01. September 2006

Aufgang des schiitischen Halbmonds

Der Krieg im Libanon und der Neue Nahe Osten

Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah ist nicht bloß die nächste Runde im klassischen arabisch-israelischen Konflikt. Vielmehr sind die sunnitischen arabischen Staaten, die ehemaligen Hauptfeinde Israels, zum größten Teil passive Beobachter. Mehr noch: Sie wünschen sich insgeheim, dass Israel gewinnt und den militanten schiitischen Islam zurückdrängt, der durch die Iran-Hisbollah-Allianz repräsentiert wird und seinen Einfluss auf die gesamte Region ausdehnen will.

Kostenlos

Die arabischen Staaten haben den Zug der Globalisierung größtenteils verpasst, so dass die Schere zwischen ihnen und den entwickelten Staaten sich weiter öffnet. Die traditionellen arabischen Machtzentren machen allesamt politische Krisen durch; daran können auch steigende Ölpreise nicht viel ändern. Die Ölpreiserhöhung kann zwar einigen der alten Regime die Mittel bereitstellen, noch eine Weile an der Macht zu bleiben, wird aber kaum ausreichen, die Araber aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Grundsätzlich wurde die arabische Welt in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich geschwächt, in dem Maße, wie die früheren arabischen Regionalmächte ihren hegemonialen Status verloren haben.

Ägypten verfügt nicht mehr über den großen Einfluss in der Region wie einst. Es ist heute ein armer Drittweltstaat. Die Ägypter haben weder die Mittel, um die Palästinenser zu unterstützen, noch die Kapazitäten, den Sudan in seine Schranken zu weisen und den Genozid in Darfur zu beenden, obwohl Ägypten den Sudan einst als Bestandteil des eigenen souveränen Territoriums betrachtete. Syrien unter Baschar al-Assad ist nur mehr ein Abglanz dessen, was es unter seinem Vater Hafez al-Assad war. Es wurde aus dem Libanon herausgedrängt und von den USA und ihren lokalen Alliierten vollständig isoliert. Der Irak wurde durch die amerikanische Invasion zerschmettert, und Saudi-Arabien ist trotz überschießender Ölpreise aufgrund des schwindelerregenden Bevölkerungswachstums nicht mehr so wohlhabend wie früher. Zudem sind die Saudis mit dem Problem des einheimischen Terrorismus konfrontiert und haben keine so enge Bindung mehr an die Vereinigten Staaten wie vor dem 11. September. Jordanien war ohnehin nie eine regionale Hegemonialmacht und steht derzeit unter akutem Druck. Zwischen der Hamas-Regierung im Westen und der irakischen Anarchie im Osten befindet sich das Land in einer äußerst unbequemen Lage.

Während die Staaten des arabischen Ostens (Maschrek) untergehen, dringen nichtstaatliche Akteure wie Osama Bin Laden oder Hisbollah und Hamas in das Führungsvakuum vor, das die gescheiterten Staaten auf dem Fruchtbaren Halbmond hinterlassen. Die mögliche Aufspaltung des Irak in drei Kleinstaaten (einen kurdischen im Norden, einen sunnitischen in der Mitte und einen schiitischen im Süden) könnte desaströse Folgen nicht nur für den Nachbarn Jordanien, sondern für alle angrenzenden Staaten haben. Die Türken sind sich des potenziell subversiven Einflusses eines solchen Kurdenstaats auf ihre eigene kurdische Bevölkerung in der Osttürkei, die an Irakisch-Kurdistan angrenzt, wohl bewusst. Ein schiitischer Kleinstaat würde weit mehr vom Iran abhängen als es ein kräftiger und geeinter arabisch-kurdischer Irak würde (trotz seiner föderalen Natur und der schiitischen Dominanz), und könnte sich daher zum verlängerten Arm Teherans entwickeln.

Der Aufstieg von nichtarabischen Regionalmächten

Aufgrund der Schwäche der Araber sind es nunmehr die nichtarabischen Akteure, die im Nahen Osten die Agenda bestimmen. War einst der Begriff „arabische Welt“ ein Synonym für den Nahen Osten, so beschreibt das die heutige Realität nicht mehr. Als die US-Truppen Bagdad einnahmen, die große Kapitale des abbasidischen Kalifats und eines der historischen Zentren islamischer und arabischer Kultur, blieben die arabischen Staaten passive Beobachter. Desgleichen in der derzeitigen Libanon-Krise: Die Arabische Liga tut nichts angesichts des gegenwärtigen Flächenbrands und diskutiert noch nicht einmal darüber.

Externe Akteure wie die USA oder, in geringerem Ausmaß, die EU sowie, noch wichtiger, die nichtarabischen Staaten der Region – Iran, Türkei und Israel – sind die hauptsächlichen Schrittmacher. Der Iran gewinnt unübersehbar an regionalem Einfluss. Die Iraner fühlen sich durch die Schwierigkeiten der Amerikaner im Irak und die steigenden Ölpreise mehr und mehr ermutigt, ihre Ansprüche auf atomares Potenzial und regionale Hegemonie durchzusetzen.

Eine weitere nichtarabische Macht, die vom arabischen Niedergang profitiert, ist die Türkei. Als regionale Supermacht erstreckt sich die Türkei von Griechenland bis zum Iran, sie kontrolliert die Wasserquellen Syriens und des Irak, verfügt über das größte und mächtigste Militär der Region und eine Bevölkerung von über 70 Millionen. Der Iran und die Türkei haben mehr Einfluss auf Syrien und auf die Ergebnisse des Krieges im Irak als alle arabischen Staaten zusammen (vielleicht sogar mehr als die USA).

Die dritte nichtarabische Regionalmacht ist Israel. Israels BIP pro Kopf ist höher als das aller angrenzenden Staaten gemeinsam (Ägypten, Libanon, Syrien, Jordanien und Palästina), obwohl diese zusammen eine Bevölkerung von 110 Millionen haben, Israel dagegen nur etwa sechseinhalb Millionen. Israels BIP pro Kopf ist fast doppelt so hoch wie das des ölreichen Saudi-Arabien. Militärisch, technologisch und ökonomisch ist Israel seinen arabischen Nachbarn um Längen voraus.

Die Balanceverschiebung zwischen Sunna und Schia

Die alten Grenzen zwischen Zentrum und Peripherie im Nahen Osten müssen ebenfalls neu definiert werden, da der ehemalige sunnitisch-arabische Kern zur Peripherie des neuen nicht-arabischen und nichtsunnitischen Zentrums im Osten (Iran und der neue Irak) wird. Je tiefer die USA im irakischen Morast versinken, umso selbstbewusster, ja dreister, tritt der Iran dem Westen entgegen. Saddams Irak war einst das arabische Bollwerk an der iranischen Westgrenze; sein Sturz öffnete die Schleusen für die regionale Dominanz des Iran.

Im arabischen Osten, wo die Baath-Regime in Syrien und im Irak einst um die Vorherrschaft wetteiferten, existiert heute ein Machtvakuum, das von einem expandierenden Iran in einer Weise ausgefüllt wird, wie sie die Region in neuerer Zeit noch nicht erlebt hat. Der selbstsichere Ton des iranischen Präsidenten Machmud Achmadinedschad und des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah ist ein deutliches Zeichen dieser neuen Situation. Für Jahrhunderte waren die Schiiten die Erniedrigten und Beleidigten der muslimischen Welt, nun sitzen sie im Irak am Ruder, der nunmehr der erste schiitisch dominierte arabische Staat ist. Auch im Libanon gewinnen sie an Macht; dort sind sie seit Jahrzehnten die bei weitem größte Religionsgruppe, vor Maroniten und Sunniten. Die schiitische Mehrheit Bahrains wurde durch die Entwicklungen im Irak ermutigt, ebenso wie die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien, die in den ölreichen Ostprovinzen siedelt.

Die Sunniten sind aus gutem Grund besorgt. Der jordanische König Abdallah traf Ende 2004 mit seiner Warnung vor einem aufstrebenden „schiitischen Halbmond“ ins Schwarze. Im April 2006 bemerkte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak mit ähnlicher Besorgnis, dass die meisten arabischen Schiiten dem Iran gegenüber loyaler sind als ihren Heimatländern. (Damit bestätigte er unfreiwillig, dass der innere Zusammenhalt arabischer Staaten mit heterogener Bevölkerung mehr als locker ist.) Dieser schiitische Halbmond erstreckt sich von Teheran durch den Irak, über den Libanon bis zu den Palästinensergebieten. Der lange Arm des Iran reicht bis ins Westjordanland und nach Gaza, wo er die palästinensischen Gruppen von der Fatah bis zur Hamas und dem Islamischen Dschihad logistisch und finanziell unterstützt.

Aus Gründen, die mit dem Irak nichts zu tun haben, sondern mit den demographischen und damit einhergehenden politischen Veränderungen im Libanon während der letzten zwei Generationen, sind auch dort die Schiiten auf dem Vormarsch. Die Hisbollah fungiert als ihre Speerspitze. Doch die libanesische Hisbollah ist nicht die einzige Waffe der Schia. Weit bedrohlicher für Israel ist die nukleare und terroristische Bedrohung aus dem Iran. Der Iran hat die Hisbollah als strategischen Außenposten aufgebaut und mit einem eindrucksvollen Raketenarsenal ausgestattet, das gegen Nordisrael gerichtet ist. Die finanzielle, politische und militärische Unterstützung durch den Iran (via Syrien) hat die Hisbollah über die Jahre zu einem Staat im Staat aufgebaut. Dieser „Quasistaat“ verfügt nicht nur über eine recht ansehnliche militärische Infrastruktur, sondern auch über ein gut funktionierendes Netzwerk so-zialer Dienste für die Schiiten im Libanon, unter denen es breite Unterstützung für die Hisbollah gibt, die deren Langlebigkeit und Macht im Libanon erklärt.

Durch die Aufrüstung der Hisbollah haben der Iran und Syrien den Libanon zur vordersten Front in ihrem Kampf gegen Israel gemacht. Ein iranischer Politiker bezeichnete die Hisbollah kürzlich als „einen der Pfeiler der (iranischen) Sicherheitsstrategie“. Das Entstehen des schiitischen Halbmonds beweist, dass diejenigen, die meinten, Israel würde vom Irak-Krieg letztlich profitieren, unrecht hatten.

Einige arabische Staaten, namentlich Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien, die über den Aufstieg des Iran und destabilisierender nichtstaatlicher Akteure besorgt sind, haben zu Beginn des gegenwärtigen Konfliktes die Hisbollah für ihre unbesonnenen Angriffe auf Israel öffentlich kritisiert. Präsident Mubarak machte zudem deutlich, dass Ägypten nicht die Absicht hat, Truppen für irgendwelche Zwecke außer denen der Selbstverteidigung bereitzustellen. Diese arabischen Länder wären wahrscheinlich nicht ganz unglücklich darüber, wenn Israel die Hisbollah, einen Verbündeten des Iran, in ihre Schranken weisen würde. Denn das wäre ein Rückschlag für den iranisch-schiitischen Vormarsch, vor dem diese Länder wirklich Angst haben.

In gewisser Weise erwarten sie von Israel, ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Israel seinerseits erwartet von diesen Staaten, wenigstens ihren politischen Segen zu geben und eine neue politische Ordnung im Libanon zu unterstützen, die es der libanesischen Regierung und der nichtschiitischen Bevölkerungsmehrheit erlauben würde, der Hisbollah die Flügel zu stutzen. Syrien, das jüngst gezwungen wurde, aus dem Libanon abzuziehen, spielt in diesem Konflikt gegenüber dem Iran die zweite Geige. Es wäre nützlich, darüber nachzudenken, ob nicht Syrien wieder eine größere Rolle bei der Stabilisierung des Libanon spielen könnte. Denn wenn die Libanesen selbst sich dazu als unfähig erweisen, was wahrscheinlich ist, wäre es sinnvoll, Syrien in die Eindämmung der Hisbollah einzubeziehen. Auch wenn Syrien nicht in einen Konflikt mit Israel hineingezogen werden möchte, besteht die Möglichkeit, dass Syrien sich an der Bekämpfung der Hisbollah beteiligt, da Syriens Interessen sich nicht vollständig mit denen des Iran decken: Die Syrer könnten schließlich weit leichter als der Iran zum Ziel israelischer Vergeltungsmaßnahmen werden.

Neue sicherheitspolitische Herausforderungen für Israel

In einem solchen neuen Nahen Osten sind es nicht mehr wie in der Vergangenheit die bewaffneten Armeen des arabischen Ostens, die Israel bedrohen. Heute sind die Hauptgefahren und sicherheitspolitischen Herausforderungen die folgenden:

  • Asymmetrische Kriegsführung bzw. Terrorismus in all seinen Formen, ausgeführt von nichtstaatlichen Akteuren und daher besonders schwer zu verfolgen und zu bekämpfen.
  • Die potenzielle Entwicklung von nuklearen und chemischen Massenvernichtungswaffen durch Staaten wie Iran oder Syrien, die damit auf militärischem Gebiet gegenüber ihren Gegnern aufholen wollen.
  • Instabilität und Chaos in der Region, resultierend aus dem möglichen Zerfall des Irak und den Folgen, die ein solcher auf die innere Stabilität Jordaniens und anderer arabischer Staaten haben könnte.
  • Die Bevölkerungsexplosion in den unterentwickelten nahöstlichen Gesellschaften mit ihren demographischen Auswirkungen auf Israel – im Falle der Palästinenser – und auf Europa – in Form von massenhafter Immigration aus arabischen Ländern, die ihren Bevölkerungen nichts mehr bieten können. Diese Entwicklung verändert schon heute das Gesicht Westeuropas und wird sich noch fortsetzen, im Falle Israels mit gefährlichen politischen Folgen. Europa ist ohnehin schon ungehalten wegen der fortdauernden Besetzung des Westjordanlands. Ein steigender muslimischer Bevölkerungsanteil in Europa würde das Problem verschärfen.

All diese Punkte lassen die frühere israelische Gleichsetzung von Territorium und Sicherheit hinfällig werden. Der lang gehegte Glaube, dass mehr Land auch mehr Sicherheit bedeutet, wird den Gefahren der Gegenwart nicht mehr gerecht. Mit Ausnahme der Golanhöhen und allenfalls Teilen des Jordantals bringt die Besetzung von Land keine Vorteile mehr. Selbst im derzeitigen Konflikt mit dem Libanon hat Israel nicht die Ambition, den Südlibanon zu besetzen. Vielmehr war die Bodenoffensive dazu gedacht, einer neuen Sicherheitsordnung den Boden zu bereiten, die durch internationale Truppen stabilisiert werden soll und eben nicht durch israelische Besatzung. Im Hinblick auf die demographische Entwicklung der Palästinenser ist Land inzwischen eher ein Handicap denn ein Aktivposten. Daher kam Israel zu der Entscheidung, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen – wenn möglich, nach einer Einigung mit den Palästinensern, wenn nicht, dann eben unilateral. Israel hat sich nicht aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen, um vor dem Terror zu flüchten. Es hat sich zurückgezogen (so wie es sich auch aus dem Westjordanland zurückziehen sollte), um den Charakter Israels als Staat der Juden zu erhalten. Ein solcher wäre Israel nämlich nicht mehr, wenn bis in alle Ewigkeit Millionen Palästinenser unter seiner Regierung lebten. Das ist aus israelischer Sicht der eigentliche Kernpunkt. Die weitere Besetzung des Westjordanlands und des Gaza-Streifens wäre, aus welch guten Gründen auch immer, auf lange Sicht selbstzerstörerisch.

Die Bedeutung des Rückzugs und der Krieg im Libanon

Ungeachtet all dessen meinen viele Israelis, dass die Rückzugsstrategie sich als fataler Fehler erwiesen hat. Im Sommer 2000 zog sich Israel unilateral aus dem Südlibanon zurück und im Sommer 2005 aus dem Gaza-Streifen. Doch statt Frieden erlebte Israel Raketenangriffe von beiden Fronten gleichzeitig. In den südlichen Städten Sderot und Aschkelon sowie im gesamten nördlichen Galiläa herrschte der Ausnahmezustand. Mehr als eine Million Zivilisten versteckte sich im August entweder in Luftschutzbunkern oder war in andere Landesteile geflohen.

Die Bereitschaft zum unilateralen Rückzug wurde auf arabischer Seite als israelische Schwäche und als Sieg der eigenen Seite interpretiert. Dadurch fühlten sich Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad und auch Teile der Fatah ermutigt, Israel weiterhin zu drangsalieren und durch Grenzübergriffe, Raketen und jüngst die Entführung dreier israelischer Soldaten in einen Zermürbungskrieg zu ziehen. Israels Abschreckungspotenzial wurde ernsthaft geschwächt, weil es nicht in der Lage war, die Angriffe durch Kassamraketen aus dem Gaza-Streifen zu beenden, und die IDF die Entführung eines ihrer Soldaten nicht verhindern konnte. Also entführte die Hisbollah einfach noch zwei weitere.

Der Hisbollahführer Hassan Nasrallah hat sich dennoch verkalkuliert. Mit einer derart wütenden und massiven israelischen Gegenwehr hatte er nämlich nicht gerechnet. Die Hisbollah war nicht nur von Ausmaß und Härte der israelischen Antwort überrascht, sondern auch von dem relativ stabilen Rückhalt der israelischen Bevölkerung für die Militäraktion. Tausende Hisbollah-Raketen wurden aus dem Libanon abgefeuert, dutzende israelische Zivilisten wurden getötet und viele hunderte verletzt. Israel kann zwar keinen andauernden Ausnahmezustand im Norden dulden, aber in Bezug auf Menschenleben kann ein einziger Selbstmordattentäter gefährlicher sein als 2000 Raketen. Nasrallah hat aber wahrscheinlich mit höheren Todeszahlen gerechnet.

Doch auch Israel musste Überraschungen erleben. Es war schwieriger und in jeder (militärischer, wirtschaftlicher, politischer und diplomatischer) Hinsicht kostenreicher als gedacht, der Hisbollah und ihren iranischen und syrischen Schirmherren die gewünschte Botschaft zu vermitteln (und die Palästinenser dabei genau zusehen zu lassen): dass Israel nicht in seiner Entschlossenheit wankt, all jene zu bestrafen, die glauben, Israels vermeintliche Schwäche ausnutzen zu können. Somit gab die Hisbollah Israel die Gelegenheit, wieder eine glaubwürdige Abschreckung aufzubauen, die militärische Situation an der Nordgrenze fundamental zu ändern und Hamas und anderen zu zeigen, dass nach dem israelischen Rückzug nicht nach deren Spielregeln gespielt wird.

Für die Israelis geht es daher um mehr als um die Rückkehr der entführten Soldaten. Der Libanon-Feldzug wird als Teil einer langfristigen Sicherheitsstrategie betrachtet. Die Grundregeln eines künftigen Dialogs sollen festgelegt und damit das Überleben Israels in einer notorisch feindlichen Umgebung gesichert werden. Das Ziel ist, weitere Rückzüge aus besetztem Gebiet möglich zu machen, ohne durch fortgesetzten Terror zur Wiederbesetzung mit all ihren Risiken gezwungen zu werden.

Wenn es Israel nicht gelingt, solche Spielregeln durchzusetzen, indem es sein Abschreckungspotenzial bekräftigt und eine neue Sicherheitsordnung im Südlibanon etabliert, könnte das eine ganze Reihe existenzieller Probleme nach sich ziehen. Wenn Israel es nicht schafft, die Hisbollah zurückzudrängen, und eine Rückkehr zum Status quo ante zulässt, sähe es sich bald einem vom Iran frisch aufgefüllten Waffenarsenal der Hisbollah und womöglich zusätzlich einem nuklear aufgerüsteten Iran gegenüber.

Der iranische Vorposten im Libanon wurde nämlich just als verlängerter strategischer Arm des Iran gegründet, um Israel, die USA und alle anderen von einem Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen abzuhalten. Der Ausbruch eines regelrechten Krieges lag zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht im iranischen Kalkül, denn er könnte den Verlust dieses verlängerten Armes bedeuten. Doch wenn diese Runde der Auseinandersetzung darauf hinausläuft, dass der Iran und die Hisbollah nach wie vor Raketen auf Israel abschießen können und dabei von Palästinenserorganisationen unterstützt werden, wenn obendrein der Iran nuklear aufrüstet, dann könnte das Leben in Israel sehr schwierig werden, um es gelinde auszudrücken. Für Israel könnte es dann unmöglich werden, einen Rückzug aus dem Westjordanland auch nur in Erwägung zu ziehen, weil ganz Israel dann eine Zielscheibe für Raketenangriffe bieten würde. Der Auftrieb, den der Iran und militante Islamisten in der gesamten Region dadurch erhalten würden, hätte ernste Folgen sowohl für Israel als auch für andere regionale Akteure.

Für Israel geht es um sehr viel. Der Ausgang dieser Runde der Auseinandersetzung wird das weitere politische Geschehen determinieren. Wie dieses aussehen wird, steht noch in den Sternen. Doch die Israelis aus allen Teilen des politischen Spektrums glauben, dass es überlebenswichtig für sie ist, aus dem Kampf als derjenige hervorzugehen, der das Ruder in der Hand hält. Für die Israelis geht es um das langfristige Überleben ihres Staates. Wenn die Weltöffentlichkeit sie der „Überreaktion“ und eines „unverhältnismäßigen“ Vorgehens bezichtigt, stellen sie sich die Frage: Was wäre denn verhältnismäßig? Was verhältnismäßig ist, hängt wohl in erster Linie davon ab, was auf dem Spiel steht.

ASHER SUSSER, geb. 1947, ist Direktor des Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African Studies an der Universität Tel Aviv. 2000 erschien von ihm „Jordan. Case Study of a Pivotal State“.

Please log in to read on.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 9, September 2006, S. 68‑73

Teilen