01. Juli 2004

Der politische Terrorismus

Zu den größten Gefahren nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gehört für den emeritierten
Frankfurter Politikprofessor der Terrorismus. Zwar haben Publizistik und Politikwissenschaft
bereits wichtige Beiträge zur „strategischen Aufarbeitung“ des Terrorismus geleistet, seine Erörterung
muss aber um seine entwicklungsgeschichtliche Interpretation und um die Analyse seiner
politischen Quellen und Ziele ergänzt werden. Eine solche Analyse, verbunden mit einer „Verhinderungsstrategie“,
wird von Czempiel hier vorgelegt.

Kostenpflichtig

Durch die Beiträge von Publizistik und Politikwissenschaft hat die strategische Aufarbeitung des Terrorismus schon bedeutende Fortschritte gemacht. Er bildet die größte der sieben neuen Gefahren, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts registriert worden waren,1 und gleichzeitig die schwierigste.

Der Terrorismus scheint an die Stelle zu treten, die bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhundertsder traditionelle zwischenstaatliche Krieg eingenommen hatte. Dass dieser Kriegstyp ausstirbt, war schon 1989 vorhergesagt worden,2 kann aber keinesfalls als gesichert gelten. Zur Zeit allerdings ist die Gewalt aus dem internationalen System in die Staaten eingewandert. 32 der 33 Kriege, die 2002 gezählt worden sind, waren Bürgerkriege.3 An ihrem Anfang standen oft „terroristische Akte“,4 die dann zur „low intensity warfare“ und schließlich zum Bürgerkrieg aufwuchsen. „Kleine Kriege“5 sind das Kennzeichen der gegenwärtigen Epoche, die sich wieder transnationalisieren und zu den „Neuen Kriegen“ der Gegenwart6 entwickeln. Darin hat sich der Terrorismus jetzt verselbständigt und zum „Terrorkrieg“ ausgewachsen.7

Wird die Politik also mit Beschreibungen des terroristischen Phänomens gut versorgt,8 so herrscht an dessen Deutungen kein Überfluss. Sie ist auch schwierig; denn „der Terrorismus“ hinterlässt keine Spuren und veröffentlicht keine Programme. Wenn die Attentäter nicht sterben, verschwinden sie in der Gesellschaft. Deswegen wohl hat die Wissenschaft sich auf die erkennbaren Strategien des Terrorismus konzentriert. Die Politik spürt die politischen Herausforderungen, aber nutzt den Deutungsfreiraum, um sie für ihre jeweiligen Zwecke zu instrumentalisieren.

Die Erörterung von Terrorismus muss aber um seine entwicklungsgeschichtliche Interpretation und um die Analyse seiner politischen Quellen und Ziele ergänzt werden. Das kann – wie alles in diesem klandestinen Feld – nur heuristisch geschehen, mehr vorsichtig fragend als apodiktisch annehmend. Aber gerade weil der Terrorismus so gefährlich ist, kann sich die Abwehr nicht auf den Einsatz polizeilich-militärischer Gegenmaßnahmen beschränken. Sie muss sich auch um die politischen Ziele des Terrorismus und darum kümmern, wie man sie bekämpfen kann.

Der moderne Terrorismus ist so neuartig, dass er mit seinem vertrauten Erscheinungsbild nicht identifiziert werden kann. Deswegen sollte der Begriff des Terrorismus undifferenziert nicht weiter benutzt werden. Er verschleiert die Natur und die Größenordnung der terroristischen Bedrohung, erleichtert ihre politische Instrumentalisierung für fremde Zwecke. Die in der westlichen Politik und Publizistik gängige pauschale Subsumierung jeglicher Gewaltanwendung gesellschaftlicher Akteure unter den Begriff des Terrorismus entsorgt ihn sozusagen semantisch. Die Gewaltakte von New York und Bagdad, von Madrid und von Tel Aviv werden über diesen Begriff homogenisiert und des Nachdenkens über ihre Ursachen und ihre Bekämpfungsstrategien entzogen. Vor allem werden sie damit entpolitisiert.

Widerstand ist kein Terrorismus

Die Differenzierung des Terrorismusbegriffs muss damit beginnen, das große Handlungsfeld des gesellschaftlichen Widerstands abzutrennen. In Tschetschenien und in Palästina, in Irak und in Afghanistan leisten gesellschaftliche Akteure Widerstand gegen eine von ihnen abgelehnte Herrschaft oder eine fremde Besetzung. Die Konflikte sind klar, die Zieldifferenzen auch. Um Widerstand geht es auch in den Bürgerkriegen, selbst wenn die Aufständischen von den Herrschenden gern als „Terroristen“ diffamiert werden. Die vom Widerstand angewendeten Kampfweisen sind bekannt, entsprechen der asymmetrischen Verteilung der Gewaltpotenziale. Ebenso klar sind die moralischen Maßstäbe, die an das Verhalten der Konfliktparteien gegenüber Unbeteiligten an den Tag gelegt werden müssen. Diese Problematik ist im Zusammenhang mit den nationalen Befreiungskämpfen der Entkolonialisierungsperiode ausführlich diskutiert worden. So schwierig es ist, Aufstände und Bürgerkriege zu befrieden, sie stellen ein vertrautes Phänomen dar, das mit dem modernen Terrorismus nichts gemein hat. In dessen Begriff hinein gehört zunächst seine blinde und gesichtslose Variante, wie sie beispielsweise bei den Giftgasanschlägen der AUM-Sekte in Tokio und dem Sprengstoffattentat auf ein Bürogebäude in Oklahoma zutage trat. Die Idiosynkrasien bei den Tätern ersetzen nicht die völlig fehlende Programmatik. Derlei Terrorismus hat es immer wieder gegeben; er ist auch nicht auszurotten. Allerdings ist er auch nicht relevant.

Im Zentrum des Terrorismusbegriffs stehen vor allem die Gewaltakte gesellschaftlicher Akteure, die nicht zum Einzugsbereich des Widerstands gehören, sondern politisch diffuse, aber durchaus identifizierbare Ziele verfolgen. Die Gewaltakte richten sich keineswegs nur gegen Unschuldige, sondern, wie der Angriff vom 2. Oktober 2000 auf den amerikanischen Zerstörer „Cole“ zeigte und die erwarteten Attacken auf westliche Kommunikationseinrichtungen und Informationsstrukturen (cyberwar) erkennen lassen, auch auf militärisch äußerst relevante Ziele. Schon deswegen darf der Terrorismus nicht von seinen Objekten her bestimmt werden. Auch richten sich militärische Gegenmaßnahmen immer zugleich auf Nichtkämpfer und nehmen deren physische Beschädigung bis hin zu ihrem Tod als so genannte Kollateralschäden in Kauf. Seit den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts gehören Zivilisten zu den Opfern zwischenstaatlicher Kriege. Der Begriff des Staatsterrorismus ist ein Pleonasmus und deswegen überflüssig.

Unter den Terrorismusbegriff fallen also hauptsächlich Gewalthandlungen gesellschaftlicher Akteure gegen Unbeteiligte und Soldaten, gegen zivile oder militärische Einrichtungen, ohne dass ein Zustand des Widerstands herrscht. Vielmehr werden die Gewalthandlungen von diffusen, aber erkennbar politischen Zielen motiviert. Für diese Variante bietet sich der Begriff des politischen Terrorismus an. Nicht seine Strategien unterscheiden ihn vom blinden Terrorismus, sondern die Absicht, physische Gewaltanwendung zugunsten politischer Interessen einzusetzen.

National – Transnational

In seiner nationalen Variante tritt dieser politische Terrorismus in der Ermordung irakischer Politiker und Polizisten zutage, in den Sprengstoffattentaten auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam und auf westliche Geschäftsleute in Saudi-Arabien. Aus der Auswahl der Opfer ergibt sich die politische Zielrichtung, nämlich die Vertreibung von Ausländern, die Abschreckung des Tourismus, die Bestrafung von „Kollaborateuren“.

Dieser politische Terrorismus bewegte sich lange Zeit im nationalen Rahmen, wenn er darin auch vom – meist benachbarten – Ausland Hilfe bekam. Die Politikwissenschaft spricht daher vom „transnationalen Terrorismus“.9 Der Begriff betont den grenzüberschreitenden Charakter der Handlungen, nicht den politischen; er sollte aber im Vordergrund bleiben. Auch im transnationalen Terrorismus greifen gesellschaftliche Akteure zur Gewalt, um politische Forderungen gegenüber Ausländern und ausländischen Einrichtungen sowie gegenüber der eigenen Regierung durchzusetzen. Durch die Transnationalisierung besitzt dieser politische Terrorismus eine überstaatliche, allerdings weitgehend nur regionale Reichweite, wie z.B. Al Khaïda und, in Asien, Jemaah Islamiya.10 Sie nehmen für sich in Anspruch, die von ihnen als politisch zentral angesehenen Interessen mit Gewalt durchzusetzen, auch wenn sie dafür mit dem eigenen Leben bezahlen müssen.

Mit den Angriffen auf New York und Washington hat sich der transnationale Terrorismus internationalisiert, ist in das internationale System vorgedrungen und hat sich dort als gesellschaftlicher Akteur etabliert. Erstmals in der Geschichte haben gesellschaftliche Akteure einen weit entfernten westlichen Staat, dazu noch die Supermacht USA, mit einem Gewaltakt angegriffen. Dessen Opferzahlen kamen denen einer mittleren Schlacht gleich. In Madrid, am 11. März 2004, hat der zweite Angriff dieser Kategorie stattgefunden, die mit den Erscheinungsformen und Folgen des nationalen/transnationalen Terrorismus nicht zu vergleichen ist. Diese Kategorie bedroht tendenziell die gesamte Welt der Industriestaaten; eine größere Gefahr ist, sieht man von einem Nuklearkrieg zwischen den Großmächten ab, kaum denkbar.

Um dieses Novum richtig einzuschätzen, muss man es als vorläufigen Höhepunkt eines seit längerem erkennbaren Strukturwandels des internationalen Systems und der internationalen Politik begreifen. Es gehört in die gesellschaftlichen Emanzipationsprozesse, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts den euroatlantischen Teil des internationalen Systems erfasst haben. Von dort breiteten sie sich in die Welt aus. Innenpolitisch präsentierten sich diese Prozesse als Demokratisierung der Herrschaftssysteme, als zunehmende Teilhabe der Bürger an den Entscheidungen ihrer Regierung. Im Jahr 2004 gibt es 89 Demokratien in der Welt, also doppelt so viele wie 1972. Zählt man die „defekten Demokratien“ noch dazu, steigt die Zahl auf 145, also auf drei Viertel aller Staaten in der Welt. Die Demokratisierung wirkt in unterschiedlicher Weise auf die Außenpolitik der Staaten ein, sie kann sie auch radikalisieren. Unabdingbar ist es in jedem Fall, hinter den Regierungsentscheidungen den gesellschaftlichen Konsens zu erfassen und zu berücksichtigen.

Im internationalen System hat dieser gesellschaftliche Emanzipationsprozess dazu geführt, dass das Monopol der Regierungen bei der Gestaltung der internationalen Politik immer mehr von gesellschaftlichen Akteuren unterlaufen wird, die ihre eigenen Handlungszusammenhänge errichten. Die Regelungskompetenz der Regierungen wird weiter geschwächt durch die wachsende Interdependenz zwischen den Staaten. Sie hat die Politik „entgrenzt“,11 also aus dem territorial definierten Herrschaftsbereich herausgeführt, in dem die nationale Regelungskompetenz greift. So wird beispielsweise die Weltwirtschaft beherrscht von 40000 transnationalen Konzernen und ihren mehr als 250000 Tochtergesellschaften. In die von den Nationalstaaten nicht mehr gefüllte Regelungslücke haben sich die mehr als 250000 Nichtregierungsorganisationen eingebracht. Auch die organisierte Kriminalität hat sich als gesellschaftlicher Akteur im internationalen System etabliert, allerdings ohne politische Ambitionen.

Als Folge dieser Veränderungen12 hat sich das 1648 errichtete internationale System der Staatenwelt deutlich abgeschwächt. Es bildet noch einen geographischen Rahmen der Weltordnung, aber nicht mehr deren Faktor. Die beiden früheren Bundespräsidenten Richard Freiherr von Weizsäcker und Roman Herzog notierten bereits den Beginn der „Weltinnenpolitik“. Analog verstanden ist dieser Begriff sehr hilfreich, weil er den Strukturwandel des internationalen Systems mit einem Schlaglicht beleuchtet. Die Regierungen spielen zwar nach wie vor eine dominierende Rolle, können sie aber nicht mehr über gesellschaftliche Akteure erstrecken, die in das System eingewandert sind.

… ein Produkt der Gesellschaftswelt

Dieser Kreis der globalen Akteure wird seit dem 11. September 2001 mit dem internationalen politischen Terrorismus weiter aufgefüllt. Er ist also keineswegs ein krimineller Ausrutscher der Geschichte, kein Produkt destabilisierter Staaten (failing states), das mit „Nation-Building“ und dem notwendigen Gewaltaufwand aus dieser Welt auch wieder vertrieben werden kann. Dieser internationale politische Terrorismus ist vielmehr der äußerste, radikalisierte Ausdruck der gesteigerten Relevanz gesellschaftlicher Akteure in der internationalen Politik. Das internationale System bedarf eines neuen Steuerungsmodus, der die im internationalen System tätigen gesellschaftlichen Akteure wieder einhegt und in die noch zu vervollständigende Ordnung der multilateralen, polyarchischen Welt einbindet.13 Diese Aufgabe ist nicht neu, aber sie wird durch den neuen internationalen Akteur, den politischen Terrorismus, zu einer Überlebensfrage der Welt zugespitzt.

Der bis jetzt zwei Mal aufgetretene internationale politische Terrorismus ist also im Kontext der strukturellen Veränderung des internationalen Systems zu sehen und muss als dessen Bestandteil begriffen werden. Es überbewertet ihn, wer darin schon den Beginn eines Weltbürgerkriegs erkennt. Dafür ist der Integrationsgrad der Welt zu gering, ebenso der politische Einzugsbereich der gesellschaftlichen Akteure. Es unterbewertet ihn aber, wer ihn nur als Produkt einer fanatisierten fundamentalistischen Religiosität ansieht. Der politische Terrorismus ist vor allem ein Produkt der Politik.14

Präsident George W. Bush hat daher völlig Recht, den „War on Terror“ auszurufen. Die Attentate von New York und Madrid haben sehr wohl kriegerischen Charakter. Zwischen deren gesellschaftlichen Urhebern und dem Westen herrscht ein – wenn auch „asymmetrischer“ – Krieg. Dieser Begriff sollte aber den Westen nicht dazu verleiten, gegen diese asymmetrische Herausforderung traditionelle Kriegsstrategien einzusetzen, also die Asymmetrie zu verfestigen. Die Versuchung dazu ist groß und im kategorialen Rahmen der alten Staatenwelt auch nahe liegend. Gewaltanwendung durch gesellschaftliche Akteure ist illegal, ihre Unterstützung durch Staaten ein feindseliger Akt. Ob das auch in der entstandenen Gesellschaftswelt so gelten wird, muss deren Völkerrecht, das sich erst in der Entwicklung befindet, klären. Sich jedenfalls nur auf alte Rechte und Strategien zu verlassen, ist unter den neuen Bedingungen nicht Erfolg versprechend. Der Krieg gegen Irak hat den internationalen Terrorismus nicht geschwächt, sondern hat ihn gestärkt.15 Bei der Abwehr dieses neuartigen Gegners ist also Innovation gefragt.

Ordnung gegen Terror

Selbstverständlich muss, um weitere Angriffe zu verhindern, die Kooperation der Innenminister und Geheimdienste dringend verbessert werden.16 Die seit langem beschworene freiwillige Einbindung unzureichend gewordener nationaler Souveränität in eine multilaterale Zusammenarbeit, die die Regierungsfähigkeit wieder herstellt, – hier ist sie unmittelbar gefordert.

Erfolgreich wird diese Verhinderungsstrategie aber erst durch ordnungspolitische Maßnahmen, die dem politischen Terrorismus politisch entgegentreten. Der ehemalige CIA-Chef Robert M. Gates und der gegenwärtige Leiter des BND, August Hanning, haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Der politische Terrorismus ist nur zu besiegen, wenn ihm sein gesellschaftliches Umfeld genommen wird. Es bildet den „zu interessierenden Dritten“.17 Versagt er dem politischen Terrorismus die Zustimmung, wie es seinerzeit die bundesrepublikanische Gesellschaft gegenüber der RAF tat, fällt er in sich zusammen. Diese Absage herbeizuführen, ist die wichtigste strategische Aufgabe. Sie braucht Zeit, zumal schon viel Zeit versäumt worden ist, aber sie verspricht verlässlichen Erfolg.

Gerade diese Bindung des politischen Terrorismus an sein gesellschaftliches Umfeld weist ihn als eminent politisches Phänomen aus. Der einzelne Attentäter mag ein „fundamentalistischer Überzeugungstäter mit absoluter Heilsgewissheit sein“;18 das der Tatbereitschaft zugrunde liegende Ursachenbündel ist stets individuell und post mortem sowieso nicht zu beeinflussen. Das Telos der terroristischen Handlung selbst aber ist immer politischer Natur. Religiöse Überzeugungen können diese politischen Zielsetzungen unterfüttern, vermindern aber nicht ihren politischen Charakter.19

Der islamistische Terror ist auch nicht im Ideologischen verortet;20 er richtet sich weniger gegen die westlichen Werte als gegen die westliche Politik. Deren prominenten Vertretern war das nach dem 11.9.2001 sofort evident.21 Die frühe Einsicht fiel dann der amerikanischen Entscheidung für den Irak-Krieg zum Opfer.22 Sie blieb aber in Westeuropa erhalten und drängt aufgrund der Schwierigkeiten der amerikanischen Position in Irak wieder nach vorn.

Von der westlichen Dominanz fühlen sich vor allem die arabischen Gesellschaften, aber auch die muslimischen Staaten nichtarabischer Völker betroffen, so dass der enge Bezug zwischen der kulturellen und der politischen Dimension sichtbar wird. Er stellt jedoch die Prärogative der Politik nicht in Frage. Die Front, auf die der „War on Terror“ trifft, ist politisch, und sie besitzt auch eine Etappe.

Hatte im Mittleren Osten schon 2002 ein „vorwiegend negatives Bild“ der USA geherrscht,23 so verschlechterte es sich nach dem Einmarsch in Irak zu einem „schockierenden Grad von Feindschaft gegen Amerika“.24 2004 ergab eine Umfrage in Irak, dass nur zwei Prozent der irakischen Bevölkerung mit dem amerikanischen Krieg gegen das Land einverstanden gewesen sind. Das State Department riet im Sommer von Reisen in 25 Staaten ab und warnte vor Besuchen in 17 weiteren.25 Mitte Juni 2004 forderte das Außenministerium alle amerikanischen Bürger auf, Saudi-Arabien zu verlassen, ein Land, mit dessen Regierung sich die USA besonders verbunden fühlen. Der politische Terrorismus weist also ein tief gestaffeltes gesellschaftliches Umfeld auf, in dem inzwischen auch die westliche Wirtschaft Schaden nimmt.26

Dieses Umfeld ist weder die Ursache des Terrorismus noch ist es selbst terroristisch. Es dürfte sogar mehrheitlich die Strategien der Terroristen ablehnen, identifiziert sich aber grosso modo mit deren politischen Zielvorstellungen. Sie sind eben kein Monopol radikalreligiöser Extremisten. Die in einem vom Institut für Auslandsbeziehungen veröffentlichten Kollektivpapier sechs muslimischer Intellektueller aus sechs muslimischen Ländern geäußerte Kritik an der westlichen Politik, die in ihren Augen den europäischen Kolonialismus gegenüber der muslimischen Welt bis heute fortsetzt, muss in ihrer Schärfe jeden westlichen Leser überraschen.27 In diesen Perzeptionen breiter muslimischer Bevölkerungsschichten entspringt die wichtigste Quelle des politischen Terrorismus. Hinzu kommen die Ressentiments über die Ungleichverteilung der in der Globalisierung erzeugten Werte.

Will die Bekämpfung des politischen Terrorismus erfolgreich sein, muss sie sich mit diesem Umfeld auseinander setzen. Gelingt es, dessen Perzeptionen zu verändern, ist der politische Terrorismus erledigt. Der G-8-Gipfel im Juni 2004 auf Sea Island ließ erkennen, dass sich die westliche Politik dessen bewusst wird. Das eigene Interesse so zu definieren – schrieb vor fünfzig Jahren Hans J. Morgenthau –, dass es mit dem anderer Staaten kompatibel wird, ist in einer multilateralen Welt die Forderung der politischen Moralität und in einem Zeitalter des totalen Krieges eine Bedingung des Überlebens.28

Anmerkungen

1 Vgl. Dieter Wellershoff, Mit Sicherheit. Neue Sicherheitspolitik zwischen gestern und morgen, Bonn 1999.

2 Vgl. John Mueller, Retreat from Doomsday. The Obsolescence of Major War, New York 1989.

3 Vgl. Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung, Konfliktbarometer 2002, Heidelberg 2003.

4 Vgl. Michael T. Klare & Peter Kornbluh, Low Intensitiy Warfare. Counterinsurgency, Proinsurgency, and Antiterrorism in the Eighties, New York 1987.

5 Vgl. Christopher Daase, Kleine Kriege – große Wirkung. Wie unkonventionelle Kriegsführung das internationale System verändert, Baden-Baden 1999.

6 Vgl. Herfried Münkler, Die Neuen Kriege, 6. Aufl., Hamburg 2003.

7 Ebenda, S. 189.

8 Vgl. das Themenheft „Terrorismus“, Internationale Politik (IP), 2/2004.

9 Vgl. Ulrich Schneckener, Transnationale Terroristen als Profiteure fragiler Staatlichkeit, SWP-Studie S 18, Berlin, Mai 2004, S. 15 ff.

10 Ebenda.

11 Einzelheiten dazu bei Mathias Albert, Entgrenzung und internationale Beziehungen: Der doppelte Strukturwandel eines Gegenstandes und seines Faches, in: Gunther Hellmann/Klaus Dieter Wolf/Michael Zürn (Hrsg.), Die neuen Internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden 2003, S.555ff.

12 Vgl. dazu Czempiel, Kluge Macht. Außenpolitik für das 21. Jahrhundert, München 1999, S. 17–67.

13 Vgl. Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates, Frankfurt am Main 1998.

14 Dazu grundlegend Harald Müller, Amerika schlägt zurück. Die Weltordnung nach dem 11. September, Frankfurt am Main 2003, S.72 ff.

15 Vgl. Richard A. Clarke, Against All Enemies. Der Insiderbericht über Amerikas Krieg gegen den Terror, Hamburg 2004, S. 321 ff.

16 Vgl. dazu Lothar Brock/Bruno Schoch, Was ist das Neue am internationalen Terrorismus?, in: Friedensgutachten 2002, S. 33 ff.

17 Vgl. Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998.

18 Vgl. Stefan Bisam/Uwe Gerstenberg, Neue Sicherheitsstrukturen als Antwort auf terroristische Anschläge, in: Kai Hirschmann/ Christian Leggemann (Hrsg.), Der Kampf gegen den Terrorismus. Strategien und Handlungserfordernisse in Deutschland, Berlin 2004, S. 320.

19 Vgl. Müller (Anm. 14), S. 71 ff.

20 Vgl. Peter Hünseler, Grundzüge einer Weltsicht islamistischer Fundamentalisten, in: Hirschmann/Leggemann, a.a.O. (Anm. 18), S. 18–40.

21 Vgl. Czempiel, Weltpolitik im Umbruch. Die Pax Americana, der Terrorismus und die Zukunft der internationalen Beziehungen, 4. Aufl., München 2003, S. 50.

22 Vgl. Bob Woodward, Bush at War. Amerika im Krieg, Stuttgart/München 2003, S. 100 ff.

23 Vgl. Müller (Anm. 14).

24 Vgl. Clarke (Anm. 15).

25 Vgl. Brock/Schoch (Anm. 16).

26 Vgl. Waldmann (Anm. 17).

27 Vgl. Woodward (Anm. 22) und Hermann Simon, Terrorismus: Bremse des Welthandels, in: IP, 6/2002, S. 17–22.

28 Vgl. Hans J. Morgenthau, The Problem of the National Interest, in: ders., Dilemmas of Politics, Chicago 1958, S. 74.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7, Juli 2004, S. 74-81

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