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30. Juni 2025

Unternehmen Politikberatung

Günter Henle, Berthold Beitz, Arend Oetker: Industrielle haben von Beginn an eine maßgeb­liche Rolle bei Gründung und Etablierung der DGAP gespielt. Ganz früh und ganz vorne dabei: Otto Wolff von Amerongen. Ein Porträt.

Jochen Thies
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Bild: Porträt von Otto Wolff von Amerongen in späteren Jahren
Rheinländer und Weltbürger: Otto Wolff von Amerongen (1918-2007) war nicht nur erfolgreicher Unternehmer und rastlos Reisender, sondern auch ein wichtiger Förderer der deutschen Thinktank-Szene.
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In der frühen Bundesrepublik war Otto Wolff von Amerongen ein Solitär. Die Umstände ­machten ihn dazu. 

Er hatte Zugriff auf Transportmittel, über die außer ihm nur der Bundeskanzler verfügte. Trotz Devisenbewirtschaftung konnte er ins Ausland reisen. In Zeiten des Kalten Krieges gelang es ihm, Barrieren niederzureißen, die die Politik nicht zu überwinden vermochte. Für das außen- und wirtschaftspolitisch nur halbsouveräne Land wurde er somit zu einem Glücksfall, vor allem für die Öffnung nach Osten. 


Helfende Hände

Eigentlich hatte Amerongens Vater, eine bedeutende Figur im Russland- und China-Geschäft der 1920er Jahre, den Lebensweg seines Sohnes vorgegeben. Aber NS-Diktatur, Krieg und die schwierigen Anfangsjahre der Bundesrepublik verhinderten zunächst, dass dieser Plan umgesetzt werden konnte.

Amerongen, ein hochgewachsener Kölner vom Jahrgang 1918, der nie das heimische Idiom verleugnen konnte, hatte eine privilegierte Jugend. Er lebte bei seiner evangelischen Mutter, ging abwechselnd in Köln und Bad Reichenhall zur Schule und sah seinen Vater nur zeitweise. „Einen väterlichen Freund“ hat er ihn genannt. 

Nach dem Abitur in Köln musste Amerongen eine Lehrlingsausbildung im eigenen Unternehmen abbrechen und diente in der Wehrmacht. Als Oberleutnant kämpfte er in Russland und entging nur knapp der Katastrophe von Stalingrad. 

Wie mancher andere Soldat, der an der Ostfront stand, verband ihn zeitlebens eine emotionale ­Beziehung mit Russland. Das galt umgekehrt auch für die russische Seite. Eine von mehreren ­Beurlaubungen vom Wehrdienst brachte ihn kurz nach dem Tod des Vaters 1942 ins neutrale Portugal. 

Dabei waren helfende Hände im Spiel: Einflussreiche Freunde fanden, dass Otto überleben müsse, um das Lebenswerk des Vaters zu retten. „Abwehr und Widerständler“ hätten ihm „den Weg geebnet“, hat Amerongen dazu viele Jahre später gesagt. 

Kritiker haben diese Operation als Verrat am eigenen Land angesehen. In Lissabon herrschten Verhältnisse, wie sie der Film „Casablanca“ treffend beschreibt. Dort führte Amerongen eine Doppelexistenz als Jungunternehmer und als Geheimdienstler. Es ging da auch um die Beschaffung von seltenen Erden, etwa dem kriegswichtigen Wolfram. 

Ein knappes Jahr nach Kriegsende kehrte Amerongen in die Heimat zurück. Köln lag in Trümmern. Sein Mentor Erwin Planck, Sohn des weltberühmten Physikers und zeitweise „Prinzenerzieher“ des jungen Amerongen, war als Mitglied des Widerstands gegen Adolf Hitler Ende Januar 1945 hingerichtet worden. Die Prägung in einem außergewöhnlichen Umfeld und Elternhaus führte dazu, dass sich Amerongen für ein Unternehmerdasein mit Übernahme von Verantwortung in Staat und Gesellschaft entschied. 

Am liebsten wäre er Sportlehrer, Chemiker oder Journalist geworden, hat der begeisterte Tennisspieler einmal gesagt. Amerongen unterschied sich damit von seiner Alterskohorte, der sogenannten Deutschland AG, die im Staate Adenauers viel ­Einfluss besaß, sich aber im Hintergrund hielt. 


Rauschende Feste

Amerongen hätten auch andere Möglichkeiten offen gestanden, eine politische Karriere oder eine Luxusexistenz, wie sie Krupp jr. oder die Söhne des Industriellen Willy Sachs führten. Er wählte einen ganz eigenen Weg, dabei nicht auf die Sonnenseiten des Lebens verzichtend, was ihm viel Neid eintrug. 

Dabei verhielt er sich moralischer als viele, deren Opportunismus und Mitläufertum ihm aus den zurückliegenden Jahren wohlbekannt waren. Auf der Gehaltsliste des Otto-Wolff-Konzerns, den er vom Vater 1940 übernommen hatte, standen Persönlichkeiten, die am 20. Juli 1944 ihr Leben riskiert hatten. Amerongen hat davon nie viel Aufhebens gemacht. 

Der Aufstieg des Stahlindustriellen zu einem der einflussreichsten Unternehmer der Bundesrepublik war auf das Engste mit dem „Wirtschaftswunder“ verbunden. Kaum jemand hat die nun einsetzende Erfolgsgeschichte des Landes strahlender verkörpert als der Rheinländer. In der Villa in Köln-­Marienburg gingen die Repräsentanten von Staat und Gesellschaft ein und aus und mit ihnen die Repräsentanten der westlichen Besatzungsmächte, dazu – wie beim Vater – Russen und Chinesen. 

Es gab rauschende Feste. Eine von Amerongens Töchtern heiratete den Unternehmer Arend Oetker, der später wie auch Amerongen selbst eine wichtige Rolle in der DGAP spielen sollte.


Informelle Beratungszirkel

Der Beginn war alles andere als einfach: Viele Unternehmensstandorte zerstört oder am Boden, dazu das Misstrauen der Briten, die Otto Wolff von Amerongen nach der Rückkehr nach Deutschland festsetzten und monatelang verhörten. Als Amerongen freikam, gelang es ihm nach dem Ausscheiden eines Halbbruders aus dem Unternehmen binnen weniger Jahre, eines der größten deutschen Stahlhandelshäuser aufzubauen. Das weit verzweigte Firmenkon­glomerat entwickelte sich zum führenden Produzenten von Weiß- und Feinblech. 

Zu dieser Zeit entstanden in Köln und Bonn erste informelle Zirkel, in denen über Außenpolitik, Handel und Verteidigung beraten wurde. Ein alter Bekannter von Amerongen, der Diplomat Hans Kroll, kündigte im Oktober 1952 im Namen der Bundesregierung die Bildung eines Ost-­Ausschusses der deutschen Wirtschaft an. Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatten dieses Gremium ins Leben gerufen, um den Handelsverkehr der Bundesrepublik mit kommunistischen Staaten auch ohne diplomatische Beziehungen ausbauen zu können.

Der Streit um die Ostpolitik ging mitten durch die DGAP und hinterließ so manche Wunde

Kroll, der später Botschafter in Moskau wurde, kannte Amerongen aus gemeinsamen Tagen auf der iberischen Halb­insel, wo Kroll Generalkonsul in Barcelona gewesen war. Für die bevorstehende Aufgabe war Amerongen mit seiner Vita und seinen Kontakten der richtige Mann. 

Dabei hatte er durchaus Schwierig­keiten mit der amtlichen Außenpolitik. Zu viele Diplomaten mit NS-Vergangenheit waren seiner Meinung nach in die Außenpolitik involviert, ebenso zu viele Dogmatiker, die der Hallstein-Doktrin frönten, der zufolge die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR durch Drittstaaten als „unfreundlicher Akt“ gegenüber der Bundesrepublik Deutschland zu be­trachten sei.


Heimlicher Osthandelsminister

So etwas wie Politikberatung existierte Mitte der 1950er Jahre noch nicht, geschweige denn, dass es dafür geeignete Institutionen gegeben hätte. Umso wichtiger waren persönliche Kontakte. Unter den „Noch-einmal-Davongekommenen“ herrschte ein gewisser Corpsgeist, unabhängig davon, wie man sich im Dritten Reich verhalten hatte. 

Amerongens Erfolgsrezept war eine Mischung aus dem Klüngel in Köln, „wo man sich kennt“, und einem enormen Netzwerk, das er durch die Übernahme von wichtigen Ehrenämtern gezielt ausbaute. Rasch erwarb er sich den Ruf, der heimliche Osthandelsminister der Bundesrepublik zu sein. Er wusste: „Einfluss ist interessanter als Macht.“ 

Zwar verhinderten die Amerikaner seine erste große Moskau-Reise im Jahre 1954, aber die Dynamik in den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen nahm zu. Schon 1957 verdrängte die Bundesrepublik Großbritannien von der Spitzenposition im Handel mit Osteuropa. Sehr früh erkannte Amerongen die Chancen, die sich im China-Geschäft ergaben, was im selben Jahr zu einem Handelsvertrag mit Peking führte. Auch dort besaß der Name Amerongen Klang, auch dort wirkte er ver­trauensbildend. 1958 folgte ein ­Handelsvertrag mit der Sowjetunion.

Amerongen wurde ein rastlos Reisender, mitunter war er mit Wirtschaftsdelegationen wochenlang unterwegs. Wichtige Entscheidungen in seiner Firma, die Rost anzusetzen begann, wurden aufgeschoben oder unterblieben ganz. Mitte der 1960er Jahre geriet Amerongen mit seinem Unternehmen in Schwierigkeiten, 1989 verkaufte er es.  


Nähe zu Brandt, Distanz zu Schmidt

Daheim begann Amerongen, sich zu allen Fragen der Gesellschaftspolitik zu äußern. Dabei konnte er auf Foren zurückgreifen, die sich in den Jahren zuvor gebildet hatten. 1955 wurde die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Bonn nach dem Vorbild von Chatham House gegründet. Der Industrielle Günter Henle, ein Mann mit ähnlichem Lebenslauf wie Amerongen, wurde ihr erster Präsident, Amerongen Präsidiumsmitglied und großer Förderer der neuen Institution. 

Zum Unterstützerkreis gehörten 53 Unternehmen. Transatlantische Verbindungen kamen hinzu, die wichtige Mitgliedschaft in der „Bilderberg-Konferenz“, dem „Tönissteiner Kreis“, der Trilateralen Kommission, später der Atlantik-Brücke.

Amerongen bereiste fortan die ganze Welt. Er entdeckte Nord- und Südamerika, wurde Vorstandsmitglied beim Erdölgiganten Exxon und erwarb eine Ranch in Texas. Er schloss Freundschaften mit vielen Amerikanern. Die Auswirkungen des Dekolonialisierungsprozesses in ­Afrika nahm er früh ins Blickfeld. 

1965 wurde in der DGAP eine Ost-
West-Studiengruppe gegründet, die sich zum Ziel setzte, die Hallstein-Doktrin flexibler anzuwenden. Amerongen wurde Mitglied des alle zwei Monate tagenden Gremiums und ging aus wirtschafts- und außenpolitischen Gründen immer mehr auf Distanz zur CDU. Er verstand sich gut mit Willy Brandt, weniger mit Helmut Schmidt. Kein Wunder, denn hier trafen zwei Alphatiere aufeinander, zwei Oberleutnants a.D. des Jahrgangs 1918. Deutlich entspannter war das Verhältnis von Schmidt zu Berthold Beitz, einem anderen wichtigen Brückenbauer im Osthandel und DGAP-Präsidiumsmitglied. Interessanterweise erwähnen weder Beitz noch Schmidt Amerongen in ihren Memoiren. 

Wenn Probleme zu überwinden waren, traf sich Amerongen mit Hans-Jürgen Wischnewski – in Köln, wo man unbeobachtet war. Dem Verhandlungsstil von Egon Bahr bei den Ostverträgen begegnete der Russland-Kenner mit Skepsis. Der Streit um die Ostpolitik ging mitten durch die DGAP und hinterließ manche Wunde. 

Amerongen war nicht ausschließlich auf die Sowjetunion fixiert, sondern verfolgte auch mit Sympathie die Entwicklungen in Polen und in Ungarn. 1969 wurde er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstags (DIHT) und bekam damit ein wichtiges Instrument für seine globalen Aktivitäten in die Hand. 

Der Lebenskünstler, Europäer aus tiefer Überzeugung, als Kölner ein natürlicher Freund Frankreichs und der Staaten im Westen, starb 2007 in seiner Heimatstadt. Bis zum Lebensende blieb er den außenpolitischen Institutionen verbunden, die er angeregt und in denen er viele Ehren­ämter übernommen hatte. In der DGAP hat er bleibende Spuren hinterlassen: Seit 1991 nennt sich der Leiter des Forschungs­instituts „Otto Wolff-Direktor“.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 3, Juni 2025, S. 18-21

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Dr. Jochen Thies lebt als Kolumnist und Publizist in Berlin. Thies war u.a. stellv. Leiter der Redenschrei
bergruppe von Bundeskanzler Helmut Schmidt und Chefredakteur des Europa-
Archivs, aus dem 1995 die IP wurde.