Ukraine-Krieg: Analyse statt Parolen
Ist Europa auf den schlimmsten Fall vorbe reitet? Und was bräuchte es für den best denkbaren? Die zweite Amtszeit Trumps ist die gefährlichste Phase.
Unter allen Faktoren, die den Ausgang des Ukraine-Krieges maßgeblich beeinflussen, dürften neben der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine die US-Politik und die Handlungsfähigkeit der Koalition der Willigen am bedeutendsten sein. Insgesamt scheinen derzeit sowohl die Russen und die Ukrainer als auch die Europäer zu hoffen, dass die Zeit auf ihrer Seite ist, insofern ist die Bereitschaft zu Kompromissen gering.
Allein die USA unter Donald Trump sehen mehr Vor- als Nachteile in einem schnellen Ende des Krieges. Politisch spricht manches dafür, dass die zweite Trump-Präsidentschaft die gefährlichste Phase ist: Solange er an der Macht ist, muss Russland nur mit den Europäern rechnen. Nicht die USA sind der Garant für die Vorneverteidigung Europas, sondern die Ukraine, gerade weil Europa sich bislang weder selbst verteidigen will noch kann. Also ein Wettlauf mit der Zeit: Wird die Koalition der Willigen die Kondition haben, das Ausscheren der USA zu kompensieren und Russland in die Defensive zu zwingen? Was, wenn nicht?
Im fünften Kriegsjahr wächst der Wunsch nach Kriegsbeendigung auf allen Seiten, wenn auch nicht bedingungslos. Die politische, finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine und die Resilienz der Ukraine nehmen tendenziell ab. Der Triumph des Willens, der Ruf nach einem gerechten Frieden und strategische Narrative ersetzen keine nüchterne Analyse der Lage. Die oberste Priorität der NATO-Mitglieder ist die Vermeidung einer militärischen Konfrontation mit Russland, ihr bleibt die Unterstützung der Ukraine untergeordnet. Die Rede von der Kriegstüchtigkeit Deutschlands bezieht sich auf einen russischen Angriff an der NATO-Ostflanke, nicht jedoch darauf, dass der Ukraine die Ressourcen wegbrechen.
Weder Russland noch die Ukraine konnten den Abnutzungskrieg in eine Niederlage des Gegners verwandeln. Die Gewalt lässt sich indes nicht dauerhaft mit derselben Intensität fortsetzen. Entweder es kommt zu einer Entscheidungsschlacht, oder der Krieg geht in eine anhaltende Rivalität mit Phasen geringerer und dann wieder erhöhter Gewaltintensität über, vergleichbar dem Zustand von 2014 bis 2022 – oder ein Waffenstillstand wird in direkten oder über Dritte vermittelten Verhandlungen erreicht.
Der Triumph des Willens und der Ruf nach gerechtem Frieden ersetzen keine nüchterne Analyse
Seit Beginn des Ukraine-Krieges versuchen Beteiligte und Beobachter eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Krieg enden könnte. Jeder selektiert Nachrichten und präferiert Endzustände, die eigenen Wünschen entsprechen. Die Verwundbarkeit des Gegners gilt in einer Art Nullsummendenken als Beleg für eigene Siegesaussichten. Die kollektive Psyche wehrt sich gegen ein Verlustszenario. Schon das Nachdenken über Szenarien gilt russischen, ukrainischen und europäischen Entscheidungsträgern als Tabu. Das Schlachtfeld ist der Souverän, der Krieg mithin nicht Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, um definierte Kriegsziele zu erreichen, sondern er tritt an die Stelle von Politik. Politiker und Medien wiederholen eine Durchhalterhetorik, um zwei Fragen auszuweichen: Ist man auf den schlimmsten Fall vorbereitet? Und was wäre nötig, um den bestdenkbaren Ausgang zu bewirken?
Von den zwischen 1946 und 2005 gezählten 63 zwischenstaatlichen Kriegen endete nur jeder fünfte mit einem eindeutigen Ergebnis. Einer von sechs Kriegen endete mit einem Friedensabkommen, ein Drittel ohne klare Einigung oder Niederlage. Zwischen 1975 und 2018 scheiterten fast vier von zehn der Friedensabkommen. Darüber hinaus scheiterten mehr als drei Viertel der Friedensabkommen bereits innerhalb von zwei Jahren, 12 Prozent hielten zwei bis fünf Jahre und weitere 12 Prozent hielten mehr als fünf, scheiterten aber dann doch. Friedensabkommen sollten nicht mit überzogenen Erwartungen an ihre Dauerhaftigkeit überfrachtet werden. Erfolg misst sich am Gewaltverzicht, der Beendigung von hochintensiven Kampfhandlungen, einem negativen Frieden, verstanden als Abwesenheit von akuter Gewaltanwendung.
Der Krieg hat das Repertoire der Möglichkeiten bereits verringert. Nicht im Bereich des Erreichbaren liegen ein Regimewechsel in Moskau, eine vollständige Revision der russischen Eroberungen, die Reintegration jener Ukrainer, die infolge russischer Besatzung einen russischen Pass angenommen haben, und ein Kriegsverbrechertribunal. Ein Versailler Vertrag, ein Potsdamer oder Dayton-Abkommen sind gegenüber Russland ausgeschlossen. Aber auch eine Mitgliedschaft der Ukraine in der EU liegt in weiter Ferne, geschweige denn in der NATO.
Ziele und Positionen
Die US-Regierung möchte den Krieg so bald wie möglich beendet sehen. Handlungsleitend ist ein Kosten-Nutzen-Kalkül. Der Druck Washingtons richtet sich hauptsächlich gegen die Ukraine und die europäischen NATO-Verbündeten. Von den Europäern erwartet Trump sowohl die Übernahme eines größeren Anteils der Kosten für die gemeinsame Verteidigung im Rahmen der NATO als auch die Bezahlung der Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Ukraine wird gedrängt, dem Verzicht auf die von Moskau beanspruchten Gebiete zuzustimmen und den USA den Zugang zu Seltenen Erden und anderen Ressourcen zu gewähren. Auch wenn der Ukraine-Krieg weiterhin von 69 Prozent der Amerikaner als wichtig für die nationalen Interessen der USA angesehen wird, nimmt die Bereitschaft zur Unterstützung ab. Der Iran-Krieg, die Folgen der Schließung der Straße von Hormus und die Erschöpfung amerikanischer Rüstungsbestände verstärken eine Entwicklung, die sich abzeichnete: den Ausstieg der USA als Vermittler. Europas Unterstützer der Ukraine können so weder die Diplomatie an die USA delegieren noch auf Abschreckung durch die USA vertrauen.
Russlands Führung baut auf die rückläufige militärische, finanzielle und politische Unterstützung der Ukraine. Der Kreml geht davon aus, rüstungswirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich mehr Durchhaltevermögen und Zerstörungspotenzial als die Ukraine aufbringen zu können. Die gewaltigen Kosten des Krieges (hohe Inflation, geringes Wachstum, die Bevorzugung des militärisch-industriellen Komplexes, die Belastung der Haushalte und die geschätzt 1,2 Millionen Toten und Verwundeten) werden noch als politisch verkraftbar betrachtet, selbst wenn die Kriegsmüdigkeit zunimmt. Die russische Wirtschaft schien lange resistent, doch der Niedergang ist mittlerweile in fast allen Sektoren zu spüren. Eine aktuelle Umfrage in Russland deutete auf einen nur leichten Rückgang der Unterstützung hin, die Zustimmung zum Krieg liegt aber weiter über 70 Prozent. Der russische „Gesellschaftsvertrag“ – Wohlstand gegen Stillschweigen – erodiert gleichwohl infolge des Krieges.
Der Kreml realisiert, dass er den Abnutzungskrieg nicht gewinnen kann. In Russland mehren sich Anzeichen, dass eine Strömung nach Optionen für einen Ausstieg sucht, während eine andere (Alexander Dugin, Dmitri Medwedew, Sergei Karaganow und Konstantin Malofejew) die Eskalation bis hin zum Einsatz von Atomwaffen fordert. Was, wenn sie sich durchsetzen?
Der Einsatz taktischer Atomwaffen in der Ukraine und die gleichzeitige Verstärkung hybrider Angriffe auf östliche NATO-Staaten würden den Krieg nicht militärisch entscheiden, aber eine neue Massenflucht auslösen, in Europa den Fokus auf Selbstverteidigung verschieben und militärische wie finanzielle Ressourcen binden, die sonst der Ukraine zugutekämen. Russland könnte die sicherheitspolitische Agenda diktieren: Die Spannung zwischen Vorneverteidigung durch die Ukraine und Selbstschutz würde sich verstärken. Bisher hat Russland den Rubikon mit dem Abschuss atomar bestückbarer Oreschnik-Raketen nicht überschritten. Eine Garantie dafür und eine Abwehr dagegen gibt es nicht.
Durchhalteparolen statt Strategie
Die Ukraine will sich von externen Waffenlieferungen unabhängiger machen und sich primär auf die eigene Verteidigungsfähigkeit verlassen. Ihre Fähigkeiten zur Rüstungsproduktion und die Position im Drohnenkrieg haben sich deutlich verbessert. Das strategische Kalkül der Ukraine bleibt indes intransparent, zumal es kaum Debatten über die Zielerreichung gibt. An die Stelle von Strategiediskussionen sind, zumindest öffentlich, Durchhalteparolen getreten. In seinem offenen Brief an Wladimir Putin von Anfang Juni 2026 erklärte Wolodymyr Selenskyj, dass die gegenwärtige Frontlinie der Ausgangspunkt für Verhandlungen sein könne – eine Anerkennung dessen, dass die Kriegstatsachen nicht revidierbar sind. Die ukrainischen Militärs wissen, dass es nicht in ihrer Macht steht, größere Teile der annektierten Gebiete zurückzuerobern.
In der Ukraine waren im November 2024 laut einer Gallup-Umfrage 52 Prozent der Befragten für Verhandlungen über eine schnelle Kriegsbeendigung und 38 Prozent für eine Fortsetzung bis zum Sieg. Im Juli 2025 waren 69 Prozent für eine baldmögliche Verhandlungslösung, nur noch 24 Prozent plädierten für die Fortsetzung des Kampfes bis zum Sieg. Die Kriegsmüdigkeit erhöht den Druck, sich auf Verhandlungen einzulassen. Der Krieg belastet Kyjiw massiv: Er ist nicht nur eine existenzielle Bedrohung für die ganze Gesellschaft, bringt Tod und Verletzung, Traumatisierung und Verluste, Zerstörung und Vernichtung. Er ist auch eine enorme Belastung für die ukrainische Volkswirtschaft. Das Haushaltsdefizit macht etwa 20 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Die ukrainische Wirtschaft leidet unter Arbeitskräftemangel, der Abwanderung von Industrie und Fachkräften aus den umkämpften Gebieten im Osten, unter zerstörter Infrastruktur und Korruption. Stabile 84 bis 85 Prozent der Ukrainer halten ihr Regierungssystem für korrupt. Steuern und heimische Geldanleihen decken nur die elementaren Militärausgaben, die zwei Drittel des ukrainischen Budgets ausmachen.
Mindestens 4,5 Millionen Ukrainer haben das Land seit Kriegsbeginn verlassen, und viele Männer entziehen sich der Wehrpflicht im Lande oder im Ausland. Etwa 200 000 ukrainische Männer im wehrfähigen Alter sollen seit Kriegsbeginn nach Deutschland geflohen sein; die militärische und auch die politisch-gesellschaftliche Resilienz der Ukraine sind mithin prekär. Und: Ethnonationalisten dominieren infolge des Krieges den öffentlichen Diskurs. So trifft die Ent-Russifizierung nun sogar den gebürtigen Kyjiwer Michail Bulgakow („Meister und Margarita“), dessen Denkmal auf Beschluss des Kyjiwer Stadtrats vom Dezember 2025 abgerissen wurde. Proeuropäische Einstellungen sind nicht zwingend intrinsisch, sondern bisweilen transaktional, und sie können auch kippen.
Die europäischen Verbündeten der Ukraine fürchten einen russischen Sieg, weil er das Vorspiel für weitere Angriffe sein könnte, auf das Baltikum, Moldawien oder gar Polen. Die Agenda der europäischen NATO-Mitglieder verschiebt sich angesichts des Kurswechsels der Trump-Regierung jedoch von der Ukraine-Unterstützung hin zur eigenen Kriegstüchtigkeit; der Aufbau einer europäischen Sicherheits- und Verteidigungssouveränität kommt indes nur schleppend voran. Die von europäischen Staats- und Regierungschefs seit 2025 annoncierten „Sicherheitszusagen“ sollen die ukrainischen Streitkräfte entlasten und ihnen bei der Sicherung des Luftraums und der Seewege im Schwarzen Meer helfen; zu verbindlichen Sicherheitsgarantien ist allerdings niemand bereit.
Nach der Einstellung der Militärhilfe an die Ukraine durch die Trump-Regierung haben die europäischen Geber ihre Hilfszuweisungen allein im ersten Halbjahr 2025 auf 23,4 Milliarden Euro erhöht. Stand Juni 2025 hat Europa seit 2022 insgesamt 15,5 Milliarden Euro mehr Militärhilfe geleistet als die USA. Um den Finanzierungsbedarf der Ukraine für 2026 und 2027 zu decken, nimmt die EU Darlehen von 90 Milliarden Euro auf. Schon 2024 hatten die Staats- und Regierungschefs entschieden, der Ukraine 50 Milliarden Euro bis 2027 (jährlich zwölf Milliarden Euro) bereitzustellen. Doch die Bereitschaft, auch über die nächsten anderthalb Jahre hinaus der Ukraine im bisherigen Umfang Finanzhilfen zukommen zu lassen, nimmt ab. Besonders in Deutschland wird die Unterstützung der Ukraine kritischer gesehen. So ermittelte INSA im Februar 2025, dass nur noch 28 Prozent der Befragten wollten, dass die Bundesregierung der Ukraine mit Waffen und Geld hilft. Im Jahr 2027 stehen in acht EU-Staaten nationale Wahlen an. Die Rechtspopulisten werden überall auf Einstellung der Ukraine-Unterstützung und eine Rückkehr der Flüchtlinge dringen.
Der jüngste Fortschrittsbericht der EU zur Ukraine vermerkt zwar Besserungen bei der Verwaltungsreform, beklagt jedoch die begrenzten Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung, den defizitären Minderheitenschutz, die Schwäche des Verfassungsgerichts, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Einschränkungen der Meinungsfreiheit.
Was tun?
Ein Worst-Case-Szenario muss nicht eintreten, aber es wäre sträflich, die genannten Befunde zu ignorieren. Alle Beteiligten müssen sich auf eine Steigerung der Gewalt einstellen, inklusive hybrider Angriffe auf NATO-Staaten, besonders in der verbleibenden Amtszeit der Trump-Regierung bis Januar 2029. Aus Putins Sicht dürfte dies das Zeitfenster sein, in dem er eskalieren kann, ohne mit scharfer Vergeltung aus den USA oder Europa rechnen zu müssen. Moskaus Ambition, zumindest die noch umkämpften Teile der fünf annektierten ukrainischen Gebiete (Krim, Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson) vollständig unter Kontrolle zu bringen, spricht für eine Intensivierung des Kriegsgeschehens.
Kein Waffenstillstand darf den Keim des Revisionismus und Revanchismus in sich tragen
Die Biden-Administration (und China) hielten Putin erfolgreich vom Einsatz der Atomwaffe ab. Nun bräuchte es einen Mechanismus, der Russland glaubwürdig auch ohne Trump abschreckt. Denkbar wären eine Blockade der Ostseedurchfahrt, Hackbacks, die Einziehung russischer Vermögenswerte, die Beendigung von Überflugrechten, die Sanktionierung aller Firmen, die noch im Russland-Geschäft sind, die Aufhebung jeglicher Reichweitenbeschränkungen bei Raketen gegen Russland und konzertierte Sanktionen gegen alle Staaten, die Russland bei der Umgehung von Sanktionen helfen.
Die Ukraine wird eine Verstärkung ihrer Sicherheit für den Fall erwarten, dass sie Gebietsverlusten zustimmt. Kein Waffenstillstand darf den Keim des Revisionismus und Revanchismus in sich tragen. Die Entwicklung europäischer Fähigkeiten ohne die USA ist eine zentrale Voraussetzung für eine glaubwürdige Absicherung jeglicher Friedenslösung. Vorerst müssen die Europäer alles daransetzen, dass die Ukraine bis 2028/29 durchhält. Bis dahin verteidigt Kyjiw auch Europas Sicherheit. Dies sollte Folgen für die Prioritätensetzung haben: Vorrang für die Verteidigung der Ukraine vor der eigenen Kriegstüchtigkeit.
Multilaterale Einbettung
Die von Bundeskanzler Friedrich Merz vorgeschlagene assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine könnte den Beitrittsprozess beschleunigen, selbst wenn sie keinen unmittelbaren Einfluss auf die Sicherheit der Ukraine im kommenden Jahrzehnt hat – dem frühesten Zeitpunkt einer solchen Mitgliedschaft der Ukraine. Doch die Orientierung an den Kopenhagener Kriterien einer Mitgliedschaft würde unumkehrbar, der politische und wirtschaftliche Reformprozess könnte nicht den Prärogativen des Krieges geopfert werden. Ein langer Krieg bedroht Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit und damit das politische Kapital der Ukraine in Europa.
Steigen die USA aus den Verhandlungen aus, müsste die Koalition der Willigen oder ihr Kern, die E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), selbst die diplomatische Agenda mitbestimmen (wie schon bei Minsk I und II sowie dem Normandie-Format), etwa durch den Entwurf einer mit Kyjiw abgestimmten Resolution des UN-Sicherheitsrats, für den sie bei China, Indien, Brasilien, Südafrika, der Türkei und anderen Staaten des Globalen Südens werben. Käme es zu einem Waffenstillstand, müsste er abgesichert werden, am besten mit Truppenstellern aus den BRICS-Staaten (minus Russland).
Sollten die E3 sich nicht als machtvoller Mediator qualifizieren, könnten sie andere, etwa die Türkei, animieren und unterstützen. Wer Russland zum Einlenken bewegen will, muss im Globalen Süden Bündnispartner gewinnen. Obschon es weder völkerrechtlich noch politisch zu einer De-jure-Anerkennung der russischen Annexionen kommen darf, könnten Regeln für den Umgang mit einem künftigen De-facto-Regime formuliert werden, vergleichbar dem (seinerzeit heiß umstrittenen) deutsch-deutschen Grundlagenvertrag. Die Lehre aus den Abkommen von Minsk I und II, der OSZE-Mission und dem Normandie-Format kann nur heißen, dass eine politische Transformation vonnöten ist, eine Verwaltung des Elends reicht nicht.
Drei Konfliktdimensionen sind im Ukraine-Krieg miteinander verkeilt: das strategische Verhältnis zwischen Russland und den USA, die Beziehungen zwischen Russland und der NATO sowie der russisch-ukrainische Konflikt um nationale Selbstbestimmung versus Imperialismus. Erfolgreiche Diplomatie sollte sich um Entflechtung bemühen und mit den leichteren Streitgegenständen beginnen. Verhandlungsspielräume lassen sich nicht vorab fixieren, aber durch Inseln der Übereinkunft verbreitern.
Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 76-81
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