Wo bleibt das Positive, Herr Techau?
„Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt: 'Herr Kästner, wo bleibt das Positive?' Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“ Was Erich Kästner 1930 nicht finden konnte, wollen wir heute suchen. Den Anfang macht Jan Techau.
Ist eigentlich überliefert, was Wladimir Putin über den „Sonderzug nach Pankow“ dachte? 1983 wurde Udo Lindenbergs gesungenes Bewerbungsschreiben an Erich Honecker zum Hit, da bespitzelte Putin als junger KGB-Hoffnungsträger noch Ausländer in Leningrad. Lindenbergs ganz große Zeit, die orgienhaften 70er mit dem Panikorchester und den genialen Texten, war da schon vorbei, aber auf eins konnte das bundesrepublikanische Publikum vertrauen: Wann immer es einen deutschen Zeigefinger für den Weltfrieden zu schwingen gab, war Udo dienstbeflissen zur Stelle.
Hart am Zeitgeist segelnd, politisch zauberhaft unbedarft, aber dafür randvoll mit verkaufsfördernder Betroffenheit und moralischer Gewissheit, lieferte Lindenberg verlässlich, wenn das Publikum eine tiefdeutsche Selbstvergewisserung über die eigenen guten Absichten brauchte. Schon 1981, auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte, komponierte Lindenberg mit „Wozu sind Kriege da?“ den bis heute gültigen absoluten Gesinnungsnullpunkt für Friedensschlager (ein Ehrentitel, den sich der Song seit 1982 mit Nicoles „Ein bißchen Frieden“ teilen muss). Wohlwollendes Brummen bei Putin, der sich ab 1985 als abgesandter sowjetischer Gefängniswärter in der DDR persönlich davon überzeugen konnte, wie die westdeutsche Friedensbewegung Stasi-finanziert die politische Vorfeldarbeit für Moskau erledigte.
Die Zeitenwende trägt Hut und Sonnenbrille
Jetzt aber, 40 Jahre später, muss Wladimir Wladimirowitsch ernsthaft aufhorchen. Etwas ist ins Wanken geraten im wiedervereinten Deutschland, und wieder ist Udo Lindenberg, schlanke 79 Jahre alt, präzise geeichter Seismograf der Stimmungslage. Gefragt, was er von den milliardenschweren Rüstungsprogrammen für die Bundeswehr hält, sagte er am 27. Juni: „Wir müssen uns verteidigen können und deswegen müssen wir leider sagen: Ist zwar ein Scheiß, hätten wir uns anders gewünscht. Aber wenn es so läuft, dann muss es eben so sein.“
Ein Satz wie ein Sonderzug. Als wäre der Engel, „kreidebleich, mit’m weißen Gewand“, ein zweites Mal zu Udo gekommen, um ihm einen neuen Auftrag zu erteilen. Putin sollte gewarnt sein. Wenn Udo umdenken kann, dann kann jeder umdenken. Vielleicht sogar Stegner und Kretschmer. Die Zeitenwende trägt jetzt einen schwarzen Hut und Sonnenbrille. Und das, meine Damen und Herren, ist das Positive.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 140
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