Internationale Presse

27. Juni 2022

Zweikampf der Alphatiere

Kommt es in Brasilien zum Machtwechsel? Laut Umfragen liegt der ehemalige Präsident Lula da Silva vor Amtsinhaber Jair Bolsonaro. Lula äußert zwar umstrittene Ansichten zum Krieg in der Ukraine, doch wahlentscheidend wird sein, wem die Menschen eher zutrauen, die Wirtschaftskrise zu überwinden, in der das Land steckt. 

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Im Oktober wählen die Brasilianer einen neuen Präsidenten und einen neuen Kongress. Dementsprechend dominant ist das Thema Wahl in den hiesigen Medien. Es überdeckt alle anderen Ereignisse, selbst den Krieg in der Ukraine. Dieser wird wegen der Entfernung zwangsläufig als weniger bedrohlich und unmittelbar empfunden als in Europa.

Innerhalb der Auslandsberichterstattung spielt er natürlich ­denoch die Hauptrolle.


Brasiliens Medienlandschaft weist einige Besonderheiten auf. So sind die Medien zum größten Teil in privater Hand. Das mit Abstand wichtigste Medienunternehmen ist Globo aus Rio de Janeiro, zu dem nicht nur der größte Fernsehsender des Landes (TV Globo), sondern auch ein News-Kanal, zahlreiche Regionalsender, Radiostationen und Zeitungen gehören, etwa die zweitgrößte Zeitung des Landes, O Globo, sowie das Wirtschaftsblatt Valor Econômico. Globo schafft es, mit seinen Angeboten die Menschen auch in den hintersten Winkeln des riesigen Landes zu erreichen. Über viele Jahre wurde deswegen von einem ­Quasi-Informationsmonopol Globos gesprochen. Es hieß, dass man in Brasilien gegen Globo und seine liberal-konservative Agenda keine Wahl gewinnen könne. Diese Kritik kam fast ausschließlich von links.


Mit dem Auftauchen ultrarechter Internetseiten sowie Chatgruppen in den sozialen Medien hat sich dieses Szenario geändert. Die rechten Kanäle haben sich und ihr Publikum von der Realität entkoppelt und eine eigene Informationsblase geschaffen, in der die wildesten Geschichten und Lügen zirkulieren. Globo wird dort wegen seiner kritischen Haltung gegenüber Präsident Jair Bolsonaro als „Globo Lixo“ bezeichnet, Drecks-Globo.
Eine weitere Besonderheit der brasilianischen Medienlandschaft ist der große Einfluss der evangelikalen Kirchen. Sie besitzen TV- und Radiosender und verfolgen eine ultrakonservative Agenda. Die Pfingstkirchen trugen maßgeblich zum Wahlsieg Bolsonaros 2018 bei.


Gleichzeitig hat das Internet auch einigen hochwertigen Medienkanälen zu Einfluss und Reichweite verholfen. Dazu zählen etwa die durch Glenn Greenwald bekannt gewordene Seite „The Intercept“ oder das Projekt „Agência Pública“. Beide fallen immer wieder durch Hintergrundberichte und investigativen Journalismus auf. Daneben gibt es die auf Brasilien ausgerichtete Internetseite der BBC sowie CNN Brasil, das seit Anfang 2020 einen TV- und Radiosender unterhält.


Derzeit werden die Nachrichten vom Zweikampf zwischen Präsident Jair Bolsonaro und seinem Herausforderer Luiz Iná­cio Lula da Silva von der Arbeiterpartei beherrscht. Lula war bereits von 2003 bis 2011 Präsident des mit Abstand größten, bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Landes in Südamerika.


Es ist der Hunger, Dummkopf!

In den Wahlumfragen liegt Lula mit einigem Abstand vor Bolsonaro. Die brasilianischen Medien sind sich einig, dass die Wahl von der wirtschaftlichen Lage des Landes entschieden wird und nicht von den Themen, die in ausländischen Medien bei der Berichterstattung im Vordergrund stehen, etwa die Zerstörung des Amazonaswaldes.


Brasilien durchläuft eine tiefe Wirtschaftskrise. Im März verzeichnete das Land die höchste Inflation für diesen Monat seit 28 Jahren. Gleichzeitig sank das Durchschnittseinkommen der Brasilianer und erreichte einen historischen Tiefstand. Die Arbeitslosenquote ist sehr hoch und liegt bei 10,5 Prozent. Mehr als die Hälfte der 212 Millionen Brasilianer (58,7 Prozent) lebt mittlerweile mit einem gewissen Grad an Ernährungsunsicherheit; 33,1 Millionen Menschen leiden unter Hunger.


Dementsprechend empört kommentierte Ascânio Seleme, Kolumnist der Tageszeitung O Globo, die Lage: „Noch nie haben wir so viele elende und niedergeschlagene Menschen auf den Straßen gesehen, die um einen Teller Essen, einen Liter Milch, einen Rest, einen Krümel betteln. Die Bilder von Gruppen hungriger Menschen, die in Müllwagen, vor den Türen von Supermärkten, Banken und Apotheken nach Lebensmitteln suchen, erinnern an die 1980er und frühen 1990er Jahre. (…) Die Wähler möchten wissen, welcher Präsident besser in der Lage ist, sein unmittel­bares Problem zu lösen. Das Volk will essen, Herr Kandidat. Es ist der Hunger, Dummkopf.“


Bolsonaro orientiert sich seit seinem Wahlerfolg an den Taktiken des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Es bedeutet, dass er und sein Machtzirkel Falschinformationen und Lügen in die Welt setzen, an denen sich die Medien abarbeiten müssen. Derzeit behauptet Bolsonaro, dass die Wahlen nicht sicher seien und manipuliert werden könnten. Wahlen werden in Brasilien über elektronische Urnen abgehalten, sie gelten als schnell, transparent und sicher. Hinweise auf Wahlbetrug gibt es nicht.


Was der Präsident sagen will: Wenn ich die Wahl nicht gewinne, muss sie gefälscht worden sein. Bolsonaro betont, dass er die Militärs als Garanten der ­Demokratie betrachte. Cristina Serra von Brasiliens größter Zeitung, Folha de São Paulo, kommentierte: „Die Militärs sind nicht die Beschützer oder Moderatoren der zivilen Macht, die man zu einer Stellungnahme in einer Angelegenheit auffordert, die sie nichts angeht. Im Gegenteil, die Militärs sind dem Land, der Demokratie und den Menschenrechten etwas schuldig für die 21 Jahre der Diktatur.“


Ebenso deutlich war Felipe Machado in der Zeitschrift ­IstoÉ: „Brasilien erlebt den heikelsten Moment der letzten Jahre. Aufgrund seiner Aggressivität und der völligen Missachtung von Rechtsnormen ist die Anwesenheit von Jair Bolsonaro im Amt des Präsidenten eine echte und unmittelbare Bedrohung für unsere zerbrechliche Demokratie. Dies zeigt etwas sehr Trauriges: Wir sind ein Land, das sich rückwärts bewegt. Wir sind in die 1980er Jahre zurückgekehrt: unkontrollierte Inflation, ein hoher Dollarkurs, weit verbreitete Armut und die Einmischung des Militärs in die Politik. Mit anderen Worten: Wir sind dabei, fast 40 Jahre sozialer Fortschritte über Bord zu werfen. All dies, weil Bolsonaro wie ein Diktator denkt und wie einer handeln wird, wenn er nicht rechtzeitig gestoppt wird.“


Brasiliens bürgerliche Presse, die Bolsonaro zum Anfang seiner Amtszeit noch einen Bonus eingeräumt hatte, positioniert sich mittlerweile deutlich gegen ihn. Auch konservative Beobachter, die einstmals die linke Arbeiterpartei verteufelten, wettern nun gegen den amtierenden Präsidenten. Zu ihnen zählt Reinaldo Azevedo, der sowohl auf der digitalen Nachrichtenseite UOL eine Kolumne schreibt als auch eine tägliche Radiosendung bei „Band News“ hat, dem zweitgrößten Nachrichtenkanal Brasiliens. Nachdem herauskam, dass die US-Regierung bereits 2021 Bolsonaro davor gewarnt hatte, Brasiliens Institutionen zu attackieren, läutete Azevedo die Alarmglocken: „Niemand darf mehr daran zweifeln, dass Teile der Streitkräfte im Einklang mit Präsident Jair Bolsonaro darauf bedacht sind, die Amtsübernahme von Luiz Inácio Lula da Silva zu verhindern, falls dieser die Wahlen im Oktober gewinnt. Genug der vorgetäuschten Normalität! Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen, solange noch Zeit ist. Sie wollen uns eine Vormundschaftsdemokratie aufzwingen, in der Generäle und Soldaten im Dienste eines räuberischen Hauptmanns agieren. (...) Da der US-Geheimdienst normalerweise keine Warnungen dieses Inhalts verschickt, bedeutet es, dass eine reale Gefahr erkannt wurde.“


Lulas zweiter Akt

Große Beachtung in Brasiliens Medien fand die Titelgeschichte des amerikanischen Time-Magazins Anfang Mai über Lula da Silva. Time titelte: „Lulas zweiter Akt. Brasiliens populärster Führer will wieder Präsident werden“. Im Heft fand sich dann ein langes Interview, in dem vor allem eine Passage für Aufregung sorgte. Darin sagte Lula über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky: „Er wollte Krieg. Wenn er keinen Krieg gewollt hätte, hätte er ein bisschen mehr verhandelt. (…) Er hält sich für den Größten, obwohl man eigentlich ein ernsthaftes Gespräch mit ihm führen müsste: Hey, du bist ein guter Künstler, du bist ein guter Komiker, aber wir werden keinen Krieg führen, damit du dich in Szene setzen kannst.Und zu Putin müsste man sagen: Hey, Putin, du hast eine Menge Waffen, aber du musst keine Waffen gegen die Ukraine einsetzen. Lass uns reden!“
Brasilianische, aber auch internationale Medien warfen Lula daraufhin Verwirrung in außenpolitischen Fragen vor. Unter der Überschrift „Der schweigende Lula ist ein Poet“ schrieb das konservative Blatt O Estado de São Paulo: „Weit entfernt von dem einstmals scharfsinnigen politischen Führer, der auch von seinen Gegnern respektiert wurde, scheint der Lula von 2022 niemand mehr zu sein, der es nötig zu haben glaubt, Wähler außerhalb seiner eigenen Blase zu gewinnen. (…) Lula behandelt Opfer und Aggressor gleichermaßen, eine Haltung, die kein demokratischer Führer der Welt teilt.“ Die Zeitung O Globo stieß ins gleiche Horn. Lula wirke desorientiert im internationalen Szenario: „Er weigerte sich, den Venezolaner Nicolás Maduro als Diktator zu bezeichnen, und sagte, der Ukrainer Wolodymyr Selensky sei ebenso schuldig wie Wladimir Putin am Krieg in der Ukraine. Das sind zwei Absurditäten.“


Nicht nur aufgrund der Richtungswahlen im Oktober spielt die Außenpolitik in Brasiliens Medien derzeit eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich vielmehr um ein generelles Phänomen. Brasilien ist wegen seiner kontinentalen Ausmaße ein stark auf sich selbst bezogenes Land. Dabei ist vielleicht am erstaunlichsten, wie wenig selbst über die Nachbarländer berichtet wird.


Das relative Desinteresse der Brasilianer an seinen spanischsprachigen Nachbarn mag mit der unterschiedlichen Besiedlungs- und Kolonialgeschichte zu tun haben, aber auch mit dem Selbstverständnis der weißen brasilianischen Eliten, die sich seit jeher lieber als Europäer verstehen denn als Lateinamerikaner. Zu den weißen Eliten zählen auch Journalisten. Obwohl sich die Verhältnisse langsam ändern, sind die einflussreichsten Journalisten des Landes fast ausschließlich weiß; die Bevölkerungsmehrheit ist hingegen nicht weiß. Eine Folge ist, dass der durchschnittliche Medienkonsument oft besser über die USA oder Europa informiert ist als beispielsweise über Kolumbien, Bolivien, Paraguay oder Argentinien.


Die drei großen Zeitungen des Landes (Folha de São Paulo, O Globo und O Estado de São Paulo) haben zwar ebenso wie die großen Fernsehstationen Korrespondenten in den USA und ausgewählten europäischen Hauptstädten, dennoch werden ihre Dienste fast nur bei Groß­ereignissen abgerufen (Wahlen, Katastrophen, Sportevents). Brasiliens Presse nutzt häufig internationale Nachrichtenagenturen oder kauft Texte bei ausländischen Medien wie der New York Times, aber auch von der Deutschen Welle ein.


Das beherrschende Thema der Auslandsberichterstattung ist derzeit natürlich der Krieg in der Ukraine. Ähnlich wie Deutschland hat Brasilien zu Russland ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis. Die Landwirtschaft des Landes ist auf russischen (und belarussischen) Dünger angewiesen. Diese Abhängigkeit war ein Schlüsselfaktor für Bolsonaros Weigerung, den Angriffskrieg Putins zu verurteilen.


Folgen des Ukraine-Krieges

Für Teile der brasilianischen Presse war daher der Blick auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland interessant. Die Zeitschrift IstoÉ schrieb: „Die Beziehung zwischen Berlin und Moskau beruht auf falschen Voraussetzungen. Es wird deutlich, dass die Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik ein schmerzhafter Prozess ist.“


Nachdem es zunächst hieß, dass die Düngerlieferungen Russlands nach Brasilien ausgesetzt würden, kamen Ende April wieder russische Schiffe mit den Agrarchemikalien in Brasilien an. O Globo zeigte sich dennoch besorgt: „Die Daten der Agentur Bloomberg zeigen einen starken Rückgang der Lieferungen von Düngemitteln aus Russland. (...) Die Beeinträchtigung der brasilianischen Ernte wird weltweite Auswirkungen haben. Brasilianisches Soja findet von Speiseöl bis Tierfutter weithin Verwendung, und ein Mangel an Düngemitteln könnte zu einem Rückgang der Produktion führen. Höhere Sojapreise könnten sich auf die gesamte globale Lebensmittelversorgungskette auswirken und die Inflation verschärfen.“
Obwohl Brasiliens Presse den Angriff Russlands auf die Ukraine verurteilt, bringt man weder der NATO noch den USA uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Zu oft haben die USA in den vergangenen 120 Jahren in Lateinamerika interveniert, Regierungen gestürzt, Diktatoren unterstützt und die Demokratie bekämpft. Man ist skeptisch gegenüber den angeblich hehren Motiven der USA und wünscht sich in erster Linie ein schnelles Ende des Krieges.


Ein Kommentar in Folha de São Paulo kritisierte exempla­risch das Beitrittsgesuch Finnlands zur NATO: „Für die Be­fürworter einer raschen Beendigung des Krieges ist der eventuelle Beitritt Finnlands zur NATO eine Katastrophe. (...) Die Aufnahme Finnlands in die NATO darf als Sieg der kriegerischen Linie von Washington und London gegenüber der di­plomatischen Linie von Paris und Berlin gewertet werden.“

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2022, S. 116-119

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Philipp Lichterbeck lebt und arbeitet seit fast zehn Jahren in Rio de Janeiro. Als freier Journalist und Autor berichtet er für deutsche, schweizerische und österreichische Medien aus Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas.

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