Titelthema

04. Mai 2026

Der Mittelmacht-Kanzler

Deutschland macht sich auf die Suche nach neuen Partnern. Für Friedrich Merz ist ein wichtiges Auswahl­kriterium, wer sich an ­internationale Regeln halten will.

Andreas Rinke
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Bild: Merz zu Besuch beim audi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman in Riad
Regelbasierte Politik statt Demokratie als neuer Fixpunkt: Bundeskanzler Friedrich Merz zu Besuch beim saudi-arabischen Kronprinzen und faktischen Herrscher Mohammed bin Salman in Riad, Februar 2026.
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Friedrich Merz ist ein eingefleischter Transatlantiker. Mehr als 150 Mal sei er vor seinem Amtsantritt in den USA gewesen, hat der CDU-Vorsitzende immer wieder erzählt. Die Überzeugung, dass die USA und Europa zusammengehören, hat das Denken des früheren Vorsitzenden der Atlantik-Brücke stark geprägt – und erklärt bis heute, warum sich Merz trotz der Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump immer wieder bemüht, dass der Kontakt zwischen Washington und Berlin nicht abreißt. 

Dennoch hat sich die Politik des Bundeskanzlers im ersten Jahr seiner Amtszeit geändert: Schritt für Schritt bewegt sich sein Denken in eine Welt um die USA herum. Merz nähert sich einer Politik an, die zumindest in diesem Punkt der seines Vorgängers Olaf Scholz gleicht: Es geht um die Formation einer neuen Koalition der Mittelmächte – auch in Abgrenzung zu den USA und China.

Scholz hatte seine Bemühungen um den Globalen Süden notgedrungen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verstärkt, um die Loyalität von Staaten wie Brasilien oder Südafrika zu bekommen. Die ersten Monate der Merz-Amtszeit waren jedoch geprägt vom engen Korsett notwendiger Antrittsbesuche, von der Konzentration auf das Thema ­Ukraine sowie dem vordringlichen Versuch, die USA und Europa überhaupt noch ­zusammenzuhalten. 

Entscheidender Moment des Umdenkens war für Merz der G20-Gipfel in Südafrika im November 2025. Dort spürte der Kanzler hautnah, dass es eine sehr große Welt außerhalb der USA gibt, die anders denkt – und dass es sich lohnt, nicht allen Launen von US-Präsident Trump zu folgen. Dieser hatte das G20-Treffen in Johannesburg mit der Begründung einer angeblichen systematischen Verfolgung von Weißen in Südafrika boykottiert. Wie die anderen Europäer entschied sich Merz für eine Teilnahme. Sichtlich überrascht stellte er fest, welch geringe Rolle die USA in den Beratungen des Rests der Welt spielten. „Es war keine gute Entscheidung der amerikanischen Regierung, hier zu fehlen“, sagte Merz daraufhin noch in Johannesburg. „Für uns war es gut, dass wir hier sind.“ Der Bundeskanzler sammelte Sympathiepunkte. 

Mit jeder neuen Volte des US-Präsidenten wuchs zudem auch bei Merz die Überzeugung, dass die Europäer und vor allem Deutschland – ergänzend zur transatlantischen Allianz – neue Partner in der Welt suchen müssen. Trumps Annexionsdrohungen gegen das zu Dänemark gehörende Grönland und neue Zolldrohungen beschleunigten das Umdenken Anfang 2026. 

In drei Reden – vom Weltwirtschaftsforum in Davos am 22. Januar über die Regierungserklärung am 29. Januar im Bundestag bis zur Münchner Sicherheitskonferenz am 13. Februar – entwickelte Merz seine Vorstellung einer Allianz der Mittelmächte, auch wenn er den Ausdruck anders als der kanadische Premier Mark Carney nicht nutzte. Carney intensivierte nicht nur den Kontakt zu den Europäern, sondern auch zu vielen anderen Ländern in der Welt, sprach von „variablen Geometrien“ bei Bündnissen und einer „Allianz der Mittelmächte“. 

Davos war für Merz auch verbal der Auftakt einer schärferen Abgrenzung von den USA. „Autokratien mögen Untertanen haben, Demokratien haben Partner und verlässliche Freunde“, betonte er, ohne einzelne Staaten zu nennen. Die neue Welt der Großmächte gründe sich auf Stärke und „wenn nötig Gewalt“. Aber man müsse das nicht schicksalhaft hinnehmen. 

Deutlicher war er am 29. Januar im Deutschen Bundestag: „Überall in dieser sich neu ordnenden Welt gibt es aufstrebende Staaten mit offenen und wachsenden Märkten, die ausdrücklich das suchen, was wir anzubieten haben, nämlich Partnerschaften auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt, von Vertrauen und Verlässlichkeit.“ 


In Europa wird neu sortiert

Die erste Ebene der Zusammenarbeit ist in Europa. Dabei fällt auf, dass Merz die Beziehungen neu sortiert – und nicht mehr nur innerhalb der EU-Grenzen denkt. Zum einen suchen Großbritannien, Norwegen und Irland wegen der Politik von Präsident Trump die Anlehnung an die EU; Island denkt ernsthaft über einen EU-Beitritt nach. Zum anderen schwindet innerhalb der EU das Vertrauen in den wichtigsten Partner Frankreich: Präsident Emmanuel Macron kann aus deutscher Sicht gegen Ende seiner Amtszeit bei einigen Themen Verabredungen innenpolitisch nicht mehr durchsetzen. Zudem ist ungewiss, ob 2027 in Paris nicht ein rechts- oder linksextremer Präsident gewählt wird, der die jahrzehntelange enge deutsch-französische Kooperation beenden könnte. Die deutsche Europapolitik benötigt aus Sicht des Kanzlers vorsichtshalber mehr Standbeine. 

Deshalb erhält Italien größere Aufmerksamkeit. Und es entstehen neue Formate: Außenminister Johann Wadephul ergänzte das Weimarer Dreieck (Deutschland, Frankreich, Polen) durch die „E5“ (Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien). Finanzminister Lars Klingbeil etablierte die „E6“ (E5 plus Niederlande). Merz setzt verstärkt auf „E3“: Abstimmungen mit Frankreich und Großbritannien. Und er plädiert für neues Selbstbewusstsein der Europäer: „Wir sind in der Welt auch eine normative, eine Werte-Alternative zu Imperialismus und Autokratie. Wir haben wirtschaftlich und wir haben vor allem ideell etwas zu bieten“, sagte er am 29. Januar.

Außenpolitisch machte Merz seine neue Politik auch durch seine Reiseaktivitäten deutlich. In den ersten zwei Monaten 2026 reiste der Kanzler nicht nur nach Indien, sondern auch nach China. ­Zudem besuchte er die finanz- und energie­starken Golfstaaten.  

Hatte die Ampelregierung vor allem auf die Partnerschaft mit demokratisch Gleichgesinnten gesetzt, so glaubt Merz, sich diesen Luxus nicht mehr leisten zu können. Die engste Abstimmung erfolgt zwar weiter mit Europäern oder den G7-Staaten Kanada und Japan. Aber in deutlicher Abgrenzung zu dem vor allem von Grünen und der FDP in der Ampel forcierten moralischeren Anspruch an die deutsche Außenpolitik betonte Merz nun ein Umdenken in der Definition von „Partnern“. Regelbasierte Politik, nicht mehr Demokratie, ist nun der neue Fixpunkt. „Unsere Partner mögen nicht alle die gleichen Werte und Interessen teilen, aber sie teilen doch die Einsicht, dass wir eine Ordnung brauchen, in der wir auf Verabredungen vertrauen und uns mit Respekt begegnen“, argumentierte der Kanzler zum Abschluss seiner Golfreise Anfang Februar. „Wir brauchen solche Partnerschaften mehr denn je in einer Zeit, in der zunehmend Großmächte die Politik bestimmen“, fügte er als Erklärung hinzu. Man sei nicht unkritisch, stelle die Golfstaaten aber „nicht unter Generalverdacht“. Mit dem Iran-Krieg haben sich diese Bemühungen noch einmal verstärkt. 

Neue Allianzbildung  ist schwierig, denn es gibt riesige Abhängigkeiten von den USA und China

Ähnliches Denken zeigte sich auch bei seiner China-Reise Ende Februar: Einerseits gehört für Merz auch China zu den kritisch gesehenen Großmächten, die etwa vor angedrohter Gewalt im Falle Taiwans nicht zurückschrecken. Andererseits will China aber – anders als Trump – an der multilateralen Ordnung mit UN- und WTO-System festhalten. Statt den Dreiklang von Partner, Konkurrent und systemischer Rivale zu wiederholen, der die Ampeljahre prägte, betonte Merz in Peking die „umfassende strategische Partnerschaft“ zwischen beiden Ländern.

Diese neue Definition der „Partner“ weitet den Kreis möglicher Kooperationen enorm aus. Eine neue Art von Akzeptanz gründet auf der Anerkennung, dass es unterschiedliche politische Systeme gibt. Oberster Maßstab ist nun, dass sich Partner international und in den Wirtschaftsbeziehungen an Regeln halten. Das trifft Wünsche auf der anderen Seite: Denn am Golf bekam Merz auf jeder Station auch zu hören, dass die Staaten es leid sind, von Deutschland einerseits belehrt, andererseits aber wegen Roh­stoffen immer intensiver als Partner begehrt zu werden. 

Merz agiert dabei nicht allein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist ein wichtiger Verbündeter beim Werben um neue Partner. Steinmeier ist ebenso wie Scholz und nun Merz überzeugt davon, dass Deutschland die Beziehungen zu den Schwellenländern ausbauen muss. Der Bundespräsident reiste zuletzt nach Südafrika, Brasilien, Vietnam, Thailand, Japan und Mexiko – oft mit Wirtschaftsdelegationen. Zudem deckt der Bundespräsident in Afrika einige Lücken ab, die der Kanzler dort noch lässt; und in den kommenden Wochen soll eine Reise nach Indonesien nachgeholt werden. Außenminister Wadephul hat einen breiten Radar seiner Reisen und ebenfalls möglichst oft Firmenvertreter mit an Bord.  

Die Schockwellen, die US-Präsident Trump aussendet, bewirken auch Veränderungen in der EU: Plötzlich wurden die jahrelang blockierten Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten sowie Indien abgeschlossen. Merz dringt darauf, dass die EU schnell Abkommen mit Australien, Indonesien oder Mexiko überarbeitet oder neu abschließt. Weitere Handelsgespräche führt die EU mit Malaysia, den Philippinen, Thailand und Vietnam. 

Der Treiber dieser Entwicklung ist auch die Industrie: Je unsicherer der US-Markt wird, desto mehr brauchen deutsche und europäische Unternehmen sichere Absatzmärkte in anderen Teilen der Welt. Die USA bleiben zwar noch die größte Volkswirtschaft der Welt. Aber der Anteil der USA am Welthandel lag schon 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamts nur bei 10,8 Prozent – der Wert dürfte durch die Zollstreitigkeiten weiter sinken.


Die Grenzen der Bemühungen

Allerdings stößt der Versuch einer neuen Allianz der regelbasierten Länder an Grenzen. Auch Merz muss die Erfahrung machen, wie schwer es ist, dem Einfluss der Großmächte und vor allem dem der USA zu entkommen. Es gibt riesige Abhängigkeiten von den USA und China bei IT-Produkten oder Rohstoffen. Gerade erst hat Präsident Trump zusammen mit Israel gezeigt, wie schnell eine Supermacht dem Rest der Welt ihre Agenda aufdrücken kann, wenn sie ungehemmt ihre militärische Macht einsetzt. Zudem begrenzen Sicherheitsbedürfnisse den Spielraum. Merz’ Handeln ist auch dadurch geprägt, dass er die US-Schutzrolle für Deutschland nicht aufs Spiel setzen und die Aufhebung der US-Sanktionen gegen Russland verhindern will. 

Der Testfall dafür, wie ernst Friedrich Merz es mit der neuen Allianz meint, steht im November an, wenn das nächste G20-Treffen stattfinden soll – diesmal in den USA. Trump hat bereits angekündigt, das G20-Land Südafrika nicht einladen zu wollen. Dann kommt es zum Schwur. Merz muss entscheiden, wo seine größeren Loyalitäten liegen.    

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 54-57

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Dr. Andreas Rinke ist Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin.

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