01. Oktober 2004

Bye, bye, Old Europe?

Die Neuaufstellung der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland

Die amerikanische Streitkräftestruktur wurde nach dem 11. September einer grundlegenden
Überprüfung unterzogen. In der Folge kündigte der Präsident den Abzug von rund 70 000 der in
Übersee stationierten Soldaten an, davon die Hälfte aus Deutschland. Helga Haftendorn, die
lange Jahre Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin lehrte, kann in diesem Truppenabzug keine Gefährdung
der Sicherheit Deutschlands erkennen.

Kostenpflichtig

Viele Deutsche hat die Ankündigung von Präsident George W. Bush überrascht, dass die USA rund 70 000 Mann ihrer in Übersee stationierten Streitkräfte, davon die Hälfte aus Deutschland, abziehen wollen.1 Es wäre aber falsch, diese Maßnahme als „Strafaktion“ für deutsche Unbotmäßigkeiten während der Irak-Krise zu bewerten. Im Frühjahr 2003 gab es zwar amerikanische Politiker, die eine Bestrafung des deutschen Verbündeten forderten. Ebenso schrill klangen deutsche Stimmen, welche die geplanten Umdislozierungen als „Liebesentzug“ werteten.2 Zweifelsohne wird mit dem Truppenabzug ein Symbol transatlantischer Beziehungen geschwächt, nicht aber die Sicherheit Deutschlands gefährdet.

Die Anpassung der amerikanischen Truppen in Übersee an die veränderten internationalen Rahmenbedingungen ist Teil einer grundlegenden Überprüfung der amerikanischen Streitkräftestruktur nach dem 11. September 2001. Die gegenwärtige Dislozierung ist in der Tat anachronistisch; sie spiegelt noch die Gegebenheiten des Kalten Krieges wider. Damals war eine Präsenz in der Nähe des Eisernen Vorhangs sinnvoll; heute hat das Atlantische Bündnis nicht nur seine Grenzen weit nach Osten vorgeschoben, sondern aus ehemaligen Gegnern sind auch Kooperationspartner geworden. Amerika ebenso wie seine Verbündeten sehen sich heute von einem internationalen Terrorismus bedroht, der andere Reaktionsweisen erfordert als eine militärisch hoch gerüstete Sowjetunion. Es überrascht daher nicht, dass die USA über ein sinnvolleres Stationierungsmuster nachdenken, höchstens, dass dies erst heute geschieht.

Noch etwas anderes hat sich geändert. Während die Bundesrepublik in der Vergangenheit stets versucht hat, Truppenabzüge der USA so weit wie möglich zu verhindern – durch Leistungen zum Ausgleich amerikanischer Devisenabflüsse („Offset“) und Unterstützungsprogramme zugunsten der amerikanischen Truppen („War Time Host Nation Support“) –, reagiert sie heute eher entspannt auf derartige Pläne. Sie betrachtet die amerikanische militärische Präsenz zwar weiterhin als politisch sinnvoll und möchte sie langfristig sichern, aber die Zahl der präsenten Truppen ist zweitrangig gegenüber ihren Fähigkeiten; ihre Anwesenheit ist nicht mehr Symbol der Bündnisverpflichtung und der Schutzzusage. Aus militärischer Sicht wird die Umdislozierung sogar begrüßt, da sie der Modernisierung der amerikanischen Streitkräfte dient und die Transformation der Bundeswehr erleichtert.

Neuorientierung

Das Ende des Ost-West-Konflikts und die Terroranschläge des 11. September 2001 haben die Dringlichkeit einer strategischen Neuorientierung der Vereinigten Staaten unterstrichen. Amerika sieht sich nicht mehr mit einer geographisch eng umschriebenen militärischen Bedrohung konfrontiert. Es kann auch nicht mehr davon ausgehen, dass es mit einem rational kalkulierenden Gegner zu tun hat, der durch Eindämmung und Abschreckung in Schach gehalten werden kann. Folgerichtig stellen sich die USA auf einen lang anhaltenden, weltweiten Kampf gegen den internationalen Terrorismus ein.

Für diesen müssen die Streitkräfte grundlegend umgestaltet werden. Sie sollen in die Lage versetzt werden, im Verbund mit computergestützten Aufklärungs- und Befehlssystemen weltweit präzise Operationen zu führen und rasche Ergebnisse zu erzielen. Während sich die Vereinigten Staaten bisher darauf konzentriert haben, wo und wann ein militärischer Konflikt ausbrechen könnte, so müssen sie nun Mittel und Wege finden, um einen Angriff auch mit unkonventionellen Methoden oder mit chemischen, biologischen oder atomaren Waffen erfolgreich abzuwehren, wo immer er erfolgt.

In Zukunft soll die Stationierung amerikanischer Streitkräfte im Ausland fünf Kriterien erfüllen: Die Dislozierung muss flexibel sein und Einsätze praktisch überall auf dem Globus erlauben. Das bisherige Regionalkonzept wird daher aufgegeben. Ferner müssen nicht nur die Truppen flexibel sein, sondern auch ihre Einsatzoptionen sollen unabhängig von Waffengattungen und Stationierungsräumen erfolgen. Die Streitkräfte müssen außerdem über schnell einsetzbare Fähigkeiten verfügen und auf im Voraus eingelagertes Material zurückgreifen können. Noch mehr als bisher muss sich Effektivität nicht in Zahlen, sondern in Kampfkraft bemessen. Eine weitere Bedingung ist, dass die bestehenden Bündnisstrukturen und Sicherheitspartnerschaften nicht nur erhalten, sondern ausgebaut  und verstärkt werden.3 Ziel der Umorganisation ist es, die militärischen Fähigkeiten zu verbessern, überflüssige Einrichtungen zu schließen und zu prüfen, unter welchen Bedingungen eine Vorwärtsstationierung effizienter als eine solche im Heimatland ist.

Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie4 wurde von der NATO auf dem Gipfeltreffen im November 2002 in Prag weitgehend übernommen. Sie erfordert vor allem mobile und hochtechnisierte Einheiten. An die Stelle massiver Präsenz tritt die leichte Verlegbarkeit von Truppen, deren Standorte in der Nähe strategischer Umschlagplätze (hubs) liegen sollen. In Westeuropa planen die USA einen neuen, leichteren Fußabdruck. Die vielen „little Americas“ in unseren Städten, komplett mit Wohnungen für Angehörige, PX und Schulen, wird es künftig nicht mehr geben; stattdessen sollen die Soldaten nur noch sechs Monate statt bisher drei Jahre im Ausland stationiert sein und ihre Familien in Amerika bleiben.

Auch das neue Stationierungskonzept sieht in Europa und Asien einige große, gut ausgestattete Hauptstandorte (strategically significant bases) sowie strategische Umschlagplätze (strategic hubs) vor. Daneben planen die USA aber die Errichtung neuer, kleinerer Stützpunkte in der Nähe von regionalen Brennpunkten (forward operating bases) und temporäre Basen (bare-bones forward operating positions, so genannte „lily pads“) ohne aufwendige Infrastruktur. Außerdem wollen sie sich in anderen Regionen – im Mittleren Osten und in Afrika – Zugangsrechte sichern, von denen aus sie ihre Streitkräfte über größere Entfernungen hinweg einsetzen können. Dabei wollen sie auf Material zurückgreifen, das in an logistisch günstig gelegenen Orten errichteten Depots eingelagert wird.5

Die Bush-Administration hat die Neuordnung des weltweiten Stützpunktnetzes bereits kurz nach ihrem Amtsantritt 2001 angeordnet. Der Kongress drängt seit vielen Jahren auf die Schließung von Auslandsstützpunkten, wenn auch seine Mitglieder der Schließung einheimischer Standorte reserviert gegenüberstehen, besonders wenn diese im eigenen Wahlkreis liegen. Die Administration hält jedoch rund ein Viertel der Basen in Nordamerika für entbehrlich. Die Überprüfung aller Stützpunkte erfolgt im Rahmen der Global Defense Posture Review und soll in einen neuen Base Closure and Realignment Act (BRAC 2005) münden.6 Bis Anfang März 2005 sollen die militärischen Befehlshaber der Base Closure and Realignment Commission Vorschläge für die Reorganisation vorlegen. Diese überparteiliche Kommission, deren Mitglieder vom Präsidenten ernannt und vom Senat bestätigt werden, soll in der Zeit zwischen März und September 2005 Empfehlungen für den Präsidenten erarbeiten, die dieser dann an den Kongress weiterleitet. Sie erhalten Gesetzeskraft, falls der Kongress ihnen nicht mit einer gemeinsamen Resolution widerspricht.7 Für die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen werden dann etwa sechs bis zehn Jahre veranschlagt.

Ein Strukturmerkmal Nachkriegseuropas

Die militärische Präsenz der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges war ein wichtiges strukturelles Merkmal der Nachkriegsperiode und zugleich ein Faktor internationaler Stabilität. Bis zum Ende des Ost-West-Konflikts waren in der Bundesrepublik Truppen aus sechs Nationen im Gesamtumfang von 411 000 Mann (1989) stationiert.8 Zusammen mit den ca. 100 000 Mann der alliierten Einheiten in Berlin entsprach diese Zahl fast genau dem Umfang der Bundeswehr. Die ausländischen Streitkräfte waren sowohl ein wichtiger Bestandteil der „Schichttorte“ der NATO-Streitkräfte, als auch ein Symbol der alliierten Schutzgarantie. Nur zusammen mit den ausländischen Truppen war die Verteidigung bei einem konventionellen Angriff möglich. Zugleich waren die amerikanischen Streitkräfte ein „Stolperdraht“, der einen nuklearen Gegenschlag ausgelöst hätte. Außerdem erleichterte die enge Zusammenarbeit mit den Verbündeten der Bundeswehr die Integration in das Atlantische Bündnis.

Die alliierten Streitkräfte versprachen aber nicht nur Sicherheit für Deutschland, sondern auch Sicherheit vor Deutschland. Deutsche Souveränität war erst durch ihre Einschränkung möglich, die in den Bonner und Pariser Verträgen von 1954 erfolgte. Angesichts der historischen Belastungen akzeptierte die Bundesrepublik die durch die Truppenpräsenz bedingten Beschränkungen ihres Handlungsspielraums, die ihr wiederum neue internationale Möglichkeiten eröffneten. Sie suchte aber diskriminierende Sonderregelungen zu vermeiden. Erst mit der Vereinigung konnte sie die letzten Reste des Besatzungsrechts abstreifen.9

Gegenwärtig haben außer den USA Großbritannien, Frankreich und die Niederlande Truppen in Deutschland stationiert. Die Briten unterhalten eine Panzerdivision mit ca. 22000 Mann, die Teil des Rapid Reaction Corps der NATO ist. Die niederländische Infanteriebrigade mit 2600 Mann bildet zusammen mit deutschen Einheiten das 1.Deutsch-niederländische Korps, das ebenfalls der NATO unterstellt ist. Frankreich hat Anfang der neunziger Jahre seine nationalen Streitkräfte weitgehend abgezogen; es unterhält in Deutschland nur noch ca. 3200 Mann, die Teil des Eurokorps sind.

Die Schließung von Stützpunkten

Die Schließung von amerikanischen Stützpunkten betrifft vor allem Deutschland, Korea und Japan. In den beiden Golf-Kriegen 1991 und 2003 dienten die US-Stützpunkte in der Bundesrepublik – insbesondere die Luftwaffenbasen Ramstein und Frankfurt/Main – als logistische Drehscheiben für den Einsatz im Mittleren Osten. Ramstein gilt als ein „Kronjuwel“ im Stützpunktnetz der USA; die Basis wird gegenwärtig ausgebaut und soll zusätzlich die Einrichtungen der Frankfurt/Main Air Base aufnehmen, deren Schließung vorgesehen ist. In Ramstein befindet sich auch das Hauptquartier der US-Luftwaffe in Europa (USAFE), im Raum Kaiserslautern das General Support Center Europe, eines der größten Reparatur- und Logistikzentren außerhalb Nordamerikas; in Landstuhl das größte amerikanische Militärhospital. Ob die Luftbasis Spangdahlen erhalten bleibt, ist noch offen. Nach den Plänen des Pentagon sollen die dort stationierten 72 Maschinen der F-16-Jagdgeschwader nach Incirlik/Türkei und damit näher an einen möglichen Einsatzraum im Nahen Osten verlegt werden. Die Genehmigung der türkischen Regierung steht aber noch aus.

Trotz Kritik an dem Verhalten der Bundesregierung während der Irak-Krise wird in Washington anerkannt, dass Berlin die Nutzung der US-Stützpunkte in Deutschland in keiner Weise beschränkt hat. Die Bundesregierung hat vielmehr auf der Grundlage ihrer Verpflichtungen gemäß Art. 5 des NATO-Vertrags den Einsatz der amerikanischen Streitkräfte durch Überflugrechte und durch die Abstellung von Bundeswehrsoldaten zur Bewachung der US-Einrichtungen erleichtert. Wenn es Klagen gibt, so richten sie sich gegen das Nachtflugverbot und die Auflagen zum Schutz der Umwelt. Obwohl großzügig Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, wird in Washington beklagt, dass die deutschen Bestimmungen die Manövertätigkeit in der Bundesrepublik behinderten.

Aus Deutschland abgezogen werden die in Friedberg und Baumholder stationierten zwei Brigaden der 1. Panzerdivision sowie der 1. Infan- teriedivision in Schweinfurt und Vilseck. Sie werden nach der Rückkehr von ihrem Irak-Einsatz in die USA zurückverlegt, wo sich bereits die 3. Brigaden beider Einheiten befinden. Von diesen Maßnahmen sind ca. 30 000–40 000 Soldaten und noch einmal die gleiche Anzahl von Familienangehörigen betroffen. Dies wird auch die Schließung der Divisionshauptquartiere in Wiesbaden und Würzburg zur Folge haben.10 Die amerikanischen Hauptquartiere in Stuttgart (EUCOM/SACEUR) und in Heidelberg (USAREUR) werden vermutlich erhalten bleiben. Anstelle der abgezogenen Einheiten soll eine mit leichten, gepanzerten „Stryker“-Fahrzeugen ausgerüstete Brigade nach Deutschland verlegt werden, voraussichtlich in die Oberpfalz in die Gegend von Ansbach. Die USA wollen auch die großen Truppenübungsplätze in Grafenwöhr und Hohenfels weiter nutzen und ihr europäisches Hauptquartier „Ausbildung“ dorthin verlagern. Die Stützpunkte in der Oberpfalz würden damit beträchtlich aufgewertet, zumal wenn, wie derzeit geplant, zusätzlich noch Spezialeinsatzkräfte in die Region verlegt werden.

Zur Verlegung der Großverbände aus der Bundesrepublik nach Mittel- und Osteuropa, wie sie 2003 erwogen wurde, wird es aus Kostengründen nicht kommen. NATO-Oberbefehlshaber James Jones hatte eine Stationierung amerikanischer Truppen in Polen, Ungarn, Bulgarien oder Rumänien befürwortet, um sie näher an einem möglichen Einsatzort zu dislozieren. Diese Länder hätten eine derartige Dislozierung gern gesehen. Auch auf die von General Jones befürwortete Rotation der Einheiten dürften die USA aus Praktikabilitäts- und Kostengründen verzichten.11 Sie wollen jedoch in Südosteuropa einige kleinere Stützpunkte behalten. Bisher haben sie ein entsprechendes Abkommen aber nur mit Bulgarien abgeschlossen. Stattdessen nutzen sie vorgeschobene Einsatzbasen in Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan.

Die vom Pentagon und vom europäischen Hauptquartier ausgearbeiteten Pläne für eine Neuaufstellung der amerikanischen Streitkräfte in Europa wurden auf einem interministeriellen Treffen am 20. Mai 2004 in Washington zwischen den verschiedenen Ministerien und dem National Security Council abgestimmt. Obwohl endgültige Entscheidungen erst parallel zu Fortschritten im BRAC-Prozess 2005 getroffen werden dürften, steht das neue Stationierungskonzept so gut wie fest. Um innenpolitisch punkten zu können, hat der Präsident die Rückzüge aber schon im August 2004 öffentlich angekündigt.

Abstimmungen und Konsultationen

Erste Konsultationen im NATO-Rat und in den verschiedenen europäischen Hauptstädten fanden im Dezember 2003 statt. Am 11. Dezember 2003 unterrichtete eine hochrangige amerikanische Delegation die Staatssekretäre Klaus Scharioth im Auswärtigen Amt und Klaus-Günter Biederbeck im Verteidigungsministerium. Von deutscher Seite wurde das fortgesetzte Interesse an der weiteren Präsenz von Truppen der USA betont und die Bitte um Abstimmung mit den von der Bundeswehr geplanten Standortschließungen geäußert. Nach den Gesprächen wurde die gute Gesprächsatmosphäre gelobt. Nach den Erfahrungen mit amerikanischen Truppenreduzierungen in den sechziger und siebziger Jahren hatten die Amerikaner offensichtlich vehemente deutsche Proteste befürchtet. 12

Eine weitere Konsultationsrunde fand am 28. Mai 2004 statt. Diesmal legten die Amerikaner konkretere Pläne vor, die von USAREUR ausgearbeitet worden waren. Sie betonten aber, dass endgültige Entscheidungen noch ausständen.13 Als ein Novum nahmen an den Gesprächen Vertreter der betroffenen Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz teil. Die Stützpunkte der USA sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, ihre Auflösung bringt für die betroffenen Regionen und Gemeinden große wirtschaftliche Nachteile mit sich. Vorangegangene Schließungen von Standorten haben gezeigt, dass es gerade in strukturschwachen Regionen wie Rheinland-Pfalz, Osthessen oder der Oberpfalz nicht einfach ist, die aufgelassenen militärischen Einrichtungen einer zivilen Verwendung zuzuführen. Mit einer Vielzahl von Initiativen versuchen daher einige der betroffenen Bundesländer – z.B. durch das Angebot einer Renovierung der Unterkünfte oder den Neubau von Anlagen –, den Standort Deutschland attraktiv zu halten.

Deutschland hat weiterhin ein hohes sicherheitspolitisches Interesse an einer Fortdauer der amerikanischen militärischen Präsenz. Die Bundesregierung sieht in ihrer Modernisierung ein zukunftsträchtiges Potenzial, das geeignet sein könnte, diese Präsenz langfristig zu sichern. Sie ist ein wichtiges Bindeglied innerhalb der NATO und ein gelebtes Symbol transatlantischer Partnerschaft. Für die USA wiederum hat der Standort Deutschland den Vorteil, dass dort eine gewachsene Infrastruktur besteht und die Stützpunkte nahe genug an potenziellen Krisenherden liegen, um ihnen bei Einsätzen strategische Flexibilität zu geben. Außerdem fühlen sich die Truppen in Deutschland sicher und wissen, dass sie an den Standorten von der Bevölkerung akzeptiert werden.

Diese grundsätzlich positive Einschätzung kontrastiert mit derjenigen in Japan und Korea, wo das amerikanische Militär als politische Belas-tung empfunden wird. Mit dem Abflauen des Ost-West-Konflikts haben die amerikanischen Streitkräfte aber auch in den Augen der deutschen Öffentlichkeit an sicherheitspolitischer Bedeutung eingebüßt. Daher würden nur noch 27 Prozent der Befragten einen amerikanischen Abzug bedauern, 38 Prozent ihn aber begrüßen.14 In den betroffenen Regionen sieht das freilich anders aus; dort wird der mit den Abzügen verbundene Verlust an Kaufkraft und Arbeitsplätzen gefürchtet.15

Auch bei einem Wechsel der Administration in Washington nach den Präsidentschaftswahlen im November ist keine grundlegende Änderung in der Frage der Truppenabzüge zu erwarten. Vielleicht würde eine von John Kerry geführte Regierung umfassender informieren und deutsche Standortwünsche stärker berücksichtigen. In der Sache wird aber auch sie den Wert ihrer Präsenz an militärischen Effizienzkriterien messen. Nach dem NATO-Vertrag ist die Dislozierung von Streitkräften eine souveräne Entscheidung des Entsendestaats.Im Unterschied zu den sechziger Jahren werden die USA kein neues Off-set fordern – nicht nur, weil sie sich der Vergeblichkeit eines derartigen Ansinnens bewusst sind –, sondern auch, weil sie eine Aufrechnung deutscher Leistungen nach dem Host-Nation-Support-Abkommen vermeiden wollen.

Um die Bindegliedfunktion der amerikanischen Streitkräfte zu stärken, hat die Bundesregierung ein besonderes Interesse daran, dass die USA in Deutschland eine substanzielle Truppenpräsenz unterhalten, die dem integrierten NATO-Kommando unterstellt bleibt und im Rahmen von NATO-Operationen eingesetzt werden kann. Sie würde es besonders begrüßen, wenn die USA künftig nicht nur mit eigenen Kräften an der NATO Response Force mitwirken, sondern wenn diese dann auch in Deutschland stationiert würden. Die amerikanischen Streitkräfte, insbesondere ihre modernen Kampftruppen, dienen außerdem der Bundeswehr als „bench mark“ im Prozess der Transformation. Gemeinsame Übungen testen die angestrebte Interoperabilität. Die Bundesregierung sollte daher in den Konsultationen mit Washington darauf hin wirken, dass auch weiterhin gemeinsame Manöver möglich sind. Gerade im Hinblick auf die von der Bundeswehr geplanten Standortschließungen sollte ferner überlegt werden, wie künftig Einrichtungen gemeinsam genutzt und die Kooperation zwischen der U.S. Army und der Bundeswehr verstärkt werden kann. Ziel muss es sein, die Präsenz langfristig zu erhalten und eine Schwächung des Bündniszusammenhalts zu vermeiden.

Anmerkungen

1 Vgl. die Rede George W. Bushs zur Streitkräftereform, abgedruckt in der Dokumentation dieser Ausgabe, S. 129 f.

2 Vgl. Karl Feldmeyer, Liebesentzug? Zum Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland, in: Internationale Politik (IP), 6 /2003, S. 46–48.

3 Vgl. Erklärung von Unterstaatssekretär Douglas Feith am 23. Juni 2004 vor dem House Armed Service Committee, zit. bei Jim Garamone, Defense Details Global Posture Realignment Process, in: American Forces Press Service, 23. 6. 2004 (Internet-Version).

4 Vgl. The National Security Strategy of the United States of America, September 2002 (Internet-Version), S. 5, 16 u. 29; vgl. auch den gekürzten Abdruck in: IP, 12/2002, S. 113–138.

5 Vgl. DoD News Briefing on Global Posture, Senior Administration Officials, 9.6. 2004 (Internet-Version).

6 The Under Secretary of Defense, Memorandum for Secretaries of the Military Departments & al. Subject: Transformation Through Base Realignment and Closure (BRAC 2005) Policy Memorandum One – Policy, Responsibilities, and Procedures, April 6, 2003 (Internet-Version); Statement of Mr. Raymond F. Dubois, Deputy Undersecretary of Defense (Installations and Environment) Before the Subcommittee on Military Construction of the House Appropriations Committee, February 12, 2004 (Internet-Version), p. 6.

7 Vgl. Base Realignment and Closure (BRAC), <http://www.globalsecurity.org/military/facility/brac.htm>.

8 Vgl. Haftendorn, Historische Entwicklung, politische Motive und rechtliche Grundlagen [der amerikanischen Truppenpräsenz], in: Dieter Mahncke (Hrsg.), Amerikaner in Deutschland. Grundlagen und Bedingungen der transatlantischen Sicherheit, Bonn und Berlin 1991, S. 137–180.

9 Vgl. Axel Sauder, Die Transformation alliierter Truppenpräsenz im Zuge der deutschen Vereinigung: Ursachen und Auswirkungen, in: Gunther Hellmann (Hrsg.), Alliierte Präsenz und deutsche Einheit, Baden-Baden 1994 (Aktuelle Materialien zur Internationalen Politik, Bd. 36), S. 431.

10 A Pentagon Plan Would Cut Back G.I.’s in Germany, in: The New York Times, 4.6.2004. Ende 2003 verfügten Armee und Luftwaffe der USA in Deutschland über rd. 250 Anlagen mit über 3000 Gebäuden im Wert von ca. 30 Milliarden Dollar. Der größte Teil war den amerikanischen Streitkräften unentgeltlich zu Verfügung gestellt worden, eine kleinere Anzahl von Gebäuden hatten sie gemietet. Insgesamt waren hier ca. 71000 Soldaten, knapp 10000 Zivilangestellte und 13500 sonstige Armeeangehörige stationiert. Hinzu kam noch einmal die gleiche Anzahl an Familienangehörigen. Vgl. Department of Defense, Base Structure Report, Fiscal Year 2003 Baseline (Internet-Version).

11 Vgl. W. Michael Hix, J. Michael Polish und Thomas F. Lippiatt, Army Stationing and Rotation Policy. Santa Monica: RAND 2003, (RAND Documented Briefing).

12 Vgl. Beginn der bilateralen Konsultationen über die Reform der US-Streitkräfte, 11. 12. 2003, <http://www.auswaertiges-amt.de/w ww/de/ausgabe_archiv?archiv_id=5178>.

13 Vgl. Kathleen T. Rhem, Policymakers „Plan to be Surprised“ in New Global Posture, in: American Forces Press Service, 1.7. 2004; dies., Realignment Planners Work Closely With Allies, Congress, in: ebd., 13.7.2004.

14 Vgl. Hans Rattinger, Deutsche Einstellungen und ihre Auswirkungen auf die amerikanische Präsenz, in: Dieter Mahncke (Hrsg.), Amerikaner in Deutschland, a.a.O. (Anm. 8), S. 445–475; vgl. darüber hinaus: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 7040, Februar/März 2003; Der Spiegel, Nr. 25/2004, 14. 6. 2004, S. 22.

15 Vgl. Peter Badenhop und Agnes Schönberger, „Jeder Amerikaner, der geht, ist ein Freund, der geht“, in:Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.8.2004.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2004, S. 83-90

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