Titelthema

12. Febr. 2026

Von Risikominderung zu Resilienz

Japan, Deutschland und die Europäische Union müssen in Sachen wirtschaftlicher Sicherheit enger zusammenarbeiten. Nur so lässt sich ihr Wohlstand schützen.

Takahiro Tsuchiya
Bild: Friedrich Merz Schüttelt die Hand der Jaanischen Premier Ministerin Sanae Takaichi
Die Kooperation zwischen Japan und Deutschland ist eine wichtige Voraussetzung, um wirtschaftliche Offenheit zu wahren, ohne die Sicherheit aufs Spiel zu setzen: Friedrich Merz und Sanae Takaichi, November 2025.

Wirtschaftliche Sicherheit gehört längst zu einem der Kernelemente der nationalen Strategien von Demokratien. Der allgemeine Trend, wirtschaftlichen Druck als politisches Instrument einzusetzen, ist nicht neu, gerade im indopazifischen Raum. China zeigt dort schon länger seine Bereitschaft, Wirtschaftskraft für nationale Interessen einzusetzen. Staaten nutzen Marktzugang, Lizenzierung, Logistik und informellen administrativen Druck mittlerweile so gezielt, dass sie als Zwangsmittel wirken können, ohne die Grenze zu formellen Sanktionen zu überschreiten. Das heißt jedoch nicht, dass gegenseitige Abhängigkeit grundsätzlich schädlich ist. Vielmehr lautet die Lehre: Unkontrollierte wirtschaftliche Risiken können immer besser ausgenutzt werden. 

Gerade deshalb ist die wirtschaftliche Sicherheit heute ein so wichtiges Konzept. Sie zielt darauf ab, eben jene Schwachstellen zu identifizieren und zu reduzieren, ohne dabei in Isolationismus zu verfallen. Dafür sind wiederum administrative Kapazitäten, politische Nachhaltigkeit und Koordination zwischen Partnern erforderlich.

Japan, einzelne europäische Staaten und die Europäische Union gehen diese Herausforderung von unterschiedlichen institutionellen Ausgangspunkten an. Japan hat die wirtschaftliche Sicherheit als eigene Agenda etabliert: zwischen nationaler Sicherheit und Industriepolitik. Dazu gehören klare ministerielle Zuständigkeiten und Instrumente, die auch im privaten Sektor verankert sind. Japan hat seit Oktober 2021 einen Minister für Wirtschaftssicherheit; Premierministerin Sanae Takaichi hatte das Amt seit 2022 inne, bevor sie 2025 Regierungschefin wurde. Einige Staaten in Europa sind diesem Beispiel gefolgt, andere nicht. Die EU muss die Steuerung ihres Binnenmarkts dementsprechend mit den unterschiedlichen Risikopräferenzen ihrer Mitgliedstaaten in Einklang bringen. 

Grundsätzlich ist die Richtung klar: Die Anfälligkeit für etwaige wirtschaft­liche Störungen und Abhängigkeiten soll verringert und sensible Technologiepfade sollen gesichert werden. Das praktische Ziel heißt Interoperabilität. In diesem Zusammenhang bedeutet das: kompatible Risikotaxonomien und Schwellenwerte, praktikable Verfahren für den Informationsaustausch und ordnungsgemäße Verfahren sowie vernetzte Entscheidungsprozesse. Sind all diese Elemente aufeinander abgestimmt, dann können Unternehmen besser und vorhersehbarer arbeiten. Gleichzeitig werden Akteure, die Spaltungen ausnutzen wollen, durch klare Richtlinien abgeschreckt.


Das japanische Modell

Der Ansatz Japans konzentriert sich vor allem auf die Umsetzung. Bereits 2022 wurde ein Gesetz zur Förderung der wirtschaftlichen Sicherheit verabschiedet, das wiederum vier Leitlinien verfolgt: die Sicherstellung einer stabilen Versorgung mit gewissen Schlüsselprodukten, die Gewährleistung der Zuverlässigkeit kritischer Infrastrukturdienstleistungen, die Entwicklung fortschrittlicher Technologien und die potenzielle Geheimhaltung ausgewählter Patentanmeldungen. Das bestimmende Merkmal des japanischen Modells ist, dass es politische Absichten mit Verwaltungslogik verbindet und Verfahren so überprüfbar macht.

Die japanische Regierung sieht wirtschaftliche Sicherheit als gezieltes Risikomanagement: Es gilt dementsprechend, Bereiche zu identifizieren, in denen die Märkte nicht ausreichend widerstandsfähig sind, und diesen Schwachstellen mit Anreizen, neuen Standards, Beschaffungsmaßnahmen und Richtlinien zu begegnen. Dieses Konzept fördert die Zusammenarbeit, da sich die Beteiligten auf messbare Ergebnisse einstellen können, anstatt sich auf allgemeine Erklärungen verlassen zu müssen.

Der Ansatz der EU ist von seiner Konzeption her komplexer, aber ebenfalls immer stärker instrumentengesteuert. Die europäische Strategie für wirtschaftliche Sicherheit von 2023 fußt auf drei Säulen: der Förderung der Wettbewerbsfähigkeit, dem Schutz vor wirtschaftlichen Risiken und Partnerschaften mit gleichgesinnten Staaten. Seit der Konzeption der Strategie hat die EU unermüdlich daran gearbeitet, die Schutzsäule durch Instrumente und Prozesse zu operationalisieren. Diese betreffen unter anderem die Überprüfung ausländischer Direktinvestitionen und den Informationsaustausch, die Koordinierung der Exportkontrolle, Maßnahmen gegen Druck von Drittstaaten und Risikobewertungen für sensible Technologiebereiche. Die Arbeit der EU zum Thema Risiken bei Auslandsinvestitionen – einschließlich möglicher Überprüfungs- oder Kontrollmechanismen für Kapital und Knowhow im Zusammenhang mit kritischen Technologien – veranschaulicht diesen Wandel hin zu konkreten Governance-Strukturen. Für Brüssel gilt es, klare Kriterien festzulegen und Umsetzungsvorgaben zu machen.

Die Koordination innerhalb der EU ist stets komplex. Denn die meisten EU-Mitgliedstaaten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Industriestrukturen, ihrer Haltung zur Energiewende und ihrer Abhängigkeit von externen Märkten. Das führt wiederum zu einer ungleichen Risikotoleranz und einem ungleichen Interesse an Kontrollen, Subventionen und Compliance-Auflagen.

Deutschland spielt in dieser Hinsicht eine zentrale Rolle. Als Europas größte Volkswirtschaft und als global integriertes Produktionszentrum des Kontinents muss Deutschland strategischen Wettbewerb und wirtschaftliche Realitäten in Einklang bringen. Dafür sind jedoch oft Kompromisse notwendig, die sich auf die Glaubwürdigkeit der EU auswirken. 

Das hat auch für die japanische Politik und Unternehmen praktische Auswirkungen: Sie sollten mit EU-Institutionen über Binnenmarktvorschriften, Instrumente zur Durchsetzung von Sanktionen und grundlegende Screening-Ansätze sprechen und gleichzeitig mit wichtigen Mitgliedstaaten, insbesondere Deutschland, zusammenarbeiten. Das gilt vor allem für die Umsetzung von Compliance-Routinen von Unternehmen und für sektorspezifische Anpassungen. Eine solche Aufteilung der Zusammenarbeit würde Missverständnissen vorbeugen und die Kosten der Koordination im Sinne einer dauerhaften Zusammenarbeit senken.


Bilaterale Kanäle und EU-Prozesse

Die Zusammenarbeit zwischen Japan und Deutschland entwickelt sich von der schrittweisen Angleichung hin zu beständiger Koordinierung. 2024 einigten sich die Staats- und Regierungschefs beider Länder auf bilaterale Konsultationen zum Thema wirtschaftliche Sicherheit, gefolgt von Treffen in Berlin im November 2024 und in Tokio im Oktober 2025. Die Konsultationen ­befassten sich mit wirtschaftlichem Druck, der Widerstandsfähigkeit von Lieferketten, kritischen Technologien und Herausforderungen bei der Umsetzung neuer ­Maßnahmen. Parallel dazu wurde die Zusammenarbeit zwischen Japan und der Europäischen Union durch regelmäßige Dialoge und Signale auf Gipfelebene, darunter auch der 30. EU-Japan-Gipfel im Juli 2025 in Tokio, ausgebaut. Diese Kanäle garantieren zwar keine Ergebnisse, bieten aber eine institutionelle Grundlage für eine engere Zusammenarbeit und eine besser abgestimmte Agenda. Letztere ist gerade deshalb wichtig, weil lange und unklare Absichtserklärungen oft den Fokus verwässern und Fortschritte schwer überprüfbar machen. 

Japan, Deutschland und die EU sollten sich deshalb auf vier Arbeitsbereiche konzentrieren, die in direktem Zusammenhang mit der Verringerung wirtschaftlicher Risiken und der Schaffung glaubwürdiger Reaktions- und Abschreckungsmaßnahmen stehen. Zwei Ziele sollten dabei priorisiert werden, weil sie die Grundlage für die anderen Vorhaben bilden: die Festlegung einer gemeinsamen analytischen Grundlage für die Ermittlung von wirtschaftlichen Schwachstellen und die Erstellung eines Leitfadens für die Reaktion auf wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen. 

Erstens sollten Risikoklassifikationen und evidenzbasierte Erkenntnisse abgeglichen und aufeinander abgestimmt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Regierungen kommt oft zum Erliegen, weil Partner dieselben Begriffe verwenden, aber ihnen andere Bedeutungen zuordnen. Beim Thema wirtschaftliche Sicherheit ist dieses Risiko mit Begriffen wie Kritikalität, Sensibilität, Abhängigkeit und Resilienz besonders groß. Um den operativen Ansatz Japans und die mehrschichtige Governance Europas zu vereinen, müssen sich Brüssel und Tokio zunächst auf eine gemeinsame Methodik festlegen. Dabei geht es vor allem um die Frage, wie Schwachstellen identifiziert und priorisiert werden sollen. Dazu gehören die Kartierung kritischer Abhängigkeiten mit vergleichbaren Schwellenwerten, die Durchführung von Stresstests und die Identifizierung von kritischen wirtschaftlichen Knotenpunkten, die von mehr Diversifizierung profitieren würden. 

Ein pragmatischer Ansatz bestünde darin, eine gemeinsame Methode zunächst in einem wichtigen und klar abgesteckten Bereich anzuwenden, etwa auf ausgewählte Halbleitermaterialien oder auf technische Komponenten, die zentral für die Energiewende sind, beispielsweise Dauermagneten. Das Ergebnis sollten interoperable Analyseroutinen und regelmäßige Aktualisierungen von Richtlinien sein, die Unsicherheiten reduzieren, ohne die Offenlegung wirtschaftlich sensibler Informationen zu erfordern. Durch eine solche gemeinsame analytische Grundlage würde auch die Verhältnismäßigkeit garantiert, die für politische Legitimität und Nachhaltigkeit unerlässlich ist.

Zweitens muss ein Leitfaden für die Reaktion auf wirtschaftlichen Druck von außen entworfen werden. Eine wirksame Reaktion ist eine, die vorhersehbar, schnell und kohärent ist. Die EU hat zu diesem Zweck bereits einen gemeinsamen gesetzlichen Rahmen entwickelt und Japan hat reichlich Erfahrung darin, wirtschaftliche Gegenmaßnahmen und diplomatische Botschaften in Einklang zu bringen. Ein gemeinsamer Leitfaden sollte Frühwarnsignale, Kanäle für den Informationsaustausch und Maßnahmen sowie Ressourcen für die gegenseitige Unterstützung festlegen. Zudem sollte er sich auch mit dem informellen und ­administrativen Druck auseinandersetzen, dem Unternehmen oft ausgesetzt sind: etwa mit absichtlichen Verzögerungen bei der Erteilung von Lizenzen. Die Koordinierung der öffentlichen Kommunikation ist ebenso wichtig, da Unklarheiten zu internen Spaltungen führen können. Aufeinander abgestimmte Kommunikationsstrategien können wiederum dafür sorgen, dass die Kosten für Drittstaaten in die Höhe getrieben werden. Das Ziel sollte es hier nicht sein, zu eskalieren, sondern abzuschrecken.

Japan und die EU brauchen eine gemeinsame Grundlage für die Ermittlung wirtschaft­licher Schwachstellen

Drittens müssen fortschrittliche Technologiebereiche geschützt werden, ohne Innovation zu beeinträchtigen. Halbleiter, Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien sind sowohl wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit als auch ein ­massives Sicherheitsrisiko. Die Grundvoraussetzungen werden hier nicht selten durch die Industriepolitik der USA vorgegeben, etwa durch US-Exportkontrollen und Initiativen zur Sicherheit globaler Lieferketten. Japan und Europa stehen hier also vor einer doppelten Herausforderung: Ihre Maßnahmen müssen mit den von Washington eingeführten Richtlinien kompatibel sein, wo es notwendig ist, um Compliance-Lücken zu vermeiden, und gleichzeitig die europäisch-­japanische Zusammenarbeit erleichtern.

Die europäisch-japanische Koordinierung sollte in diesem Sinne auch die transatlantische Zusammenarbeit stärken, anstatt parallele Systeme zu schaffen. Gleichzeitig sollte sie festlegen, wie Kontrollen angewendet und Lizenzvergabe, Endverwendungsrisiken und Forschungskooperationen in verschiedenen Rechtsräumen gehandhabt werden. Das praktische Ziel sollte es sein, kritische technologische Fähigkeiten zu schützen und Schlupflöcher zu schließen, ohne dabei den Innovationsgeist zu gefährden. Da Technologie-Governance vor allem in Unternehmen und Forschungseinrichtungen umgesetzt wird, ist ein strukturierter öffentlich-privater Dialog der Kanal, über den unbeabsichtigte Folgen frühzeitig erkannt werden können.

Viertens müssen wichtige Infrastrukturen, Daten und Forschungsnetzwerke geschützt werden. Zur wirtschaftlichen Sicherheit gehören heute Untersee­kabel, Cloud-Computing-Dienste, grenzüberschreitende Datenströme und Forschungsökosysteme, die Innovationen ermöglichen. Japan und Europa sollten deshalb von allgemeinen Forderungen nach Resilienz zu umsetzbaren und konkreten Schutzmaßnahmen übergehen, also etwa Erwartungen an Security-by-Design und Lebenszyklussicherheit festlegen, gemeinsame Kriterien für risikoreiche Partnerschaften in sensiblen Forschungsbereichen schaffen und Routinen für die Reaktion auf Vorfälle bei wichtigen digitalen und physischen In­frastrukturen konzipieren.

Ein praktischer Ansatzpunkt ist die Angleichung grundlegender Sicherheitsanforderungen für die Betreiber kritischer Infrastrukturen und das öffentliche Beschaffungswesen in Bereichen, in denen Interoperabilität und Vertrauen unerlässlich sind. Dazu gehören die Sicherheit von Cloud-Diensten und Schwellenwerte für die Meldung von Vorfällen für kritische digitale Systeme. Im Laufe der Zeit können angeglichene Standards und Beschaffungserwartungen Abhängigkeiten verringern, indem sie Lieferketten stärken, ohne ausschließlich auf restriktive Maßnahmen zurückzugreifen.


Wirtschaftliche Offenheit wahren

Eine enge Kooperation zwischen Japan und Europa in Sachen wirtschaftliche Sicherheit ist eine wichtige Voraussetzung, um wirtschaftliche Offenheit zu wahren, ohne dabei die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Das strategische Ziel muss sein, gemeinsam widerstandsfähig zu werden und Staaten abzuschrecken, die wirtschaftliche Druckmittel einsetzen – in einer Weise, die für Unternehmen praktikabel und mit demokratischer Regierungsführung vereinbar ist. Erst wenn Tokio, Brüssel und Berlin zu einer gemeinsamen Diagnose finden, interoperable Instrumente schaffen und nachhaltige öffentlich-private Regelungen umsetzen, werden sie wirtschaftliche Schwachstellen bekämpfen und die regelbasierte internationale Wirtschaftsordnung stützen können. Nur so wird sich ihr Wohlstand langfristig schützen lassen.


Aus dem Englischen von Kai Schnier

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 61-65

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Takahiro Tsuchiya ist Professor an der Kyoto Univer­sity of Foreign Studies. Dort beschäftigt er sich mit wirtschaftlicher Sicherheit und der Regulierung neuer Technologien.
 

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