01. Februar 2002

Der Riese erwacht

Buchkritik

Die Bedeutung Chinas auf der Weltbühne wächst; ihre Größe, Bevölkerungszahl und wirtschaftliche Dynamik machen die Volksrepublik zu einem Schlüsselakteur in den internationalen Beziehungen. Dirk Nabers vom Hamburger Institut für Asienkunde stellt drei Neuerscheinungen vor, in denen die Geschichte und das Wiedererstarken des asiatischen Riesenreichs analysiert werden.

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Die Bedeutung Chinas auf der globalen Bühne politischer und wirtschaftlicher Regelungsprozesse wächst. Ihre Größe, Bevölkerungszahl und wirtschaftliche Dynamik machen die Volksrepublik zu einem Schlüsselakteur in den internationalen Beziehungen. Viele Analysen gehen von einer Wiedererstarkung Chinas nach einem Jahrhundert des Niedergangs aus. Dies betrifft sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Rolle des Landes. Auch wenn es der Regierung des Riesenreichs gelingen sollte, den Anstieg der Verteidigungsausgaben in einem maßvollen Verhältnis zum Bruttosozialprodukt zu halten, so ist angesichts ökonomischer Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent zu erwarten, dass China in einem Jahrzehnt die zweithöchsten Militärausgaben der Welt haben wird.

Darüber hinaus wird der am 11. Dezember 2001 vollzogene Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) der politischen und wirtschaftlichen Dynamik des Landes einen weiteren Schub verleihen. Diese Entwicklung verläuft in einem von mannigfaltigen, mitunter gegenläufigen Konfliktlinien durchzogenen internationalen Umfeld. Zwar begegnet Taiwan der allein wegen ihrer Größe weit überlegenen Volksbefreiungsarmee mit einer umfassenden Modernisierung seiner Streitkräfte, wirtschaftlich sind die Verflechtungen mit dem Festland aber so eng wie nie zuvor. Japan sieht die weit reichende Umstrukturierung der chinesischen Armee mit großer Besorgnis und hadert auch im handelspolitischen Bereich mit Beijing: Sowohl die Unterbewertung des Renminbi als auch der chinesische Export billiger Agrarprodukte nach Japan fordern die Regierung in Tokio heraus. Auf der anderen Seite hat die WTO-Mitgliedschaft Chinas auch positive Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen Japans zu seinem großen Nachbarstaat. Die Senkung der Zölle könnte mittelfristig zum Abbau des japanischen Handelsdefizits mit China führen. In Südostasien betreibt China die Idee einer multilateralen Freihandelszone, ist jedoch in seinem Souveränitätsanspruch auf umstrittene Territorien im Südchinesischen Meer unnachgiebig.

In dieser Umbruchsituation, in diesem Spannungsverhältnis unterschiedlichster außenpolitischer Anforderungen und einer innenpolitischen Situation, die von zunehmender gesellschaftlicher Pluralisierung und wirtschaftlicher Öffnung gekennzeichnet ist, kommt politischen Entscheidungsträgern eine besondere Bedeutung zu. Dies umso mehr, als die politischen Entscheidungen in China auch heute noch von einem kleinen Kern der politischen Elite ge-troffen werden. Nicht von ungefähr widmen sich einige neuere Studien zur chinesischen Außenpolitik den zentralen Entscheidungsinstanzen in der chinesischen Politik.

Eine dieser Studien, David M. Lamptons „Same Bed, Different Dreams“, stellt dementsprechend die Frage nach der Rolle chinesischer und amerikanischer Spitzenpolitiker, Bürokraten und anderer einflussreicher Persönlichkeiten auf die Beziehungen beider Länder zwischen 1989 und 2000. Der Autor, im Hauptberuf Direktor des Instituts für China-Studien an der Johns Hopkins Universität, ist ein Paradebeispiel für die erfolgreiche Verbindung politikberatender und wissenschaftlicher Tätigkeiten. Seine rund 30 Jahre China-Erfahrung führten ihn immer nah an den engsten Kreis chinesischer und amerikanischer Spitzenpolitiker, und so sind seine tiefen Einblicke in die privaten und psychologischen Hintergründe persönlicher Beziehungen zwischen Deng Xiaoping und George Bush sen. oder zwischen Bill Clinton,Zhu Rongji und Jiang Zemin ein lesenswertes Unterfangen nicht nur für den an der theoretischen Analyse interessierten Politikwissenschaftler.

Der Schwerpunkt auf der individuellen Analyseebene verschließt nicht Lamptons Blick auf die äußeren Einflussfaktoren der chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Doch ist die Beschreibung der chinesischen Demokratiebewegung von 1989 und ihrer gewaltsamen Unterdrückung ebenso schnell abgeschlossen wie die handelspolitischen Auseinandersetzungen der ersten Clinton-Regierung und die Krise in der Taiwan-Straße im Jahr 1996. Insbesondere das zweite und dritte Kapitel, in denen auf die internationale und auf die subnationale Ebene eingegangen wird, sind interessant geschrieben, bringen mit der Analyse von Zeitungsartikeln, Sekundärliteratur und Umfrageergebnissen aber nichts Neues.

Hingegen sind Kapitel eins („The Flow of Events“) und Kapitel vier („The Individual Level“) ein wissenschaftlicher Hochgenuss. Hier wird in bestechender Weise die Lösung des Dilemmas „Markt versus Menschenrechte“ beschrieben, das in der zweiten Amtszeit Präsident Clintons in die „konstruktive strategische Partnerschaft“ Chinas und der USA mündete. Lampton beeindruckt durch detailgenaue Entwürfe der Profile Jiang Zemins, Zhu Rongjis, Li Pengs und Bill Clintons sowie amerikanischer Kabinettsmitglieder. Er schließt in seine Analyse aber auch Persönlichkeiten aus dem akademischen, politisch-administrativen, wirtschaftlichen und sozialen Umfeld der Spitzenpolitiker ein. An erster Stelle sind hier zu nennen der Chinese Wang Daohan sowie auf amerikanischer Seite Jesse Helms und Christopher Smith.

Das Buch bleibt im Schlusskapitel nicht bei der Beschreibung alternativer Szenarien zur Zukunft der chinesisch-amerikanischen Beziehungen, indem die Möglichkeiten kooperativer, rivalisierender und konfligierender Verbindungen dargestellt werden, sondern entwirft darüber hinaus sieben Leitlinien zum Umgang mit den bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Großmächten im neuen Jahrhundert. Hier schließt sich der Kreis zwischen wissenschaftlicher Analyse und Politikberatung, der in Lamptons Buch zu den chinesisch-amerikanischen Beziehungen in exzellenter Weise gezeichnet wird.

Lamptons Werk steht damit inhaltlich, nicht jedoch hinsichtlich der wissenschaftlichen Qualität im Gegensatz zu einem anderen neueren Werk zur chinesischen Außenpolitik. Chen Jians Geschichte Chinas in der Ära Mao unterscheidet sich von Lamptons Buch dadurch, dass es weniger auf der Auswertung von Interviews mit politischen Entscheidungsträgern als auf der Analyse bisher schwer zugänglichen oder unveröffentlichten Quellenmaterials beruht; es besticht weniger durch die detaillierte Nachzeichnung historischer Tatbestände als durch die Neuinterpretation bereits bekannter Fakten.

Was beide Studien verbindet, ist der gemeinsame Schwerpunkt auf der Rolle einzelner Führungspersönlichkeiten bei der Formulierung und Ausführung auswärtiger Politik. In zehn Kapiteln behandelt der an der Universität von Virginia und der East China Normal University lehrende Professor den Zeitraum vom chinesischen Bürgerkrieg in den vierziger Jahren bis zum sino-amerikanischen Rapprochement und der Normalisierung der chinesisch-japanischen Beziehungen zu Beginn der siebziger Jahre. In seinem Epilog wagt er einen Ausblick auf seine bereits in Arbeit befindliche Studie über die Zeit von 1972 bis heute.

Chen verzichtet in seinen Ausführungen auf die breite Wiederholung dessen, was in mannigfaltigen Studien innerhalb und außerhalb Chinas bereits geleistet wurde, namentlich die Nacherzählung der chinesischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Dies lässt seine Arbeit bisweilen fragmentiert erscheinen, befreit sie jedoch von unnötigem Ballast. So braucht der Leser schon eine gewisse Vorkenntnis, um die Gegnerschaft zwischen Mao Zedong und Chiang Kai-shek nachzuvollziehen, deren Hintergründe weitgehend ausgespart werden. Ebenso unklar bleibt, wie es der militärisch unterlegenen Volksbefreiungsarmee gelingen konnte, im Bürgerkrieg die Oberhand über die Truppen der Kuomintang zu gewinnen.

Diese vermeintlichen Defizite werden durch die intensive und kritische Auswertung neuer parteiinterner Schriften sowie der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Spitzenfunktionären der Kommunistischen Partei Chinas mehr als wettgemacht. Chen hat über die Arbeit im Beijinger Zentralarchiv der Regierungspartei hinaus auch nicht den Gang in die Provinzarchive von Xinjiang, Jilin, Guangxi, Fujian und Shanghai gescheut. Er akkumuliert dabei ein Wissen, auf das er bis dato ein Monopol zu besitzen scheint.

In dem Wissen, dass die neu zur Verfügung gestellten Quellen nach wie vor der Selektion und Zensur der Partei unterworfen sind, macht sich der Autor daran, die „verlorene Chance“ der Vereinigten Staaten im chinesischen Bürgerkrieg zu entmythologisieren. Die Hinwendung zur Sowjetunion Ende der vierziger Jahre habe allein der Notwendigkeit einer wachsenden revolutionären Dynamik im Nachkriegs-China entsprochen. Die Einflussmöglichkeiten der amerikanischen Regierung seien zu dieser Zeit beschränkt gewesen. Mao, der sich in dieser Phase für den Großteil der außenpolitischen Entscheidungen verantwortlich zeigte, habe an der Etablierung diplomatischer Beziehungen zu westlichen Mächten einfach kein Interesse gehabt.

Im Weiteren deckt das Buch die Fehlkalkulationen Maos hinsichtlich der Möglichkeiten Chinas im Korea-Krieg auf, zeichnet eine Entwicklungslinie von der Kooperation Chinas und Vietnams im ersten Indochina-Krieg bis zur Konfrontation der beiden Staaten in den siebziger Jahren, beleuchtet die Erhärtung des Konzepts vom „permanenten Klassenkampf“ in Maos Denken der fünfziger Jahre und identifiziert die wichtigsten Faktoren in dessen sicherheitspolitischer Strategie. Dies alles geschieht im Rekurs auf die in den fünfziger und sechziger Jahren vorherrschende Ideologie, deren Schlagwort vom „proletarischen Internationalismus“ dazu führte, dass Volksaufstände in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei als „reaktionäre Rebellionen“ etikettiert und die vietnamesischen Kommunisten mit substanzieller materieller und personeller Unterstützung versehen wurden. Durch den Bezug auf das Ideologie-Konzept wird das Werk Chens von der bloßen zeithistorischen Erzählung in den Bereich der politikwissenschaftlichen Analyse gehoben. Träger von Ideologie sind hier einmal mehr individuelle Führungspersönlichkeiten, im China der fünfziger und sechziger Jahre ist dies vor allem Mao Zedong.

Dass die Vernachlässigung der individuellen Analyseperspektive einer ansonsten innovativen und gut lesbaren Arbeit eine wichtige Dimension nimmt, zeigt sich an dem Buch „China’s Dilemma“ des am Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur tätigen Sheng Lijun. Wie beschrieben, wählen Lampton und Chen eine eindeutige Vorgehensweise. Wichtiger als die Frage, wie Regierung, Opposition, Bürokratie und andere Entscheidungsträger sich außenpolitisch verhalten, ist ihnen die Frage, warum sie in bestimmter Art und Weise operieren. Bei der Analyse außenpolitischer Entscheidungen steht also das erklärende Moment im Mittelpunkt. Hingegen werden von Sheng drei elementare Fragen von vornherein ausgeklammert: Welche Akteure nehmen am außenpolitischen Entscheidungsprozess in China teil? Welche Faktoren beeinflussen die unterschiedlichen Perzeptionen, Interessen und Haltungen der einzelnen Akteure, und welche Faktoren determinieren den Einfluss der einzelnen Akteure auf das Politikergebnis?

So unterscheidet sich Shengs Werk bereits hinsichtlich der Quellenauswahl von den beiden bisher beschriebenen Büchern. Werden dort zeithistorische Originaldokumente und zahlreiche Interviews ausgewertet, steht hier die Lektüre aktuellen Zeitungsmaterials im Vordergrund. Ist dort die Rede von Mao, Deng, Jiang Zemin und Zhu Rongji, so dominiert hier die Betonung des einheitlichen außenpolitischen Willens der Volksrepublik China. Oftmals wäre mithin der Verweis auf originale Textstellen aus regierungsamtlichen Dokumenten unabdingbar gewesen. Ignoriert man indes diesen propädeutischen Hinweis, so wird aus der Studie eine breite Einführung zum Konflikt zwischen der Volksrepublik China und der kleinen Inselrepublik Taiwan.

Der vorangestellte historische Überblick ist dabei durchaus nützlich. Er erklärt in Kürze die Spannungen zwischen der Volksrepublik und Taiwan nach dem Zweiten Weltkrieg und liefert damit eine Grundlage für die folgenden, detaillierten Ausführungen über die Rolle der USA in dem Konflikt und die Beschreibung der Entwicklung während der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Wechselnde Perspektiven ermöglichen einen Blick auf die Umstände des USA-Besuchs von Taiwans Präsidenten Lee Teng-hui im Juni 1995, die Drohungen Chinas im Vorfeld der taiwanischen Präsidentschaftswahlen vom Frühjahr 1996 sowie die Spannungen zwischen China und Taiwan nach Lees Definition „spezieller zwischenstaatlicher Beziehungen“ mit der Volksrepublik im Juli 1999. Es handelt sich mithin um eine gute Einführung in die Thematik, die sich insbesondere an den nach aktuellen und kritischen Urteilen über die China-Taiwan-Problematik suchenden Leser wendet.

David M. Lampton, Same Bed, Different Dreams. Managing U.S.-China Relations, 1989-2000. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 2001, 498 S., 24,50 $.

Chen Jian, Mao’s China & The Cold War. Chapel Hill/London: The University of North Carolina Press 2001, 400 S., 13,96 $.

Sheng Lijun, China’s Dilemma. The Taiwan Issue. Singapur: Institute of Southeast Asian Studies 2001, 240 S., 24,50 $.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, Februar 2002, S. 63 - 66.

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