01. März 2020

Szenarien eines vereinten Koreas

Nach 75 Jahren Trennung entscheidet auch ein regionales Kräftemessen, wie es auf der Halbinsel weitergeht.

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Bild: Kim Jong-un und Moon Jae-in
Weiter Weg: Die Frage einer koreanischen Wiedervereinigung ist derzeit eines der kompliziertesten Probleme politischen Schachs – und sie betrifft mehr als die zwei Spieler Kim Jong-un und Moon Jae-in.
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Die von der deutschen Wiedervereinigung getragenen Erwartungen der frühen 1990er Jahre, dass auch Nordkorea zeitnah kollabieren würde und sich mit Südkorea vereinen lasse, sind ernüchtert verklungen. Die Vereinigten Staaten haben keine unipolare Vormachtstellung mehr, neue Rivalitäten vor allem mit China haben sich global etabliert.

Die Überlebensfähigkeit des nordkoreanischen Regimes wurde untrschätzt. Es erweist sich als widerstandsfähig und fordert mit seinen nuklearen Ambitionen globale Aufmerksamkeit.
Auch für das wirtschaftlich starke Südkorea wären die Kosten einer Wiedervereinigung inzwischen exorbitant. Sollte es jemals zu einer Wiedervereinigung kommen, unter wessen Führung würde sie stattfinden? In welches Wertesystem, welches institutionelle Geflecht wäre Korea dann eingebunden? Wird eine Wiedervereinigung überhaupt noch ernsthaft in Betracht gezogen? 2020 jährt sich die koreanische Trennung zum 75. Mal, eine Zusammenführung scheint weit entfernt. Allerdings kann sie genauso plötzlich kommen wie in Deutschland. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und vor dem Hintergrund der Rivalität zwischen China und den USA bietet es sich an, durchzuspielen, wo ein vereintes Korea dann in der Welt stünde. Denn: Kein globalpolitisches Ereignis passiert in einem Vakuum.


Die chinesische Option

Seine geografische Nähe und historischen Verbindungen zu Korea prädestinieren China für strategische Ansprüche auf der Halbinsel. Das Worst-Case-Szenario für Peking wäre eine Wiedervereinigung Koreas in einem Krieg, dem eine Anbindung des Landes an die USA folgt. Nicht nur hätte China die Amerikaner dann noch näher vor der Haustür, es müsste auch mit einer großen Zahl an nordkoreanischen Flüchtlingen rechnen. Dazu käme der Entzug südkoreanischer Investitionen zugunsten des Aufbaus des Nordens.
Um dies zu verhindern, kann China mit seinen wirtschaftlichen Verbindungen seinen Einfluss auf der koreanischen Halbinsel sowohl über den Norden als auch über den Süden deutlich machen. Peking würde zunächst Pjöngjang weiterhin signifikant unterstützen, sich jedoch darüber hinaus darauf konzentrieren, die Verbindung zwischen Südkorea und den Vereinigten Staaten zu kappen. China hat schon jetzt die USA als größten Handelspartner Südkoreas abgelöst: 25 Prozent der südkoreanischen Exporte gehen in die Volksrepublik, aus der 21 Prozent der Importe Südkoreas kommen; somit kann man schon von Abhängigkeit sprechen.
China dominiert in der nordkoreanischen Wirtschaft. Die fortlaufende Unterstützung Nordkoreas macht Chinas östlichen Nachbarn zum Puffer gen Süden – und die Finanzbeziehungen sind bereits beträchtlich. Ein Wiedervereinigungsprozess müsste so nicht militärisch erzwungen, sondern könnte über die Wirtschaft eingeleitet werden. Die rote Linie Chinas in der Frage der Wiedervereinigung heißt: kein Krieg, keine Instabilität. Die zeitlichen Umstände sind auf Chinas Seite: Je länger es bis zu einer Wiedervereinigung dauert, umso stärker sind Pekings wirtschaftliche Verbindungen zu Nord- wie Südkorea.
Eine wichtige Frage bleibt in diesem Szenario offen: Was passiert mit Nordkoreas Nuklearprogramm? China wünscht sich eine ausgeglichene Herangehensweise an Nordkorea, damit die Stabilität des nordkoreanischen Regimes und der Region hält. Die jüngsten Aktionen und Drohungen Pjöngjangs sind nicht im nationalen Interesse der Chinesen, da sie genau diese Stabilität angreifen. Im Falle einer an China gebundenen Wiedervereinigung ist es daher wahrscheinlich, dass auch die Chinesen die Denuklearisierung des Nordens fordern und sich noch mehr auf die wirtschaftliche Stärke Koreas konzentrieren.


Westbindung

Der prominenteste Ansatz sieht eine westgebundene Wiedervereinigung Koreas unter südkoreanischer und amerikanischer Führung mit Eingliederung in das westliche Wertesystem vor: für die USA und Südkorea die einzig verantwortbare Lösung. Es ist die gängige Vorstellung, dass Südkorea durch seine wirtschaftliche Stärke und abgesichert vom Nuklearschirm der USA den Norden absorbiert. Dieses Modell soll zu einer stabilen, friedlichen, wirtschaftlich lebhaften, denuklearisierten Halbinsel führen, vereinigt unter einer liberalen, konstitutionellen Regierungsform.
Offiziell befürworten die USA eine Wiedervereinigung. 2009 schlossen sie mit Südkorea ein Joint Vision Statement ab, in dem beide Länder eine friedliche Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel anstreben. Diese Vision wurde 2013 beim Treffen der ehemaligen Präsidenten Park Geun-hye und Barack Obama erneuert. Der Fokus der USA liegt zurzeit aber auf der nuklearen Bedrohung Nordkoreas und deren Auswirkung auf die regionale Stabilität.
Eine an die USA gebundene Wiedervereinigung wäre von Washington aus ähnlichen Gründen von Vorteil wie in Deutschland: Die starken wirtschaftlichen Beziehungen zu Südkorea wären gesichert. Die Vereinigten Staaten würden in jedem Fall eine Denuklearisierung als Bedingung setzen, um so die Sicherheitslage in Nordostasien positiv zu verändern. Außerdem könnten die USA Korea dazu drängen, eine engere Kooperation mit dem ebenfalls amerikanischen Verbündeten Japan anzustreben, um ein westlich orientiertes Gegengewicht zu China zu bilden. Durch die wachsende Rivalität zu China ist es für die USA nur von Vorteil, weitere Verbündete direkt vor der Haustür Pekings zu nähren.
Allerdings waren die Strategien der USA gegenüber der koreanischen Halbinsel bisher inkonsistent. Die Annäherung an Nordkorea in den Clinton-Jahren kam unter Bush jun. und seiner „Achse des Bösen“ zum Erliegen. Trump hat zwar Gespräche mit Nordkorea initiiert, um ein Nuklearabkommen zu schließen; unklar ist aber, inwiefern diese Gespräche nur Polit-PR waren. Darüber hinaus kühlen die Beziehungen zwischen Südkorea und den USA immer wieder ab. Eine Einmischung der Amerikaner in die koreanisch-japanischen Streitigkeiten um ein Informationsaustauschabkommen, wenngleich beigelegt, wurde von Südkorea nicht begrüßt. Auch scheiterten im November Verhandlungen über die finanzielle Unterhaltung der US-Truppen, die in Südkorea stationiert sind.
Im Fall einer Wiedervereinigung mit Westbindung würden die USA auf der koreanischen Halbinsel ein geeintes, westgebundenes und demokratisches Korea als Bollwerk gegen China nutzen und eine feste trilaterale Allianz mit Japan als strategischem Posten anstreben.


Neutralität

Ein wenig prominenter Ansatz ist die Idee der Neutralität. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass die Koreaner ihre Wiedervereinigung zunächst unabhängig gestalten. Das Land wird so nicht durch seinen strukturellen Aufbau für eine bestimmte Ausrichtung konditioniert. Dieser Prozess müsste von Versöhnung und Kooperation zwischen beiden Koreas getragen werden – Grundlage bietet der in beiden Teilen der Halbinsel ausgeprägte Nationalismus. Ein selbständig geeintes Korea müsste nicht zwangsweise China oder die USA vorziehen, sondern könnte eine Äquidistanz zwischen beiden wahren. Es könnte sich als mögliche Mittelmacht definieren und eine Rolle in anderen Foren wählen, global in den Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation oder regional zum Beispiel im ASEAN-Verband. Südkorea hat schon jetzt seine Kooperation mit den ASEAN-Ländern ausgebaut, nicht zuletzt beim 30-jährigen ASEAN-ROK-Gedenkgipfel 2019.
Allerdings könnte Korea direkt nach der Wiedervereinigung auch in einer Phase der Selbstbeschäftigung versinken. Ein vereintes Korea würde zunächst an innenpolitischer Stabilität arbeiten, bevor es seine globale Rolle fände.
Erneut kommt hier Nordkoreas Atomprogramm ins Spiel. Ein nuklear bewaffnetes Korea käme insofern nicht infrage, da es nicht neutral wäre und so international nur schwer eine Rolle spielen könnte. Beide Koreas könnten sich hier auf die innerkoreanische Deklaration von 1992 besinnen – dass sie Nuklearwaffen weder anstreben, besitzen, noch stationieren. Seoul wird keine Wiedervereinigungsverhandlungen mit einem nuklear gerüsteten Norden beginnen. Das Atomprogramm ist Nordkoreas größter und vielleicht sogar einziger Trumpf. Damit ein Wiedervereinigungsprozess nicht einer Niederlage gegen den Süden gleichkommt, wird das Regime ihn schwerlich aus der Hand geben.


Wie ernsthaft ist das Bestreben?

Wie ehrlich ist die Wiedervereinigungsrhetorik? Kein Staats- und Regierungsoberhaupt kann sich offen gegen eine Wiedervereinigung aussprechen, hieße das doch die Unterstützung der Teilung einer Nation, von Menschen und Familien, die eigentlich zusammengehören. Seit 1948 steht eine Wiedervereinigung in beiden Koreas ganz oben auf der Liste nationaler Ziele, es ist Staatsraison. Der Weg dorthin ist jedoch sehr schwierig: Grundlegend ist die Frage, wie das neue Land heißen sollte. „Korea“ ist ein westlicher Begriff: Nordkorea nennt sich selbst „Chosŏn“, der Süden „Han’guk“. Beide Seiten befinden sich nominell weiterhin in einem Kriegszustand; der Korea-Krieg hat bei den Menschen einer Nation tiefe Wunden hinterlassen.
Angesichts des Machtungleichgewichts sähe der Norden eine friedliche Wiedervereinigung gegenwärtig wohl als Kapitulation. Andererseits wäre der Prozess für den Süden teuer und würde ihn auf viele Jahre wirtschaftlich angeschlagen zurücklassen. Nach Jahrzehnten der Trennung stellt sich die Frage, ob vor allem junge und kommende Generationen ein geeintes Korea für sinnvoll und notwendig erachten.
Dieses Jahr jährt sich die koreanische Teilung zum 75. Mal. Die Ziehung einer willkürlichen Grenze entlang des 38. Breitengrads 1945 hat bis heute auch global große Auswirkungen. Die Frage einer Wiedervereinigung ist weltweit eines der kompliziertesten Probleme politischen Schachs – mit mehr als zwei Spielern und alles andere als schwarz-weiß.  

Carolin Wefer arbeitet beim German Marshall Fund of the United States in Berlin zu Fragen von Strategien und Allianzen in der Außenpolitik.         

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2020, S. 84-87

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