IP Special

31. Aug. 2026

Sprechen wir mit den Richtigen?

Europas Sahel-Politik braucht mehr Gesellschaftsdiplomatie, um wirklich wirksam zu sein. Die deutsche Außenpolitik kann dabei eine  Schlüsselrolle spielen.

Antje Herrberg
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Bild: Der malische Generalstabschef Maj Gen Oumar Diarra salutiert während einer Truppeninspektion
Die Europäer suchen immer noch oft nach einer Ordnung – verkörpert beispielsweise durch Malis kürzlich zum Verteidigungsminister ernannten Oumar Diarra –, die es so nicht mehr gibt.
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Als wir im Sommer 2025 Abschied von Niamey nahmen, war die deutsche Residenz voller ehrwürdiger Gäste. Traditionelle Autoritäten, Repräsentanten des Sultanats und Viehhalter standen neben Journalistinnen und Wissenschaftlern. Menschen, die im Alltag des Niger Verantwortung tragen, unabhängig davon, ob sie ein offizielles Amt innehaben, Aktivisten neben Freunden aus der diplomatischen Gemeinschaft. Sie waren gekommen, um Lebewohl zu sagen, und gaben ein prächtiges Bild des Landes ab, das ethnische Vielfalt lange durch friedliche Konfliktbeilegung und pragmatischen gesellschaftlichen Dialog gelebt hat. 

Doch das Bild blieb lückenhaft. Mein Mann, der deutsche Botschafter, wurde nach zweijähriger Amtszeit nicht offiziell von der Regierung verabschiedet. Heute sind fast alle Deutschen und andere Europäer, insbesondere die Franzosen, aus Niamey verschwunden. Die terroristische Bedrohung im Sahel ist akut, doch die europäische Politik wirkt wie eingefroren. Mit dieser Diskrepanz zwischen gelebter Nähe und politischer Distanz, zwischen heißen Konflikten und abgekühlten Beziehungen, stellt sich die Frage: Sprechen wir im Sahel – und auch in anderen Regionen – überhaupt mit den Richtigen? 

Deutschlands Sahel-Politik nach dem Ende der militärischen Missionen entscheidet sich daran, wie wir diese Frage in Berlin und Brüssel beantworten. Die Antwort kann aber nicht darin bestehen, alte Kooperationsmuster wieder zu beleben und nur auf genehme Regierende zu warten. Die klassische Diplomatie entstand in einer Welt, in der politische Autorität weitgehend staatlich und hierarchisch organisiert war. Viele heutige Konfliktkontexte wie der im Sahel folgen jedoch einer anderen Logik von gesellschaftlicher Legitimität. Deshalb geraten nicht nur unsere Instrumente, sondern bereits unsere analytischen Kategorien an ihre Grenzen.


Alte Raster, die nicht mehr passen 

Fast drei Jahre nach dem Sturz des gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum hat sich die Lage im Niger nicht stabilisiert, sondern weiter verschlechtert. Wie in Mali und Burkina Faso hat das Militärregime die Fragilität der staatlichen Autorität vertieft. Die großsprecherischen Formeln von der Neugründung des Staates oder einer „Refondation“ haben zwar kurze eindrucksvolle Momente nationaler Mobilisierung erzeugt, aber bis jetzt keine wirklich belastbare politische und vor allem wirtschaftliche Ordnung geschaffen. Stattdessen schrumpfen zivilgesellschaftliche Räume, säkulare Kräfte werden schwächer, und dschihadistische oder salafistische Angebote gewinnen dort an Attraktivität, wo staatliche Ordnung zerfällt. 

Mit dem Rückzug Frankreichs ist auch der europäische Zugang zur Region dramatisch geschrumpft. Missionen wurden beendet, diplomatische Aktivitäten erschwert, Pressefreiheit und unabhängige Berichterstattung weiter eingeschränkt. In dieses Vakuum stoßen neue externe Mächte mit anderen Mitteln und anderen Narrativen: Russland, die Türkei, die Golfstaaten, auf seine Weise auch China. Sie agieren weniger normativ, oft transaktionaler, und sie verbinden geopolitische und wirtschaftliche Interessen mit Infrastruktur, Waffen, Religionsexport und symbolischer Anerkennung. Für die Europäer ist der Sahel damit nicht weniger relevant geworden, wohl aber schwerer lesbar.

In das Vakuum im Sahel stoßen nun Mächte wie Russland, die Türkei, die Golfstaaten und China vor

Wie folgenreich diese neue Gemenge­lage ist, zeigt sich in Mali besonders deutlich. Dort kämpft der Staat inzwischen gemeinsam mit dem russischen Afrika-Korps gegen Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), eine Al-Kaida-nahe Gruppe, die nun auch mit der Tuareg-Formation Front pour la Liberation de l’Azawad (FLA) kooperiert. Der Afrika-Korps operiert mit einem begrenzten Verständnis der lokalen Konfliktlinien und hat nicht nur Rückschläge erlitten, sondern auch zu einer weiteren Verrohung der Konflikte beigetragen. 

Die Region nimmt auch institutionell vermutlich dauerhaft neue Gestalt an. Mit der Alliance des États du Sahel (AES) entstehen neue Räume und neue Identitäten. Die Militärregime versuchen, die bisherige regionale Ordnung abzuschütteln und eine eigene Vorstellung von Souveränität zu etablieren. Diese Entwicklung als politische Realität anzuerkennen, heißt nicht, ihre autoritären und sicherheitspolitischen Implikationen zu verharmlosen. Wer heute über den Sahel spricht, kann nicht mehr so tun, als sei die politische Landkarte dieselbe wie vor den Staatsstreichen. Während sich der europäische und der deutsche Fokus wieder mehr auf die Küstenstaaten Westafrikas richtet, kann dieser breitere Ansatz jedoch nicht die Auseinandersetzung mit den spezifischen politischen Dynamiken des zentralen Sahel ersetzen. Den geografischen Bezugsrahmen zu erweitern, ohne die analytischen Annahmen und diplomatischen Instrumente zu erneuern, läuft Gefahr, alte Antworten auf neue Realitäten zu geben. 


Analyse und Wirklichkeit 

Die Debatte in der Europäischen Union kreist vor allem um verlorenen Einfluss und politische Ins­trumente. Sie fragt nur selten, ob sich die politischen Annahmen, auf denen europäische Diplomatie bisher beruhte, selbst verändert haben. Wir suchen noch immer nach einer Ordnung, die es so nicht mehr gibt.

Aus der Distanz erscheint politische Ordnung häufig als institutionelle Architektur. Aus der Perspektive jahrzehntelanger Vermittlungsarbeit und Forschung im Sahel zeigt sich ein anderes Bild. Politische Autorität und Konfliktregulierung entstehen dort nur selten ausschließlich durch staatliche Institutionen. Sie entsteht vielmehr im Zusammenspiel unterschiedlicher Autoritäten mit konkurrierenden und zugleich komplementären Legitimitätsansprüchen: traditioneller Autoritäten, religiöser Würdenträger, Fraueninitiativen, Händlernetzwerke, Jugendgruppen, Diaspora‑Akteure, Viehhändler, lokaler Vermittler und staatlicher Stellen. 

Selbst Dschihadisten konkurrieren letztlich um gesellschaftliche Autorität. Auch sie versuchen, Sicherheit bereitzustellen, Konflikte zu regeln und politische Ordnung zu stiften und treten damit in Konkurrenz zu staatlichen und traditionellen Autoritäten. Keine dieser Ebenen ersetzt die andere. 

Diese Form politischer Ordnung bezeichne ich – in Anlehnung an den Ethno­logen Georg Klute – als heterarchisch. Das heißt: Autorität ist nicht sauber hierarchisch organisiert, sondern ist überlagert, relational und situativ. Die Gesellschaftsordnung funktioniert weniger wie eine Pyramide als wie ein Netzwerk. Die internationale Politik sucht fast reflexhaft nach der linearen Befehlskette, nach dem einen legitimen Ansprechpartner, nach dem einen Hebel, nach der einen Institution, mit der man „arbeiten“ kann. 

Im Sahel wird Konfliktregulierung jedoch nicht nur in Ministerien, Gerichtssälen und Konferenzräumen betrieben. Vielmehr findet sie auch in Höfen, Küchen, Palavern, Moscheen, Forschungsinstituten und Familiennetzwerken statt. Wer diese gesellschaftspolitischen Arenen ignoriert, versteht die Konfliktbearbeitung nicht; wer sie hingegen romantisiert und den Staat ausblendet, wird der Komplexität der Lage ebenso wenig gerecht. 

Im Niger etwa hat die Hohe Behörde für Frieden (HACP), eine staatliche, zur Zeit der ersten Tuareg-Rebellion gegründete Institution, gezeigt, wie eine Institution zwischen Staat, traditionellen Autoritäten und gesellschaftlichen Akteuren vermitteln kann. Diese staatlichen, aber auch relativ autonomen Organisationen können auch dann weiterarbeiten, wenn Missionen oder Projekte enden. 

Heterarchische Ordnungen erfordern daher eine institutionalisierte Gesellschaftsdiplomatie: nicht weil der Staat an Bedeutung verloren hätte, sondern weil er politische Autorität nicht länger allein verkörpert. Wenn politische Ordnung heterarchisch organisiert ist, sollte sich die Diplomatie anpassen. 

Dies kann bedeuten, von einer Institutionalisierung oder Verstaatlichung lokaler Vermittlungsstrukturen abzusehen. Einer der erfahrensten Mediatoren im Niger formulierte es besonders deutlich: Gerade weil lokale Mediatoren nicht Teil staatlicher Hierarchien seien, verfügten sie über Glaubwürdigkeit in ihren Gemeinschaften. Würden sie formalisiert, bezahlt oder administrativ eingebunden, könnten sie genau jene gesellschaftliche Legitimität verlieren, die sie wirksam macht. Der Reflex, funktionierende lokale Strukturen möglichst rasch zu professionalisieren und institutionell einzubinden, verdient deshalb zumindest kritische Prüfung.


Zeit für eine neue Strategie

Die Herausforderung ist nun, diese Analyse in europäische Politik zu übersetzen. Die EU verfügt noch nicht über ein überzeugendes politisches Konzept für die neue Lage im Sahel. Hinter den Kulissen gibt es jedoch mehr Bewegung, als es nach außen scheint. Mit dem Ratsbeschluss vom November 2025 hat sich die EU politisch bereits auf einen neuen Handlungsrahmen verständigt. Sichtbar ist diese Neuorientierung bislang kaum. Zwischen politischem Beschluss und praktischer Umsetzung besteht weiterhin eine große Kluft. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in den unterschiedlichen politischen Ausgangslagen der Mitgliedstaaten. Insbesondere Frankreichs Vorbehalte gegenüber einer sichtbaren politischen Wiederannäherung an die Militärregime des zentralen Sahel erschweren bislang die Umsetzung des gemeinsam beschlossenen Ansatzes. 

Doch es gibt Handlungsspielräume. Deutschland befindet sich in einer besonderen Ausgangslage. Es hat lange als Stabilisierungsakteur im Sahel gewirkt – mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit, Beziehungen zu zivilgesellschaftlichen Partnern, geringerer symbolischer Aufladung. Zugleich besteht in Berlin ein erhebliches Interesse daran, die enormen finanziellen, politischen und militärischen Investitionen der vergangenen zehn Jahre nicht einfach abzuschreiben.

Deshalb könnte Deutschland eine führende Rolle dabei übernehmen, die Beziehungen vorsichtig wieder auszubauen, ohne die europäische Solidarität mit Frankreich infrage zu stellen. Es geht darum zu verhindern, dass der Sahel aus dem politischen Horizont Europas verschwindet. 

Diese Strategie müsste „innen“ und „außen“ zusammendenken: innenpolitisch die Bereitschaft erhöhen, mit schwierigen Regimen zu sprechen, ohne sie unbedingt politisch gutzuheißen; außenpolitisch die Basis der Gesprächspartner verbreitern – von den vertrauten Regierungsadressen und Projekthierarchien hin zu den heterarchischen Legitimitätskreisen, in denen der Alltag des Sahel geregelt wird. Das sollte integraler Bestandteil der politischen Analyse, diplomatischer Präsenz und strategischer Beziehungspflege sein. 

Europa kann es sich nicht leisten, den Sahel politisch aus dem Blick zu verlieren. Und aussichtslos ist die Lage nicht. Gerade weil eine Rückkehr zum Status quo ante ausgeschlossen ist, entsteht Raum für neue Formen europäischen Handelns. Europäische Missionen und Instrumente müssen nicht verschwinden; sie müssen umgedacht werden. Weniger Schaufenster, mehr politische Präsenz. Weniger lineare Projektlogik, mehr langfristige Beziehungsarbeit. Weniger die Suche nach einem einzigen Ansprechpartner, mehr die Fähigkeit, mit mehreren Legitimitätskreisen zugleich zu arbeiten. Wer im Sahel relevant bleiben will, muss nicht nur seine Instrumente anpassen, sondern vor allem seine Analyse verändern.     

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 5, September 2026, S. 38-41

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Dr. Antje Herrberg ist internationale Friedensmediatorin, Strategieberaterin und Gastgeberin des Podcasts  „Masterpeace“.

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