01. Mai 2012
Schlusspunkt

Schule der Eurokraten

Auch die Ankunft von Ungläubigen hat Brüssels Tempo nicht gedrosselt

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Es ist ein seltsames Völkchen, das sich die Anthropologen selbst einlädt. Der Stamm, der die sumpfigen Flachlandgebiete um den Rond-Point Schuman und den Place du Luxembourg bewohnt, hatte allerdings schon immer ein gesundes Verständnis seiner eigenen Bedeutung.

Als Anthropologen vor 20 Jahren der Einladung aus „Brüssel“ folgten, fanden sie eine eng zusammengewachsene, fast schon religiöse Gemeinschaft vor, die für solch abgelegene Orte typisch ist. Doch hier war etwas anders: Die Eurokraten, die sie dort fanden, glaubten alle an eine Bestimmung, die zu definieren sie sich schlicht weigerten.

Der französische Forscher Marc Abeles hat beschrieben, wie dieses Völkchen es aktiv vermied, die europäische Integration zu diskutieren. Am meisten faszinierte ihn die Debattenkultur im Europäischen Parlament, wo peinlich genaue Begrenzungen der Redezeiten es den Abgeordneten leichter machen, so zu tun, als ob sie einander zuhörten.

Nur indem sie stets einig blieb, konnte diese Gemeinschaft das rasante Tempo der eigenen Fortschrittsentwicklung aufrechterhalten. Doch erwuchs daraus eine schreckliche Frage: Was würde passieren, wenn die Gruppe begänne, Ungläubige von anderswo anzulocken? Würde Europas Einigung dann zum Stillstand kommen?

Dieser Tage haben die einst obskuren EU-Institutionen begonnen, eine neue Generation anzuziehen, die die Integration eher skeptisch sieht. Und doch schreitet Europas politische Einigung rasch voran. Warum? Die Erklärung ist einfach. Brüssel ist nicht mehr eine kleine religiöse Gemeinschaft, sondern ein Internat mittlerer Größe.

Aufstrebende Diplomaten, Politiker und Beamte messen Brüssel mittlerweile als Zwischenstopp Bedeutung bei – wenn auch nicht so viel, dass sie tatsächlich länger verweilen. Die Institutionen werden zum Trainingslager für das Leben in einem ernster zu nehmenden politischen System an einem anderen Ort.

Die Integration schreitet voran, weil sich Brüssel wie ein Testlauf anfühlt. Ein Parlament, das zum Beispiel mehr als 2000 Änderungsvorschläge zu einer Gesetzesvorlage – wie es die Europaabgeordneten beim Banken­paket im März 2012 taten – generiert, kümmert sich offensichtlich mehr um die Übung als um die Wirkung.
Den Karrieren der jüngsten EU-Alumni Nick Clegg, Alexander Stubb und Helle Thorning-Schmidt nach zu urteilen, können Internate durchaus die Führungskräfte der Zukunft hervorbringen. Niemand würde sie allerdings als Vorbilder allzu hochhalten.

Nun sehnen sich selbst die Briten nach den guten alten Zeiten, als die Religiösen den Ton angaben. Wenigstens glaubte Brüssel früher noch an das, was es tat.


RODERICK PARKES ist Leiter des Brüsseler Büros der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2012, S. 144

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