Brief aus...

29. Juni 2026

Trump vs. die Hauptstadt des Multilateralismus

Genf ist die Antithese zum amerikanischen Präsidenten – und wird damit zur Zielscheibe.

Matthias Sander
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Bild: Zeichnung des Genfer Sees und Genfs im Hintergrund
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Als Donald Trump im Januar 2025 seine zweite Amtszeit begann, legte er sich rasch mit Mexiko, Kanada und China an. Weniger beachtet wurde, dass er sich gewissermaßen auch eine Stadt vorknöpfte: Genf. Allein am ersten Tag im Amt unterzeichnete Trump 26 präsidiale Dekrete, und mindestens sieben davon trafen die internationalste Stadt der Schweiz. Genauer: den Stadtteil Quartier des Nations, also das UN-Viertel.

Das Viertel liegt nur ein paar Busminuten vom Bahnhof entfernt, auch der Flughafen ist nicht weit. Herzstück ist der Place des Nations. Von hier blickt man auf die prächtige Fahnenallee, die zum Völkerpalast führt, dem europäischen Sitz der Vereinten Nationen. Drumherum residieren rund 40 internationale Organisationen, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das stolze Genf kann zu Recht sagen, dass es die Hauptstadt des Multilateralismus ist.

Damit ist Genf auch eine perfekte Zielscheibe für Trump. Der Präsident zog mit einer Unterschrift unter eine Executive Order die USA aus der Weltgesundheitsorganisation ab, die in Genf oberhalb vom Völkerpalast thront. Trump hatte die WHO schon in seiner ersten Amtszeit verlassen, deshalb hielt sich die Überraschung in Grenzen. Das Gleiche galt für den erneuten Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen, für das etwa die Genfer Weltorganisation für Meteorologie Daten bereitstellt. Mit Trump werde vieles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht werde, sagte mir damals Michael Møller, ein ehemaliger UN-Generaldirektor.

Andere waren schon im Januar 2025 pessimistischer. Zum Beispiel Charles Adams, ein ehemaliger US-Botschafter unter Barack Obama. Er trat bei einer Podiumsdiskussion in einem typischen Genfer Gutshof auf, direkt gegenüber der riesigen US-Vertretung. Adams sagte, dass er in den USA viele Parallelen zu Deutschland 1933 sehe. Der Saal reagierte mit Schweizer Zurückhaltung, also kaum.

Zumindest den ideologischen Furor der neuen Trump-Regierung begann das internationale Genf bald voll zu spüren. Die Entwicklungshilfebehörde USAID stoppte ihre Zahlungen, ebenfalls infolge einer Executive Order. Das traf viele der rund 460 NGOs, die vor Jahresfrist noch in Genf registriert waren. Eine andere Anordnung verpflichtete das Außenministerium zu einer strikten „America First“-Politik. In der Folge fror Washington Zahlungen an internationale Organisationen ein, welche die Regierung unter Trumps Vorgänger Joe Biden zugesagt hatte. Von einem Tag auf den anderen standen Genfer Organisationen mit 20 Prozent Budget weniger da, manche sogar mit 40 Prozent weniger. 

Diese Zahlungsstopps seien vorläufiger Art, beteuerte die US-Regierung, nach einer Überprüfung werde neu entschieden. Bald aber erhielten NGOs – und laut Insidern auch internationale Organisationen – Post aus Washington: eine Liste mit 36 Fragen, analog zu den Fragebögen, die Elon Musks „Ministerium für Regierungseffizienz“ in den USA verschickte.

Die Fragen an Washingtons sogenannte „Programmpartner“ waren im Kontext der multilateralen Zusammenarbeit geradezu absurd. Etwa: „Stärkt dieses Projekt die Souveränität der USA, indem es die Abhängigkeit von internationalen Organisationen oder globalen Governance-Strukturen reduziert?“ Oder: „Können Sie bestätigen, dass Ihre Organisation keinerlei Mittel erhalten hat“ von China, Russland, Kuba oder Iran? Alle vier Staaten, was auch immer man von ihren ­Regierungen halten mag, sind natürlich Mitglied der UN und verwandter internationaler Organisationen.

Nach drei Monaten machte die amerikanische Regierung den Zahlungsstopp für die NGOs definitiv, Anfang 2026 verkündete sie formell den Rückzug aus 66 internationalen Organisationen. In den UN, allen voran an den wichtigsten und teuersten Standorten New York und Genf, ist längst ein Spar- und Reformprogramm namens UN80 im Gange. Auch eigenständige Organisationen mit gesondertem Budget wie die WHO oder die Internationale Arbeitsorganisation wollen sich gesundschrumpfen. Praktisch alle Organisationen in Genf haben Personal entlassen oder an günstigere Standorte wie Wien oder Johannesburg ausgelagert.

Doch ist deswegen ein Ruck durch Genf gegangen? Ich bin mir nicht sicher. Vielmehr wundere ich mich, wie wenig sich offenbar in den Köpfen verändert hat. Zum Beispiel hat der Kanton Genf zusammen mit der mächtigen Luxus­uhrenfirma Rolex eine Stiftung gegründet, ausgestattet mit umgerechnet mehr als 50 Millionen Euro. Sie soll internationalen Akteuren bei Effizienzsteigerungen helfen, indem sie etwa die Zusammenlegung von Back-Office-Funktionen wie Personalwesen fördert. Doch offenbar sind entsprechende Bewerbungen eher selten. „Viele Organisationen beharren auf ihrer Eigenständigkeit“, sagte mir eine Insiderin.

Ein hochrangiger Beamter eines baltischen Außenministeriums sagte mir im Hintergrundgespräch, bei einem Besuch in Genf fühle er sich wie in einer Blase. Die Leute würden nicht wirklich verstehen, was in der Welt dort draußen los sei. In seinen Zirkeln hingegen diskutiere man längst über historische Parallelen und die Frage, ob wir uns eher im Jahr 1937, 1938 oder 1939 befänden.

Bei einem Festessen zum 50. Geburtstag des Club diplo­matique schließlich diskutierten meine Tischnachbarn naserümpfend, wie wenig präsidentiell Donald Trump sich doch verhalte. Mag sein, warf ich ein, aber das sei völlig egal: Trump definiere einfach um, was präsidentiell sei. Damit setze er neue Standards für sich und global für seine Amtskollegen. Die Folgen ihres unilateralen Handelns werden wir noch lange spüren – bis ins wohlbehütete Genf.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 112-113

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Matthias Sander

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Überschätzt man im Westen die Technologie-Macht China? Erstaunlich ­offen werden vor Ort mittlerweile die Probleme benannt: Abschottung und politische Ideologisierung.

Matthias Sander ist Journalist der NZZ. Nach seiner Zeit als China-Korrespondent berichtet er nun aus Lausanne über die französischsprachige Schweiz. Er schreibt meist über Politik, unter anderem über das „internationale Genf“.
 

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