01. September 2006

Abenteurer oder Widerstand?

Arabische Medien über die Hisbollah und den Krieg im Libanon

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In ihrer Gesamtheit betrachtet sind die arabischen Medien ja weit pluralistischer als man gemeinhin annehmen könnte. Im Einzelnen orientieren sich die großen Zeitungen oder TV-Kanäle der Region aber doch meist an den politischen Vorgaben „ihrer“ Staatsführungen oder Geldgeber. Das gilt insbesondere in Krisenzeiten. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn sich die Spaltung des Nahen Ostens in Unterstützer und Gegner der Hisbollah auch in den Medien widerspiegelt. Zwar ist man sich in der arabischen Öffentlichkeit einig in der Verurteilung Israels, abgesehen davon stehen sich aber zwei Lager gegenüber: Sprachrohr jener politischen Kräfte, die eine stärkere Rolle des Iran in der Region fürchten und die Hisbollah als Handlanger Teherans kritisieren, sind vor allem die staatsgelenkten ägyptischen sowie die saudischen und andere Medien aus den Golf-Staaten. Auch in der wichtigen, in London herausgegebenen und von saudischen Geldgebern finanzierten Zeitung Al-Sharq Al-Awsat überwiegen diese Stimmen.

Auf der anderen Seite stehen vor allem die staatlichen Medien Syriens sowie Blätter, die wie die jordanische Al-Dustour oder die ägyptische Oppositionspresse zu arabisch-nationalistischen Positionen tendieren. Für sie kämpft die Hisbollah einen „heroischen Widerstandskampf“ gegen den „zionistischen Aggressor“. Hier gelten über die Konfessionsgrenzen hinweg die Hisbollah und ihr Führer Hassan Nasrallah als neue Idole eines panarabischen und panislamischen Nationalismus. Die Führungen der arabischen Staaten werden dagegen wegen ihrer Tatenlosigkeit angesichts des Leidens der libanesischen Bevölkerung scharf angegriffen.

Kritik an der Hisbollah und ihren Unterstützern übt vor allem die für ihre liberalen Positionen bekannte, in London herausgegebene Al-Sharq Al-Awsat. Eine ganze Reihe von Kommentatoren machte vor allem in den ersten Kriegstagen die Hisbollah für die Eskalation verantwortlich. Viele Menschen im Libanon seien wütend darüber, dass das Land „in ein gefährliches und tödliches Abenteuer hineingezogen wird“, schreibt etwa Diana Mukkaled. Es könne aber nicht angehen, so Tariq Al-Humaid, Chefredakteur der Zeitung, dass eine einzelne Gruppe wie die Hisbollah die ganze Region in einen Krieg zieht. „Diese Suppe“, so antwortet Humaid indirekt auf Forderungen nach panarabischer Solidarität mit der Hisbollah, müssten Nasrallah und die Hisbollah „schon selber auslöffeln“.

Darüber hinaus seien es aber Syrien und der Iran, die im Hintergrund die Karten mischten. Dabei wolle Syrien von seiner Rolle bei der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri ablenken und der Iran von der laufenden Auseinandersetzung um die Atomfrage. Auch in den Tageszeitungen Al-Ayyam (Palästinensische Gebiete) oder Al-Ahram (Ägypten) wurde kritisiert, dass Damaskus und vor allem Teheran den Libanon zum Schauplatz ihrer Auseinandersetzung mit den USA gemacht hätten. Eine Linie zwischen Gaza und dem Südlibanon zieht vor diesem Hintergrund  Yahya Rabbah, früherer PLO-Botschafter im Jemen und Kolumnist der palästinensischen Zeitung Al-Hayyat Al-Jadida. Er betont, dass die radikalen palästinensischen Kräfte die PLO ebenso missachtet und zur „Geisel ihrer Politik“ gemacht hätten wie die Hisbollah die libanesische Regierung: „Die PLO und die libanesische Regierung müssen jetzt einen hohen Preis zahlen, obwohl ihnen nicht die geringste Chance zur Einflussnahme auf die Krise gegeben wurde, die durch die beiden Aktionen [die Entführungen israelischer Soldaten] entstand ... Und hinter all dem steht ein regionales Bündnis – eine Achse, die von Gaza über den Südlibanon und Damaskus bis nach Teheran reicht.“

Das ist auch die offizielle Haltung Saudi-Arabiens. Dessen Elite betont immer wieder, dass es einen Unterschied zwischen „legitimem Widerstand“ und „unkalkulierten Abenteuern“ gebe. Als Abenteurertum bezeichnete etwa der saudische Außenminister Saud Al-Faisal in seiner Rede auf dem Treffen der arabischen Außenminister in Kairo das Vorgehen der Hisbollah. Und in Al-Watan führte dazu ein weiterer hochrangiger saudischer Politiker aus, dass Saudi-Arabien den Alleingang der Hisbollah „sowie derer, die hinter ihr stehen“, verurteile, weil daraus eine Gefahr für die gesamte Region entstanden sei. Auch er betont: „Sie allein müssen die Folgen ihres unverantwortlichen Verhaltens tragen.“

Wie bereits in der Diskussion um die Anschläge im Irak beschäftigen sich die Medien nicht zuletzt deshalb so sehr mit dem „Widerstand“ der Hisbollah, weil „Widerstand“ gegen Israel oder die USA ein in der arabischen Öffentlichkeit grundsätzlich überaus positiv besetzter Begriff ist. In diesem Sinn argumentiert auch Abdallah Abd Al-Salam in der staatlichen ägyptischen Zeitung Al-Ahram. Er allerdings richtet sich gegen die Hisbollah: „Eines der wichtigsten Ziele von Widerstand ist es, Ungerechtigkeit zu beenden und den Menschen ihre geraubte Ehre zurückzugeben. Wenn der Widerstand dem Feind aber nur einen Vorwand dafür liefert, die nationale Souveränität zu verletzen, die Infrastruktur zu zerstören sowie unschuldige Libanesen zu ermorden, und wenn dann auch noch andere Länder den Widerstand zur Eskalation der Lage instrumentalisieren – dann ist dieser Widerstand kein Widerstand mehr.“ Zum gleichen Schluss kommt die saudische Zeitung Okaz in einem Editorial: Von einem „legitimen nationalen Widerstand“ könne doch keine Rede sein, wenn die Hisbollah nicht unter dem Dach der eigenen Regierung agiere, wenn ihr Handeln dem ganzen Libanon schade und sie zudem nicht von der öffentlichen Meinung der Araber und Muslime gestützt werde.

Die Gegenseite

Genau an diesem Punkt setzen aber die Verteidiger der Hisbollah an. Gänzlich unabhängig von ihrer Haltung zur islamistischen Ideologie der Hisbollah feiern sie deren Kampf, weil er die Ehre und Würde aller Araber und Muslime verteidige. Zu verurteilen sei also nicht die Hisbollah, sondern die Passivität der arabischen Staaten, die dem Libanon nicht zu Hilfe kämen. Vor allem die staatlichen syrischen Medien sind es, die insbesondere nach dem Angriff auf Qana auf der Unterstützung der Hisbollah bestehen. So widersprach der syrische Außenminister Walid Al-Muallim auf dem Treffen der Arabischen Liga in Kairo seinem saudischen Kollegen und sprach vom Widerstandsrecht der Hisbollah. Mahdi Dakhlallah, früherer syrischer Informationsminister, erklärte in der Al-Quds Al-Arabi (London): „Wir sind stolz darauf, die Hisbollah und den Widerstand zu unterstützen.“ Der syrische Präsident Baschar al-Assad gab die Schuld am Krieg im Libanon den USA: „Diese amerikanische Regierung verfolgt das Prinzip des Präventivkriegs, das dem Prinzip des Friedens völlig widerspricht“, sagte er in einer Rede in Damaskus. Und er bekräftigte: „Denjenigen, die Syrien vorwerfen, es unterstütze die Hisbollah, sagen wir, dass dies für uns eine große Ehre ist und ein Orden an der Brust jedes Arabers.“

In ihrer regelmäßig in Al-Sharq Al-Awsat erscheinenden Kolumne beschwört die Ministerin für Syrer im Ausland, Buthaina Shaaban, die Einheit der Araber und Muslime: „Klar ist, dass die Entwaffnung des Widerstands [der Hisbollah], die Zerstörung des Irak und die Drohungen gegen Syrien darauf zielen, einen zionistisch-westlichen Neuen Nahen Osten zu schaffen ... Die Araber müssen daher wissen, dass heute all das richtig ist, was sie vereint, und alles falsch, was ihrer Einheit schadet. Die Schlacht wird lang sein und es geht um Sein oder Nichtsein ... Die Erschütterung des Mythos von der israelischen Überlegenheit [durch die Hisbollah] erlaubt es den Arabern nicht mehr, sich weiter in ihre Erniedrigung, Unterlegenheit und Verzweiflung zu ergeben ... Eine arabische Welt wird geboren, die von ihren würdigen Söhnen regiert wird – solche, die wissen, was ihre eigenen Interessen sind, die stolz sind auf ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft. [Junge Männer], die sich dafür opfern, dass ihre Kinder eine ehrenvolle Zukunft haben, in der die Araber sich vereinen und kooperieren und in der sich ihre Stimme international durchsetzen wird.“

In der syrischen Zeitung Al-Thawra wandte sich deren Chefredakteur Abd Al-Fattah Al-Awadh mit diesen Worten an die arabischen Führer: „Ihr Rationalisten, Pragmatiker und Friedenstauben, trinkt euren Morgenkaffee mit dem Aroma der Kinder von Qana. Stoßt mit Rice auf den Frieden an und macht euch Kleider oder Krawatten aus der Haut der Getöteten als Souvenirs vom Libanon.“

Den Kritikern der Hisbollah wird in Al-Thawra entgegengehalten, dass „sie nicht verstehen, dass Widerstand immer legitim ist und nicht erst von irgendjemandem erlaubt werden muss.“ Die Operationen der Hisbollah stellten daher einen „Augenblick des Ruhmes und des Sieges“ einer Nation dar, „deren Ehre von der verräterischen Haltung der Araber und ihrer offenen Verschwörung mit den Feinden der Nation zerstört worden ist.“  Alle Werte des arabischen Nationalismus seien offenbar verfallen und gegenseitiger Hass und Feindseligkeit zwischen den arabischen Regimen an ihre Stelle getreten, kritisiert auch die Zeitung Al-Tishreen. Die Kritik am „Abenteurertum“ Nasrallahs ignoriere, dass „er es ist, dem die arabischen Massen zujubeln“.

Diese Einschätzung bestätigt ein Blick in die ägyptische Oppositionspresse. So berichtete die Zeitung der Wafd-Partei, dass nach dem Angriff auf Qana „alle arabischen und islamischen Hauptstädte brodeln und der Zorn zunimmt“. In der Zeitung und auf der Homepage der liberalen Al-Ghad-Partei, deren Parteiführer Ayman Nour vor kurzem unter fadenscheinigen Vorwänden zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, heißt es dazu: „Der Tod von Frauen und Kindern zeigt die Brutalität und den Rassismus des zionistischen Regimes, dessen Kriegsführung immer und überall auf Vernichtung zielt. Möglich ist das aber nur im Schatten der Unterwürfigkeit der arabischen Regime, die ihrerseits auf der Unterdrückung der Bevölkerung beruhen.“ Insgesamt wird in der Berichterstattung der ägyptischen Oppositionsmedien zum Libanon-Krieg der Populismus und das klare Feindbild deutlich, das insbesondere auch die als demokratisch und liberal geltenden Parteien in Ägypten vertreten und bedienen.

Entsprechend kriegerisch geben sich viele Kommentare – so auch in der regierungsnahen jordanischen Tageszeitung Al-Dustour. Dort betont etwa Kamal Rasheed die hohen Verluste an Menschen und Material, die der „von der Hisbollah repräsentierte libanesische Widerstand“ dem „Feind“ – als solcher wird Israel in vielen Kommentaren der Zeitung immer wieder bezeichnet – zugefügt habe. Mit „hocherhobenem Kopf“ berichtet der Autor, wie tief die Raketen nach Israel eingedrungen seien. Und vor allem: „Zum ersten Mal haben Raketen der Araber und Muslime ihre Ziele auch erreicht und getroffen.“ Zerstörung stehe nun Zerstörung gegenüber, Blut für Blut und Auge um Auge, schreibt Rasheed und hebt hervor, dass Millionen Israelis auf der Flucht vor den Raketen seien. Rasheed resumiert: „Der Krieg wurde begonnen, um eine neue Front gegen den israelischen Feind zu eröffnen, der nun im Süden Libanons sowie im Süden und im Zentrum Palästinas bekämpft wird und zudem mit den Auswirkungen der Raketen des Widerstands zu tun hat.“ Daraus leitet er eine beunruhigende Zukunftsvision ab: „Der Krieg hat damit etwas Positives, das man betonen muss und worauf man bauen kann.“

Dr. JOCHEN MÜLLER, geb. 1963, ist Islamwissenschaftler und freier Autor.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 9, September 2006, S. 124‑127

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