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01. Okt. 2006

Welthunger und „Frankenfood“

Von den außerkörperlichen Zusammenhängen der Nahrung

Nahrung geht alle an. Nahrung ist das vielleicht politischste Thema unserer Zeit. Die Wirtschaftskraft der Nahrungsmittelindustrie spielt hinein, die Innovationskraft der Biotechnologie und viele handfeste Interessen drumherum. Neuerdings will uns eine Flut von Büchern und Filmen erklären, warum viele Millionen Menschen nicht satt werden und zugleich immer mehr Millionen krank vor Fettleibigkeit. Und warum sich – trotz theoretisch ausreichender Nahrungsmittel – immer weniger Menschen gut und gesund ernähren. Neue Organisationen klären uns auf. Keiner kann sagen, er habe nicht wissen können, was er mit welchen Implikationen für sich und die Welt in den Mund steckt.

Was der Mensch isst, entscheidet maßgeblich über seine Gesundheit, sein Aussehen, seine Chancen, seine Lebenserwartung. Es war immer auch eine Klassenfrage. Nur die Zeichen haben sich verkehrt. Der klassische Kapitalist war ein wohlbeleibter, Zigarren schmauchender Patriarch, der Prolet hingegen ausgemergelt von harter Arbeit. Heute zeigt der moderne Manager einen Waschbrettbauch, die untersten sozialen Ränge werden derweil immer fetter. In amerikanischen Einkaufszentren sieht man schwarze Kinder von gewaltigen Proportionen durch die Food Courts stampfen. Je ärmer, desto runder. Auch dieses Phänomen globalisiert sich. Die Zahl der Übergewichtigen dieser Erde, etwa 1,2 Milliarden Menschen, nähert sich der Zahl der Unterernährten.

Das hat viel mit Werbung und Marketing zu tun, mit Bildung, Moden und, ja, Politik. Derart gewaltig sei die Macht von „Big Food“, den Großkonzernen der Nahrungsmittelindustrie, rufen Kritiker, dass auf demokratische Kontrolle kaum mehr Verlass sei. Wir kauen, sagen die Skeptiker, an den kulinarischen Nachwirkungen des Marktfundamentalismus der Reagan-Thatcher-Ära, dem staatliche Standards und Kontrollen zuwider waren. Auf den Punkt bringt es etwa die amerikanische Autorin Marion Nestle, Leiterin des Department of Nutrition and Food Studies und Professorin der New York University. In Büchern  wie „Big Food“ und „What to Eat“ analysiert sie den Zwang der Futterfabrikanten, die Menschheit mit noch mehr Ware zu beglücken: In den USA, wo genug Kalorien auf dem Markt seien, um jeden Menschen zweimal zu ernähren, müssten Firmen wie Kraft die Esser dazu bewegen, immer größere Portionen in sich hineinzuschaufeln. „In einer solchen Investmentwirtschaft“, folgert Nestle, „ist Gewichtszunahme nur ein Kollateralschaden.“

Die gute Nachricht zwischendurch: Zumindest theoretisch werden alle satt. Der Ertrag ist weltweit enorm gestiegen. Auch Menschen in vielen Entwicklungsländern essen heute besser als noch vor 20 Jahren. Vor allem mehr Fleisch. Fragt sich nur, ob die Landwirtschaft auf Dauer zugleich genug Nahrung  und Viehfutter produzieren kann. Schon fressen die für die gewaltige Fleischproduktion der Industriestaaten gehaltenen Tiere mehr als ein Drittel der Welt-getreideernte auf. Und die Zwänge der Industrie wirken schon beim Anbau. Die genetische Vielfalt unserer Nutzpflanzen ist akut bedroht. Mit der Globalisierung der Landwirtschaft wird über Jahrtausende gewonnene genetische Vielfalt ausradiert. Binnen eines Jahrhunderts haben wir etwa 75 Prozent der Arten verloren. Saat, die früher lokal gezüchtet wurde, kommt heute in großen Schiffsladungen von Pioneer, Sandoz und ICI. Etwa 95 Prozent unserer Proteinversorgung stammen von 30 Pflanzenarten, gut die Hälfte unserer Kalorienversorgung von drei Arten: Weizen, Mais und Reis. Oft dominieren einzelne Hochertrags-sorten jahrelang ganze Erdteile. 1949 hatte China 10 000 verschiedene Weizensorten, 1970 waren es nur noch 1000. Vier Fünftel der mexikanischen Maissorten sind seit 1930 ausgelöscht worden. Experten und die FAO warnen seit langem vor den riesigen, extrem verwundbaren Monokulturen, die von Klimaschwankungen oder mutierten Schädlingen schnell ausradiert werden könnten.

Der wohl härteste Kampf tobt um die genetische Veränderung von Nutzpflanzen. Grüne Gentechnik verspricht mehr Schutz vor Schädlingen, eine Erhöhung des Ertrags und des Nährwerts. Doch Verbraucher sehen solch „Frankenfood“ mit Widerwillen, kritische Wissenschaftler warnen vor unkontrollierter Ausbreitung, neuen Resistenzen und einem weiteren Rückgang der Artenvielfalt. Kleinbauern fürchten verstärkte Abhängigkeiten, Biobauern die Verunreinigung ihrer Sorten. Die Agrarindustrie aber erwartet breite Gewinnströme durch gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Für die von Patenten geschützte Saat werden alljährlich Lizenzgebühren fällig. Passende Pflanzenschutz- und Düngemittel generieren zusätzlichen Umsatz. Wer sich je mit dem Thema befasst hat, staunt, wie viel Druck hier aufgebaut wird, mit welcher Wucht Genfood in einen widerspenstigen Markt gedrückt werden soll. Mit Lobbying, PR und Prozessen versucht die Genfood-Industrie Terrain zu gewinnen. Die Erfolge in Eu-ropa sind eher durchwachsen. Das deutsche Publikum etwa bleibt hochskeptisch gegen-über ersten Anbauversuchen. Selbst in Großbritannien, wo die Regierung Blair GVO-Anbau massiv fördert, scheinen die Zweifel eher zu wachsen. „In ihrer instinktiven Einsicht in die Notwendigkeit vorsichtigen Handelns“, notierten Forscher der University of Sussex, „scheint die Öffentlichkeit hier vielen Wissenschaftlern und Politikberatern voraus zu sein.“ Das ist die zweite positive Nachricht: Die Menschen sind nicht dumm. Und sie wollen gut essen.

TOM SCHIMMECK, geb. 1959, schreibt als freier Journalist über Politik und Wissenschaft für Zeitungen, Magazine und fürs Radio.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2006, S. 106-107

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