Weltspiegel

24. Apr. 2023

Rohstoffe „made in Germany“

Lieferketten zu diversifizieren, Kreislaufwirtschaft und Recycling hochzufahren, reicht nicht aus: Europa muss selbst wieder mehr Rohstoffe fördern – zur eigenen Sicherheit.

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Bild: Olaf Scholz besteigt ein Flugzeug
Auch im Rahmen der G7 bleiben Konkurrenzverhältnisse bestehen: Bundeskanzler Olaf Scholz auf dem Weg zu Gesprächen mit der chilenischen Regierung, bei denen es auch um deutsche Zugänge zu Rohstoffen ging.
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Die Machtposition Europas auf den Leitmärkten der Zukunft hängt ab vom sicheren Zugriff auf kritische Rohstoffe. Dies sind Materialien, die für die grüne und digitale Transformation sowie für Verteidigungs- und Raumfahrt­anwendungen als „strategisch“ eingestuft werden.

Deutschland und die Europäische Union sind sehr abhängig von Rohstoff­importen. Setzen sich die geoökonomischen Trend der vergangenen Jahre fort, ist davon auszugehen, dass diese Abhängigkeit verstärkt als Waffe gegen Europa eingesetzt wird. Wie aber lassen sich die strategischen Herausforderungen von asymmetrischen Abhängigkeiten, Versorgungsengpässen oder Lieferkettenunterbrechungen bewältigen?

Eine sichere Rohstoffversorgung ist zentral für die deutsche Wirtschaft, wenn sie bei erneuerbaren Energien, E-Mobilität oder Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen will. Auch um die Pariser Klimaziele zu erreichen, bedarf es signifikant mehr Input an kritischen Rohstoffen, die zum ­Beispiel für den Aufbau ­erneuerbarer Energien benötigt werden. Die Heraus­forderung: Je schneller die Welt auf einem 1,5-Grad-Pfad voranschreitet, desto härter wird das Wettrennen um die kritischen Rohstoffe.

Auch die Verteidigungsindustrie braucht für ihre Hochtechnologieprodukte immer mehr Rohstoffe. In jedem von Lockheed Martin in den USA gebauten F-35-Kampfjet, dem zukünftigen Kernstück von Deutschlands nuklearer Teilhabe im Rahmen der NATO, befinden sich mehr als 400 Kilogramm an Komponenten mit Seltenen Erden. Grundsätzlich gilt, je moderner und technologisch anspruchsvoller ein Waffensystem, desto größer der Bedarf an kritischen Rohstoffen.

Der wachsende Rohstoffbedarf und die hohe Importabhängigkeit werden zu Europas Achillesferse in einer Welt, in der wirtschaftliche Sicherheit immer häufiger gleichgesetzt wird mit nationaler Sicherheit. Denn Kontrolle über „strategische Wirtschaftsgüter“ wird vermehrt als geopolitisches Druckmittel eingesetzt. 2010 hat China nach Streitigkeiten mit Japan um Inseln im Ostchinesischen Meer den Export von Seltenen Erden nach Japan eingestellt. Zuletzt im Zuge des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Russland seine Energieexporte als geopolitisches Druckmittel benutzt. Daher setzen die großen Volkswirtschaften nun darauf, kritische Infrastrukturen, neue Technologien oder kritische Rohstoffe vor dem Einfluss systemischer Wettbewerber zu schützen beziehungsweise asymmetrische Abhängigkeiten zu reduzieren.

Rasant steigende Nachfrage

Laut Internationaler Energieagentur (IEA) verdreifacht sich bis 2040 in der Wind­energie die Nachfrage nach Seltenen Erden wie Neodym und Praseodym, die man für Magneten benötigt. Für Photovoltaik schätzt die IEA, dass sich der Bedarf an kritischen Rohstoffen bis 2030 um 150 bis 400 Prozent erhöht. Schätzungen zufolge werden 20 bis 30 Prozent aller im Jahr 2030 verkauften Fahrzeuge E-Autos sein, was den Bestand um das mindestens Elf­- fache erhöhen würde. Dafür muss die Batterieproduktion massiv ausgeweitet werden. Das treibt die Nachfrage nach Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Graphit in die Höhe. Allein die globale Lithium-Nachfrage steigt nach Schätzungen bis zum Ende der Dekade um durchschnittlich 30 Prozent pro Jahr.

Halbleiter spielen eine unverzichtbare Rolle für die Digitalwirtschaft. Computer, Smartphones, intelligente Stromnetze, Autos, Satelliten, Kampfflugzeuge, KI-­Anwendungen benötigen alle Chips. Allein in der Autobranche verdreifacht sich der Bedarf bis 2030. Der Halbleiterproduktionsprozess stützt sich auf eine Vielzahl an kritischen Rohstoffen, wie Palladium, Kobalt, Gallium, Germanium, Seltene ­Erden und Silizium.

Um die eigene Position auf den Leitmärkten der Zukunft zu stärken, subventionieren die EU, die USA und China massiv die heimische Industrie. Pekings „Made in China 2025“- und „Dual Circulation“-­Strategien sowie der amerikanische CHIPS and Science Act sowie der Inflation Reduction Act stehen stellvertretend für diesen Trend. Die EU hat mit einem eigenen Chips Act, dem Net Zero Industry Act und dem Critical Raw Materials Act nachgezogen. Mit dem 43 Milliarden Euro schweren Chips Act soll der europäische Anteil am globalen Halbleitermarkt von knapp 10 auf 20 Prozent verdoppelt werden.

Das Ziel ist immer das gleiche: Mit heimischer Produktion soll die Nachfrage der eigenen Industrie besser abgedeckt und so Wertschöpfung vor Ort gehalten werden. Jedoch wird bisher vor allem in den Aufbau von sogenannten Gigafactories investiert, in denen die Endprodukte der Zukunftsindustrien produziert werden (Halbleiter, E-Auto-Batterien). Aber gleichzeitig wurde bisher nicht die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichergestellt, die am Anfang jeder Produktion stehen. Dabei ist der Aufbau sicherer Lieferketten von der Mine bis zur Fabrik für Zukunftstechnologien von entscheidender Bedeutung.

Die Angebots-Nachfrage-Lücke

Bereits heute ist absehbar, dass die Nachfrage das Angebot an kritischen Rohstoffen übersteigen wird. 2035 fehlen allein für E-Auto-Batterien aktuellen Prognosen zufolge 74 Lithium-, 62 Kobalt-, 72 Nickel- und 144 Graphit-Minen. Es ist wenig überraschend, dass sich Autokonzerne immer häufiger direkt an Minen beteiligen oder Halbleiterproduzenten übernehmen, um die eigene Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten sicherzustellen.

Hinzu kommt, dass die Europäische Union die kritischen Rohstoffe, die zur Herstellung von Halbleitern, Batterien, Photovoltaik- oder Windkraftanlagen verwendet werden, vor allem von geopolitischen Wettbewerbern importiert, insbesondere aus China und Russland sowie aus Ländern mit komplizierten politisch-wirtschaftlichen oder militärischen Verhältnissen. Die Demokratische Republik Kongo (DRC) produziert 70 Prozent des weltweiten Kobalts, das unter anderem für E-Autos und Halbleiter benötigt wird. Europa importiert den Großteil seines Kobaltbedarfs aus der DRC. 15 der 19 dortigen Kobaltminen sind in chinesischem Besitz.

Eine ähnliche Konzentration gibt es bei der weltweiten Lithiumproduktion: Aus­tralien, Chile und China kontrollieren fast 90 Prozent des Abbaus. Palladium, das für Halbleiter und E-Autos benötigt wird, wird vor allem in Russland und Südafrika abgebaut. 40 Prozent des EU-Verbrauchs kommen aktuell aus Russland. China ist der weltgrößte Produzent von Silizium, das für Solarpanels benötigt wird. Auch Seltene Erden werden größtenteils in China gewonnen. Die EU bezieht über 90 Prozent ihres Bedarfs aus China. Die Quote ist höher, als sie es bei Öl und Gas aus Russland je war.

Diejenigen, die Liefer- und Wertschöpfungsketten auf den Leitmärkten der Zukunft kontrollieren, vereinigen signifikante industrielle Macht im 21. Jahrhundert auf sich. Spätestens seit Paul Kennedys bahnbrechender Studie „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ wissen wir, dass sich die Machtposition eines Staates in der internationalen Ordnung stark von seinem ökonomischen Fundament ableitet. Für die Auto-, Energie- und Digitalindustrie beginnt dieser Machtwettbewerb in den Minen, die jene kritischen Rohstoffe zutage fördern, die am Beginn der Wertschöpfung stehen.

Rohstoffe „made in Germany“

Mehr Versorgungssicherheit gibt es durch Diversifizierung der Importe sowie das Hochfahren von Recycling und Kreislaufwirtschaft, vor allem aber durch mehr ­heimischen Bergbau.

Diversifizierung ist wichtig und richtig. Deshalb sind Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschafts- und -klimaschutzminister Robert Habeck nach Kanada, Australien, Namibia und Chile gereist. Ziel all dieser Besuche war die Erschließung neuer oder die Vertiefung bestehender Rohstoffpartnerschaften. Aber zwei Dinge bremsen die Euphorie.

Zum einen ist es nicht so leicht, neue Partner zu finden. Es ist nicht so, dass die Welt nur darauf wartet, mit Deutschland Rohstoffpartnerschaften einzugehen oder mehr Rohstoffe nach Europa zu exportieren. Indonesien, ein Land mit großen Vorkommen (darunter Nickel, Bauxit, Kupfer und Zinn) verhängt immer mehr Exportverbote und hat sich darüber mit der EU Streitigkeiten vor der Welthandels­organisation geliefert. Auch andere Länder versuchen, die Rohstoffe im eigenen Land weiterzuverarbeiten und so mehr heimische Wertschöpfung zu generieren. Da überrascht es nicht, dass es bei der Lateinamerika-Reise von Bundeskanzler Scholz keine neuen Lithium-Vereinbarungen gab.

Zum anderen darf es auch keine Illusionen hinsichtlich der Rohstoffkooperation mit Alliierten und Wertepartnern geben. Zwar haben die EU und die USA erst kürzlich den Grundstein für eine Rohstoff­allianz gelegt. Und auch im G7-Rahmen soll die Rohstoffbeschaffung stärker koordiniert werden. Aber auch zwischen diesen Ländern wird es zu Konkurrenzsituationen kommen, wenn die globale Nachfrage nach kritischen Rohstoffen höher ist als das Angebot.

Wie hart um knappe Güter gerungen wird, hat uns die Covid-19-Pandemie vor Augen geführt. Damals haben die USA den Export kritischer Vorprodukte für die Impfstoffproduktion in Europa zurückgehalten – sowohl unter Präsident Donald Trump als auch unter Präsident Joe Biden. Deshalb ist es so wichtig, global insgesamt mehr Rohstoffe zu fördern, um die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage zu verkleinern. Dabei können insbesondere Tiefsee- und Weltraumbergbau eine Rolle spielen. Mit dem Tiefseebergbau wird wohl bereits im Sommer dieses Jahres in der exklusiven Wirtschaftszone des Inselstaats Nauru im Pazifik begonnen werden, vorbehaltlich einer Entscheidung der Internationalen Meeresbodenbehörde. Auch der Weltraumbergbau macht Fortschritte. Das Unternehmen ­AstroForge wird dieses Jahr zwei Satelliten in die erdnahe Umlaufbahn schicken, um den Rohstoffabbau auf einem Asteroiden zu testen. Bis zum nennenswerten Tiefsee- oder Weltraumbergbau werden aber noch einige Jahre vergehen.

Auch Recycling und Kreislaufwirtschaft werden frühestens ab 2030 zu mehr Versorgungssicherheit beitragen können. Zuerst müssen große Rohstoffmengen in den Stoffkreislauf kommen und die Produkte das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Dann können verstärkt Sekundärrohstoffe die Rohstoffsicherheit erhöhen. Das heißt: Zunächst müssen Rohstoffabbau und -weiterverarbeitung hochskaliert werden. Und bei allem Fortschritt beim Recycling darf man nicht vergessen, dass häufig noch die Wirtschaftlichkeit oder das technologische Know-how für die Wiederverwertung bestimmter kritischer Rohstoffe nicht gegeben ist.

Kurz- bis mittelfristig lässt sich der Rohstoffbedarf daher nur über mehr heimische Förderung und Weiterverarbeitung erhöhen. Heimischer Bergbau ist ein zentrales Instrument für mehr strategische Autonomie auf globaler Ebene. Auch die IEA fordert, dass der Ausbau bestehender und der Bau neuer Minen sofort begonnen werden sollen, um das Ziel „Netto-Null-Emissionen“ bis 2050 zu erreichen – auch in Europa.

Kritische Rohstoffe wie Lithium oder Seltene Erden sind in signifikanten Mengen in Europa vorhanden, unter anderem in Finnland, Frankreich, Schweden, Spanien oder Portugal. Erst im Januar 2023 wurde in Schweden mehr als eine Million Tonnen an Seltenen Erden gefunden – das größte in Europa nachgewiesene Vorkommen. Auch in Deutschland gibt es entsprechende Vorkommen an Seltenen Erden und Lithium.

Drei strategische Erwägungen

Für heimischen Abbau und Weiterverarbeitung gibt es drei strategische Erwägungen: Erstens investiert Europa aktuell massiv in den Aufbau von Halbleiter- und Batteriefabriken. Bisher ist aber der benötigte Rohstoffinput für die Produktion in diesen Großfabriken nicht sichergestellt. Gleiches gilt für den Verteidigungs- und Raumfahrtsektor. Ein Ausbau des heimischen Bergbaus bietet die Möglichkeit, Importabhängigkeiten zu verringern und Versorgungssicherheit zu erhöhen. Beides ist Voraussetzung dafür, dass Deutschland über jene Rohstoffe verfügt, die es für die Industrien der Zukunft braucht.

Zweitens muss anerkannt werden, dass Kontrolle über und Verfügbarkeit von kritischen Rohstoffen heutzutage Voraussetzung ist für das Funktionieren moderner Gesellschaften und ihrer Ökonomien. Daher lohnt ein Vergleich von Bergbau und Landwirtschaft. Vor dem Hintergrund der russischen Angriffe auf die ukrainische Getreideproduktion stellt niemand den Mehrwert der heimischen Landwirtschaft für die Versorgungssicherheit mit Nahrung infrage. Was für die Landwirtschaft gilt, gilt genauso für den heimischen Bergbau: Heimische Produktion stärkt nationale Resilienz. Hier produzierte Erzeugnisse machen Deutschland unabhängiger von Importen und schützen vor geopolitischer Erpressung durch systemische Wettbewerber.

Drittens hat Europa das Potenzial, eine Vorreiterrolle beim nachhaltigen Bergbau einzunehmen. Heimischer Bergbau sollte Rohstoffimporten vorgezogen werden, wenn er mit besseren Sozialstandards verbunden ist, einen geringeren CO2-Fußabdruck als Rohstoffeinfuhren hat und die Resilienz der Lieferkette stärkt. Bereits heute gelten in Deutschland und Europa die höchsten Nachhaltigkeits-, Menschenrechts- und Umweltschutzstandards, anders als in vielen aktuellen Hauptförderländern. Mehr noch sind europäische Bergbauunternehmen führend bei CO2-neutralem Abbau und dem Recycling von Bergbauabfällen. Genauso wie nachhaltig produzierter Kaffee bei Starbucks oder die Kleidung bei Patagonia mit einem Aufschlag bepreist wird, kann das auch bei kritischen Rohstoffen „made in Germany“ gelingen.

Heimischer Bergbau ist die beste Möglichkeit, um kurz- bis mittelfristig die strategische Autonomie bei Rohstoffen zu erhöhen und größeren Einfluss auf die Wertschöpfungsketten der Zukunft aus­zuüben. Und mit jeder heimisch geförderten Tonne verringert sich das geopolitische Erpressungspotenzial durch systemische Wettbewerber.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2023, S. 87-91

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Mehr von den Autoren

Stefan Steinicke

Metallkrise in Sicht

Die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen steigt schneller, als das Angebot ausgeweitet werden kann. Es drohen Lieferengpässe.

Dr. Stefan Steinicke ist Referent der Abteilung „Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt“ beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

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