Titelthema

23. Febr. 2026

Unterschätztes Nadelöhr

Rohstoffsicherheit ist zentral für Wirtschaft, Militär und Resilienz. Chinas und Amerikas Entschlossenheit offenbaren Europas Verwundbarkeit. Was kann Berlin tun?

Stefan Steinicke
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Bild: Ein Bagger bewegt Alluminiumteile auf einem Recyclinghof
Erhebliche Potenziale für mehr Rohstoffsouveränität: Zinnschrott wird in einer Recyclingfabrik in Leeuwarden (Niederlande) zur Entzinnung gesammelt.
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Kritische Rohstoffe wie Seltene Erden, Gallium, Germanium, Lithium oder Kupfer sind unverzichtbar für Schlüsselindustrien – von Mikroelek­tronik, KI und Quantentechnologien über Energiewende und Elektromobilität bis hin zu Rüstungs- und Raumfahrtindustrien. Ihr Marktwert mag auf den ersten Blick gering erscheinen, ihr strategischer Hebel ist es nicht. Bereits der Ausfall einzelner Metalle kann ganze Wertschöpfungsketten lahmlegen. Studien zeigen: Ein chinesischer Exportstopp von Lithium nach Europa könnte allein in Deutschland binnen eines Jahres volkswirtschaftliche Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe verursachen. 

Die beunruhigende Erkenntnis ist jedoch: Westliche De-Risking-Initiativen bei kritischen Rohstoffen haben bislang kaum Wirkung entfaltet. Trotz des EU Critical Raw Materials Act und des nationalen Rohstofffonds hat sich die Angebotskonzentration weiter verschärft. Bei vielen kritischen Rohstoffen kontrollieren wenige Länder – allen voran China – Abbau, Raffination und Weiterverarbeitung. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) stieg der durchschnittliche Marktanteil der drei führenden Raffinerienationen für wichtige Energiemineralien von rund 82 Prozent im Jahr 2020 auf 86 Prozent im Jahr 2024. Parallel dazu nehmen Exportkontrollen zu und erfassen auch Verarbeitungstechnologien. Rohstoffe sind damit keine neutralen Waren mehr, sondern geopolitische Machtinstrumente. 

Für Europa ergibt sich eine doppelte Herausforderung. Einerseits wächst die Abhängigkeit von China, das seine Marktmacht zur Durchsetzung geopolitischer Interessen nutzt. Derweil reagieren die USA mit einer umfassenden Gegenoffensive. Kritische Rohstoffe werden dort inzwischen als Kernbestandteil nationaler Sicherheitspolitik behandelt. Mit attraktiven Standortbedingungen, Subventionen und verteidigungsgetriebenen Abnahmegarantien ziehen die USA nun Rohstoffprojekte und Verarbeitungskapazitäten aus Europa ab. Europas Versorgungssicherheit gerät damit zwischen die Fronten eines eskalierenden Systemwettbewerbs.


Agenda für mehr Rohstoffsouveränität

Die Konsequenz ist klar: Deutschlands bisherige Rohstoffstrategie reicht nicht aus. Sie muss substanziell weiterent­wickelt werden – politisch, regulatorisch und finanziell. Wie kann das gelingen? Zehn zentrale Punkte. 

Zuallererst braucht es einen strategischen Mentalitätswechsel – ein anderes Verständnis von kritischen Rohstoffen und Versorgungssicherheit. Die globalen Rohstoffmärkte sind heute von massiven politischen Marktverzerrungen betroffen. Kritische Rohstoffe sind keine gewöhnlichen Handelsgüter mehr, vielmehr sind sie ein strategisches Gut. Sie sind der zentrale Inputfaktor industrieller Wertschöpfung und damit Voraussetzung für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, gesamtstaatliche Resilienz und militärische Einsatzfähigkeit. 

Zwischen den USA und China hat sich ein hart geführtes Wettrennen um Zugang zu und Kontrolle über Rohstoffe entwickelt. Europa agiert bislang zu langsam, zu fragmentiert und nimmt in diesem Wettbewerb allenfalls eine Nebenrolle ein. Deutschland und Europa müssen daher bereit sein, schneller, größer und risikofreudiger zu handeln – vergleichbar mit dem regulatorischen Kraftakt beim Aufbau der LNG-Terminals oder dem beschleunigten Ausbau der Windkraft. Bei der Ankündigung des RESourceEU-­Aktionsplans im Oktober 2025 brachte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Logik auf den Punkt: „In der Welt von heute sind Schnelligkeit und Dringlichkeit der Schlüssel zur Wett­bewerbsfähigkeit.“

„Schnelligkeit und Dringlichkeit sind heute  der Schlüssel zur Wett­bewerbsfähigkeit“

Zweitens geht es darum, die heimische Rohstoffproduktion zu stärken. Rohstoffe „made in Germany“ sind die ultimative Rückversicherung gegen geopolitisch motivierte Lieferkettenunterbrechungen. Europa verfügt über relevante Vorkommen zahlreicher kritischer Rohstoffe. Auch Deutschland besitzt Potenziale, etwa bei Lithium oder Seltenen Erden. Zugleich gibt es europäische Unternehmen mit technologischer Führungsrolle in Förderung, Weiterverarbeitung, Recycling und Magnetproduktion. Strategische Industriepolitik, wie sie mit der Ansiedelung von Halbleiter- oder Batteriefabriken verfolgt wird, muss entlang kompletter Wertschöpfungsketten denken – von der Mine bis zum Endprodukt. Ohne eine belastbare Rohstoffbasis bleiben industriepolitische Ambitionen strukturell ­verwundbar.

Wenn wir, drittens, echte Rohstoffpartnerschaften aufbauen wollen, dann müssen wir die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen. Bisherige Rohstoffpartnerschaften sind häufig daran gescheitert, dass rohstoffreiche Länder ihre Materialien direkt an deutsche Unternehmen verkaufen wollten, während die Wertschöpfung in der deutschen Industrie erst deutlich später einsetzt. Erfolgversprechend sind daher Kooperationen entlang kompletter Liefer- und Wertschöpfungsketten für konkrete Produkte, wie Batterien, Magnete oder Halbleiter. So verfügen Länder wie Australien, Brasilien und ­Vietnam über erhebliche Vorkommen Seltener Erden, während Europa, Malaysia und die USA in Trennanlagen investieren und Produktionskapazitäten für Permanentmagnete aufbauen. Solche integrierten ­Lieferketten haben das Potenzial, ­echte Import­diversifizierung zu ermöglichen. Um als Partner attraktiv zu sein, muss Europa jedoch seine Standortnachteile angehen. Die Strom- und Energiekosten liegen laut Draghi-Report zwei- bis dreimal so hoch wie in den Vereinigten Staaten oder in China. Europa muss den globalen Wettbewerb um die besten Standort- und Rahmenbedingungen offensiv annehmen. 


Auf neue Technologien setzen

Ein zentraler Hebel für mehr Rohstoff­souveränität sind technologische Innovationen, unser vierter Punkt. KI-gestützte Exploration, direkte Lithiumgewinnung, die Verarbeitung ionischer Adsorptionserden sowie die Wiederaufbereitung von Abraum und Bergbauabfällen eröffnen neue Spielräume. KI-basierte geologische Exploration könnte die Bohrkosten um bis zu 60 Prozent senken. 

Auch in der Weiterverarbeitung und im Recycling liegen erhebliche Potenziale. Durch neuartige biologische oder molekulare Trenn- und Umwandlungsverfahren könnten künftig auch bislang als technisch oder wirtschaftlich nicht recycelbar geltende gemischte oder fein verteilte Metalle zurückgewonnen werden. Zwar baut China auch im Recycling seine Dominanz aus; doch gerade hier besteht für westliche Industrieländer die Chance, mit technologischen Sprunginnovationen bestehende Lock-in-Effekte zu überwinden und neue Wertschöpfungsmodelle zu etablieren.

Regulatorik ist, fünftens, der kostengünstigste Hebel zur Steigerung der Versorgungssicherheit. Strategische Rohstoffprojekte sollten als Vorhaben von überragendem öffentlichem Interesse eingestuft werden. Analog zum Ausbau der erneuerbaren Energien könnte ­Rohstoffsicherheit als vorrangiger Belang definiert werden, der andere Interessen überwiegt. 

Die Erfahrung mit dem Windkraftausbau zeigt, welches Tempo so möglich ist: 2024 wurden bundesweit 48 Prozent mehr Windkraftleistung genehmigt als im Vorjahr. Ohne zusätzliche Haushaltsmittel ließe sich durch regulatorische Anpassungen auch die Attraktivität von Rohstoffprojekten erheblich steigern.

Für unseren sechsten Punkt bewegen wir uns jenseits klassischer Lieferketten – in die Tiefsee und in den Weltraum. Neue Bezugsräume können langfristig zur Erhöhung des globalen Rohstoffangebots und zur Importdiversifizierung beitragen. Die Europäische Union schätzt das wirtschaftliche Potenzial der Nutzung von Weltraumressourcen auf Markterlöse zwischen 73 und 170 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045.

Auch in der Tiefsee engagiert sich Deutschland seit Jahren. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Roh­stoffe erkundet seit 2006 ein deutsches Lizenzgebiet für Manganknollen im Pazifik. In drei besonders untersuchten Arealen wurden Vorkommen von insgesamt 18,5 Millionen Tonnen Mangan, Nickel, Kupfer und Kobalt nachgewiesen – mit erheblicher Relevanz für den deutschen Importbedarf. Tiefsee- und perspektivisch Weltraumbergbau bieten damit nicht nur zusätzliche Angebotsoptionen, sondern auch strategische Diversifizierung.


Mehr finanzielle Schlagkraft

Sprechen wir, siebtens, über Geld. Der nationale Rohstofffonds mit einem Volumen von einer Milliarde Euro ist ein wichtiger Anfang, aber nicht ausreichend dimensioniert. Um neue Rohstoffvorkommen zu erschließen sowie alternative Produktionsstandorte und Lieferketten aufzu­bauen, werden signifikant größere Investitionen benötigt. Zum Vergleich: In den USA wurden im Rahmen des „One Big Beautiful Bill“ rund 7,5 Milliarden Dollar für kritische Rohstoffe bereitgestellt, ergänzt durch kreditbasierte ­Förderinstrumente.

Zudem sollte der Fonds stärker für Frühphasenprojekte geöffnet werden. Derzeit sind kleinere Explorationsvorhaben unter einem Volumen von 50 Millionen Euro faktisch ausgeschlossen. Auch Verteidigungsbudgets können eine wichtige Rolle spielen. Der US National Defense Authorization Act sieht vor, ab 2027 keine Batterien mehr aus China für die Rüstungsproduktion zuzulassen. Ähnliche Vorgaben für kritische Roh­stoffe könnten auch in Deutschland Investitionssignale setzen. 

Auch für den Sektor ­Verteidigung ist eine Bevorratung mit kritischen Rohstoffen sinnvoll

Für strategische Sektoren wie Verteidigung ist, achtens, eine gezielte Bevorratung mit kritischen Rohstoffen sinnvoll. Die USA und Japan verfügen bereits über entsprechende Reserven. Der National Defense Stockpile der US Defense Logistics Agency hat einen geschätzten Marktwert zwischen 500 Millionen und 1,3 Milliarden Dollar. Angesichts zunehmender Exportkontrollen und protektionistischer Maßnahmen hätte eine solche Reserve auch für Deutschland unmittelbare sicherheitspolitische Relevanz – für die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr und eine glaubwürdige Abschreckung.

Versorgungssicherheit erfordert kontinuierliches und systematisches Mapping von Lieferkettenrisiken – unser neunter Punkt. Dafür ist ein vertraulicher, institutionalisierter Austausch zwischen Politik und Industrie notwendig. Lieferketten-­Intelligenz ist kein „Nice-to-have“, sondern geoökonomische Notwendigkeit. 

Deutschland und der Europäischen Union fehlen bislang geeignete institutionelle Arrangements für ein umfassendes Risiko-Monitoring als Grundlage strategischer Vorausschau. Der neu geschaffene Nationale Sicherheitsrat könnte hier eine zentrale Rolle übernehmen – vorausgesetzt, wirtschaftliche Expertise und unternehmerische Perspektiven werden strukturiert und dauerhaft in seine Arbeit eingebunden. Ohne ein belastbares Lagebild zu Abhängigkeiten, Engpässen und geopolitischen Risiken bleibt Rohstoffpolitik reaktiv statt strategisch.


Ohne Mut keine Souveränität

Der notwendige Mentalitätswechsel führt uns zurück zur Frage der Risikobereitschaft und damit zum zehnten Punkt. Wer Rohstoffsouveränität erreichen will, muss bereit sein, politische, finanzielle und regulatorische Risiken einzugehen. In einem Umfeld, in dem die USA und China mit hohem Tempo und erheblichen staatlichen Mitteln vorgehen, reicht ein vorsichtiger, schrittweiser Ansatz nicht aus.

Ein anschauliches Beispiel ist der Aufbau der ersten Lithium-Weiterverarbeitungsanlage in den USA durch Tesla, die innerhalb von nur drei Jahren realisiert wurde und Anfang 2026 den Betrieb aufnahm. Ausschlaggebend war nicht die Maximierung kurzfristiger Kosteneffizienz, sondern Geschwindigkeit – auch unter Inkaufnahme nachträglicher Anpassungen. Genehmigungsprozesse liefen parallel zum Bau, Entscheidungen wurden getroffen, bevor alle Unsicher­heiten ausgeräumt waren.

Rohstoffpolitik entscheidet darüber, ob Deutschland Gestalter oder Objekt geopolitischer Macht­verschiebungen wird

Mit dem Tesla-Werk in Grünheide hat Deutschland eigene Erfahrungen mit einem solchen Ansatz gesammelt. Diese Erfahrungen sollten genutzt werden, um – im Sinne eines erweiterten Deutschland-Tempos – auch bei der Rohstoffsicherung schneller und entschlossener zu handeln. Wer auf vollständige Planungssicherheit wartet, wird in einem geopolitischen Wettrennen zwangsläufig zurückfallen.

Der China-Schock bei kritischen Rohstoffen ist kein temporäres Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Machtkampfs. Rohstoffpolitik entscheidet darüber, ob Deutschland Gestalter oder Objekt geopolitischer Machtverschiebungen wird. Wer wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, gesamtstaatliche Resilienz und militärische Handlungs­fähigkeit sichern will, muss Rohstoffpolitik als Sicherheits- und Industriepolitik begreifen.

Deutschland verfügt über die technologischen, finanziellen und politischen Voraussetzungen. Entscheidend ist jedoch die Bereitschaft, schneller zu entscheiden, mehr Risiko zu tragen und strategischer zu handeln. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen brachte es im Januar 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos auf den Punkt: „Europe needs an urgency mindset.“ 

Was für Europa gilt, gilt ebenso für Deutschland: Ohne Mut zum Risiko gibt es keine Souveränität.    

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 25-29

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Dr. Stefan Steinicke ist Referent für Rohstoffe im Bereich Internationales beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

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