Der Bauherr des Klimagipfels
Murat Kurum machte im türkischen Bau- und Immobilienapparat Karriere. Heute ist der Erdoğan-Vertraute Minister für Umwelt, Stadtentwicklung und Klimawandel. Als Gastgeber der COP 31 soll er nun die internationale Klimapolitik voranbringen.
Es war ein erstaunlich hartnäckiger Streit um einen Klimagipfel. Die Türkei wollte ihn ausrichten, Australien auch. Australien hatte seine Bewerbung als „Pacific COP“ angelegt, unterstützt von weiteren Staaten des Pacific Islands Forum, die vom Klimawandel besonders betroffen sind. Die Türkei präsentierte sich als Brücke zwischen Europa, Asien und dem Mittelmeerraum.
Nach zähem Ringen einigten sich beide Länder im November 2025 am Rande der COP 30 in Belém auf einen ungewöhnlichen Kompromiss: Die COP 31 findet vom 9. bis 20. November in Antalya statt. Die Türkei wird Gastgeber und bekommt die Bühne; Australiens Klimaminister Chris Bowen leitet als „Präsident der Verhandlungen“ die eigentlichen Gespräche. Ein Novum in der Geschichte der Weltklimakonferenzen, ein diplomatisches Experiment mit ungewissem Ausgang.
COP-Präsident ist ein langjähriger Vertrauter von Präsident Recep Tayyip Erdoğan: Murat Kurum, Bauingenieur, AKP-Politiker. Wer ist dieser Mann, dessen Karriere eng mit Erdoğan verbunden ist – und der doch so anders auftritt als sein oft aufbrausender Förderer?
Kurum hat bislang nicht durch krawallige Auftritte auf sich aufmerksam gemacht. Er wirkt auch mit 50 Jahren etwas jungenhaft, trotz des markanten Schnauzers. Im Istanbuler Wahlkampf 2024 hieß es, ihm fehle es an Charisma; im Netz spottete man über seine Versprecher, etwa als er sich in einer Rede verhaspelte: Den Schutzhelm ziehe man an den Füßen an. Kurum setzte dem das Bild des fleißigen Machers entgegen, der lieber Neubausiedlungen und Metrokilometer aufzählt, als große Reden zu schwingen. Seine Frau Şengül, mit der er drei Kinder hat, beschrieb in einem Video einen ganz auf die Arbeit fixierten Menschen.
Kurums Karriere verlief lange in den Maschinenräumen der türkischen Bau- und Wohnungspolitik – dort, wo politische Versprechen in Beton gegossen werden. Geboren wurde er 1976 in Ankara; schon sein Vater war Beamter im Ministerium für Wohnungsbau, dem Vorläufer jenes Hauses, das der Sohn heute führt. Nach dem Studium arbeitete Kurum zunächst in der Privatwirtschaft, 2005 wechselte er zur staatlichen Wohnungsbaubehörde TOKİ, 2009 an die Spitze des staatlich kontrollierten Immobilienentwicklers Emlak Konut. Damit stand er im Zentrum des Wachstumsmodells, das die Türkei unter Erdoğan über Jahre geprägt hat: Wohnungsbau, Infrastruktur, Großprojekte.
Sein erstes Treffen mit Erdoğan fand auf einer Baustelle statt. Nach dem Erdbeben von Bingöl 2003, so erzählte er es im März 2024 dem Portal Mynet, arbeitete er dort als junger Baustellenleiter, als Ministerpräsident Erdoğan zur Einweihung neuer Wohnungen kam. Später wurde der Kontakt offenbar enger.
2018 holte ihn Erdoğan als Minister für Umwelt und Stadtentwicklung ins Kabinett. Gleich zu Beginn fiel ihm ein Projekt zu, das bis heute umstritten ist: die bislang größte Bauamnestie des Landes. Wer ohne Genehmigung oder gegen die Vorschriften gebaut hatte, konnte das nachträglich registrieren lassen. Nach offiziellen Angaben wurden mehr als drei Millionen Bescheinigungen ausgestellt. Beschlossen hatte das Parlament die Amnestie kurz vor Kurums Amtsantritt, umgesetzt wurde sie unter ihm.
Nach den verheerenden Erdbeben vom Februar 2023 geriet dieser „Baufrieden“ erneut in die Kritik. Denn die Bescheinigungen beruhten allein auf Angaben der Eigentümer, die Erdbebensicherheit prüfte niemand. Der Staat legalisierte also Gebäude, die womöglich nicht standhalten, und schob die Verantwortung per Gesetz den Eigentümern zu. 2024 kippte das Verfassungsgericht diese Regel: Der Staat könne sich seiner Aufsichtspflicht nicht entziehen.
Kritiker bemängeln, dass bis heute kaum Amtsträger zur Rechenschaft gezogen wurden und der Katastrophenschutz nicht gut genug aufgestellt ist. Auch der Wiederaufbau bleibt hinter den Versprechen zurück: Von 650 000 zugesagten Wohnungen waren bis Ende 2025 laut Regierung gut 430 000 fertig, Anfang 2026 lebten noch mehr als 360 000 Menschen in Containern. Kurum präsentiert den Wiederaufbau dennoch als Erfolg, etwa im Juni bei den Klimaverhandlungen in Bonn – als Beispiel für jene klimaresilienten Städte, die er zu einem Schwerpunkt der COP 31 erklärt hat.
Dass er diese Botschaft verkünden darf, verdankt er auch dem Umstand, dass Erdoğan an ihm festhielt. Denn die Istanbuler Bürgermeisterwahl im März 2024 wurde zu Kurums schwerster Niederlage. Er sollte die Stadt für die AKP zurückerobern. Gegen Amtsinhaber Ekrem İmamoğlu von der CHP, einen begnadeten Wahlkämpfer, war er chancenlos: İmamoğlu gewann mit rund 51 Prozent, Kurum kam auf knapp 40. Für Erdoğan war das mehr als ein Gesichtsverlust, gilt İmamoğlu doch als der Mann, der ihn auch bei der Präsidentenwahl schlagen könnte. Ein Jahr später übernahm die Justiz. Im März 2025 wurde İmamoğlu festgenommen, seit März 2026 steht er wegen Korruption vor Gericht. Human Rights Watch und andere halten das Verfahren für politisch motiviert.
Und Kurum? Kehrte im Juli 2024, nur drei Monate nach seiner Niederlage, als Minister für Umwelt, Stadtentwicklung und Klimawandel ins Kabinett zurück.
Dass Erdoğan ausgerechnet einen Baufunktionär zum obersten Klimadiplomaten macht, hat aber wohl nicht nur mit Vertrauen zu tun. Kurums Biografie passt auch zur Strategie Ankaras, Klimaschutz nicht gegen das bisherige Wachstumsmodell auszuspielen, sondern beides miteinander zu verschränken.
Das erste türkische Klimagesetz vom Juli 2025 zielt auf Klimaneutralität bis 2053 ab und schafft die Grundlage für einen Emissionshandel. Ein eigener CO₂-Preis soll verhindern, dass türkische Exporteure ihre Klimaabgabe künftig an die EU zahlen. Vor allem aber versteht das Gesetz Klimaschutz als Wachstumstreiber: Er soll die Wirtschaft modernisieren statt bremsen – mit Stromnetzen, Solaranlagen, effizienten Gebäuden. Für den Bauingenieur Kurum ist das vertrautes Terrain.
Doch das Modell gerät da an seine Grenzen, wo es den Abschied von Bestehendem verlangt. Kohle machte 2025 noch rund ein Drittel des türkischen Stroms aus. Einen Ausstiegsplan gibt es nicht, im Sommer gab die Energiebehörde sogar grünes Licht für den Ausbau eines Kohlekraftwerks; zugleich soll die Gasförderung im Schwarzen Meer wachsen. Die Emissionen stiegen 2024 um gut 5 Prozent auf rund 585 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das selbst gesetzte Klimaziel für 2035 erlaubt sogar weiter steigende Emissionen und wird laut Climate Action Tracker schon mit der bisherigen Politik erreicht. Die Organisation stuft die türkische Klimapolitik deshalb als „kritisch unzureichend“ ein, die schlechteste Kategorie.
Handschrift des Ingenieurs
Immerhin setzt Kurum international ehrgeizigere Akzente. Im Juni stellte er in Bonn das Ziel vor, den Anteil von Strom am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 von gut 20 auf 35 Prozent zu steigern. Und noch ein weiteres Ziel trägt die Handsschrift des Bauingenieurs: Die Energieintensität von Gebäuden soll bis 2035 um mindestens ein Viertel sinken.
Wie weit er damit kommt, hängt aber nicht allein von ihm ab. Mit der COP 31 unterstreicht Ankara seinen Anspruch, global mitzuspielen. Dass das Land sich den Gipfelglanz mit Australien teilen muss, dürfte in Ankara wenig Begeisterung auslösen. Offiziell aber lobt Kurum die Einigung: Beide Länder hätten ihren „gemeinsamen Schmerz“ in Zusammenarbeit verwandelt, sagte er in Belém – ein Verweis auf Gallipoli, wo 1915 Australier gegen osmanische Truppen kämpften; heute gedenken Türken und Australier der Schlacht gemeinsam.
Die Arbeitsteilung geht nun so: Die Türkei richtet den Gipfel aus und verantwortet die Action Agenda, Bowen leitet die Verhandlungen, beide sollen sich abstimmen. Ob dieses Konstrukt trägt, zeigt sich spätestens, wenn die Gespräche stocken.
Sein Arbeitsleben lang hat Kurum Projekte umgesetzt und Pläne in Beton verwandelt. Über den Erfolg des Gipfels entscheidet aber, ob knapp 200 Vertragsparteien zu Kompromissen finden; das Verhandeln muss der Macher dabei dem australischen Kollegen überlassen. Immerhin bleibt ihm die Bühne – in Antalya kann Kurum vorführen, was die Türkei gebaut hat. Allerdings: Gemessen wird ein Klimagipfel auch an dem, was künftig nicht mehr gebaut wird.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 9-11
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