01. Dezember 2006

Totgesagte sterben länger

Zurück in die Zukunft : Das "Atomzeitalter" wurde weniger rosig als erträumt

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Atomenergie sollte die Kraft der Zukunft sein, der neue Alleskönner. Dieser Strom, so die Verheißung, würde endlos und billig fließen, in einem wunder-baren Kreislauf, fast wie ein Perpetuum mobile. Sogar Autos sollten per Kernspaltung laufen. 1958 präsentierte Ford das Konzept des „Nucleon“ – eines flotten Pickups mit schick geschwungenen Flossen. Und einem Atomreaktor im Heck. Atomkraft war, wie Klaus Traube, vom Macher zum Kritiker mutiert, einst formulierte, die „Erlösungsutopie der fünfziger Jahre“.

Rund 440 Atomkraftwerke arbeiten heute weltweit. Oder sollten wir Kernkraftwerke sagen? Treue Anhänger der Branche bevorzugen die Vorsilbe „Kern-“, weil sie nicht an Atombomben, sondern eher an harmlose Kirschkerne denken lässt und auch recht kerngesund klingt. Die Debatte um Traum oder Albtraum der Atomenergie war immer auch ein Sprachkampf. Unerreicht bis heute die innovative Wortkreation für Atommülllager: Entsorgungspark.

Die ursprüngliche Vision war faszinierend: Zunächst wollte man mit Uran den Strom erzeugen, sodann die Brennelemente wiederaufarbeiten und in Schnellen Brütern erneut verfeuern. Doch spektakuläre Unfälle wie in Harrisburg oder Tschernobyl zeigten überdeutlich die Risiken. Die Wiederaufarbeitung ist voller Tücken, wird nur in Frankreich, Großbritannien und Japan kommerziell betrieben. Technische Probleme häuften sich. Vor allem bei den Brutreaktoren. Theoretisch laufen sie prima. Praktisch nicht. Die USA starteten 1946 ihren Testbrüter Clementine. Doch kommerziell wird hier nicht gebrütet. Das britische Modell lief nie richtig. „Superphenix“, Frankreichs Stolz, wurde nach Störfällen 1998 abgeschaltet. Der kleine japanische Brüter Monju ist seit einem schweren Brand 1995 außer Betrieb. Der deutsche Meiler – Baukosten: über 3,5 Milliarden Euro – ging nie ans Netz. Am bunt bemalten Kühlturm des „Wunderland Kalkar“ dürfen Mutige heute Free Climbing wagen.

Russland brütet unerschrocken weiter, auch Indien will jetzt einsteigen. Andere Länder betreiben noch Versuchsbrüter. Der Mythos vom nuklearen „Brennstoffkreislauf“ bleibt eine Geschichte ungedeckter Schecks. Der hochradioaktive Müll hat bis heute nirgendwo eine sichere Ruhestätte gefunden. Probleme häufen sich überall: Konstruktionsfehler, Unfälle, gigantische Kosten. Für keinen großtechnologischen Traum wurde so viel Kapital versenkt wie für die Luftschlösser der nuklearen Glaubensgemeinschaft. Ist man ein Spielverderber, wenn man darauf hinweist, welche Unsummen für kaputtes Atomspielzeug verschleudert wurden? Für das Milliardengrab Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop etwa, kurz nach Tschernobyl wegen technischer Probleme abgestellt? Für den Abriss des Ungetüms werden noch unsere Kinder Steuern zahlen.

Immer gravierender auch die Bedrohung durch nukleare Proliferation, die die Weltpolitik in Atem hält. Mit der zivilen Nutzung der Atomkraft sind Know-how und Spaltmaterial auch dorthin gelangt, wo man sie auf keinen Fall haben wollte. Der Fall Kim Jong Il lehrt alle Diktatoren: Glücklich ist, wer die Atombombe hat. Verfehlt wurde das große Ziel von Dwight D. Eisenhower, der „Atome für den Frieden“ wollte und die Verbreitung der Bombe stoppen. Gescheitert ist hier auch die Wiener Atomenergieagentur IAEA, 1957 im selben Geiste geschaffen: Atomtechnik zu verbreiten, aber die Bombe zu verhindern. Beim Festhalten am Terminus Kernenergie würde die Agentur übrigens IKEA heißen.

Und doch ist jetzt viel von Wiedergeburt die Rede. Vor allem im energiehungrigen Asien werden neue AKWs gebaut. Die Atomindustrie fusioniert global. Euratom forscht an neuen Reaktorgenerationen. Das Nuclear Energy Institute in den USA hat die PR-Firma Hill & Knowlton, die schon für die Tabakindustrie und den ersten Golf-Krieg kämpfte, beauftragt, die frohe Kunde von der „nuklearen Renaissance“ zu verbreiten. Die Bush-Administration hat nun die Global Nuclear Energy Partnership (GNEP) ausgerufen, eine neue atomare Achse des Guten, auf der Brennstoff rege ausgetauscht, recycelt und immer wieder verfeuert werden soll. 250 Millionen Dollar stehen bereit, um mal zu gucken, wie das funktionieren könnte. Kritische Wissenschaftler haben mitgezählt: Es ist der fünfte Plan binnen fünf Jahren. Die Suche, bilanziert das US-Magazin Techno-logy Review, könnte Jahrzehnte dauern und ergebnislos enden. Vielleicht, meint das Blatt, sollte man die Ziele etwas tiefer hängen und „eine Nuklearindustrie wiederbeleben, die seit 1974 kein erfolgreiches Reaktorprojekt mehr gestartet hat“. Die deutsche Ausgabe des Magazins bat mich kürzlich, den Kern dieser nuklearen Renaissance zu prüfen. Ich fuhr nach Finnland, um den einzigen Hoffnungsschimmer der europäischen Atomindustrie zu bestaunen: die Baustelle des neuen EPR, des European Processurized Watercooled Reactor, eine von Siemens und der französischen Areva betriebene Weiterentwicklung des gängigen Leichtwasserreaktors. Unter dem Reaktor liegt ein riesiges Becken, in dem bei einer Kernschmelze das kritische Gemisch aufgefangen und gekühlt werden soll. Das neue Kraftwerk entsteht auf der Insel Olkiluoto an der Ostseeküste, ein veritables Atomzentrum. Zwei AKWs sind hier seit Jahren in Betrieb, dazu ein Lager für schwach- und mittelaktiven Abfall. Um die Ecke bohrt sich eine Tochterfirma der Betreibers TVO in den Granit, um eines der ersten Endlager für hochradioaktiven Abfall zu bauen. Ich war beeindruckt von so viel Zuversicht.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2006, S. 104‑105

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