01. Oktober 2006

Auf dem Weg zu Asiens Vormacht

In der Wahrnehmung des Westens gilt Indien zunehmend als das "bessere China"

Stimmen die Prognosen, wird Indien in etwa 15 Jahren an Japan und Deutschland vorbeipreschen und zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt werden – eine Entwicklung, die sich historisch mit dem industriellen Aufstieg des deutschen Reiches Ende des 19. Jahrhunderts vergleichen lässt. Europa wird erst langsam bewusst, welcher Konkurrent da heranwächst.

Spät, aber vielleicht nicht zu spät, hat die deutsche Wirtschaft das ökonomische Potenzial des indischen Riesen entdeckt. Als Repräsentant des Handelsweltmeisters pilgerte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos im schwülheißen August nach Delhi, in seinem Schlepptau die größte Industriedelegation, die jemals einen deutschen Politiker auf den Subkontinent begleitete. Drei Flugzeuge hätte Glos füllen können, so enthusiastisch war das Interesse an dieser Visite vor allem bei mittelständischen Unternehmern. Viele reisten deshalb eigenständig an, konnten oft nur mit Mühe einen Sitz in den weitgehend ausgebuchten Fluglinien ergattern. „Alle Welt steht Schlange, um mit Indien Geschäfte zu machen“, räsonierte der Minister, der zu den wenigen Indien-Kennern der deutschen Politelite zählt, ebenso staunend wie anerkennend über das Boomland. Und er skizzierte die neue Marschrichtung der Berliner Großen Koalition: „Wir wollen nicht nur in China, sondern auch in Indien mit dabei sein.“

 Die Zahlen und Zuwachsquoten sprechen für sich. Deutschland ist Indiens viertgrößter Handelspartner und sein größter in Europa. Mit keinem anderen Land in Asien wächst das deutsche Handelsvolumen derzeit so rapide. Allein in der ersten Hälfte von 2006 legten die deutschen Exporte, vor allem wegen der Nachfrage nach Maschinen, um 44 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro zu. Die Zehn-Milliarden-Grenze dürfte bei dieser Dynamik in Kürze überschritten sein. Bald wird Indien nicht nur wegen des Outsourcing von IT-Dienstleistungen gefragt sein, sondern zugleich neben China und Osteuropa als neuer Niedrigkostenstandort auch für die verarbeitende Industrie globale Bedeutung gewinnen. Viele deutsche Unternehmen haben das mittlerweile erkannt. Nach der Informationstechnologie zieht es nun Banken, Versicherungen, Automobilkonzerne auf den Subkontinent, werden neue Entwicklungszentren geschaffen, die Produktionskapazitäten hochgefahren. Bei der Herstellung von Maschinen, Elektrogeräten, chemischen Erzeugnissen lassen sich bis zu 60 Prozent der Kosten sparen.

Delhis Premierminister Manmohan Singh, gewiss kein nationalistischer Schwadroneur, träumt davon, dass das 21. Jahrhundert „das indische Jahrhundert sein wird“. Dazu mag es durchaus kommen, wenn sich die Prognosen erfüllen, die internationale Wirtschaftsgurus und Geheimdienstanalysten gegenwärtig übereinstimmend aufstellen: Danach wird in etwa 15 Jahren Indien an Japan und Deutschland vorbeipreschen und kaufkraftbereinigt, also unter Berücksichtigung des unterschiedlichen Preisniveaus, zur drittgrößten Volkswirtschaft nach den USA und China aufrücken. Vor uns steht eine Zeitenwende. Man kann diese Entwicklung historisch mit dem industriellen Aufstieg des Deutschen Reiches Ende des 19. Jahrhunderts vergleichen, das seinerzeit Großbritannien als Europas führende Wirtschaftsmacht überflügelte. Weltspitze sind die Inder schon längst in der Informationstechnologie, vor allem mit den Hightech-Labors in Bangalore, und angestrebt wird der Status einer Supermacht des Wissens. Noch vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 soll ein indischer Roboter auf dem Mond landen. Bald wird die zweitgrößte Nation der Erde ihre größte sein, wenn Indien mit 1,46 Milliarden Menschen an China vorbeizieht und bis zur Jahrhundertmitte auf 1,6 Milliarden anschwillt.

Teilweise irritiert muss die Welt zur Kenntnis nehmen, dass auf dem Subkontinent ein Koloss herangewachsen ist, der das künftige Weltgeschehen mitbestimmen wird. Ökonomisch wie politisch, und als Atom- und Raketenmacht notfalls auch militärisch. Vielen Europäern, narzisstisch hingegegeben einer Spaß- und Eventkultur, ist offenbar gar nicht bewusst, welcher Meteorit da auf sie zurast, und dass der eigentliche Exodus von Arbeitsplätzen, auch der hochqualifizierten, erst noch bevorsteht. Die Inder kommen, sie sind langfristig der eigentliche Herausforderer des Westens. Denn sie können sich auf eine stabile demokratische Gesellschaft stützen, während Asiens anderer Gigant, das kommunistische China, bei einer Öffnung, die irgendwann erfolgen muss, womöglich in gefährliche Turbulenzen gerät.

Besuchern aus Deutschland pflegt Indiens Regierungschef Manmohan Singh gerne eine Geschichte zu erzählen. Sie handelt vom Respekt vor deutscher Wertarbeit. Bei der Rückkehr vom Studium in Oxford brachte der promovierte Finanzwissenschaftler seiner Großmutter als Geschenk eine Uhr mit nach Hause. „Als ich sie ihr gab“, geht die Geschichte weiter, „fragte sie, woher die Uhr stamme. Aus der Schweiz, teilte ich ihr mit. Meine Oma meinte, aber dann kann es nicht das Beste sein, denn die besten Dinge stammen nun mal aus Deutschland.“ Die deutschen Zuhörer, zuletzt Angela Merkel, lachen bei dieser Pointe herzlich, obwohl es bei kurzem Nachdenken eigentlich wenig Anlass dazu gibt. Der Großmutter Singhs, aufgewachsen im westlichen Punjab von Britisch-Indien, war Deutschland noch bestens in Erinnerung gewesen als technologische Supermacht ihrer Zeit. So hatte etwa mit Siemens ein deutsches Unternehmen 1867 die Telefonleitung eingerichtet zwischen Kalkutta und London, Bayer 1896 in Indien seine erste Produktionsstätte eröffnet. Deutsche Maschinen, Autos, Elektrogeräte und chemische Erzeugnisse sind auch heute noch auf dem Subkontinent gefragt. Doch Globalisierung und Internetrevolution haben die ökonomischen Kraftfelder auf diesem Erdball von Grund auf verschoben. Der Kontinent Asien, zur Jahrhundertmitte die führende Weltregion mit 70 Prozent der Menschheit, ist das neue Gravitationszentrum, Indien auf dem Weg zu seiner technologischen Vormacht.

Bei der Hannover Messe 2006, jener Messe, die sich noch immer rühmt, der Welt größte Industriegüterschau zu sein, kamen aus dem Partnerland Indien mit 340 Firmen die meisten ausländischen Aussteller. Während des Rundgangs zur Eröffnung streckte am Stand des Esslinger Automatisierungsunternehmens Festo der Roboter „ZAR5“ seinen Stahlarm der Bundeskanzlerin entgegen. Amüsiert griff Angela Merkel zu und schüttelte dem kopflosen Humanoiden die Hand, kühl und weich wie die eines Menschen. Manmohan Singh schaute zu und lächelte fein. Denn der Premier wusste, was dann sein Handelsminister Kamal Nath stolz auf einem Wirtschaftsforum ausplauderte: “Der Roboter wird gesteuert mit indischer Software.“

Selbstverliebtes Europa: Entwicklung verschlafen

Dass Indien sich anschickt, als die bald am schnellsten wachsende Ökonomie auf der weltpolitischen Bühne eine Hauptrolle zu übernehmen, wurde im selbstverliebten Europa zu spät erkannt. Mit dem indischen Subkontinent verbanden Politiker wie Publizisten vorwiegend Vorstellungen von Massenelend, Seuchen, Kastenknechtung, heiligen Kühen oder Kinderarbeit, sie zeigten wenig Gespür für seine geistige und zunehmend politische Bedeutung. Indien schimmerte seinerzeit nur schwach auf dem Radarschirm der Bonner Regenten, war in seinen Konturen bestenfalls auszumachen als größter Empfänger von Entwicklungshilfe. Erst als Altkanzler realisierte etwa Helmut Schmidt beim Millenniumswechsel, dass im globalen Machtgefüge des 21. Jahrhunderts auch Indien auftauchen werde im Kreis der “neuartigen Weltmächte“.

Eine Spur weitsichtiger war da noch Franz Josef Strauß gewesen, Schmidts alter Widerpart. Kurz vor seinem Tod würdigte Bayerns Ministerpräsident im Juni 1988 bei einem Abendessen für den damaligen Premier Rajiv Gandhi in der Münchner Residenz Indien “als Macht der Zukunft“. In seiner Bedeutung könne es Länder wie China und Japan im 21. Jahrhundert „vielleicht noch übertreffen“. Helmut Kohl erkannte immerhin, dass der indische Subkontinent „von der deutschen Politik eindeutig vernachlässigt worden war“, und er bemühte sich um „herzliche Beziehungen“ zu Indira Gandhi. Bewegt hat er im bilateralen Verhältnis wenig. Wie Kohl war auch dessen sozialdemokratischer Amtsnachfolger Gerhard Schröder mehr auf den autoritären Kraftprotz China fixiert, geblendet von dem Boom im Reich der Mitte und den Exportchancen für die deutsche Industrie. Schröder besuchte – was er im Nachhinein als Fehler empfand –, China in seiner Amtszeit sechsmal, Asiens anderen Riesen hingegen nur zweimal.

Wie wenig Bedeutung unter Rot-Grün die Spitze des Auswärtigen Amtes dem Subkontinent zumaß, offenbarte der fortschreitende Abbau der deutschen Kulturarbeit bei den Goethe-Instituten dort. Sie werden in Indien Max-Mueller-Bhavan genannt, zu Ehren des aus Dessau stammenden Sanskritforschers Max Müller, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Oxford wirkte und dem Subkontinent seine klassische Literatur wieder nahe brachte. Anfang der Neunziger gab es in Indien noch sieben Goethe-Institute. Dann wurde das in der Cyber-City Hyderabad geschlossen und auch das im pakistanischen Lahore. Zudem sanken die Zuwendungen aus dem Gesamtetat des Auswärtigen Amtes kontinuierlich, sodass die gewichtigste Institution auswärtiger Kulturpolitik sich praktisch auf das Angebot (gut besuchter) Sprachkurse beschränken muss. Für die Vermittlung zeitgenössischer deutscher Kultur, für Lesungen, Konzerte oder Theatergastspiele gibt es kein Geld, werden Sponsoren aus der Wirtschaft gebraucht. Doch auf Bettelei lässt sich keine vernünftige Programmarbeit gründen. Dabei hätten bei leeren Kassen Umschichtungen im Etat helfen können. Denn von den Gesamtmitteln entfallen allein 40 Prozent auf die Goethe-Institute in Europa und lächerliche vier Prozent auf ganz Südasien. Also auf eine Region, die mit Indien, Bangladesch, Pakistan schon jetzt fast ein Drittel der Menschheit aufnimmt und bis zur Mitte des Jahrhunderts nochmals um eine Milliarde zulegen wird.

Indien und das alte Europa: Es bestanden schon lange vor der Heimsuchung des Subkontinents durch portugiesische, britische, französische oder holländische Kolonialisten wirtschaftliche wie kulturelle Kontakte zwischen beiden Welten, formte sich im Okzident ein Indien-Bild der Mystifizierung und schwärmerischen Verklärung. Kaufleute aus Augsburg und Nürnberg errichteten einen Außenposten bei Goa. Eine regelrechte Hochkonjunktur als Fluchtpunkt unerfüllter Sehnsüchte hatte Indien bei den Dichtern und Denkern der deutschen Romantik. Sie suchten der kalten Rationalität der Aufklärung eine bessere Welt entgegenzusetzen, mit ihrer anderen Einstellung zu Zeit und Tod, einer besonderen Seelenhaltung und Geistigkeit, dem Esoterischen, aber auch einer vom Hinduismus vorgegebenen Gesellschaftsstruktur mit gleichsam göttlich abgesegneten Standesunterschieden und Zuordnungen. Allerdings hat keiner dieser Schwärmer, ob Herder, Hegel oder die Gebrüder Schlegel, den mit Tausenden von Göttern und Götzen bestirnten Himmel über Hindustan je gesehen.

Die neue asiatische Macht Indien bildet pro Jahr 500 000 Informatiker, Techniker und Ingenieure aus, Deutschland gerade mal 40 000. Es gibt neun Millionen Studenten, das ist die Einwohnerzahl Schwedens. Wie die Politik starrte auch die deutsche Wirtschaft zu lange auf China und übersah, welche Chancen der andere Gigant bot, nachdem er von seinen staatsdirigistischen Fesseln befreit worden war. Doch inzwischen schalten die Investitionsstrategen des Westens um und wenden sich verstärkt Indien als dem “besseren China“ zu. Da mögen gewiss auch Enttäuschungen mitschwingen über ungute Erfahrungen im Reich der roten Mandarine mit Ideen- und Patentklau, Produkt- und Markenpiraterie. China, das signalisierte nach dem Start des Transrapid in Schanghai etwa die Ankündigung des Baus eigener Magnetschwebebahnen, klaut unverfroren auch teures Hightech-Wissen, komplette Maschinen, Anlagen, Kraftwerke. Demgegenüber vermag Indien ausländische Geschäftsleute als marktwirtschaftliche Demokratie mehr Rechtssicherheit zu bieten und Patente zu schützen. Jedenfalls sind die Klagen über Technologieklau hier seltener. “In Indien entwickelt sich alles freier als in China, damit aber auch nicht so zielorientiert“, vergleicht der Asien-Experte Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens, beide Länder, “aber uns ist eine demokratische Verfassung lieber als alles andere.“

Indien steht im Wettlauf der beiden asiatischen Giganten blendend da. Es hat als Demokratie mit Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung und einem funktionierenden Rechtssystem die größere Strahlkraft. Zwar ist diese offene Gesellschaft schwerfälliger beim Herbeiführen weit reichender Beschlüsse und Investitionsentscheidungen, weil sie Rücksicht nehmen muss auf unterschiedliche Interessen und Akteure. Das kostet Nerven und viel Zeit. Indien wirkt stets unruhig und lärmend an der Oberfläche, doch sein demokratisches System scheint in sich gefestigt. Die Einparteiendiktatur China dagegen ist ethnisch wesentlich homogener als das pluralistische Indien, das Reich der Mitte besitzt jedoch noch keinerlei institutionellen Rahmen, um Widerspruch und abweichende Meinungen zu integrieren. Nach außen präsentiert sich China wie ein unerschütterlicher Monolith, aber in seinem Innern rumort es gefährlich.

Verschiebung der globalen Machtgewichte

Es war George W. Bush, Präsident der Hypermacht USA, der Anfang März 2006 die Welt auf eine politische Zäsur einstimmte, auf einen fundamentalen Umbruch und die Verschiebung der globalen Machtgewichte. Denn um in Asien ein Gegengewicht zu China zu stärken, erhob Bush bei seinem Besuch in Delhi Indien zur “Weltmacht“, befreite das Land mit einem erstaunlichen Atom-Abkommen aus der nuklearen Quarantäne und verkündete mit Blick auf das heraufziehende Zeitalter drohender Energiekonflikte die strategische Partnerschaft zwischen „der ältesten und der größten Demokratie der Welt“. Das politische Establishment in Delhi ist wohl zu klug, sich gegen Peking instrumentalisieren zu lassen, bei aller Rivalität und einem historisch begründeten Misstrauen. Der erwachte Riese auf dem Subkontinent braucht Ruhe, keine Abenteuer und Äußeren Konflikte. Er braucht wenigstens zwei Dekaden andauernder Dynamik und Fortschrittsbewusstseins mit jährlichen Wachstumsraten von über acht Prozent, um wirklich den Status einer Großmacht zu erlangen, die dann als unentbehrliches Element des Kräftegleichgewichts in einer multipolaren Welt gelten kann.

Das Wort von der “strategischen Partnerschaft“ wird auch in den Beziehungen zwischen Indien und Europa unter Verweis auf gemeinsame Interessen und Werte oft strapaziert, ohne dass der vereinbarte Rahmen sich dann konkret mit Substanz ausfüllt. Das war so mit Deutschland unter Gerhard Schröder. Die zeitweilige politische Kooperation mit dem Ziel einer Reform des UN-Sicherheitsrats, bei der insbesondere Berlin im Verbund mit Delhi, Tokio und Brasilia sich Chancen ausrechnete auf einen ständigen Sitz mit Vetorecht, endete als diplomatischer Rohrkrepierer. Aus dem Quartett der so genannten G-4-Staaten hat derzeit allein Indien die Chance, seinen Anspruch mit Hilfe des neuen Alliierten Amerika durchzusetzen. Die bisherigen Vetomächte, wohl auch China, dürften sich diesem Bewerber kaum entgegenstellen.

Es spricht für den Realismus der Bundeskanzlerin, dass sie bei ihrer ersten bilateralen Begegnung mit dem indischen Premier in Hannover das Sicherheitsrats-Thema gar nicht erst anschnitt. Angela Merkel war Indien bislang fremd, wie wohl den meisten Deutschen. Doch bei dem geradezu dramatischen Paradigmenwechsel in der gegenwärtigen Weltpolitik glaubt die Kanzlerin in diesem asiatischen Riesen eine große, stabilisierende Kraft zu erkennen, die “nicht als Gegengewicht zu China gesehen werden darf, sondern als Land in seiner eigenen Größe und Würde“. Da setzt sich die Berliner Regentin bewusst ab von der allzu durchsichtigen Umarmungsstrategie des George W. Bush.

Es gibt Stimmen auf dem Subkontinent, die behaupten, als globale Führungsmacht im Werden habe Indien eigentlich gar kein Interesse an Deutschland, von dem es sich als strategischer Verbündeter nur wenig versprechen könne. Diese These greift zu kurz. Sie übersieht, dass etwa Premier Singh Deutschland noch immer für “das wirtschaftliche und geographische Herz Europas“ hält und sich von diesem für die Modernisierungsschübe seines Riesenreichs wohl dosierte Innovationszufuhr erhofft. Und die Berliner Regierung der Großen Koalition ist offenbar bereit, den Wünschen Delhis auf einem Gebiet entgegenzukommen, bei dem sich sämtliche Vorgängerregierungen Zurückhaltung auferlegt hatten: bei den Rüstungsexporten. Bislang galt meist der Grundsatz, keine Waffen in Spannungsgebiete zu liefern. Indien gehört zu solch einer Krisenregion, es führte mit seinem Nachbarn Pakistan drei Kriege und steckt nach wie vor mit diesem verfeindeten Bruder in einer erbitterten Fehde um die Zukunft des geteilten Himalaja-Staates Kaschmir. Die fortdauernden Spannungen darüber hatten die beiden nuklearen Parvenüs vor vier Jahren an den Rand eines Atomkriegs getrieben. Bei seinem Trip nach Delhi leitete Bundeswirtschaftsminister Glas nun eine Wende ein mit der öffentlichen Lobpreisung Indiens als “anerkannte Friedensmacht der Welt“. Anders als Rot-Grün, so Glos dann bei einem vertraulichen Gespräch mit dem indischen Verteidigungsminister Pranab Mukherjee, werde seine Regierung bei Rüstungsexporten nun “einer konkreten Kooperation nicht mehr im Wege stehen“. Eine Offenbarung, die dem Brahmanen aus Bengalen das schmeichelnde Kompliment abnötigte: “Wir sind richtig froh, dass diese Restriktionen aufgehoben worden sind.“ Sicherheitshalber waren gleich etliche Spitzenvertreter der deutschen Rüstungsindustrie nach Delhi mitgereist, von Rheinmetall und Atlas Elektronik, EADS, Diehl oder Sarad. Dies seien “effiziente Firmen mit Weltniveau“, warb Glos bei Mukherjee, und man wisse ja überdies, dass die Deutschen zuverlässige Partner seien, “auch bei der Ersatzteillieferung“.

Das war eine hübsche Anspielung auf Probleme, die der viertgrößten Armee dieses Planeten seit längerem zu schaffen machen. Vor allem Indiens Luftwaffe mit ihren rund 800 Kampfjets gilt als veraltet, laufend fallen die russischen MiGs vom Himmel. Deswegen der Wunsch des weltweit größten Waffeneinkäufers nach Technologietransfers aus dem Westen. Im Angebot der Deutschen stecken Eurofighter, Kampfhubschrauber, U-Boote, Panzerketten, Artillerie. Ob sie allerdings so viele Waffen in Delhi loswerden, wie die Rüstungsmanager erwarten, muss sich erst noch zeigen. Die Konkurrenz ist groß, Franzosen und Amerikaner liegen mindestens ebenso gut im Rennen. Viel wird bei der Auftragsvergabe davon abhängen, ob Berlin auch bereit ist, sich mit Delhi auf eine noch kühnere Vision von einer militärisch-industriellen Kooperation einzulassen. Indiens Verteidigungsminister jedenfalls hofft, “dass eine weitere Partnerschaft entsteht mit gemeinsamer Rüstungsproduktion“. Das wäre in der Zusammenarbeit zwischen Europas wichtigstem Industriestaat und der künftigen asiatischen Weltmacht dann schon ein Quantensprung. 

Dr. OLAF IHLAU, geb. 1942, war 16 Jahre lang Ressortleiter beim Spiegel, zuletzt Auslandschef, und arbeitet heute als Autor für das Nachrichtenmagazin. Sein jüngstes Buch „Weltmacht Indien: Die neue Herausforderung des Westens“ erschien im August 2006.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2006, S. 26‑33

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