konservativen – gerade der amerikanischen neokonservativen MAGA-Bewegung – als jener Philosoph, der die Schwäche des Liberalismus entlarvte und damit den Ruf nach Disziplin, „law and order“ und Machtpolitik intellektuell unterfütterte.
Strauss ging weiter: Der Liberalismus, so meinte er, habe die Frage nach dem Guten vergessen. Während die antike Philosophie um die gerechte Ordnung rang, reduziere sich das moderne Denken auf Verfahren, auf Wahlen, Mehrheiten, Institutionen – doch es fehle das Ziel. Genau darin liege die Anfälligkeit für Zerfall.
Der russisch-britische Theoretiker Isaiah Berlin verdeutlichte diesen Punkt, indem er zwischen negativer und positiver Freiheit unterschied. Negative Freiheit meint die Abwesenheit von Zwang, positive Freiheit die Fähigkeit, das eigene Leben sinnvoll und in Gemeinschaft zu gestalten. Berlin, selbst ein skeptischer Liberaler, warnte vor einer Konzentration fast ausschließlich auf die negative Freiheit. Ein Liberalismus, der Rechte garantiere, schütze vor Eingriffen und schaffe Räume, so Berlin. Doch die Frage, wie diese Räume gefüllt werden sollen, beantworte der Liberalismus nicht.
Freiheit als Last
Damit kann die Befreiung zugleich eine mächtige Überforderung sein. Wer Ressourcen, Bildung und innere Stärke hat, kann die Freiheit nutzen; wer sie nicht hat, bleibt in Leere zurück. Freiheit wird dann Last, nicht Geschenk. Diese Freiheit trifft insbesondere mit dem Einsetzen der Digitalisierung auf eine Gesellschaft, die mehr denn je unterhalten werden will, die den Fokus verliert und die am Ende nicht fähig sein wird, sie auszufüllen. Heute, im Sog von Clips, Chats, Bots und Reels, geschieht genau das: Freiheit wird nicht ergriffen, sie wird konsumiert und wird beliebig.
Algorithmen übernehmen die Auswahl unserer Nachrichten, verstärken das, was gefällt, und liefern Bestätigung statt Erkenntnis. Diskurs verwandelt sich in Echokammer, Urteilskraft in reflexhafte Empörung. Der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han beschreibt eine Gesellschaft, die erschöpft ist, unfähig zum großen Entwurf. Er diagnostiziert eine „Müdigkeitsgesellschaft“, die sich im Zwang zur Selbstoptimierung verausgabt. Bei Han kehrt Nietzsches „letzter Mensch“ wieder: nicht mehr nur jener, der in Bequemlichkeit erstarrt, sondern der sich selbst unablässig antreibt, um am Ende in Verausgabung zu landen.
Der Liberalismus versuchte, die Lücke mit einem säkularen Wertekanon zu füllen – Menschenrechte, Gleichheit, Teilhabe. Doch dieser Kanon war nicht aus sich selbst geboren, sondern stützte sich unbewusst auf religiöse, naturrechtliche und traditionelle Fundamente, die allmählich erodieren. Die Werte scheinen deshalb nur autonom, weil sie nicht mehr religiös begründet werden. In Wirklichkeit leben sie aber noch von Voraussetzungen, die der Liberalismus nicht selbst hervorbringt.
Der unsichtbare Kitt
Wenn diese Quellen versiegen, bleibt Relativismus. Moral wird partikular, situativ, zerbrechlich. Pluralismus kippt in Fragmentierung, jede Gruppe baut sich ihre eigene Wahrheit. Alexis de Tocqueville wusste schon im 19. Jahrhundert, dass Demokratie mehr braucht als Verfahren. Er hatte in Amerika gesehen, dass Verfassungen, Wahlen und Institutionen zwar die Form geben, aber nicht den Inhalt. Was eine Demokratie trägt, sind die „mœurs“ – die Gewohnheiten, Sitten und Tugenden ihrer Bürger.
Gemeinsinn, Verantwortungsbereitschaft, Vertrauen in den Mitmenschen und Respekt vor dem Gesetz bilden den unsichtbaren Kitt, der die Institutionen erst lebendig macht. Ohne diese Tugenden droht die Demokratie zu einem bloßen Apparat zu verkommen: formal intakt, innerlich leer. Wahlen werden dann zu bloßen Machtkämpfen, Parlamente zu Bühnen der Selbstinszenierung, Rechte zu taktischen Instrumenten. Verfahren allein haben keine Seele. Oder, um es mit einem der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley zugeschriebenen Satz zu sagen: “Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat”.
Sanfter Depotismus
Bleibt der Wohlstand als Klammer. Solange der Liberalismus dafür sorgt, dass der Wohlstand wächst, wird Freiheit verteidigt. Wenn die materielle Basis bricht, kippt das Verhältnis. Das war in den 1930er Jahren so, als die ökonomische Krise dem Faschismus den Boden bereitete. Und auch heute treiben Abstiegsängste Millionen in die Arme von Populisten und Autokraten. Anders als vor 100 Jahren funktioniert der “sanfte Despotismus” (Tocqueville) jedoch noch ohne Lager und Gewalt, sondern mit Hilfe einer subtilen Steuerung durch Algorithmen.
Das alles geschieht ohne die großen Ideen und Ideologien von einst. Putins Russland etwa legitimiert sich durch reinen Machterhalt, in China ist der Kommunismus nur noch eine Hülle, während in den USA das liberale Versprechen immer stärker in die Fähigkeit zur Konsumsicherung übersetzt wird.
Was also kommt? Autoritäre Systeme ohne Ideologie, die bloß auf Machterhalt zielen? Digitale Technokratien, die nach den Logiken der Künstlichen Intelligenz regieren? Vielleicht ja doch noch eine Renaissance des Liberalismus, wenn dieser den Mut findet, auf die verdrängten Fragen nach Sinn, Moral und Orientierung Antworten zu geben. Aber lässt sich der Geist, einmal entlassen, wieder in die Flasche zwingen?
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 15. Oktober 2025
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