Brief aus...

18. Aug. 2025

Der Familienstreit geht weiter

Die Philippinen sind derart gespalten, als gäbe es nur die Wahl zwischen dem Camp Marcos und dem Camp ­Duterte. 

Felix Lill
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Bild: Zeichnung der Kathedrale von Manila
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Wer sich dieser Tage in Manila auf politische Diskussionen einlässt, stößt früher oder später auf diese eine Frage: „Stehst du eher zum Marcos-Camp oder zum Duterte-Camp?“ Und dann sollte man sich entscheiden. Identifiziert man sich also lieber mit den Marcoses, die in den Augen einiger Beobachter für Wirtschaftswachstum und klare Kante gegenüber Chinas Territorialansprüchen stehen? Oder mit den Dutertes, die sich als Leute des Volkes geben, wenn auch höchst brutal? Als wäre da nichts Anderes mehr. 

Vor allem unter Taxifahrerinnen, Servicekräften in günstigeren Lokalen oder im Supermarkt kommt dieses Entweder-oder-Denken viel vor. Und es ergibt schon Sinn: Immerhin befinden sich die Philippinen seit der jüngsten Präsidentschaftswahl 2022 in einer Art Zweikampf um die Macht. Damals gewann das selbsternannte „UniTeam“, die „Einheits­truppe“ mit Ferdinand Marcos Junior und Sara Duterte, die laut Wahlkampagne ein gespaltenes Land vereinen wollten. 

Heute ist man schlauer: Die von politischen Dynastien geprägte Nation ist so zerstritten wie seit Jahrzehnten nicht. Zuletzt waren aus dem Lager der Dutertes Überlegungen zu hören, man könne die Südphilippinen, wo die Dutertes ihre Machtbasis haben, doch einfach vom Rest des Landes abspalten; das klingt eher nach Sezession. Dabei waren kritische Stimmen schon 2022 skeptisch, was das Versöhnungspotenzial dieser Allianz anging. Sie vermuteten vielmehr, dass sich zwei Familien gegen juristische Probleme wappnen wollten. Denn Präsident Marcos ist der Sohn eines Ex-Präsidenten, der die Hälfte seiner Amtszeit (1965 bis 1986) brutal als Diktator regierte, ehe die Revolution ihn verjagte. 

Aus dieser Zeit schuldet Familie Marcos dem Fiskus noch mehrere Milliarden US-Dollar – die sie nicht zahlen will. Marcos’ Partnerin wurde Sara Duterte, Tochter des vorigen Präsidenten Rodrigo Duterte, dessen Drogenkrieg ab 2016 wohl um die 30 000 Tote zu verantworten hat. Sara hat sich von ihrem Vater ebenso wenig distanziert wie Ferdinand Marcos von seinem. So war die „UniTeam“-Allianz vor allem für ihre beiden Familien von Vorteil: als gegenseitiger Schutz im Zentrum der Macht.


Soap Opera in den sozialen Medien

Nur hielt all das nicht lang. Längst haben sich die zwei Familien zerstritten. Beide greifen nach alleiniger Macht. In diesem Zusammenhang ist zu verstehen, dass im März Rodrigo Duterte auf Geheiß des Internationalen Strafgerichtshofs in Manila festgenommen wurde – was ohne die Kooperation von Präsident Marcos kaum möglich gewesen wäre. Zuvor hatte Duterte Senior seinen Amtsnachfolger Marcos einen Drogenabhängigen genannt – womit der nach Dutertes Drogenkriegslogik ja im Prinzip erschossen gehörte. 

Eine offene Morddrohung gegen den Präsidenten sprach dann Marcos’ Vizepräsidentin Sara Duterte aus – womit gegen sie ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wurde. Doch auch wenn nun viel auf einen Sieg des Marcos-Lagers hindeuten mag, ist ein Ende des Zwists nicht in Sicht, betont John Paolo Rivera vom Thinktank Philippine Institute for Development Studies: „Die Halbzeitwahlen im Mai haben gezeigt, dass die Dutertes weiterhin beliebt sind. Ich gehe davon aus, dass sie dies einzusetzen wissen.“ 

Schlimmer noch: Diese zwei Familien verdanken ihre Popularität maßgeblich bezahlten Influencern und Trollen in sozialen Medien. Im Jahr 2016 gewann Rodrigo Duterte die Wahl zum ­Präsidenten vor ­allem durch ihm treu ergebene Facebook-Accounts, die Duterte lobten und seine Gegner ­verunglimpften. Sechs Jahre später machte Ferdinand Marcos Junior es ihm nach. Als Konsequenz hiervon wird heute mit der Soap Opera zwischen den Familien das ganze Land beschallt.

Diese Fehde vereinnahmt so ziemlich alles. Mitte März befand der Sender ANC: „Die Marcos-Duterte-Einheit war von Anfang an nicht echt.“ Dann ging die Iglesia ni Cristo, die größte nichtkatholische Kirche im Land, mit rund 1,5 Millionen Menschen gegen Sara Dutertes Amtsenthebung auf die Straße. Im Juni und Juli drehte sich alles darum, wann das Parlamentskomitee endlich über Dutertes Verbleib befinde. Entsprechend entwickeln sich dann oft Gespräche: „Ein Influencer auf Facebook hat aber erklärt, dass die Marcoses gar kein Geld gestohlen haben!“, behauptet da ein Taxifahrer. Oder: „Unter Rodrigo Duterte wurden ausschließlich Drogendealer erschossen, niemand sonst“, meint ein Barmann, als ob das damit in Ordnung wäre. Dass beide Familien eher an sich selbst denken und weniger an die gestiegenen Lebenshaltungskosten, die für ärmere Familien Reis und Gemüse schwer bezahlbar machen, Wohnungen in Manila selbst für die Mittelschicht oft unerreichbar teuer werden lassen? Da gibt man dann lieber dem je anderen Camp die Schuld – den Marcoses oder den Dutertes eben.

Für die nächste Präsidentschaftswahl, die 2028 ansteht und für die beide Camps ihre eigenen Kandidaten schon jetzt positionieren, ist das ein Problem. Denn zwar gibt es alternative politische Strömungen – die sich dem Drogenproblem nicht durch Erschießen, sondern durch Entzugsangebote annehmen und die öffentliche Bildung fördern wollen, um den enormen Einfluss bezahlter Influencer auf Wahlen zu verringern. Aber im Rauschen der Marcos-Duterte-Soap fallen sie vor allem einer gebildeten urbanen Schicht auf. Die anderen Bevölkerungsgruppen streiten sich weiter ­darüber, ob jetzt Duterte oder Marcos besser sei fürs Land. Man wäre nicht verwundert, wenn es eines Tages plötzlich wieder eine Annäherung zwischen diesen zwei Sippen gibt – einfach, weil die Story bei aller Härte viel zu unterhaltsam ist, um zu einem Ende zu kommen. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 126-127

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