01. Januar 2009

Bilanz der Ignoranz

Buchkritik

Wie können wir die Energieversorgung von morgen verlässlich und umweltverträglich gestalten? Das „Jahrbuch Internationale Politik“ bietet Analysen des bisherigen Scheiterns und zeigt auf, wie die mittel bis langfristigen weltpolitischen Dilemmata zu lösen sind, die sich aus der Aufgabe einer nachhaltigen Ressourcensicherung ergeben.

Kostenlos

Energie- und Umweltsicherheit heißt das übergreifende Thema des aktuellen „Jahrbuch Internationale Politik“. Ein Konzept, das nicht nur einen interessanten Leitfaden zur Entschlüsselung der Weltpolitik bietet, sondern auch eine bemerkenswerte Ausnahme von der Regel früherer Ausgaben des Jahrbuchs darstellt, einen an disparaten Ereignissen der internationalen Politik orientierten Überblick zu liefern. Dabei verpflichtet das Stichwort „Weltverträglichkeit“ zur Formulierung langfristig gültiger Antworten.

Wer eine Enzyklopädie von zeitlich begrenzter Relevanz erwartet, wird angenehm enttäuscht. Herausgeber und Redaktion bieten eine überzeugende Mischung systematischer und regionaler Fragestellungen, sorgfältige Ausdifferenzierung der Themen, kompetente Autoren und eine straffe Zusammenfassung der Ergebnisse. Grundlegende Statistiken und Karten sind in den Beiträgen enthalten.

Diese Konzeption ermöglicht eine eindrucksvolle multidisziplinäre Zusammenschau der funktionalen Zusammenhänge, regionaler Besonderheiten und der technologischen Aspekte des Themas. Mit seinen Hauptkapiteln „Innen- und außenpolitische Relevanz nachhaltiger Energie- und Umweltpolitik“, „Oligopolisierungstendenzen in Angebotsregionen“, „Verschärfung der Konkurrenz in Nachfrageregionen“ sowie „Supra- und transnationale Koordination von Energieangebot, -nachfrage, Umwelt- und Nuklearnichtverbreitungspolitik“ richtet sich der Band vor allem an Politik und Wissenschaft, aber auch an eine breitere Öffentlichkeit als Quelle der Legitimation politischen Handelns in Deutschland.

Im Zentrum stehen die wohltuend straff gehaltenen Beiträge führender Wissenschaftler, in denen die Problematik in ihrer ökonomischen, ökologischen und politischen Perspektive ausgeleuchtet wird. Hier werden die in der öffentlichen Debatte dominierenden dramatischen Schlagworte („unnötige Politisierung“, „gefährliche Asymmetrie“, „geopolitische Strategie“, „einseitige Abhängigkeit“, „Drohpotenzial“) auf ihren Kern reduziert. Die von der Misswirtschaft der Industrie- und Schwellenländer ausgehende Bedrohung des Weltfriedens, die Gleichgültigkeit der Oligopolisten im Nahen und Mittleren Osten sowie in Russland gegenüber den Gefahren des Ressourcenfluchs und die Handlungsunfähigkeit, ja Ignoranz zentraler Akteure werden in deprimierender Deutlichkeit herausgearbeitet.

Das Einspar- und Substitutionspotenzial technologischer Innovationen für die Entschärfung der absehbaren energie- und klimapolitischen Krisen wird in mehreren Beiträgen – eher im Sinne eines Deus ex machina – angesprochen. Hier hätte dem Band ein besonderes Kapitel mit einem Survey alternativer Modellrechnungen durchaus gut getan, schon um den eher düsteren Realismus der meisten Beiträge mit einem plausiblen Element von Hoffnung aufzuhellen. Grundlegende Wende?

Die Phase des offenen Widerstands der USA, aber auch anderer zentraler Akteure wie China, Indien und Russland, gegen globale Strategien der Energie- und Klimaschutzpolitik dürfte mit dem Neubeginn amerikanischer Außenpolitik unter Obama zu Ende gehen. Eine grundlegende Wende zugunsten multilateraler Koordination und Diversifizierung und die Institutionalisierung neuer Regeln brauchen allerdings Zeit, und es ist zu befürchten, dass die „vested interests“ der traditionellen Energiewirtschaft in aller Welt auf die Komplexität der Probleme und Abstimmungsmechanismen setzen, um Zeit zu gewinnen.

Der bei Erscheinen des vorliegenden Werkes noch nicht absehbare Einbruch der Preise für Kohlenwasserstoffe und die beginnende Rezession der Weltwirtschaft werden den Handlungsdruck zugunsten alternativer Energien und investitionsintensiver Energiesparprogramme kaum erhöhen. Mehr denn je ist deshalb die Politik gefordert.

Die Kriterien und Mechanismen einer möglichst fairen, mit friedlichen Mitteln gesicherten und umweltverträglichen Energieversorgung bleiben umstritten, und die Auseinandersetzungen über Tempo und Schmerzgrenzen von Kurskorrekturen dürften auf lange Sicht anhalten. Umso wichtiger ist hier ein Beitrag, wie ihn das vorliegende Jahrbuch leistet. Mit seiner imponierenden Fülle an Fakten und Argumenten und seiner schonungslosen Analyse wird es zum dringlichen Plädoyer für beschleunigtes Handeln. Es bietet nicht nur Analysen des bisherigen Scheiterns und der ungelösten Probleme, es zeigt auch Ansatzpunkte für die Auflösung mittel- bis langfristiger weltpolitischer Dilemmata auf, die sich aus der Umsetzung einer nachhaltigen Ressourcensicherung ergeben. All das wird glänzend zusammengefasst und vertieft in dem abschließenden Kapitel der Herausgeber Josef Braml und Eberhard Sandschneider.

Josef Braml, Karl Kaiser, Hanns W. Maull, Eberhard Sandschneider und Klaus-Werner Schatz (Hrsg.): Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik, Jahrbuch Internationale Politik, Band 27. R. Oldenbourg Verlag München 2008 (zweite Auflage in Vorbereitung), 439 Seiten, 49,80 €

Prof. Dr. HEINRICH VOGEL war Direktor des Instituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar 2009, S. 122 - 123.

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